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Das höfische gesellschaftsideal

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Die Situation in Frankreich



Die Trobadors haben nicht selten ihre Lieder mit einer »Torna-da« versehen; das waren Geleitstrophen, in denen einige Male die Namen von historisch nachweisbaren Mitgliedern des südfranzösischen Hochadels genannt wurden, die die Gönner und Freunde der Dichter waren. Auf diese Weise wurde eine Verbindung hergestellt zwischen den Liedtexten und der Gesellschaft, für die die Lieder bestimmt waren. Dasselbe gilt für die »Senhals«, die Verstecknamen für die besungenen Damen, die von den Trobadors in den Tornadas und auch in den Liedern selbst genannt wurden. Obwohl man diese Namen in keinem einzigen Fall entschlüsseln kann, muß man doch annehmen, daß sie für wirkliche Personen standen, weil das Versteckspiel nur dann einen Sinn hatte, wenn sich dahinter etwas verbarg. In welchem Verhältnis die Sänger zu den von ihnen so geheimnisvoll umschriebenen Damen standen, ist nicht sicher. Die Vermutung, daß die Verstecknamen dazu dienten, tatsächlich bestehende Liebesverhältnisse zu kaschieren, läßt sich nicht verifizieren. Die Namen »Schöner Blick« , »Reine Freude« , »Schöne Hoffnung« , »Besser als gut« usw. dürften Gesellschaftsnamen gewesen sein, deren Identität im Kreis der Hofgesellschaft bekannt war. Aus den Namen ist jedenfalls zu ersehen, daß die Dichter mit ihren Liedern auf den Gesellschaftsbetrieb am Hof Bezug genommen haben.

      Welcher Art diese Beziehung war, bezeugt ein Lied Wilhelms IX. von Aquitanien , des ersten bekannten Trobadors. »Wenn ihr mir ein Liebesspiel aufgebt, so bin ich nicht so dumm, daß ich nicht den besseren Part unter den schlechten herauszufinden wüßte.« Offensichtlich bezog der Dichter sich damit auf ein Gesellschaftsspiel, das später als »geteiltes Spiel« bezeichnet wurde und das im wesentlichen darin bestand, daß verschiedene Ansichten zu einem Liebesproblem zur Wahl gestellt wurden und daß der eine Mitspieler sich eine Position auswählte, die er dann gegen andere argumentativ vertreten mußte. Solche Spiele bildeten offenbar die Grundlage für die Entstehung des Partimen, einer Hauptform des provenzalischen Streitgedichts, die seit dem Ende des 12. Jahrhunderts bezeugt ist. Das Partimen war so orga-nisiert, daß zwei Dichtern eine Streitfrage in »dilemmatischer Form« vorgelegt wurde und daß der eine die eine Position wählte und dem anderen die andere zufiel. Sie haben dann ihre gegensätzlichen Ansichten, Strophe um Strophe wechselnd, gegeneinander dargelegt, bis zuletzt das Urteil eines Schiedsrichters angerufen wurde. Die Fragen, über die gestritten wurde, betrafen fast immer die höfische Liebe. Manchmal wurden dabei Aspekte von zentraler Bedeutung diskutiert, öfter jedoch extreme oder überzogene Positionen und nicht selten geradezu komische Fragen . Daraus wird deutlich, daß es in diesen Streitgedichten nicht in erster Linie um die gedankliche Lösung von Sachfragen ging, sondern um das gekonnte und witzige Argumentieren, daß somit der unterhaltende Charakter dieser Dichtungsgattung mindestens ebenso stark ausgeprägt war wie ihr didaktischer Zweck.
      Das Interesse der französischen Adelsgesellschaft an der Erörterung von Liebesfragen ist im Verlauf des 12. und D.Jahrhunderts noch gewachsen. Besonderer Beliebtheit erfreuten sich offenbar die Spiele, die unter dem Titel >Der König, der nicht lügt< und >Das Königs- und Königinspieh bekannt waren. Dabei wurde einer der Mitspieler zum König oder zur Königin gewählt, und dann wurden Fragen gestellt, vom König an die Mitspieler und umgekehrt, und zwar Liebesfragen, die zum Teil der Literatur entlehnt waren oder die sich auf die persönliche Situation des Befragten bezogen und die möglichst witzig beantwortet werden mußten. Solche Spiele gehörten zum Unterhaltungsangebot der Hoffeste. In der poetischen Beschreibung des Turniers, das Graf Ludwig von Loon im Jahr 1285 in Chau-vency an der Mosel veranstaltete, heißt es: »Ãoberall hatte man großes Vergnügen an Unterhaltungen und verschiedenen Spielen. Wer etwas zu erzählen weiß, sucht sich damit hervorzutun. Die einen tanzen im Kreis, die anderen tanzen in der Reihe; diewahrhaft Liebenden stellen Liebesfragen; die anderen verabreden untereinander das Spiel >Vom König und von der KöniginDer König, der nie lügtLiebeskonzil von Re-miremont< , einem lateinischen Streitgedicht aus der Mitte des 12. Jahrhunderts, wurden eine Reihehistorisch bekannter Damen genannt, die als Richterinnen oder Gutachterinnen in Liebesfragen auftraten. Nimmt man noch die Namen der Personen hinzu, die in verschiedenen provenzalischen Partimen zur Entscheidung der dort behandelten Streitfragen angerufen wurden, so gewinnt man den Eindruck, daß Diskussionen über Fragen der höfischen Liebe beim französischen Adel ebenso beliebt wie verbreitet waren.
     

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