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Das höfische gesellschaftsideal

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Andreas Capellanus



Im Mittelpunkt der Diskussion über das Wesen der höfischen Liebe hat immer der lateinische Traktat >Ãober die Liebe< von Andreas Capellanus gestanden, der wahrscheinlich zwischen 1180 und 1190 verfaßt worden ist. Andreas war nach eigener Aussage »königlicher Hofkaplan« {aulae regiae capellanus, S. 148) und wäre danach am Hof König Philipps IL August zu suchen. Die Zuweisung zum Hof der Grafen von Champagne, damals ein berühmtes Zentrum höfischer und lateinischer Literatur, bleibt eine Vermutung. Andreas hat sein Werk in drei Bücher eingeteilt. Buch I und II behandeln die Fragen, wie man Liebe erwerben soll und wie man sie behalten kann; Buch III begründet, warum man sich besser der Liebe enthält. Der Hauptgrund gegen die Liebe war für den Autor die angebliche Schlechtigkeit der Frauen, die in einem ausführli-chen Lasterkatalog von Andreas belegt wurde. Der Wechsel der Perspektive zwischen den Büchern I und II und Buch III ist verschieden interpretiert worden. Dabei hat man sich meistens von der Frage lenken lassen, in welchem Teil des Werkes die persönliche Auffassung des Autors zum Ausdruck komme, und hat nicht genügend beachtet, daß es im Mittelalter durchaus üblich war, einen Gegenstand von zwei gegensätzlichen Standpunkten aus zu betrachten, ohne daß die eine Position als richtig und die andere als falsch hingestellt wurde. Hinzu kommt, daß auch schon Ovid, dessen >Liebeskunst< die ganze Konzeption von Andreas' Schrift über die Liebe beeinflußt hat, seiner praktischen Liebeslehre eine Warnung vor der Liebe, in Gestalt der >Heilmittel gegen die Liebe< , nachgeschickt hatte.
      Schwerer ist die Frage zu beantworten, wie die Ausführungen über die Liebe in den Büchern I und II zu verstehen sind. Der Autor hat im ersten Buch im Stil einer wissenschaftlichen Abhandlung definiert und dargelegt, >Was Liebe ist< , >Zwischen wem Liebe vorkommen kann< , >Woher das Wort amor kommt< , >Welche Wirkung die Liebe hat< usw. Der gelehrte Charakter der Untersuchung konnte den Eindruck erwecken, daß es dem Verfasser um eine methodische Aufarbeitung seines Themas zu tun gewesen sei, und diesem Eindruck verdankt Andreas' Werk seinen einmaligen Ruhm: es wurde und wird zum Teil noch heute als Dokumentation einer umfassenden Theorie der höfischen Liebe angesehen. Wenn man wissen wollte, was höfische Liebe war, brauchte man sich nur den Ausführungen von Andreas anzuvertrauen. Die ältere Forschung ist fast durchweg so verfahren. Erst allmählich hat man bemerkt, daß die Definitionen und Bestimmungen, zu denen man auf diesem Weg gelangte, nur auf einen kleinen Teil der höfischen Literatur anwendbar waren. Heute wird die Andreas Capellanus-Forschung von der Frage beherrscht, ob die wissenschaftliche Darstellungsweise des Verfassers überhaupt als Ausdruck eines ernstgemeinten Erkenntnisinteresses zu werten ist oder ob das Werk eher einen ironisch-doppelsinnigen Charakter besitzt. Allein die Tatsache, daß mehr als die Hälfte des gesamten Werks aus Muster-Dialogen besteht, die von Männern und Frauen verschiedenen Standes geführt werden und die alle den Zweck haben, daß jeweils der Mann mit rhetorischen Mitteln die Frau zur Liebe und zur

Hingabe zu überreden sucht, kann als Indiz dafür gewertet werden, daß es dem Autor weniger um die Lösung wissenschaftlicher Probleme ging als darum, sein Thema für ein Hofpublikum aus Klerikern und gebildeten Laien interessant und witzig darzustellen. Manche Mißverständnisse und Fehler der >De amoreDe amore< mit Vorbehalten zu versehen. Als eine neue opinio communis scheint sich jedoch die Auffassung abzuzeichnen, daß der Traktat von Andreas Capellanus nicht als ein Handbuch der höfischen Liebe gelesen werden darf und daß das Werk daher für die Frage nach den Merkmalen der höfischen Liebe nur einen begrenzten Aussagewert besitzt. Das schmälert allerdings nicht seine Bedeutung. Kein anderes literarisches Werk aus dieser Zeit gibt uns so genaue Auskünfte darüber, welche große Rolle die Erörterung von Liebesfragen in der französischen Hofgesellschaft des 12. Jahrhunderts gespielt hat.
     

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