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Das höfische gesellschaftsideal

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Die Situation in Deutschland



Erst 'wenn man die französischen Verhältnisse ins Auge faßt, wird deutlich, wie ganz anders die Situation in Deutschland war. Hier fehlt praktisch alles, was in Frankreich eine engagierte Minnegeselligkeit für die höfische Zeit bezeugt. Die deutschen Minnesänger haben die romanischen Liedformen übernommen; aber die »Tornadas« am Schluß der Lieder haben sie weggelassen und damit auch die Gönnernamen, die dort ihren festen Platz hatten. Die deutschen Minnesänger haben die meisten Darstellungsmittel der Trobadors rezipiert; aber die Verstecknamen, die »Senhals«, die auf die gesellschaftliche Realität des Minnebetriebs verwiesen, blieben in Deutschland bis auf wenige Ausnahmen unbekannt. Unbeachtet blieben auch die Streitgedichte, die Partimen, die in Frankreich die poetische Hauptform für die Diskussion von Liebesfragen waren. Es gibt auch keine Zeugnisse dafür, daß Liebesspiele wie >Der König, der nie lügt< beim deutschen Adel bekannt waren; es gibt aus Deutschland keine Belege für Liebesturniere oder Liebeshöfe; es gibt keine Anhaltspunkte dafür, daß Mitglieder des deutschen Hochadels an Urteilen über Liebesstreitigkeiten beteiligt waren. Man kann daraus nur den Schluß ziehen, daß es einen lebhaften Austausch wie in Frankreich, zwischen Minnedichtung und Minnegeselligkeit, zwischen Literatur und gesellschaftlicher Praxis, in Deutschland nicht gegeben hat. Höfische Liebe ist offenbar fast ausschließlich als literarisches Phänomen nach Deutschland gelangt; nicht als eine Form adliger Unterhaltung, sondern als ein poetisches Ideal.

      Das heißt allerdings nicht, daß nicht auch in Deutschland die Hofgesellschaft an Gesprächen und Erörterungen über Fragen der höfischen Liebe immer mehr Interesse gezeigt hätte. Dieses Interesse 'war hier jedoch hauptsächlich auf die Dichtung ge-richtet, wo solche Fragen zur Diskussion gestellt wurden. Das bezeugt schon um die Mitte des 12. Jahrhunderts eine Szene in der >KaiserchronikKai-serchromk< der Brauch, über derartige Fragen zu disputieren, bekannt war und daß er bei seinem Publikum Interesse dafür voraussetzte oder wecken wollte. Totila hat übrigens die an ihn gerichtete Frage nicht eigentlich beantwortet, sondern hat sich diplomatisch aus der Affäre gezogen, indem er sowohl den Kampf um ere als auch die Minne pries.
      Von Albrecht von Johansdorf und von Walther von der Vogelweide sind einige dialogische Lieder überliefert, in denen jeweils ein Herr und eine Dame in witzig-pointierter Form über Fragen der höfischen Liebe diskutierten. So wenig man diese Lieder als Abschilderungen wirklicher Minnegespräche interpretieren darf, so deutlich bezeugt sich in ihnen doch das Interesse des Hofpublikums an derartigen Diskussionen. Dabei kam eine Minnekasuistik zur Sprache, wie sie ähnlich in Frankreich erörtert 'worden ist. Bei Albrecht von Johansdorf wurde zum Beispiel die auch von Andreas Capellanus behandelte Frage aufgeworfen, ob ein Ritter gleichzeitig zwei Damen dienen dürfte.
      »Wie dieser sich verhalten sollte, das frage ich: ob es mit höfischem Anstand geschehen könnte und ob es nicht Untreue wäre, wenn er sich zwei Frauen zu eigen gäbe, beiden in heimlicher Liebe. Sagt, Herr, würde das unschicklich sein?« Die Antwort des Mannes lautete: »Man soll es den Männern gestatten, aber nicht den Frauen.« Auch in Walthers Dialoglied ging es um die Frage, ob ein Mann, der seiner Dame ergeben war, nebenher sein Vergnügen bei anderen Frauen suchen dürfte, was von der Gesprächspartnerin abgelehnt wurde: »Wer mich zur Geliebten haben will, der soll, wenn er meine Gunst erwartet, solche Unbeständigkeit unterlassen.« Was umgekehrt von einer Dame zu halten wäre, die drei Ritter in ihren Dienst genommen hat, wurde von dem Minnesänger Rubin diskutiert . Dieselbe Frage hat auch die Tro-badors beschäftigt. Ein Partimen zwischen Savaric de Mauleon, Gaucelm Faidit und Uc de la Bacalaria erörterte, welchen von drei Verehrern eine Dame am meisten liebt: den, den sie liebevoll ansieht; den, dessen Hand sie ergreift; oder den, den sie lachend mit dem Fuß berührt. Was die deutschen Texte von den französischen unterscheidet, ist die Tatsache, daß es aus Deutschland nur fingierte Dialoge gibt, während die provenzalischen Streitgespräche tatsächlich von verschiedenen Dichtern geführt worden sind. Der mittelhochdeutsche Begriff »geteiltes Spiel« entsprach genau dem französischen jeu-parü und war offenbar danach gebildet. Allerdings wurde das Wort in Deutschland nicht als Gattungsbegriff verwendet. Es diente aber im Minnesang zum Ausdruck einer »dilemmatischen« Situation, indem zum Beispiel eine Dame zwei gleich schlechte Möglichkeiten gegeneinander abwog: »Die Freunde haben mir ein geteiltes Spieh aufgegeben, das in beiden Fällen verloren geht. Ich würde lieber darauf verzichten, eines von beiden zu nehmen, da ich nur eine schlechte Wahl habe. Die Freunde sagen, wenn ich lieben will, muß ich auf sie verzichten. Ich möchte aber beides haben.« Reinmar der Altehat in seinem berühmten Preislied MF 165,10 sich selbst eine solche Alternativfrage gestellt: »Zwei Möglichkeiten habe ich mir zur Wahl gestellt, die sich in meinem Herzen mit Argumenten bekämpfen.« All dies wäre allerdings nicht denkbar ohne das Vorbild der romanischen Streitgedichte und Minnedisputationen.
      In höfischen Epen nach französischen Vorlagen kamen auch in Deutschland Minnehöfe und Minneurteile vor, zuerst im >Lanzelet< von Ulrich von Zatzikhoven, wo von der schönen Elidia erzählt wurde, daß sie »Richterin in höfischen Angelegenheiten« gewesen sei. »Wenn in der Gesellschaft über irgend etwas gestritten wurde, was einen Minnekonflikt verursachte, das entschied sie vorbildlich und endgültig.« Rudolf von Ems berichtete im >Wilhelm von OrlensDie Hei-dinDie beiden ungleichen Liebhaben, die wie eine Einladung zum jeu-parti beginnt: »Werte Dame, ich will eurem Wohlwollen einen Streitfall zur Entscheidung vorlegen.« Es ging hier um die auch in Frankreich mehrfach erörterte Frage, ob ein armer Jüngling, der hercenlich zu lieben verstand, oder ein vornehmer Reicher, dem diese Qualität abging, als Liebhaber vorzuziehen sei. Anders als in den provenzalischen Partimen wurden die beiden Standpunkte in dem deutschen Text aber nicht von zwei verschiedenen Personen vertreten, und es gab auch keine echte Alternative, da der Dichter sich von vornherein für den edlen Armen aussprach. - Um die Wende zum 14. Jahrhundert ist auch zum ersten Mal in der deutschen Lyrik ein Versteckname für die geliebte Frau bezeugt. Heinrich Hetzbolt von Weißensee hat seine Dame als »der Schöne Glanz« apostrophiert, ohne Zweifel nach französischem Vorbild. Aus derselben Zeit stammt eine Gruppe von mittelrheinischen Texten und Johann von Spon-heim sowie Herr Kraft von Greifenstein als Gutachter auf , die alle drei in einer im Jahr 1300 ausgefertigten Urkunde der Grafen Wilhelm I. und Diether

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von Katzenelnbogen als Zeugen vorkommen. Die >Ritterfahrt< berichtete von dem Heereszug gegen die Burg der »schönen Frau von Limburg«244, die sich gegen die Gesetze der höfischen Minne vergangen hatte, indem sie einen Liebhaber erwählte, der »weder Ritter noch Knecht ist«245. Anführerin des Zuges war die Gräfin Irmgard von Rheinfels , die Gemahlin Wilhelms I. von Katzenelnbogen, und unter den Damen und Herren, die sich an der Fahrt beteiligten, waren mehrere bekannte Persönlichkeiten des rheinischen Adels.
      Noch breiter war der Personenkreis, der in >Minne und Gesellschaft auftrat. Diese Texte nehmen eine Sonderstellung in der deutschen Literatur ihrer Zeit ein, weil eine so direkte Einbeziehung des adligen Publikums, für das die unbekannten Autoren gedichtet haben, sonst nicht vorkam. Offenbar war man im ausgehenden 13. Jahrhundert am Mittelrhein mit den französischen Formen der Minnegeselligkeit gut bekannt.
      In Deutschland war die höfische Liebe - so kann man die unterschiedliche Situation zusammenfassen - bis zum Ende des 13. Jahrhunderts im wesentlichen ein literarisches Phänomen, während in Frankreich Liebe zugleich auch ein bevorzugtes Thema der höfischen Geselligkeit war. Welche Gründe für die verspätete Rezeption der französischen Unterhaltungsformen maßgebend waren, ist nicht deutlich zu erkennen. Man muß bedenken, daß viele Einzelheiten der französischen Adelskultur damals über die Literatur vermittelt wurden. Daß die romanischen Streitgedichte und die Minnedisputationen in Deutschland nur eine so schwache Resonanz gefunden haben, hängt sicher auch mit den Unterschieden der Laienbildung zusammen. Die Entstehungsgeschichte des provenzalischen Partimen muß ebenso wie die Freude an der klugen und witzigen Erörterung von Fragen der höfischen Liebe im Zusammenhang mit der Bildungsbewegung gesehen werden, die in Frankreich zur Entwicklung der scholastischen Methode geführt hat. Dialektik und Logik waren die neuen Wissenschaften, die einen Denkstil geprägt haben, der in Frankreich auch die Unterhaltungsformen der gebildeten Laien befruchtet hat. In Deutschland sind diese Wissenschaften zum großen Teil unbekannt geblieben ; und da die deutsche Adelsgesellschaft auch im D.Jahrhundert weitgehend analphabetisch lebte, fehlten hier die intellektuellen Voraussetzungen für die Ãobernahme solcher Formen der Geselligkeit.
     

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