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Das höfische gesellschaftsideal

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Anstandsregeln



Einen wichtigen Teil der Erziehung bildeten die Anstandsregeln, denen das gesellschaftliche Verhalten der jungen Mädchen unterworfen war. Was dabei alles zu beachten war, ist den Anweisungen von Thomasin von Zirklaere zu entnehmen. »Eine Dame soll nicht mutwillig scherzen.« »Eine Dame soll einen fremden Mann nicht direkt ansehen.« »Eine junge Dame soll wohlgefällig und nicht zu laut sprechen.« »Der Anstand verbietet es allen Damen, beim Sitzen ein Bein übers andere zu schlagen. «107»Eine Dame soll beim Gehen niemals zu stark auftreten oder zu große Schritte machen.« »Eine Dame soll sich beim Reiten nach vorne, zum Kopf des Pferdes, wenden und nicht ganz quer sitzen.« »Eine Dame soll beim Reiten nicht ihre Hand aus dem Kleid herausstrecken; sie soll Augen und Kopf stillhalten.« »Eine Dame, die auf Anstand achtet, soll nicht ohne Mantel ausgehen. Wenn sie kein Oberkleid anhat, soll sie ihren Mantel zusammenhalten. Es verstößt gegen die gute Sitte, wenn irgendein Teil ihres Körpers unbedeckt zu sehen ist.« »Sie soll beim Gehen nach vorne schauen und sich nicht viel umsehen.« »Eine junge Dame soll wenig sprechen, wenn man sie nicht fragt; eine erwachsene Dame soll auch nicht viel sprechen, besonders beim Essen.« Eine Dame soll nur kleinere Geschenke von ihrem Freund annehmen, Handschuhe, Spiegel, Fingerring, Brosche, Kranz und Blumen .

      »Keine sittsame Frau soll sich von einem Mann anfassen lassen, der nicht das Recht dazu hat.«1

   Noch weiter ins Detail gingen die Anweisungen im >Chastoie-ment des dames< von Robert de Blois , der seine Verhaltenslehren für adlige Frauen in 21 Punkte gegliedert hat. 1. Auf dem Weg zur Kirche sollte eine Dame »gemessenen Schritts« gehen, nicht zu langsam und nicht zu schnell; und sie sollte die Leute, die ihr begegneten, »freundlich grüßen« und sollte die Armen mit Gaben oder mit gütigen Worten erfreuen. 2. »Paßt auf und laßt keinen Mann seine Hand an euren Busen legen, außer dem, der das Recht dazu hat.« Nur dem Ehemann sollte das erlaubt sein. »Wenn er es will, laßt es willig geschehen, weil ihr ihm Gehorsam schuldet.« Deswegen wurden die Broschen erfunden, daß niemand eine Frau da anfaßte, wo es ihm nicht erlaubt war. 3. Ebenso sollte eine Dame niemandem erlauben, sie auf den Mund zu küssen, außer ihrem Ehemann. 4. Eine Dame sollte ihre Augen hüten und »soll keinen Mann wiederholt anblicken«119. Er würde sonst glauben, »es geschehe aus Liebe«120. 5. »Wenn jemand euch um eure Liebe bittet, paßt auf, daß ihr euch nicht damit rühmt.« Sich der Liebe zu rühmen, wäre eine »Dörper-heit«122. 6. Eine Dame setzte sich dem Tadel aus, wenn sie zuviel von ihrem Körper sehen ließ. »Manche zeigen offen ihre Brüste, damit man sieht, wie weiß ihre Haut ist. Eine andere läßt willentlich an der Seite ihren Körper sehen. Eine andere entblößt ihre Beine zu weit.« Die Frau, die so auftrat, nannte man eine Dirne. Was eine Dame sehen lassen durfte, waren »ihre weiße Kehle, ihr weißer Hals, ihr weißes Gesicht, ihre weißen Hände«124: daran konnte man erkennen, »daß sie schönist unter ihren Gewändern«125. 7. Eine Dame, die auf ihren Ruf hielt, sollte keine Geschenke von einem Mann annehmen. Denn solche Geschenke »kosten ihre Ehre«126. Nur Verwandte durften ihr kleine Geschenke machen, »einen schönen Gürtel oder ein schönes Messer, eine Almosentasche, eine Schnalle oder einen Ring«127. 8. »Vor allem will ich euch warnen, ihr Damen, daß ihr nicht streitet.« Eine Dame, die zankte und schalt, verdiente nicht mehr den Namen einer Dame. Ihr »fehlen Verstand und courtoisie«129. 9. Eine Dame sollte nicht schwören; sie sollte nicht zu viel trinken und nicht zu viel essen. Denn »es gibt keine größere Dörperheit für eine Dame als Gefräßigkeit«130. »Höfischheit, Schönheit, Klugheit kann keine Dame besitzen, die betrunken ist.« 10. Wenn ein mächtiger Herr sie grüßte, sollte eine Dame den Schleier heben und ihm antworten. Ãoberhaupt brauchte eine Frau nur dann verschleiert zu sein, wenn sie zur Kirche ging oder durch die Straßen ritt. Eine häßliche Frau würde oft einen Schleier tragen, eine schöne nicht. 11. »Eine Dame, die eine blasse Farbe hat oder keinen guten Geruch«132, sollte etwas dagegen tun. Guter Wein belebte die Farbe, und gegen schlechten Atem half es, wenn »ihr oft am Morgen Anis, Fenchel und Kümmel eßt«133. 12. In der Kirche mußte eine Frau besonders auf ihr Benehmen achten, weil sie dort von vielen beobachtet wurde. »Wie man über euch in der Kirche urteilt, gut oder schlecht, so wird man immer urteilen. «Ij »Vor zu viel lachen, vor zu viel reden soll man sich in der Kirche hüten.«135. 13. Bei der Lesung des Evangeliums sollte man sich erheben; am Anfang und am Schluß sollte eine Dame sich »höfisch bekreuzigen«136. 14. Wenn der Gottesdienst beendet war, sollte eine Dame erst die Menge der Leute hinausgehen lassen. 15. »Wenn ihr eine gute Singstimme habt, so singt frei heraus. Schöner Gesang, am rechten Ort zur rechten Zeit,ist eine sehr wohlgefällige Sache.« Man sollte aber in Gesellschaft nicht zu viel singen, denn »schöner Gesang langweilt oft«138. Eine Dame sollte ihre Hände pflegen. »Schneidet häufig die Fingernägel.« Denn »Gepflegtheit und Sauberkeit sind viel wertvoller als Schönheit«140. 17. Beim Essen sollte eine Dame nicht zu viel lachen und nicht zu viel sprechen. Wenn sie mit jemand anders speiste, sollte sie diesem die besten Stücke vorlegen. Sie sollte keine zu großen und keine zu heißen Stücke in den Mund stecken. »Jedesmal wenn ihr trinkt, wischt euren Mund gut ab, damit der Wein nicht fettig wird.« Eine Dame sollte nicht ihre Nase oder ihre Augen am Tischtuch abwischen, und sie sollte nicht zu viel essen, wenn sie zu Gast war. 18. »Niemand wird eine Dame lieben oder ihr dienen, die oft lügt.« 19.-21. »Manch eine Dame ist so bestürzt, wenn man sie um ihre Liebe bittet, daß sie nichts zu antworten weiß.« Das war nicht gut; denn man glaubte dann, sie wäre leicht zu erobern. Wenn ein Mann zu einer Dame sagte: »Herrin, eure Schönheit macht, daß ich mich Tag und Nacht nach euch sehne«144, und wenn er ihr seinen Liebesschmerz schilderte, dann sollte sie antworten: »Ich liebe den, den ich lieben soll, dem ich meine Treue versprochen habe, meine Liebe, mein Herz und meine Dienstbereitschaft, nach den Gesetzen der heiligen Kirche.« Sie konnte auch sagen, daß sie dem Werber verzeihen würde, wenn er nie wieder so zu ihr spräche. Das sollte sie aber nicht lachend sagen, sondern in vollem Ernst.
      Manche Didaktiker haben zugestanden, daß es nicht einfach war für eine junge Dame, allen diesen Verboten, die ihr gesellschaftliches Verhalten einengten und sie auf eine passive Rolle festlegten, Rechnung zu tragen. Redete sie, so sagte man, »sie redet zu viel«146; schwieg sie, so sagte man, »sie weiß die Leutenicht anzusprechen. Daher weiß eine Dame manchmal nicht, was tun.« Sie sollte in allem das richtige Maß wahren und sich in ihren Gebärden und Reden größte Zurückhaltung auferlegen; »denn schöne Gebärden und gute Rede krönen die Handlungsweise einer Frau«148.
     

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