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Das höfische gesellschaftsideal

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Adel und Schönheit



Der höfische Ritter war nicht nur fromm und tugendhaft, er war auch schön, stolz, reich, prachtliebend, voll Ruhmverlangen und von hoher Abkunft. An der Bewertung dieser weltlichen Vorzüge schieden sich die Positionen. Die militia Christiidee beruhte auf der Unterscheidung zwischen weltlicher Ritterschaft, die nicht nur wegen ihrer Gewalttätigkeit, sondern auch -wegen ihres höfischen Prunks der Verdammung verfiel, und der religiösen Ritterschaft, die ganz auf Gott gerichtet war. In der höfischen Dichtung ist dieser Gegensatz verschwunden. Was die geistlichen Autoren verdammt hatten, wurde bei den Dichtern zum Bestandteil von Vorbildlichkeit: zwar nicht Unrecht und Gewalt, aber doch die äußere Machtstellung, die körperliche Schönheit, die prächtige Ausstattung und das feine Benehmen. Die positive Bewertung der adligen Gesellschaftskultur und die scheinbar ganz unproblematische Verbindung dieser weltlichen Werte mit den Tugendbegriffen des traditionellen Herrscherideals und der religiösen Kreuzzugsethik war kennzeichnend für die poetische Konzeption des höfischen Rittertums.

      Eine theoretische Rechtfertigung dafür, daß Adel, Ruhm und Reichtum als »Güter« betrachtet und den Tugenden zugeordnet â- wurden, konnte man in der römischen Moralphilosophie finden. Cicero hatte Schönheit, Vornehmheit, Stärke, Macht, Ansehen usw. unter den Begriff des »Nützlichen« {utilE) gestellt und hatte sie in »Glücksgüter« und »körperliche Güter« geteilt. Eine der einflußreichsten Tugendlehren des 12. Jahrhunderts, das >Moralium dogma phi-losophorum< , nahm diese Gedanken auf und lehrte, daß es zwischen dem »Guten« und dem »Nützlichen« keinen prinzipiellen Gegensatz gebe. »Deswegen halte fest und bezweifle nicht, daß alles Gute nützlich ist, weil es nichts Nützliches gibt, das nicht gut wäre.« Durch Thomasin von Zirklaere, der das >Moralium dogma philosophorum« gekannt und als Quelle benutzt hat, ist die Lehre vom utile auch an die Laiengesellschaft vermittelt worden. Allerdings hat Thomasin die Akzente anders gesetzt: Die Güter des utile waren für ihn nicht einfach gut, sondern moralisch zwiegesichtig, zugleich »böse und gut«s~; und was er über sie zu sagen hatte, stand der christlichen Morallehre näher als der antiken Philosophie: »Männer und Frauen besitzen fünf Dinge an ihrem Körper und fünf, die nicht an den Körper gebunden sind. Ãober diese muß die Seele regieren, sonst bewirken sie große Untugend bei Alten wie bei Jungen. Die fünf, die man am Körper trägt, sind: Stärke, Behendigkeit, Gesundheit , Schönheit und Geschicklichkeit. Die fünf Güter außerhalb des Körpers sind: Adel, Macht, Reichtum, Ansehen und Herrschaft. Wer diese zehn nicht mit dem Verstand beherrschen kann, der soll nicht Mensch heißen.« Spuren der Lehre von den bona corporis et fortunae findet man auch bei anderen lateinisch gebildeten Autoren. Aber man darf die Bedeutung dieser Gedankengänge nicht überschätzen. Für die meisten Dichter war die positive Darstellung der adligen Gesellschaftskultur kein philo-sophisches Problem. Je weniger man nach einer theoretischen Begründung fragte, um so leichter war es, die poetischen Ritter und Damen als schön, reich und vornehm hinzustellen und sie zugleich mit allen Tugendprädikaten zu überhäufen. Das schloß nicht aus, daß man vorformulierte Begründungszusammenhänge aufgriff, wo sie sich anboten.
      Das galt auch für die Lehre vom Tugendadel. Der Gedanke, daß ein adliger Herr in besonderer Weise zu tugendhaftem Handeln verpflichtet sei und daß dem Adel seiner Geburt ein ebenso hoher Adel der Gesinnung entsprechen müsse, hat in der Adelsethik seit der Antike eine große Rolle gespielt. In der höfischen Dichtung, die von Rittern erzählte, die ihrem sozialen Status nach Königs- und Fürstensöhne waren, hatten solche Gedanken ein besonderes Gewicht. Der vollkommene Ritter sollte beides besitzen, Adel der Geburt und Adel der Gesinnung. »An ihm war keine gute Eigenschaft vergessen, die ein junger Ritter besitzen muß, um hohen Preis zu gewinnen. Von niemand sagte man damals so viel Gutes in allen Ländern. Er besaß Adel und Macht; auch war seine Tugend sehr groß. Wie groß auch sein Besitz war und wie makellos seine fürstliche Abkunft, er war doch längst nicht so ausgezeichnet durch Geburt und Besitz wie durch Ansehen und hohe Gesinnung.« Gelegentlich ist der Gedanke des Tugendadels auch zur Kritik am Adel genutzt worden. »Man sagt, daß niemand adlig sei, außer wer edel handelt. Wenn das wahr ist, können sich viele Herren schämen, die mit Schande beladen sind und außerdem Falschheit und Bosheit besitzen. Diese drei verderben Freigebigkeit, Ansehen und Adel. Ach, daß es reiche Leute gibt, die sich von Schande und Bosheit um ihr Ansehen bringen lassen! So einer sollte die armen Hochherzigen betrachten, wie die mit höfischer Gesinnung nach hoher Würde streben. Ein Armer, der den richtigen Weg der Tugend geht, ist vornehm, während ein Reicher, der sich der Schande zugesellt, aus ganz niedrigem Geschlecht ist.« Diese Art von Kritik, die die Gleichung von

Geblütsadel und Tugendadel nicht ernsthaft in Frage stellte, hat sich die adlige Gesellschaft wahrscheinlich ganz gerne gefallen lassen. Je mehr man darauf bestand, daß dem angeborenen Adel wahre Tugendhaftigkeit entsprechen müßte, um so eher konnte man auch umgekehrt von der adligen Stellung auf die inneren Vorzüge schließen. Nur selten wurde die Lehre vom Tugendadel, mit einer antifeudalen Tendenz, zu dem Gedanken verschärft, daß wahrer Adel nicht durch Geburt erworben werde, sondern nur durch vornehme Gesinnung. Der geistliche Didaktiker Thomasin von Zirklaere erklärte: »Niemand ist vornehm, außer dem Menschen, der sich mit Herz und Sinn zum wirklichen Gutsein bekennt.« Denselben Gedanken findet man bei Hugo von Trimberg: »Niemand ist vornehm außer demjenigen, den die Gesinnung adelt und nicht der Besitz.« Am deutlichsten ist Freidank geworden: »Wer Tugend besitzt, der ist vornehm. Ohne Tugend ist Adel nichts wert. Ob eigen oder frei, wer nicht adliger Abkunft ist, der kann durch Tugend Adel erwerben.« In der höfischen Gesellschaft hat man solche Ã"ußerungen vermutlich als Ausdruck eines wirklichkeitsfremden Rigorismus empfunden. Jedermann wußte, daß der Adel keine soziale Konkurrenz durch die Tugendhaften zu befürchten brauchte.
      Die adlige Abstammung des Ritters fand ihre Ergänzung nicht nur in tugendhafter Gesinnung, sondern auch in körperlicher Schönheit. »Ein Blumenkranz männlicher Schönheit«8'' war der junge Parzival in seinem Bauernkleid, als er den Rittern im Wald begegnete, die an der Schönheit seine hohe Abkunft erkannten. »>Ihr seid wohl aus adligem Geschlechts Von den Rittern wurde er angestaunt: die Kunst Gottes war an ihmoffenbar.« Daß die menschliche Schönheit von Gott geschaffen war, konnten die Dichter von den Theologen lernen; und aus derselben Quelle stammte die Vorstellung, daß die Schönheit des Menschen als ein Spiegel seiner inneren Vollkommenheit angesehen werden kann. Für die scholastische Ã"sthetik war Schönheit die Anschaubarkeit des Wahren und Guten. »Die Schönheit ist also wesenhaft der Güte gleich.« Daher ließ sich aus der äußeren Schönheit der Dinge ihre innere Schönheit erkennen. »Da nun aber die Schönheit der sichtbaren Dinge in ihren Formen gegeben ist, läßt sich entsprechend aus den sichtbaren Formen die unsichtbare Schönheit beweisen, weil die sichtbare Schönheit ein Abbild der unsichtbaren Schönheit ist.« Für die höfischen Dichter ist dieser Gedanke einer Harmonie von inneren und äußeren Werten zu einem der wichtigsten Mittel geworden, höfische Vorbildlichkeit darzustellen. Wenn man die philosophischen Implikationen außer acht ließ, konnte man mit Hilfe dieser Harmonielehre den äußeren Glanz des höfischen Lebens als Erscheinungsbild einer gottgewollten Werthaftigkeit hinstellen.
      Von der Schönheit wurde hauptsächlich in bezug auf Frauen gesprochen. Eine ausführliche Beschreibung männlicher Schönheit findet man nur ausnahmsweise, zum Beispiel bei Konrad Fleck: »Flore hatte schönes Haar, eher blond als braun und überall leicht gelockt. Seine Stirn war weiß und hoch, ohne jeden Makel; dazu passend feine Augenbrauen, in der richtigen Höhe und ganz vollkommen, in der Farbe des Haares. Seine Augen waren strahlend und groß und blickten so lieblich, als ob sie häufig lachen wollten, was ihm gut stand. Seine Nase war ebenso makellos, gerade und gleichmäßig geformt. Die Natur hatte seine Wangen rot und weiß geschaffen, wie Milch und Blut. Der Mund war ohne jeden Tadel, gleichbleibend rosenfar-ben. Die ebenmäßigen Zähne strahlten von weißem Glanz. Das Kinn war rund, Hals und Kehle schön, seine Arme stark und lang, seine Hände gerade und weiß, die Finger ohne Fehl und ander Spitze die Fingernägel hell wie Glas. Seine Brust war schön gewölbt, in der Körpermitte war er schlank, seine ganze Gestalt war gerade wie ein Rohr. Er hatte herrliche Beine und schön geformte Waden, nicht zu dünn und nicht zu dick, und was man schmalgewölbte Füße nennt. Um auch alles zu sagen: seine Zehen waren so geformt, daß er sich keinen besseren Wuchs wünschen konnte. Die Natur hatte an ihm nichts vergessen, was zur Schönheit gehört.« Was hier über das Gesicht gesagt ist, würde auch in eine Beschreibung weiblicher Schönheit passen; ebenso die weißen Hände, der aufrechte Wuchs und die schmale Taille. Geschlechtsspezifische Schönheitsmerkmale sind nur die gewölbte Brust und vor allem die Beine, die bei den Damen verhüllt blieben, während die männliche Mode darauf angelegt war, sie zur Schau zu stellen .
      Unter den »Gütern des Körpers« {bona corporiS) war für den höfischen Ritter, neben der Schönheit, die Stärke am wichtigsten. Die Helden der höfischen Romane besaßen alle gewaltige Körperkräfte, die sie befähigten, auch in den schwersten Kämpfen Sieger zu bleiben. »Er war ein Stahl in jedem Kampf; siegreich errang er hohen Ruhm.« Die Handlung der höfischen Romane bestand fast immer aus einer Kette von Zweikämpfen, in denen sich der Held bewähren mußte. Dabei wurde allerdings auch gezeigt, daß rohe Kraft allein nicht ausreichte, um die Diversen Abenteuer erfolgreich zu bestehen. Oft ließ die überlegene Beherrschung der ritterlichen Waffentechnik den Helden selbst gegen Gegner siegen, die ihm an Körperstärke


überlegen waren. Der martialische Charakter der Kampfhandlungen wurde auch dadurch gedämpft, daß die Ritter meistens aus edlen Motiven kämpften: um hilfsbedürftigen Frauen beizustehen oder um das Land von Unholden zu befreien. Wenn alleine die Begierde nach Ruhm den Kämpfer motivierte, wurde das von den Dichtern öfter als Indiz dafür bewertet, daß der Status höfischer Vollkommenheit noch nicht erreicht war.
     

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