Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Das höfische gesellschaftsideal

Index
» Das höfische gesellschaftsideal
» Die schmückende und die dienende Rolle der Frau

Die schmückende und die dienende Rolle der Frau



Das poetische Schönheits- und Tugendideal, das die Dichter entworfen haben, erfuhr seine reichste Ausgestaltung dort, woes um die schmückende und dienende Rolle der Frau in der höfischen Festgesellschaft ging. Auf den großen Hoffesten, von denen die Epiker erzählten, hat erst die Anwesenheit zahlreicher festlich geschmückter Damen die gesellschaftliche Hochstimmung geschaffen, die mit dem Wort vreude umschrieben wurde. »Auch wurde ihnen dort am Hof in jeder Beziehung ein Wunschleben geboten: viele Mädchen und Frauen, die schönsten aus allen Ländern, machten ihnen den Hof und ihr Leben dort angenehm.« Auf König Markes Hoffest war die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft auf Blanscheflur, die schöne Schwester des Gastgebers, gerichtet . KönigTelion von Rom veranstaltete sogar mehrmals im Jahr Hoffeste einzig zu dem Zweck, die wunderbare Schönheit seiner Tochter Beaflor zur Schau zu stellen . Den Anblick der festlich geschmückten Damen hat Walther von der Vogelweide geschildert: »Immer wenn eine vornehme, schöne, keusche Dame mit schönem Kleid und schönem Gebende zur Unterhaltung in große Gesellschaft geht, in höfischer Hochstimmung und begleitet von Gefolge, zuweilen ein wenig sich umblickend, so wie die Sonne die Sterne überstrahlt, dann kann uns der Mai seine ganze Pracht bringen: was ist so Herrliches darunter wie ihre liebliche Gestalt? Wir lassen alle Blumen stehen und starren auf die herrliche Frau.«

Bei den festlichen Versammlungen fielen den höfischen Damen in erster Linie repräsentative Aufgaben zu. Sie schauten von den Zinnen herab oder aus den Fenstern und Lauben zu, wenn die Herren sich in ritterlichen Spielen maßen; sie ließen den Rittern bei solchen Gelegenheiten wohl auch aufmunternde Geschenke zukommen; sie beteiligten sich an höfischen Tänzen und Spielen; sie führten höfische Gespräche, und sie ließen sich von den Herren in festlichem Aufzug zu Tisch führen. Manchmal übernahmen sie auch die Begrüßung und Betreuung der Gäste. Als Kalogrearjt, ein Ritter der Tafelrunde, einmal auf einer Burg, die an seinem Weg lag, Herberge suchte, wurde er von dem Burgherrn und seinem Gesinde freundlich empfangen.
      »Als ich in die Burg ging, sah ich alsbald eine junge Dame kommen, die mich willkommen hieß.« Diese junge Dame entsprach in allem dem höfischen Frauenideal. »An ihr fand ich Klugheit und Jugend gepaart, hohe Schönheit und innere Vollkommenheit.«7' Das höfische Mädchen zog dem Ritter die Rüstung aus und bekleidete ihn mit einem Scharlachmantel; sie führte ihn in den Garten; »sie setzte sich freundlich zu mir, und was ich auch sagte, das hörte sie an und antwortete darauf mit Liebenswürdigkeit.« Manchmal gehörte es auch zu den höfischen Pflichten der Mädchen, den Ritter zu baden und ihn ins Bett zu geleiten.
      Bei besonderen Anlässen trugen die Damen zur Unterhaltung der Hofgesellschaft durch künstlerische Darbietungen bei. »Nun ergab es sich häufig, wenn ihr Vater gutgelaunt war oder wenn fremde Ritter sich bei dem König am Hof aufhielten, daß Isolde in den Palas zu ihrem Vater gerufen wurde. Und mit all ihrem Können in höfischer Kunst und feinem Anstand unterhielt sie ihn und viele andere dort. « Die Prinzessin beherrschte ein großes Repertoire: »sie sang, sie dichtete und sie las vor«78; außerdem spielte sie, zur Freude des Vaters und der Gäste, auf verschiedenen Saiteninstrumenten. Von König Telion wurde erzählt, daß er seinen Gästen die Wahl ließ, mit welchen Fertigkeiten seine Tochter sie erfreuen sollte. »Ich sorge dafür, daß meine Tochter euch alles vorliest, was ihr auf Französisch hören wollt. Meine Tochter ist so höfisch erzogen. Wenn ihr Brettspiele mit ihr spielen wollt, das kann sie sehr gut, das glaubt mir. Sie macht alles, was ihr wollt, wenn sie euch Gesellschaft leistet.«

   Durch ihre Schönheit, ihr feines Benehmen und ihre Fertigkeiten sollten die Damen den Männern das Hochgefühl höfi-scher Freude vermitteln oder sie zum Minnedienst animieren. Wie gut die Minneinspiration sich mit der schmückenden und dienenden Rolle der Frau verbinden ließ, zeigt die Rede Gy-burgs an ihre Hofdamen nach der Ankunft des französischen Ersatzheeres in Orange. Die Frauen hatten die Stadt wochenlang alleine gegen die Ãobermacht der Heiden verteidigt und â- waren noch schmutzig und müde vom Kampf mit den Waffen. Jetzt sollte, zur Ehre der Fürsten im Heer, ein festlicher Empfang gegeben werden, und dafür mußten die Frauen rasch ihre Rolle wechseln und wieder ihren Platz in der höfischen Festgesellschaft einnehmen. »Gyburg konnte ihre Rüstung nun in Ehren ablegen; sie und ihre Hofdamen können sich von Rost und Staub säubern. Sie sprach: >Das Glück ist rund. Lange hat mich die Sorge bedrückt; zum Teil ist sie jetzt von mir genommen. Alle jungen Damen hier fordere ich auf, eure besten Kleider anzuziehen. Ihr sollt euch schmücken, Gesicht und Haare so zurechtmachen, daß ihr lieblich ausseht, damit ein Mann, der Minne sucht, und der euch seinen Dienst um Liebe anträgt, nicht so bald davon genug hat, sondern daß ihm der Abschied von euch schwer wird. Vorher sollt ihr noch etwas anderes tun. Beherzigt eine Regel der Höfischheit und benehmt euch so, als ob euch von den Feinden kein Leid geschehen sei. Macht nicht viele Worte, wenn sie euch nach eurem Leid fragen, sondern sagt: >Seid so gut und kehrt euch nicht an unsere Reden. Wir haben keinen Grund mehr zu klagen, denn eure tröstliche Ankunft hat uns aus der Bedrohung durch die Feinde erlöst. Wenn ihr uns eure Unterstützung gewährt, so brauchen wir uns nicht mehr zu sorgen.< Zeigt euch entgegenkommend. Kein Fürst steht so hoch, daß er nicht gerne das Wort einer Jungfrau hörte. Wo ihr auch sitzt, wenn ein Ritter neben euch Platz nimmt, so gebärdet euch ihm gegenüber so, daß er eure Tugendhaftigkeit erkennt. Durch die Geliebte wächst des Mannes Kühnheit; die Tugend der Frau aber gibt dem Mann hohen Mut.Willehalm

 Tags:
Die  schmückende  dienende  Rolle  der  Frau    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com