Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Das höfische gesellschaftsideal

Index
» Das höfische gesellschaftsideal
» Die Frau als Herrscherin

Die Frau als Herrscherin



Bis zum Ende der salischen Zeit war es üblich, daß der Kaiser in Urkunden und offiziellen Dokumenten seine Gemahlin als »Mitherrscherin« erwähnte und die von ihm beglaubigten Rechtsakte als auch von seiner Frau gewollt oder geradezu von ihr initiiert bezeichnete. »Auf den Rat unserer teuersten Gattin, der erhabenen Mitkaiserin Theophano, Teilhaberin im Kaisertum wie im Königreich«162; »Auf die Fürsprache der erlauchtesten Kaiserin Gertrud, Teilhaberin an königlicher Erhabenheit und königlichem Ruhm«163; »Auf die gütige Bitte unserer verehrtesten Gefährtin Beatrix, Römischer Kaiserin und vornehmster Herrscherin«164. Solche Formeln wurden von den staufischen Kaisern nur noch selten verwandt und sind dann gänzlich verschwunden. Die Gründe für den Wandel im Kanzleistil sind noch nicht genügend aufgeklärt. Man hat vermutet, daß sich darin ein faktischer Rückgang des politischen Einflusses und der öffentlichen Wirksamkeit der Herrscherinnen dokumentierte. Eher spiegelt der Wechsel des Protokolls eine Ã"nderung der Herrschaftsauffassung. Während in der Karolingerzeit das Reich fast als ein Privatbesitz des regierenden Hauses angesehen wurde, trat im hohen Mittelalter der institutionelle Charakter der Herrschaft mehr in den Vordergrund. Das kann dazu geführt haben, daß die familiären Motive im Herrschaftsprotokoll in den Hintergrund gerückt wurden. Die Gemahlin des Herrschers hieß auch im 12. Jahrhundert »Römische Königin« beziehungsweise »Römische Kaiserin« iimperatrix RomanoruM), wenn ihr Mann die Kaiserkrone empfangen hatte. Wenn die Umstände es zuließen, wurde die Herrscherin zusammen mit ihrem Mann gekrönt. Sie empfing dabei nur die Krone, nicht auch die übrigen Insignien der Herrschaft. Ungewöhnlich war es, daß die byzantinische Prinzessin Irene bei der Königskrönung Philipps von Schwaben im Jahr 1198 in Mainz zwar neben ihrem Mann auf dem Thron-sessel saß, aber nur mit einem goldenen Reif geschmückt war und nicht selbst gekrönt wurde. Vielleicht waren dabei Rücksichten auf das byzantinische Herrschaftsprotokoll maßgebend. Als Philipp sich 1205 in Aachen noch einmal krönen ließ, empfing auch seine Frau zusammen mit ihm die Krone.

      Wie großen Anteil die Königin an der Herrschaft ihres Mannes hatte, hing zum großen Teil von persönlichen Faktoren ab. Die Tatsache, daß die deutschen Kaiserinnen und Königinnen im 12. und 13. Jahrhundert keine so große Rolle in der Reichspolitik gespielt haben wie im 10. und 11. Jahrhundert, ist in erster Linie darauf zurückzuführen, daß die Umstände ein Hervortreten der Frauen nicht begünstigt haben. Die staufischen Kaiser waren in der Mehrzahl mit ausländischen Prinzessinnen verheiratet, von denen einige wie Beatrix von Burgund und Konstanze von Sizilien in ihren Erbländern wichtige Herrschaftspositionen eingenommen haben. In Frankreich hat es im 12. Jahrhundert eine Reihe bedeutender Herrscherinnen gegeben; am bekanntesten sind Eleonore, die Erbin von Aquitanien und Poitou , die als englische Königin ihre Erbländer zeitweilig selbständig regiert hat, und die Vizegräfin Ermengarde von Narbonne . Zwei der größten französischen Kronlehen, die Champagne und Flandern, wurden jahrzehntelang von Frauen regiert. Im 13. Jahrhundert haben Blanche von Kastilien , die Gemahlin Ludwigs VI

II.

, und Margarete von der Provence , die Gemahlin Ludwigs IX. , die französische Geschichte wesentlich mitgeprägt. In Deutschland hat sich Frauenherrschaft in dieser Zeit hauptsächlich im Rahmen der Territorialgeschichte abgespielt. Die Gräfin Mathilde von Schwarzburg , die Witwe des Grafen Adolf IL von Holstein , war eine sehr tatkräftige Frau, die während der Unmündigkeit ihres Sohnes »unbeschränkt die Angelegenheiten seines Hauses mit Weisheit versah«165. Von der Herzogin Elisabeth von Böhmen, der Schwester König Belas I

II.

von Ungarn und Gemahlin Herzog Friedrichs von Böhmen , wurde erzählt, daß »sie mehr als ihr Gemahl über Böhmen herrschte«166. Der Markgräfin Mechthild von Brandenburg gelang es nach dem Tod ihres Mannes, des Markgrafen Albrecht IL ,den von Kaiser Friedrich IL zum Vormund für ihre unmündigen Söhne bestellten Erzbischof Albrecht von Magdeburg zu verdrängen, indem sie ihm für 1900 Silbermark die Lehnsvormundschaft abkaufte. Als auch der Vormund für den Eigenbesitz der Askanier-Erben, Graf Heinrich I. von Anhalt , auf die Wahrnehmung seiner Rechte verzichtete, konnte Mechthild die Mark seit 1225 im Namen ihrer Söhne alleine regieren. Die Landgräfin Sophie , die Tochter Ludwigs

I

V.

von Thüringen und der heiligen Elisabeth, hat nach dem Aussterben der männlichen Linie des Thüringer Landgrafenhauses mit großer Entschiedenheit in langjährigen Kämpfen ihren Erbanspruch auf Hessen sowohl gegen den Erzbischof von Magdeburg als auch gegen den Markgrafen von Meißen mit Erfolg verteidigt. Diese historischen Zeugnisse über das politische Wirken von Frauen in den deutschen Territorien haben noch nicht die Aufmerksamkeit der Forschung erregt.
      In Frankreich besaßen Frauen das Erbfolgerecht an Lehen, in Deutschland nicht. Nur den Babenbergern war bei der Errichtung des Herzogtums Ã-sterreich im Jahre 1156 die weibliche Erbfolge als ein besonderes Privileg vom Kaiser zugestanden worden. 1184 erhielten die Grafen von Hennegau und Namur dasselbe Recht, 1204 die Herzöge von Brabant, 1235 die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg. Wie sehr die Fürsten daran interessiert waren, beweist die Reaktion des Landgrafen Hermann I. von Thüringen , als Kaiser Heinrich

VI.

im Jahr 1196 den Fürsten die unbeschränkte Erblichkeit der Reichslehen anbot. Hermann bestimmte sofort, daß seine damals noch unmündige Tochter Hedwig ihm in der Landgrafschaft nachfolgen sollte, da er zu dieser Zeit noch keine Söhne hatte. Diese Haltung war sicherlich weniger durch die Sorge um die rechtliche Besserstellung der Töchter bestimmt als durch dynastische Ãoberlegungen.
      Die Geschichte des hohen Mittelalters bietet viele Beispiele dafür, daß die lehnsrechtliche Erbfolge den Frauen nicht automatisch einen größeren Handlungsspielraum verlieh. Je bedeutender das Lehen war, das in die Hand einer Frau gelangte, um so größer war auch das politische Interesse an ihrer Person. Besonders rücksichtslos wurde die lehnsrechtliche Aufsicht über die Thronerbinnen von den französischen Baronen im Königreich Palästina wahrgenommen. Nach dem Tod König Bal-duins IL haben dort über siebzig Jahre lang seine drei

Töchter nacheinander regiert. Die Wahl ihrer Ehemänner lag weitgehend in der Hand der Barone. Als Sibylla 1190 starb, wurde ihr Mann, König Guido von Lusignan , abgesetzt, weil das Thronrecht auf Sibyllas Schwester Isabella übergegangen war. Isabella war damals mit Humfred von Toron verheiratet, der aber den Baronen nicht genehm war. Sie nötigten die Königin, sich scheiden zu lassen und den von ihnen ausgewählten Konrad von Montferrat zu heiraten, der schon zwei Jahre später von den Assassinen ermordet wurde. Ihre nächsten Ehemänner, Heinrich von Champagne und Amalrich IL , starben ebenfalls im Abstand weniger Jahre, so daß Isabella mit 31 Jahren schon dreimal verwitwet und einmal geschieden war.
      Als Sibylla von Palästina nach dem Tod König Balduins

V.

im Jahr 1186 den Patriarchen von Jerusalem aufforderte, ihr die Krone aufzusetzen, soll dieser sich geweigert haben mit der Begründung, er »wisse nicht, warum dir die Krone gebühren sollte, da du ja eine Frau bist«167. Mit dieser Ansicht stand der geistliche Fürst nicht alleine. In den Prager Annalen wurde vom Ursprung des Prmslidenhauses erzählt und von Libussa, die vom böhmischen Volk zur Herrscherin gewählt worden war. Nach einiger Zeit habe das Volk jedoch angefangen, geringschätzig von ihr zu sprechen, indem man sagte, »jedwede Frau eigne sich besser für die Umarmungen der Männer als zur Rechtsprechung über Ritter«168. In der >Rhetorica ecclesiastica< vom Ende des 12. Jahrhunderts wurde gelehrt: »Es ist nicht Sache der Frauen zu richten, zu herrschen, zu lehren oder Eide zu schwören.« Die deutschen Fürsten sollen der Kaiserin-Witwe Agnes von Poitou die Vormundschaft über den unmündigen Thronfolger Heinrich

I

V.

mit dem Argument entzogen haben, »es gehöre sich nicht, daß eine Frau das Reich regiere«170. Der Autor der >Vita Heinrici

I

V.

< hat diesen Fürstenspruch kritisch kommentiert, indem er daran erinnerte, daß doch »von vielen Königinnen berichtet wird, die die Reiche mit männlicher Weisheit gelenkt haben«171. Solche Stimmen warenselten. In der höfischen Dichtung wurde auf verschiedene Weise zum Ausdruck gebracht, daß Frauen zur Herrschaft ungeeignet seien. Ã-fter wurde davon erzählt, daß der Held in den Herrschaftsbereich einer Königin oder einer Fürstin gelangte, die sich als unfähig erwies, ihr Land gegen äußere Feinde zu verteidigen. Gerade im rechten Moment, kurz vor der endgültigen Niederlage, traf er dort ein und befreite die Frau aus ihrer Notlage. Meistens heiratete er sie anschließend und übernahm mit männlicher Tatkraft die Herrschaft im Land. Die moralische und gesellschaftliche Hochschätzung der Frau ließ sich problemlos mit der Diskriminierung ihrer Herrschaftsfähigkeit verbinden. Eine Frau sollte schön und tugendhaft sein; aber »man braucht sie nicht zur Herrschaft«172.
      Zu den wenigen Beispielen einer positiven Darstellung von Frauenherrschaft gehört die Herzogin Bene im >Wilhelm von WendenWillehalm< gewonnen, wo die Markgräfin Gyburg wochenlang ganz alleine mit ihren Frauen die Stadt Orange gegen den Ansturm des großen Heidenheeres verteidigte. »Jetzt stand Frau Gyburg kampfbereit mit hoch emporgehobenem Schwert, als ob sie kämpfen wollte.« Gyburg hat auch in anderer Hinsicht den engen Handlungsspielraum, der sonst den Frauen gesteckt war, überschritten und sich in Funktionen bewährt, die üblicherweise den Männern vorbehalten waren.
      Aus dem >Willehalm< ist auch zu erfahren, daß Frauen manchmal über eigene Finanzmittel verfügten. Die alte Gräfin Irmenschart von Paveie, Willehalms Mutter, ließ zur Unterstützung ihres Sohns eine Söldnertruppe anwerben und brauchtesich dazu nicht einmal mit ihrem Mann abzusprechen. In ihrem Gefolge befand sich ein Kaufmann aus Narbonne, der als ihr Bankier fungierte und der die gesamte Ausstattung der Söldner finanzierte . Ein geregeltes Einkommen haben fürstliche Frauen wohl nur selten gehabt, außer wenn sie ihr Erbgut selbständig verwalteten. Es scheint jedoch üblich gewesen zu sein, daß bei Tributzahlungen oder ähnlichen Sondereinnahmen ein gewisser Prozentsatz ausdrücklich für die Gemahlin des Herrschers bestimmt wurde. Als Siena sich 1186 Heinrich

VI.

unterwarf, zahlte die Stadt 4000 Mark an den König, 600 Mark an die Königin und 400 Mark an den Hof . In der Vereinbarung mit dem Grafen von Hennegau< aus dem Jahr 1184 wurde festgelegt, daß der Graf an Kaiser Friedrich L, seinen Sohn Heinrich und den Hof zusammen achthundert Mark in Silber zahlte, an die Kaiserin Beatrix fünf Mark in Gold .
      Aus der Dichtung erfahren wir, daß die Königinnen auch eigene Hofbeamte hatten. Ein Marschalk der Königin Ginover wurde im >Parzival< erwähnt , ein Truchseß der Königin Isolde in Gottfrieds >Tristan< , ein Kämmerer der Königin Beatrise im >Wilhelm von Orlens< von Rudolf von Ems . Es ist auch davon die Rede, daß die Königin mit ihren Damen einen eigenen Palas bewohnte . In Frankreich scheint sich die Aussonderung eines Hofstaats für die Königin bereits in der zweiten Hälfte des ^.Jahrhunderts angebahnt zu haben. Entsprechende Nachrichten für Deutschland fehlen.
      Ein Weg der politischen Einflußnahme, der den Frauen offenstand, war die persönliche Einwirkung auf den Ehemann. In historischen Quellen war davon selten die Rede, während die Dichter solche Motive öfter benutzt haben. Kriemhild hat in ihren beiden Ehen die wichtigsten Entscheidungen, die der Zustimmung ihres Mannes bedurften, im Ehebett in Gang gebracht. «Als sie eines Nachts bei dem König lag - er hatte die edle Herrin mit seinen Armen umfangen, wie er es zu tun pflegte, wenn er sich mit ihr in inniger Liebe vereinigte: er liebte sie wie sein Leben -, da dachte die herrliche Frau an ihre Feinde. Sie sagte zum König: >Lieber Herr und Gemahl, wenn ihr es gestattet, so wollte ich euch gerne um etwas bitten . . .Tristan

 Tags:
Die  Frau  als  Herrscherin    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com