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Das höfische gesellschaftsideal

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Das höfische Gesellschaftsideal



Nach der Schilderung der Dichter erhielt der ganze höfische Gesellschaftsbetrieb mit seinem materiellen Prunk und seinen zeremoniellen Umgangsformen überhaupt erst seinen Sinn, wenn man ihn auf das Ideal der Courtoisie, der höfischen Vollkommenheit, bezog, wie es von den Rittern der Tafelrunde am Hof König Artus' und von den höfischen Damen im Lied der Trobadors und Minnesänger poetisch verwirklicht wurde. Daß in diesem Idealbild die Liebe als höchster gesellschaftlicher Wert eingesetzt war, demonstriert die extreme Wirklichkeitsferne dieser poetischen Konstruktion. Kein Mensch hat damals so gelebt wie die Helden der Artusromane, deren ganzes Streben darauf gerichtet war, in Ritterkampf und Minnedienst höfische Vorbildlichkeit zu erringen. Die Dichter haben eine Märchenwelt beschrieben, in der alle politischen, wirtschaftlichen und sozialen Probleme und Konflikte, mit denen die adlige Gesellschaft in der Realität konfrontiert war, künstlich ausgeklammert blieben. Es ist sicher kein ganz abwegiger Gedanke, daß der Zauber, den die höfische Literatur auf die Zeitgenossen ausgeübt hat, wenigstens zum Teil darin begründet war, daß die Schilderungen der Dichter manche Härten und Zwänge der Wirklichkeit für kurze Zeit vergessen ließen.

      Das kann aber nur die eine Seite des Bildes gewesen sein. Die andere wird durch die Tatsache erhellt, daß das poetische Idealbild eine große Wirkung entfaltet und das reale gesellschaftliche Verhalten der adligen Oberschicht in mannigfacher Weise beeinflußt hat. Der höfische Ritter und die höfische Dame wurden gesellschaftliche Leitbilder, die jahrhundertelang gültig geblieben sind. Man kann vermuten, daß das große Interesse, das die liteiarischen Texte beim adligen Publikum fanden, nicht zuletzt darauf gerichtet war, daß hier viele reale Einzelheiten des höfischen Gesellschaftslebens in einen verklärten Zusammenhang gebracht waren, den man zwar sofort als unwirklich erkennen konnte, den man aber als schmeichelhaft empfand und zu dem man sich gerne bekannte, weil er als Rechtfertigung und Verherrlichung der eigenen gesellschaftlichen Ansprüche und Bestrebungen empfunden wurde.
      Wie weit die Dichter bei den Ausformulierungen ihrer idealen Vorstellungen Begriffe und Gedanken aufgenommen haben, die schon vorher im Selbstbewußtsein der adligen Gesellschaft lebendig waren, ist nicht ganz deutlich. Über die historischen Grundlagen des höfischen Gesellschaftsideals läuft eine wissenschaftliche Diskussion, die sehr kontrovers geführt wird und die noch nicht zu einem abschließenden Ergebnis gelangt ist. Sicherlich wird man die Situation in Deutschland anders beurteilen als die in Frankreich und im normannischen England. Während es dort bereits seit dem 11. Jahrhundert Anzeichen und Zeugnisse dafür gab, daß sich neue Normen des gesellschaftlichen Verhaltens, die in spezifischem Sinn als höfisch galten, beim hohen Adel durchsetzten, ist das höfische Gesellschaftsideal in Deutschland offenbar nicht allmählich gewachsen, sondern zum großen Teil als literarischer Import aus Frankreich übernommen worden. Das Interesse des deutschen Hochadels an der französischen Gesellschaftskultur war nicht nur auf Einzelheiten der materiellen Kultur und auf die modernen Formen des gesellschaftlichen Umgangs gerichtet, sondern ebenso sehr auf die verklärende Überhöhung des Gesellschaftsbildes im Ideal von Rittertum und Liebe. In dieser Konstellation gewann die weltliche Dichtung eine große Bedeutung für das gesellschaftliche Selbstverständnis des hohen Adels. Das spiegelte sich in der Wertschätzung und Hochachtung, die den Dichtern, auch wenn sie niedriger Herkunft waren, an den Höfen entgegengebracht wurde, und in der Bereitschaft der großen Fürstenhäuser, einen aufwendigen Literaturbetrieb an ihren Höfen zu organisieren und zu finanzieren.
     

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