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Bürgerlicher realismus

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Zwischen Repräsentation und Resignation



Der bürgerliche Liberalismus wich angesichts seiner politischen Ohnmacht in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur aus; dessen ungeachtet war eine gewisse Resignation des Bürgertums nicht zu vermeiden. Sie wird zur Grundstimmung nicht nur der bürgerlichen Kreise, sondern auch der Literatur jener Zeit. Ihr ist eine Skepsis eigen, zu deren Ausdrueksformen u.a. die Erzählstrategien des Humors zählen. Zudem sind die Literatur des Bürgerlichen Realismus und ihre Protagonisten apolitisch, den Bürgerlichen Realismus kennzeichnet dementsprechend ein Hang zum Rückzug in die Innerlichkeit, aber auch eine versöhnliche und harmonisierende Geste. Mit zunehmendem Fortschrittsutilitarismus wuchs das Bedürfnis großer Teile des Bürgertums, sich einen Raum des Innerlich-Humanen zu schaffen und in Abgrenzung von der Entindividualisierung im Politisch-Gesellschaftlichen in privater Abgeschlossenheit eine auf sich selbst zurückgezogene Existenz zu leben. In diesem Verhalten spiegelt sich sicherlich die seil dem 18. Jahrhundert existente bürgerliche Tradition, deren wesentliches Merkmal die Identifikation des Bürgertums mit dem familiär-privaten Bereich ist; doch gewinnt der bürgerliche Rückzug in die Privaträume nach 1848 insofern eine neue Qualität, als er nicht mehr, wie noch im 18. Jahrhundert, das Resultat moralisch-ethischer Erwägungen ist, sondern vielmehr das Ergebnis der vernichtenden Resultate, die das Engagement auf der öffentlichen, politischen Bühne gebracht hatte.
      So liegen die Ursachen der für das Bürgertum nach 1848 charakteristischen resignativen Geste in dessen spezifischer Entwicklung und Mentalität. Es war die bürgerliche Klasse, die die Lebenswelt im Zuge der von ihr vorangetriebenen Industrialisierung radikal umgestaltet und der Vermassung und ,Entzauberung' preisgegeben hatte. Der bewahrende Zug im Privaten sowie der Hang großer Teile des Bürgertums zu einer biedermeierlichen Innerlichkeit müssen als Antwort auf diese Umgestaltung des traditionellen Lebensumfeldes im beruflichen Sektor gesehen werden. Die Veräußerlichung der Lebenswelt bedingte den Rückzug in den abgeschirmten Raum, in einen mit schweren Samtvorhängen von der Außenwelt abgeschiedenen Wohnraum71, wie ihn die bürgerliche Wohnkultur im 19. Jahrhundert kennt; aber auch in eine mentale Innerlichkeit. Auch die Literatur des Bürgerlichen Realismus antwortet mit desillusionierender Skepsis und Resignation auf die sich überstürzende, oftmals auch unorganisierte Fortschrittlichkeit im industriellen und gesellschaftlichen Bereich und stellt ihnen Werte hintergegangener' Welten und vergangener Zeiten gegenüber. In Analogie zu bürgerlichen Ideologemen reagiert sie mit dem Rückzug in die familiär-private Sphäre, in die Vergangenheit oder in vorkapitalistische Naturräume zu denken wäre etwa an Fontanes Junkerwelt, an Raabes vorindustrielle Biedermeierwelten oder Stifters äslhetizistische Scheinwelten; und dies ungeachtet der Forderung nach dem Realitätsbezug von Literatur, nach der programmatischen Verpachtung, literarisches Geschehen in einen realistischen, also einen plausiblen, für die zeitgenössische Leserschaft wieder erkennbaren Lebenszusammenhang einzubinden.
      Die Erzählweisen des Bürgerlichen Realismus sind dementsprechend durch eine Perspektive der Innerlichkeit gekennzeichnet. Es gehl weniger um die exakte Darstellung der objektiv erfahrbaren gesellschaftlichen und politischen Lebenswelt, darum geht es auch; doch wichtiger ist für die Autoren des Bürgerlichen Realismus die subjektive Erfahrung dieser objektiven Lebenswelt, ihre Wirkung auf das Subjekt, die Art und Weise, wie das bürgerliche Individuum die Lebenswelt erfährt. Die Subjektivierung der Sprache und des Erzählstils ist damit vorgegeben, und auch die Affinität des Bürgerlichen Realismus zu den eine subjektive Perspektive ermöglichenden Genres des Bildungs- und Entwicklungsromans und der Novelle findet ihre Begründung in eben diesem Ansatz. Darüber hinaus resultiert aus dieser Vorgabe die für die Literatur des Bürgerlichen Realismus paradigmatische thematische Beschränkung auf ein


überschaubares, begrenztes Lebensumfeld, die dem deutschen Realismus gegenüber dem französischen wohl nicht ganz zu Unrecht den Vorwurf der Kleinräumigkeit und Provinzialität einbrachte.
     

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