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Das höfische gesellschaftsideal

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Das ritterliche Tugendsystem



Der Begriff »ritterliches Tugendsystem« stammt von Gustav Ehrismann. Er ist insofern mißverständlich, als es eine Systematik der höfischen Morallehre nie gegeben hat. Die höfische Tugendlehre ist fast nur in poetischer Form vorgetragen worden, und die Dichter haben wohl gelegentlich ganze Tugendkataloge aufgeführt, aber an einem System der Begriffe waren sie, schon aus Rücksicht auf ihr Publikum, kaum interessiert. Mißverständlich und problematisch war auch Ehrismanns These, daß die höfische Ritterethik in der Hauptsache auf die antike Tugendlehre, wie sie von Cicero in seiner Schrift >Ãober die Pflichten formuliert worden ist, zurückgeführt werden könnte. Nur auf diesen Punkt bezog sich die berühmt gewordene Kritik des Romanisten Ernst Robert Curtius an Ehrismanns Vorstellung vom ritterlichen Tugendsystem, die nach dem Zweiten Weltkrieg eine lebhafte Diskussion in der Germanistik ausgelöst hat. Blickt man aus dem Abstand eines Menschenalters auf den damaligen Streit zurück, so begreift man kaum, wie der mit unerfreulicher Polemik gegen die Germanistik gewürzte Angriff von Curtius so viel Staub aufwirbeln konnte. Außerdem muß man feststellen, daß die ganze Diskussion wenig Klarheit gebracht hat und daß das historische Verständnis des höfischen Ritterbegriffs durch sie kaum gefördert worden ist. Nicht einmal das Sonderproblem, ob es einen Zusammenhang zwischen der Ausbildung des adligen Gesellschaftsideals und der Antikerezeption im 12. Jahrhundert gegeben hat, konnte befriedigend geklärt werden. Praktisch muß die Forschung wieder da anknüpfen, wo Ehrismann 1916 stehengeblieben war: bei der Bestandsaufnahme und Analyse der Vorstellungen und Begriffe von ritterlicher Vorbildlichkeit in der höfischen Literatur.

      Manchmal haben die Dichter eine Fülle von Tugendprädikaten gehäuft und haben dabei religiöse, moralische und gesellschaftliche Begriffe ohne erkennbare Ordnung aneinandergereiht. »Er war eine Blume gänzlicher Vollkommenheit, ein Felsen beständiger Tugend, ein Spiegel der Freigebigkeit und des höfischen Benehmens, er war rein und demütig, von mannhafter Güte, klug, auf verständige Weise gutmütig, tapfer und hochgesinnt.«6' Entsprechend breit war das Spektrum der Leh-ren, die dem Ritter den Weg zu höfischer Vollkommenheit wiesen. Als Beispiel kann das kleine Gedicht >Der Lehrer< aus dem 13. Jahrhundert dienen, das den jungen Adligen Anweisungen zum richtigen Verhalten geben wollte: »Liebe Gott aus ganzer Kraft«, »gewöhne dich an Tugend«, »bemühe dich um gutes Benehmen«, »rede nicht bösartig«, »sei brav und anständig«, »ertrage den Haß der Bauern«, »danke dem, der aufrichtig zu dir spricht«, »laß dich jeden Tag von der Tugend belehren«, »fürchte die Hölle«, »folge der Lehre Gottes«, »ehre Vater und Mutter«, »höre auf den Rat der Weisen«, »beschütze die Armen« usw. Hinter der scheinbaren Beliebigkeit solcher Ansammlungen verschiedenartiger Lehren sind jedoch feste Ordnungsgrundsätze zu erkennen. Die gemeinsame Grundlage bildete überall ein Fundus von christlichen Geboten, der den höfischen Dichtern aus geistlichen Quellen zugeflossen sein muß.
      Unter den religiösen Rittertugenden nahm die Demut den ersten Platz ein. »Befleißigt euch der Demut«67, hieß es an zentraler Stelle in der Ritterlehre, die Gurnemanz dem jungen Par-zival erteilte. «Sei demütig und ohne Falsch«68, wurde Tristan bei seiner Schwertleite gemahnt. Ritterliche Demut offenbarte sich in der Erkenntnis, daß die eigene Tüchtigkeit nichts vermochte ohne den Segen Gottes. »Er handelte wie es die Weisen tun, die für alle Anerkennung, die ihnen zuteil wird, Gott danken und die darin ein Geschenk Gottes sehen.« Das Gebot: »Vor allen Dingen liebe Gott« war daher auch für den höfischen Ritter grundlegend. Gegenüber den Menschen bewies der Ritter seine Demut als Mitleid und Barmherzigkeit. »Laßt Barmherzigkeit bei der Kühnheit sein.« Das zielte nicht nur auf die Schonung besiegter Feinde, sondern auch auf den Schutzder Hilfsbedürftigen und das Mitleid mit den Notleidenden, das Erec gegenüber den achtzig trauernden Witwen in Brandigan vorbildlich bewies: »Ihn erbarmte die jammervolle Schar.« Zur religiösen Unterweisung der Ritter gehörte auch die Mahnung, regelmäßig die Kirche zu besuchen und den Geistlichen mit Ehrfurcht zu begegnen.
      Um die Vortrefflichkeit des Ritters zum Ausdruck zu bringen, stand eine große Zahl auszeichnender Prädikate bereit: guot, reine, biderbe, vrum, lobesam, tiure, wert, üz erweit. Mit den Begriffen schäme und kiusche wurde die Reinheit und Lauterkeit des sittlichen Empfindens bezeichnet, giiete stand für innere Gutheit. Auch das Wort triuwe konnte eine sehr weite Bedeutung haben, triuwe war zunächst ein Rechtsbegriff und bezeichnete die Vertragstreue, auch die Bindung des Vasallen an seinen Herrn. Im weiteren Sinn war triuwe die Aufrichtigkeit und Festigkeit der Bindungen zwischen Menschen überhaupt, die Liebe zu Gott und die Liebe Gottes zu den Menschen . Für den Ritter bestand die triuwe im Einhalten sittlicher Verpflichtungen: »Rechte schäme und edle triuwe verleihen immerwährenden Ruhm.«
Wo Moralbegriffe gebraucht wurden, die sich inhaltlich deutlicher fassen ließen, war eine Zuordnung zum Begriffskanon der christlichen Kardinaltugenden möglich. Das gilt insbesondere für die Begriffe mäze und staete, die von den Dichtern und von den Didaktikern, die sich an ein Adelspublikum wandten, mit dem größten Nachdruck genannt wurden, staete läßt sich mit Hilfe des christlich-lateinischen Begriffs constantia erläutern, mäze stand einerseits zur christlichen temperantia in Beziehung, andererseits zur me-dietas, der richtigen Mitte zwischen zwei Extremen, »staete und mäze sind Schwestern, sie sind die Kinder ein und derselben Tugend.« staete als festes Beharren wurde vom Ritter vor allem im Frauendienst bewährt: »Bevor ich meine ritterliche staete gegenüber guten Frauen brechen würde . . .« In einem allgemeineren Sinn war staete das Festhalten am Guten. »Beständig-keit ohne jedes Wanken kann ich deiner Güte zusprechen.« In dieser Bedeutung konnte staete geradezu als Grundlage der gesamten Morallehre betrachtet werden. »Die anderen Tugenden sind ein Nichts, wenn nicht die staete dabei ist.« Auch die mäze ist als »Mutter aller Tugenden« gefeiert worden: »Die Mutter aller Tugenden steht den jungen Leuten gut an: mäze ist so genannt.« Das Gebot, in allen Dingen maßzuhalten und den richtigen Mittelweg zu gehen, fehlte in keiner Ritterlehre. Besonders den Frauen wurde mäze anempfohlen: »Die edle mäze adelt Person und Ansehen. Nichts, was jemals die Sonne beschien, ist so beglückend wie die Frau, die sich und ihr Leben der mäze anheimgibt.«

  

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