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Bürgerlicher realismus

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Zwischen Kritik und Affirmation



Im Zuge des wirtschaftlichen Aufstiegs zeigte sich immer deutlicher, dass sich die Freiheilsvorstellungen der Bourgeoisie von denen der liberalen Intelligenz zunehmend entfernten. Das Besitzbürgertum, vor allem die Industriellen verstanden unter Freiheit, Liberalismus und Liberalität primär die uneingeschränkte Kapitalisierung und Ã-konomisierung des Lebens, die Freiheit des ökonomischen Wettbewerbs also, während das liberale Bildungsbürgertum und die liberale, auch die literarische Intelligenz Liberalität mit demokratischer Lntfaltung des Individuums sowie mit dessen humanitärer Bildung und Ausbildung gleichsetzten.
      Innerhalb des liberalen Bildungsbürgertums begrüßte man die politische Realisierung der nationalen Einheil durch Bismarcks Machtpolitik, ein Vorhaben, an dessen Minlösung man selbst gearbeitet hatte, aber gescheitert war. Doch zugleich nahm die Skepsis an der durch das Bürgertum betriebenen Materialisierung nahezu aller Lebensbereiche zu. Ein expansives, materialistisches Wirlschaftsdenken dominierte die Mentalität und Hinstellung weiter Teile des Bürgertums. Ls löste ein kulturelles und soziales Unbehagen aus, das in bildungsbürgerlichen Kreisen zu einer sich bis zur Jahrhundertwende verschärfenden Kritik am kapitalistischen Agieren der Bourgeoisie führte.
      Diese dem ofllziellen Fortschrittsoptimismus des Bürgertums, aber auch des wilhelminischen Staats entgegenstehende pessimistische Haltung trat innerhalb der Literatur als eine Selbstkritik der bürgerlichen Gesellschaft auf. Diese Situation nahm mit der Ausbildung einer offiziellen Literatur der Gründerzeit nach 1X71 deutliche Konturen an. Darf letztere als eine unkritische, heute wohl nicht ganz zu Unrecht partiell vergessene offiziöse, affirmative Literatur gelesen werden^', so zeichnet sich die Literatur des Bürgerlichen Realismus in ihrer zweiten, nach 1871 einsetzenden Phase durch eben diese Binnenkritik des Bürgertums und dessen zunehmend nach materialistischen Belangen organisierter bürgerlicher Lebens- und Wertcwelt aus.
      Die unterschiedlichen Vorstellungen innerhalb des Bürgertums haben keinen unwesentlichen Anteil an der spezifischen Entwicklung des Bürgerlichen Realismus in den 1870er und 1880er Jahren und an der vom frühen, programmatischen Realismus sich maßgeblich unterscheidenden Ausrichtung des späten Realismus, dessen hervorragendes Merkmal sein kritischer Impetus ist: Zwar steht im Mittelpunkt der Romane des Spät-
.realismus nach wie vor die bürgerliche Lebenswelt; doch diese wird nicht mehr, wie noch in der Zeit des programmatischen Realismus, z.B. bei Gustav Freytag, ausschließlich positiv geschildert. Die primär nach materiellen und ökonomischen Belangen ausgerichtete bürgerliche Gesellschaft wird vielmehr kritisch beschrieben: Man erinnert das an ökonomischen Werten interessierte Besitzbürgertum, das mit dem Zuwachs an wirtschaftlicher Macht seinen Ausschluss von der politischen Herrschaft zu kompensieren suchte, an seine humanitären Verpflichtungen und ehemaligen liberalen Ziele respektive bürgerlichen Werte. Insbesondere Keller, Fontane und Raabe beanstanden die durch das Bürgertum betriebene Kapitalisierung und Materialisierung des gesellschaftlichen Zusammenlebens sowie die Aktivitäten eines Unternehmertums, das 'wie ein Löwe dagegen kämpft, daß von 13 täglichen Arbeitsstunden der Kinder nur eine hinweggenommen werde".""
Die bürgerliche Klasse ist nach 1848 durch eine tiefe Diskrepanz zwischen ethisch-moralischen Werten und wirtschaftlichem Gebaren gekennzeichnet: Im ökonomischen Bereich verfolgt man einen 'öffentlichen Machiavellismus", daneben jedoch einen 'privaten Kantianismus"''1, eine Diskrepanz, die sich in der Spaltung des Bürgertums in ein Besitz- und ein Bildungsbürgerlum widerspiegelt. Insgesamt bleibt festzuhalten, dass die sich seit den 1870er Jahren etablierende Kulturkritik, von Bürgern und bürgerlichen Autoren artikuliert und den ehemaligen bürgerlichen Vorstellungen verpachtet, die zunehmende Diskrepanz zwischen ursprünglich liberalen Zielen und Vorstellungen und dem Verlauf der Verbürgerlichung der Gesellschaft nach 1871 zum Ausdruck brachte. So tut sich am Ende des 19. Jahrhunderts ein Krisenbewusstsein des bürgerlichen Selbstverständnisses auf, die Unversöhnlichkeit der Werlsphären wird wahrgenommen und zunächst einmal noch unverbindlich und salopp als die des Besitz- und Bildungsbürgertums formuliert. Fontane versucht in seinem Roman Frau Jenny Treibet die ideologischen Unterschiede herauszuarbeiten. Dem bürgerlichen Ideal hatte es entsprochen, dass das 'stahlharte Gehäuse"'' der Welt mit ihrem 'schönen Schein"''' in einen harmonischen Einklang zu bringen sei. Genau dieser Glaube erwies sich mit zunehmender Verbürgerlichung der Gesellschaft im Sinne einer Kapitalisierung und Materialisierung als Illusion: Die Bildungsromane, das literarische Selbstzeugnis bürgerlichen Selbstvcrständnisses schlechthin, beschreiben diese Phantasie der Integration von unterschiedlichen Ausprägungen von Bürgerlichkeit. Doch sie tun es mit einer solchen verklärenden Anstrengung, durch einen solchen Kraftakt, dass sie das Illusionäre dieser Utopie durch Flucht in die Idylle demonstrieren, so z.B. im Falle Adalbcrt Stifters, dessen bürgerliche Welt sich infolge der in ihr inszenierten Harmonie und Harmoniesucht letztlich als eine tote Welt entpuppt.
      Bereits die misslungene Revolution und die gesellschaftspolitische Entwicklung nach 1848 hatten für viele das Ende der Hoffnung bedeutet, bürgerliehe Ideale und Vorstellungen auf politischem Wege durchsetzen zu können. Die Literatur des Bürgerlichen Realismus ebenso wie die Gründung zahlreicher bürgerlicher Familienblätter lassen sich daran anschließend als Versuch einer sozialen Klasse deuten, ihre Ziele und Interessen auf kulturellem und literarischem Weg zu realisieren. Die Literatur der zweiten Jahrhunderthälfte ist als spezifisch bürgerlich zu deuten, oder umgekehrt formuliert: In der Proklamation bürgerlicher Werte und Vorstellungen ist eine wesentliche Dimension der Literatur des Bürgerlichen Realismus benannt. Große Teile der zwischen 1848 und 1890 erschienenen erzählenden Literatur kreisen um diesen Komplex, das Attribut .bürgerlich' im Begriff .Bürgerlicher Realismus' gibt dieser Zielsetzung adäquat Ausdruck. Zwar entstammt der Terminus letztlich dem literatursoziologischen Umfeld; keinesfalls sollte damit aber eine ausschließlieh politische Ausrichtung benannt werden. Literatur hat innerhalb der Programmatik des Bürgerlichen Realismus andere, weitgehend unpolitische Aufgaben zu übernehmen: Aus dem politischen Tagesgeschehen herausgenommen, schreibt man ihr insbesondere gesellschaftliche und soziokulturelle Funktionen zu. Im Mittelpunkt stehen der Entwurf einer bürgerlichen Lebenswelt sowie die Präsentation bürgerlicher Werte: '|...| es dürfen die Ideale nicht aufgegeben werden; es muß ihnen die Stellung verbleiben, die ihnen zukommt [...] es muß eine Stelle da sein, wo man das befreiende, das erhebende Wort zu hören vermag""4, mahnt beispielsweise Fontane an.
      Das Ziel eines Nationalstaats bürgerlicher Prägung blieb hierbei allerdings bestehen, die Idee einer geeinten deutschen Nation war letztlich ein dezidiert bürgerliches Anliegen. Hinsichtlich dieses Aspekts darf man von einer Kontinuität der beiden großen, das 19. Jahrhundert dominierenden literarischen Bewegungen sprechen. Die Suche nach der deutschen Vergangenheit, auf deren Basis man die nationale Erneuerung vorzunehmen gedachte, kennzeichnet sowohl die Romantik als auch den Bürgerlichen Realismus. Nach 1850 fand man insbesondere im slaufischen Kaisertum eine vorbildhafte Zeit der nationalen, staatlichen Einheit. Gustav Freytag hatseinem mehrbändigen Roman Die Ahnen diesen Blick in die deutsche Geschichte zugrunde gelegt.
      Doch über dieses vom gesamten Bürgertum akzeptierte Ziel der nationalen Einheit hinaus taten sich zunehmend Differenzen zwischen der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft auf der einen und den Erwartungen des Biidungsbürgertums oder genauer der literarischen Intelligenz auf der anderen Seite auf. Die Bereiche Kultur und Bildung waren innerhalb eines materialistischen Besitzdenkens und expansiver Wirtschaftsansprüche ohnehin gering geachtet. So heißt es etwa in Julius Rodenbergs Aufsatz Die Literatur und das Publikum aus dem Jahr 1868: '|... | populär in dem weitesten Sinne dieses Wortes ist die Literatur bei uns gegenwärtig nicht. [...] Die Popularität in Deutschland gehört jetzt dem Staatsmann, dem Feldherrn und es ist wohl natürlich, dass dein so sei.""' Letztlich war dies sogar auch eine unter Autoren verbreitete Meinung. In Friedrich Spielhagens Roman In Reih und Glied z.B. heißt es: 'Die Zeit braucht keine Dichter und Philosophen! Aber sie braucht Politiker, Staatsmänner."""
Die Zeit nach 1871 wird von liberal gesonnenen Intellektuellen aus diesem Grund als eine Zeit der seelischen und geistigen Verarmung empfunden. Man glaubte aber weiterhin an die Ziele und Ideale der Revolution, an einen demokratisch organisierten Staat und an die Ausbildung Deutschlands zu einer Kulturnalion, die dann auch die Lösung der sozialen Frage beinhalten sollte. Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, dass die gemeinsame Angst vor der erstarkenden Arbeiterbewegung, der Wunsch nach Ruhe, Sicherheit und Ordnung Bürgertum und Adel nach 1848 fest zusammen schmiedeten. Dementsprechend ist die bürgerliche Gesellschaft nach 1848 vornehmlich auf Ordnung, Pflichtbewusslsein, Standesbewusstsein und Obrigkeitskult ausgerichtet, die preußischen Werte zählen. Deren Missachtung zieht Ausgrenzung und Außenseitertum nach sich, Fontane und Raabe haben diesen Mechanismus eindrucksvoll beschrieben. Ihre Werke bringen indes auch zum Ausdruck, dass es für das Bürgertum keine ernsthafte Alternative gab. Denn eine Gesellschaft ohne feste Ordnung lehnte man ab; so werden die Missstände und Schwächen einer feudalen Ständegesellschaft zwar erkannt und auch kritisiert; doch an der grundsätzlichen Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Ordnung zweifelt kaum jemand, denn, so weiß Fontane,
.Die Sitte gilt und muß gelten', aber daß sies muß, ist mitunter hart. Und weil es so ist, wie es ist, ist es am besten, man bleibt davon und rührt nicht dran. Wer dies Stück Erb- und Lebensweisheit mißachtet - von Moral spreche ich nicht gern |...|, der hat einen Knacks fürs Leben weg.

     
  
Fontanes Roman Irrungen, Wirrungen, dem diese Ã"ußerung galt, dürfte eines der anschaulichsten Beispiele dieser für das Bürgertum durchaus paradigmatischen Akzeptanz einer übergreifenden Ordnung, eines dem Privat-Individuellen übergeordneten Normensyslems sein. Die betroffenen Protagonisten akzeptieren nahezu kommentarlos die notwendige Unterwerfung unter die Anforderungen der Gesellschaft, die eine Verbindung, wie sie der adelige Botho von Ricnäcker und die dem Kleinbürgertum entstammende Lene Nimptsch eingegangen sind, in Form einer legitimierten Ehegemein-schaft nicht zulässt. Zwar bewältigt die Protagonistin diesen Sehritt nicht ohne Leiderfahrung; zu keinem Zeitpunkt jedoch lassen sie oder der Erzähler eine Unsicherheit über die Festigkeil ihres Entschlusses aufkommen. Lene lügt sich in die Sitten- und Moralvorslellungen der wilhelminischen Ständegesellschaft, ein Aufbegehren kommt ihr nicht in den Sinn, der Versuch, Botho zu einem alternativen Handeln zu überreden, ebenfalls nicht. Botho und Lene trennen sich und kommen mit dieser Entscheidung ihrer Pflicht als Angehörige eines gesellschaftlichen Ganzen nach. Ihr Glück stellen sie hinter die übergeordneten Interessen und Belange der Gesellschaft zurück.
     

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