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Bürgerlicher realismus
Wilhelm Raabes 1864 erschienener Roman Der Ilungerpastor erzählt den Bildungsweg einer in kleinbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsenen Halbwaise, der es trotz der finanziellen und milieubedingten Wi
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» Wilhelm Raabe: Der Hungerpastor (1863/64)
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Verklärungsstrategien



Dass eine solche Vermittlung nur mehr über den rigorosen Ausschluss gesellschaftlicher Realität, hier der modernen, großstädtischen Lebenswelt sowie der damit verbundenen Prozesse der Urbanisierung und Industrialisierung zu haben war, zeigt nicht nur Raabes Roman, sondern darf als ein Merkmal des gesamten Bürgerlichen Realismus reklamiert werden.'' Raabe allerdings hat in diesem Zusammenhang auch die Konsequenz der Margi-nalisierung seiner Protagonisten als Außenseiter und Sonderlinge nicht gescheut.''' Doch die Tatsache, dass diese Außenseiterposition im Verlauf mehrerer Jahrzehnte und im Angesicht einer einseitig die Werte des Be-sitzbürgertums exponierenden Gesellschaft sich zu einer binnenkritischen Position auswachsen wird, lag vermutlieh kaum in Raabes ursprünglicher Absicht.
      Bezogen auf den Bürgerlichen Realismus ist dieser Ausschluss allerdings keine Eigenheit Raabes, sondern Programm. Der Rückzug aus den großen Städten und urbanen Lebenswelten des 19. Jahrhunderts dem eigentlichen Lebensorl sowohl des Groß- als auch des Kleinbürgertums, des Besitz- wie des Bildungsbürgertums kennzeichnet fast alle Werke der bürgerlichen Realisten. Die Tatsache, dass Raabe die Großstadt, die auch im Hungerpas-lor als Handlungsraum präsent ist, als einen Ort der Massen und des 'Chaos" denunziert, erinnert an Stifters aggressive Zurückweisung des städtischen Lebensraums und der großstädtischen Masse in der Nach-folge der Ereignisse von 1848.''' Zwar war Raabe nicht in die Berliner Aufstände des Revolutionsjahres verwickelt; doch auch seine strikte Ablehnung des urbanen Umfelds lässt auf die bürgerlichen Ã"ngste vor dem revolutionären Autbegehren des städtischen Proletariats schließen. Ergänzt werden diese bürgerlichen Bedenken durch die Identifizierung der Stadt mit Unmoral und sittlicher Gefährdung: Das Schicksal sowohl von Franziska als auch Kleo-pheas in Paris verweisen darauf. Ã"hnlich wie in Stifters ,Rosenhauswelt' wird bei Raabe die auf dem Land gelegene Pfarrei, die Hans Unwirrsch als Gereifter übernimmt, mit dem Leben in einer sittlich und moralisch intakten Ehegemeinschaft in Verbindung gebracht. Insofern ist die an der Ostsee gelegene Pfarre nicht etwa als eine weltferne Idylle gedacht''4; sie repräsentiert vielmehr einen Ort der bürgerlichen Existenz.
      Wie bei Stifter ist eine solche Lebensform, die sodann allerdings auch die Synthese von Ich und Welt impliziert, nur unter Ausschluss der realen Gegebenheiten und durch die örtliche Verrückung zu haben, hatte das Bürgertum doch längst die Möglichkeiten einer derartigen Existenz wenn zwar nicht zunichte gemacht, so doch durch die forcierte Materialisierung des Lebens grundsätzlich in Frage gestellt. Dies deutete sich in den 1850er und 1860er Jahren zwar schon an; doch zu einer offenen Binnenkritik wird es erst in der Phase des späten Realismus kommen. Allerdings wiederholt sieh in der Entscheidung für die räumlich wie gesellschaftlich von der großstädtischen Lebenswelt entfernt gelegene Existenzform der nach I einsetzende Rückzug des Bürgertums in seine familiären Räume und auf seine persönlichen Belange. So vollziehen Stifters und Raabes Romane die für das deutsche Bürgertum im 19. Jahrhundert charakteristische Verschiebung von der politischen Ã-ffentlichkeit, in der es allerdings zu keinem Zeilpunkt umfassend angekommen war, in die Privatheit nach. Die im Hungerpastor vorgeführten räumlichen Veränderungen sind so zugleich ein Ausdruck der veränderten Mentalität der bürgerlichen Klasse nach der gescheiterten Revolution des Jahres 1848. Das dem Roman eigene Loblied auf Familienleben und Innigkeit, auf den Rückzug aus der Ã-ffentlichkeit in die privatfamiliäre Sphäre orientiert sich im Wesentlichen am Wertekanon, aber auch am Lebensstil des Bürgertums. Diesen Rückzug wird Raabe in nahezu allen seinen Romanen postulieren; darin werden nicht zuletzt, ähnlich wie bei Stifter, die Anteile des Biedermeier innerhalb der bürgerlichen Literatur des 19. Jahrhunderts greilbar.

     

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