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Das höfische gesellschaftsideal

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Der Weg aus der Welt



Zahlreiche adlige Frauen, die nicht heiraten konnten oder nicht heiraten wollten, gingen ins Kloster oder schlössen sich einer religiös lebenden Frauengemeinschaft an. Das war in vielen Fällen eine Versorgungsfrage; aber offenbar sind immer mehr Frauen diesen Weg gegangen, um einer inneren Bestimmung zu folgen. Seit dem Ende des 12. Jahrhunderts hat die Zahl der Frauen, die nach einer religiösen Lebensweise verlangten und die die Ideale der Armut und Keuschheit und der Nachfolge




Christi zu verwirklichen trachteten, ständig zugenommen. Die meisten von ihnen fanden in den neu gegründeten Bettelorden eine Zuflucht. Im Verlauf des 13. Jahrhunderts sind alleine in der deutschen Ordensprovinz etwa 70 Dominikanerinnenklöster gegründet worden, von denen manche mit mehr als hundert Schwestern belegt waren. Dazu kamen etwa zwanzig Frauenklöster der Franziskaner. Die neuen Orden haben schon bald angefangen, sich gegen diesen Zustrom zur Wehr zu setzen. Manche Frauen haben es vorgezogen, ohne den Schutz eines Ordens in freien Gruppen, als Beginen, ein frommes Leben zu führen. Diese ganze religiöse Frauenbewegung hatte sicherlich auch soziale Ursachen. Es kann kein Zufall sein, daß religiöse Frauengemeinschaften besonders zahlreich in Gegenden mit reich entwickelter Stadtwirtschaft auftraten, in Flandern, im Rheinland, im nordöstlichen Frankreich. Aber die These, daß die Frauenbewegung aus der sozialen Notlage der städtischen Arbeiterinnen erwachsen sei, läßt sich in dieser Form gewiß nicht halten. Es ist gut bezeugt, daß unter den Frauen, die in frommer Armut leben wollten, zahlreiche Adlige waren, die mit ihrem Entschluß, dem weltlichen Leben zu entsagen, nicht einem wirtschaftlichen Druck nachgaben, sondern einem frommen Bedürfnis folgten. In wievielen Fällen dabei auch der Wunsch mitgespielt hat, sich einer Gesellschaftsordnung zu entziehen, in der die Frauen in fast jeder Beziehung benachteiligt und der Willkür männlicher Herrschaft unterworfen waren, läßt sich nicht überprüfen. Man kann nur feststellen, daß die religiöse Lebensform den Frauen einen größeren Spielraum der Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung geboten hat als das normale Adelsleben.
      Einen Einblick in den Frömmigkeitsstil und die religiöse Ausdrucksweise der Frauen, die ohne kirchliche Organisation in frommen Gemeinschaften zusammenlebten, vermittelt Jakob von Vitry, der als Augustinerchorherr im Stift Oignies in engem Kontakt mit den belgischen Beginen stand und der nach 1213 die Lebensgeschichte der Marie von Oignies beschrieben hat, die den geistigen Mittelpunkt einer in Nivelles lebenden Frauengruppe bildete. In dem Widmungsbrief an den Bischof Fulko von Toulouse, der dem Werk vorangestellt ist, schilderte Jakob von Vitry die Lebensweise dieser »modernen Heiligen«191, die »aus Liebe zum himmlischen Kö-nigreich die Reichtümer dieser Welt verschmähten, in Armut und Demut dem himmlischen Bräutigam anhingen und durch die Arbeit ihrer Hände ihren kargen Lebensunterhalt erwarben, obwohl ihre Eltern Ãoberfluß an großem Reichtum hatten. Sie selbst wandten sich aber von ihren Leuten und von dem väterlichen Haus ab und wollten lieber Mangel und Armut auf sich nehmen, als im Ãoberfluß unrecht erworbener Reichtümer leben und mit Gefahr unter den prachtliebenden Weltleuten bleiben.« Ein anderes Mal hat Jakob von Vitry davon gesprochen, daß die frommen Frauen »die Reichtümer ihrer Eltern geringachteten und die ihnen angetragenen Ehen mit vornehmen und mächtigen Männern verschmähten, in großer und fröhlicher Armut lebten und nichts anderes besaßen, als was sie durch Spinnen und durch die Arbeit ihrer eigenen Hände erwerben konnten, und daß sie mit einfacher Kleidung und bescheidenem Essen zufrieden waren«193.
      Sehr interessant ist die Beschreibung von verschiedenen Formen ekstatischer Frömmigkeit, die Jakob von Vitry in der Vorrede zur Vita der Marie von Oignies gegeben hat. Einige Frauen lagen jahrelang »vor Sehnsucht krank« im Bett und »hatten keine andere Krankheitsursache als Ihn, nach dem ihre Seelen verlangten und in Sehnsucht zerschmolzen«194. Bei anderen »ergoß sich aus der Wabe der geistlichen Süße in ihren Herzen der Geschmack des Honigs spürbar im Mund«195. Wieder andere »wurden in so großer Geistestrunkenheit aus sich selbst entrückt«196, daß sie den ganzen Tag wie leblos dalagen. Dieselben Formen des religiösen Erlebens haben später den Frömmigkeitsstil der Nonnenmystik geprägt.
      Manchen Frauen wurde es von ihren Angehörigen sehrschwer gemacht, ihren Entschluß zu einem religiösen Leben zu verwirklichen. Von einem solchen Fall erzählte die Lebensgeschichte der Gräfin Jolande von Vianden , die Bruder Hermann, der mit den persönlichen Verhältnissen der Gräfin gut bekannt war, wohl bald nach ihrem Tod in mittelhochdeutschen Versen verfaßt hat. Jolande war die Tochter des Grafen Heinrich von Vianden und seiner Frau Margarete von Courtenay , die aus höchstem französischen Adel stammte. Jolande zeigte schon früh eine Neigung zum religiösen Leben. Mit zwölf Jahren faßte sie den Entschluß, in das 1232 gegründete Dominikanerkloster Mariental einzutreten, gerade als der Familienrat beschloß, sie mit dem Grafen Walram von Montjoie, einem Verwandten der Grafen von Luxemburg, zu vermählen. Der Mutter gelang es nur durch das falsche Versprechen, ihr bei der Verwirklichung ihrer Pläne zu helfen, Jolande dazu zu bewegen, wieder an den Vergnügungen des Hoflebens teilzunehmen. »Sie sang, sie schritt und sprang im Tanz, aber es war gegen ihren Willen. Wie fröhlich sie dort auch war, ihr Herz befand sich doch anderswo. Ihr Körper konnte singen, tanzen und springen, während ihr Herz in Sorgen war, wie sie den guten Entschluß ausführen könnte, den sie sich vorgenommen hatte.« Die Mutter verbot jeden Verkehr mit dem Kloster und mit den Dominikanern. Zusätzlichen Kummer machten Jolande weibliche Verwandte aus dem Zisterzienserorden, die sie für ihren Orden zu gewinnen suchten. Auf einer Reise nach Luxemburg gelang es Jolande im Jahr 1245, der mütterlichen Aufsicht zu entkommen. Sie ließ sich in Mariental die Haare abschneiden, legte die Ordensgelübde ab und wurde feierlich in das Kloster aufgenommen. Aber der Graf von Luxemburg erzwang, unter Androhung von Gewalt gegen das Kloster, ihre Auslieferung an ihre Familie. Ihre Mutter nahm ihr das Ordensgewand weg und zwang sie, wieder höfische Kleider zu tragen. Daraufhin verfiel Jolande in schwere Krankheit. Ihr Bruder Heinrich, der Dompropst an der Bischofskirche in Köln war, kam nach Vianden und versuchte, sie von ihren Plänen abzubringen; unter dem Eindruck ihrer Entschlossenheit trat er aber auf ihre Seite. Wenn große Gesellschaft in Vianden war, wurde Jolande gezwungen, daran teilzu-nehmen und vor den Gästen aufzutreten. »Sie mußte singen, und es geschah: sie sang, sie schrie, so daß man die heißen Tränen, deren sie sich zu keiner Zeit enthalten konnte, aus ihren Augen fließen sah. Die Gute weinte und sang, und sie ging wie eine Nonne. Soviel man auch bettelte und bat, den Firelei tanzte sie nicht. Ihr Herz wollte nicht mitmachen; ihr Gang störte den gemeinschaftlichen Tanz, so daß man es ihr erlassen mußte.« Die Familie wandte sich nach Köln, an Albertus Magnus, der auf Jolande einzuwirken suchte, dann aber doch den Rat gab, sie nicht gegen ihren Willen zu zwingen. Ihr Verlobter, der Graf von Montjoie, verlangte inzwischen seine Braut oder eine hohe Entschädigung. Er fand jedoch eine andere Braut und verzichtete auf die Ehe mit Jolande. Zwischendurch kam es immer wieder zu unerfreulichen Auseinandersetzungen mit der Mutter, die sich dabei zu unbeherrschten Zornesausbrüchen hinreißen ließ. 1247 fand eine große Familienversammlung in Mün-stereifel statt, an der auch der Erzbischof von Köln, ein Verwandter der Grafen von Vianden, teilnahm. Noch einmal versuchte man ohne Erfolg, Jolande umzustimmen. Schließlich kam der Graf zu dem Beschluß, Jolande nach Mariental gehen zu lassen. Die Mutter widersetzte sich noch immer, und es bedurfte weiterer Verhandlungen, bis endlich auch sie ihre Einwilligung gab. Im Januar 1248 - fünf Jahre nachdem Jolande beschlossen hatte, dem weltlichen Leben zu entsagen - wurde sie von ihrer Mutter nach Mariental gebracht. Sie hat dann 35 Jahre lang dort gelebt, seit 1258 als Priorin des Klosters; und sie erlebte noch die Freude, daß auch ihre Mutter in das Kloster eintrat. Der Ruf von Jolandes heiligem Leben hat das kleine Kloster weit bekannt gemacht. Im Jahr 1283 ist sie dort gestorben und in der Klosterkirche begraben worden.
      Noch schwerer als Jolande von Vianden hatte es die englische Adlige Christina von Markyate , deren Leben ein unbekannter Mönch des Klosters St. Alban um 1160 in lateinischer Prosa beschrieben hat. Christina stammte aus einer angesehenen angelsächsischen Familie, die in der Grafschaft Hun-tingdonshire großen Besitz hatte. Anläßlich eines Besuchs im

Kloster St. Alban legte sie schon als kleines Mädchen das Gelübde ab, Jungfrau zu bleiben. Wenig später besuchte der Bischof Ralph von Durham die Familie. Er fand Gefallen an Christina, ließ sie in sein Schlafzimmer bringen und versuchte dort, ihr Gewalt anzutun. »Der unzüchtige Bischof hielt die Jungfrau schamlos an einem Ã"rmel ihres Kleides fest, und mit dem heiligen Mund, der sonst den Gottesdienst abhielt, verlockte er sie zu einer verruchten Tat. Was sollte das arme Mädchen in solcher Not tun? Die Eltern alarmieren? Die waren schon schlafen gegangen. Sich preisgeben wollte sie auf keinen Fall. Sich offen zu widersetzen, wagte sie auch nicht, denn wenn sie offen widersprach, würde sie ohne Zweifel Gewalt erleiden.« Durch eine List gelang es Christina, aus dem Raum zu entkommen; aber sie hatte sich den Bischof zum unversöhnlichen Feind gemacht. Er rächte sich an ihr, indem er dafür sorgte, daß ein junger Adliger namens Burthred um ihre Hand anhielt und die Zustimmung ihrer Eltern erlangte. Mit allen Mitteln versuchte die Familie, Christina zur Einwilligung zu überreden; und in einer schwachen Stunde gab sie ihr Jawort. Sie wurde sofort mit Burthred verlobt; aber sie änderte ihre Haltung nicht und war weiterhin entschlossen, »ihren Hals auf keinen Fall durch die fleischliche Umarmung eines Mannes entweihen zu lassen«200. Davon ließ sie sich weder durch Bitten noch durch Drohungen abbringen. Sie mußte es erdulden, daß man ihr den Umgang mit Geistlichen verbot und ihr sogar den Zugang zur Kapelle verwehrte. Statt dessen mußte sie an öffentlichen Gelagen und Lustbarkeiten teilnehmen, weil man hoffte, sie würde dabei Gefallen finden an den Vergnügungen der Welt. Als auch dies nichts fruchtete, ließen die Eltern - Christina lebte noch bei ihren Eltern - heimlich ihren Bräutigam in ihr Schlafzimmer, »damit er, wenn er etwa die Jungfrau im Schlaf fände, sie plötzlich überwältigen und schänden würde«201. Christina war jedoch angekleidet und empfing den Bräutigamwie einen Bruder. Sie erklärte sich bereit, ihm als seine Ehefrau in sein Haus zu folgen, wenn er seine Zustimmung dazu gäbe, daß ihre Ehe keusch bliebe und daß sie beide nach einigen Jahren in ein Kloster einträten. Die Eltern wollten davon jedoch nichts 'wissen und stachelten Burthred auf, es noch einmal mit Gewalt zu versuchen. Diesmal versteckte sich Christina in ihrem Zimmer: mit beiden Händen hielt sie sich an einem Nagel fest und hing, zitternd vor Angst, zwischen dem Vorhang und der Wand und blieb tatsächlich unentdeckt. Bei einem dritten Ãoberfall durch den Bräutigam gelang es ihr, aus dem Raum zu fliehen und ein hohes Gitter zu überklettern. Als der Tag, der für ihre Hochzeit angesetzt war, herankam, fiel sie in starkes Fieber, das auch nicht dadurch wegzubringen war, daß man sie in kaltes Wasser tauchte. Schließlich wurde die Sache vor den Bischof Robert von Lincoln gebracht, der entschied -übrigens ohne Christina selbst anzuhören -, daß sie nicht zur Heirat gezwungen werden sollte. Nachdem er jedoch von Christinas Vater mit Geld bestochen worden war, änderte er seine Entscheidung und bestimmte, daß das Eheversprechen bindend sei und daß Christina ihrem Mann angehören müßte. Da sie sich aber weiter weigerte, diesem Rechtsspruch Genüge zu tun, wurde sie zu Hause wie eine Gefangene behandelt. Ihre Mutter schwor, »daß es ihr gleichgültig wäre, wer ihre Tochter schändete, wenn sie nur auf irgendeine Art geschändet werden könnte«202. Die Spuren der Schläge, die sie von ihrer Mutter erhielt, blieben auf Christinas Rücken bis an das Ende ihres Lebens sichtbar. Der Verfasser der Lebensgeschichte glaubte das Verhalten von Christinas Eltern aus zwei Ursachen erklären zu können: einmal aus ihrer engstirnigen Dickköpfigkeit und zweitens aus der Tatsache, daß Christina so ungewöhnlich klug, begabt und schön gewesen sei, »liebenswürdiger als alle anderen Frauen«203, daß die Eltern hofften, aus ihren Begabungen weltlichen Gewinn zu ziehen und ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten auf ihre Kinder vererbt zu sehen. Durch Bestechung der Diener gelang es Christina, Kontakt mit dem Eremiten Eadwin aufzunehmen, der ihr bei ihrer Flucht aus dem elterlichen Haus behilflich sein sollte. Dank Christinas überlegter Planung glückte das Unternehmen. Sie begab sich nach Flamstead zu der

Einsiedlerin Alfwen, wo sie sich lange in einem kleinen dunklen Raum versteckt halten mußte, weil ihre Eltern Suchtrupps durch die ganze Gegend schickten, »die sie eilig verfolgen und unter Mißhandlungen zurückbringen sollten, wenn sie sie ergriffen hätten, und die jeden, den sie in ihrer Begleitung anträfen, töten sollten«204. Christina blieb zwei Jahre lang in Flamstead; dann siedelte sie nach Markyate über, zu dem hochangesehenen Eremiten Roger, mußte sich aber auch dort noch versteckt halten und lebte unter den größten Entbehrungen, weil die Eltern und der Bräutigam die Suche nach ihr noch immer nicht aufgegeben hatten. Nach dem Tod des Eremiten Roger wurde sie an verschiedenen Orten verborgen, kehrte dann aber in die Eremitage von Markyate zurück. Erst nachdem der Bischof von Lincoln gestorben war und der Erzbischof Thurstan von York ihre Ehe mit Burthred für ungültig erklärt hatte, konnte sie ihr frommes Leben als Einsiedlerin ohne äußere Bedrohung fortsetzen. Ihre Eltern hat sie offenbar niemals wiedergesehen.
      Für die meisten Frauen war eine religiöse Selbstverwirklichung nur durch die Abkehr von der Welt und durch den Eintritt in eine religiöse Gemeinschaft zu erreichen. Es hat jedoch auch Frauen gegeben, die versucht haben, ihre religiösen Ideale als Mitglieder der adligen Gesellschaft zu verwirklichen. Die Herzogin Hedwig , die Gemahlin Herzog Heinrichs I. von Schlesien , und ihre Nichte, die Landgräfin Elisabeth von Thüringen , haben durch ihr heiligmäßiges Leben das Staunen ihrer Zeit erregt. Sie sind beide schon kurze Zeit nach ihrem Tod heiliggesprochen worden. Was wir über das fromme Leben dieser beiden Fürstinnen wissen, ist alles im Zusammenhang mit den Kanonisationsprozessen entstanden und daher nicht frei von tendenzieller Färbung. Auch bei kritischer Auswertung der Quellen ist jedoch zu belegen, daß in beiden Fällen ein ganz persönliches Engagement, das sich auch gegen Widerstände am Hof durchsetzen mußte, die Ausdrucksformen ihrer Frömmigkeit bestimmt hat.
      Wie die religiösen Neigungen der adligen Frauen in der höfischen Gesellschaft bewertet wurden, erfährt man aus dem >Frauenbuch< von Ulrich von Liechtenstein, wo sich Männer und Frauen gegenseitig für den traurigen Zustand der Gesellschaft in ihrer Gegenwart verantwortlich machten. Die Damenmußten sich sagen lassen, daß es keine höfische Freude mehr gäbe, weil sie den Männern nicht mehr mit Freundlichkeit entgegenkämen, sondern nur noch ein frommes Leben führen wollten. »Als ob sie eine Betschwester wäre«205, würde eine jede sich kleiden und benehmen. Das Gebende würden sie bis auf die Augen herunterziehen, Mund und Wangen mit dem Schleier verdecken. Wenn aber einmal eine Frau kostbare Gewänder anlegte, »dann muß das Zobelband, das ihr am Busen hängt, eine Betschnur sein«206. Man müßte glauben, eine solche Frau »sei aus Schmerz in ein geistliches Leben eingetreten«207. Statt mit den Männern zu tanzen, »sieht man euch Tag und Nacht in der Kirche«208. Dieser Kritik hielten die Frauen entgegen, daß es den Männern an höfischer Gesittung fehlte. »Ihr habt den Frauendienst aufgegeben und könnt nur noch prahlen. « Die Männer seien so unhöflich und unfreundlich, »daß wir Angst vor euch haben«210. Wenn eine Frau sich schön kleiden und sich einem Mann gegenüber aufmerksam verhalten würde, würde sie gleich in den Verdacht geraten, Ehebruch begehen zu wollen. Von ihren Ehemännern aber würden die Frauen zurückgewiesen, wenn sie sie liebevoll umarmen wollten. Gleich am Morgen würden die Männer mit ihren Jagdhunden in den Wald ziehen. »Da rennt er dann den ganzen Tag und läßt seine tugendhafte Frau ohne jede Freude leben.« Wenn er schließlich abends müde nach Hause käme, »dann legt er sich über den Tisch und hat nur noch den Wunsch, daß man ihm ein Spielbrett bringt. Da spielt er dann die halbe Nacht und trinkt, bis ihn alle Kraft verläßt. Dann geht er dahin, wo seine Frau immer noch auf ihn wartet, die ihn mit den Worten: >Willkommen, mein Herr< begrüßt und sich höflich erhebt und ihm höflich entgegengeht. Doch er antwortet ihr nicht und ist nur darauf aus, sich hinzulegen und bis zum Morgen zu schlafen.« Da ihr Mann kein


Interesse an ihr hätte und sie mit Fremden keinen Umgang haben dürfte, »so gibt es für sie nichts besseres, als sich mit Herz und Sinn ganz dem Dienste Gottes zu widmen«213.
      Sonst war in der höfischen Dichtung vom Anteil der Frauen an der religiösen Armutsbewegung noch weniger die Rede als von ihrem politischen Einfluß als Herrscherinnen. Damit blieben gerade diejenigen Bereiche der Wirklichkeit weitgehend ausgespart, in denen die adligen Frauen der höfischen Zeit wenigstens ansatzweise eine gewisse Eigenständigkeit erlangen konnten. Das poetische Idealbild der Frau zielte nicht auf Möglichkeiten der Selbstverwirklichung, sondern es stand ganz im Dienst des neuen Gesellschaftsentwurfs, der auf die höfische Vorbildlichkeit des adligen Ritters ausgerichtet war. Die Frau hatte darin nur insofern einen eigenen Platz, als sie Aufgaben erfüllte, die der Vervollkommnung des Mannes dienten: als Repräsentantin höfischer Tugend, als verehrter Gegenstand des ritterlichen Minnedienstes und als Ehefrau des nach Vorbildlichkeit strebenden Herrschers.
     

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