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Bürgerlicher realismus
Wilhelm Raabes 1864 erschienener Roman Der Ilungerpastor erzählt den Bildungsweg einer in kleinbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsenen Halbwaise, der es trotz der finanziellen und milieubedingten Wi
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» Wilhelm Raabe: Der Hungerpastor (1863/64)
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Bürgerlichkeit versus jüdischer Materialismus



Wie Ereytags Roman Soll und Haben ist auch Der Ihingerpastor in Anlehnung an das Schema des Bildungs- und Entwicklungsromans entstanden, wobei Raabe zugleich Momente des englischen Zeitromans aufgreift. "Hunger" meint in Raabes Roman nicht etwa den Hunger nach Besitz, sondern den Hunger nach Bildung, nach "Wahrheit", "Freiheit" und "Liebe", so die Worte Hans Unwirrschs."' Zur Präzisierung dieser Idee greift Raabe auf ein ähnliches Kontrastschema wie Freytag zurück, indem er seinem Helden Hans Unwirrsch den jüdischen Spielkameraden und Schulfreund Moses Freudenslein entgegensetzt, der innerhalb des Romans ein einseitiges Besitzdenken verkörpert.''" Auch bei Raabe dürfte es kein Zufall sein, dassdiese Kontrastfigur ein Jude ist, dem die Aufgabe zufällt, sowohl die negativen Folgen eines einseitig materialistischen und geldgierigen Handelns als auch die zerstörerische Kraft eines rein pragmatischen Denkens vorzuführen.
      So kommt auch Raabes Roman nicht ohne plakative Schwarz-Weiß-Malerei und antisemitische Tendenzen aus. Zwar spielt die ökonomische Tätigkeit des Bürgertums in Raabes Roman keine große Rolle; doch die um den Juden Moses konzentrierte Handlung dient auch Raabe offenbar zur Entlastung bürgerlicher Betätigungsfelder. Moses Freudenstein verkörpert ein einseitig agierendes Besitzbürgertum, Hans den nach Bildung und humaner Idealität Hungernden. Die Tatsache, dass Raabe dieses Kontrastschema um die Eigenschaften romantische Schwärmerei auf Hans' Seite und kühl berechnender, materialistischer Realitätssinn auf Moses' Seite ergänzt, verstärkt die antisemitischen Tendenzen des Romans. Bezeichnenderweise wird der wohlhabende Moses Freudenstein als "bürgerlich tot" bezeichnet. Die Gründe seines Scheiterns liegen damit neben seinem materialistischen Handeln in seinem Verzicht auf bürgerliche Sozialisationsformen der Ehe, Familie und Heimat sowie in der fehlenden regionalen Verwurzelung.
      Doch wie im Falle Freytags verweist auch diese Demonstration einer ,richtig' verstandenen Bürgerlichkeit weniger auf einen verfestigten Antisemitismus des Autors. Auch in Raabes Fall belegt die Biographie, dass dieser kein Antisemit war: Vielmehr ist davon auszugchen, dass Raabe zeittypische Tendenzen und Stimmungen verarbeitet; in den Anfangsszenen des Romans hat er das angedeutet:
In jenen vergangenen Tagen herrschte vorzüglich in kleineren Städten und Ortschaften - noch eine Mißachtung der .luden, die man so stark ausgeprägt glücklicherweise heute nicht mehr findet. Die Alten wie die Jungen des Volkes Gottes hatten viel zu dulden von ihren christlichen Nachbarn; unendlich langsam ist das alte, schauerliche llepphepp, welches so unsägliches Unheil anrichtete, verklungen in der Welt.
Dennoch dürfte die Instrumentalisierung der Judenfeindlichkeit in Raabes Roman nicht nur als Zitat zu erklären sein. Die unreflektierte Aufnahme dieses zeitgenössischen gesellschaftlichen Vorurteils legt auch in Raabes Fall die Erklärungsnöte des Bürgerlichen Realismus im Hinblick auf eine Lebenswelt frei, die Fleiß, Strebsamkeit, Arbeitsmoral proklamierte, nicht aber für die negativen Auswirkungen einer ,strebsamen', zunehmend materialistisch agierenden und denkenden Gesellschaft verantwortlich zeichnen wollte. Dass Raabes Kritik des in ihr dominierenden Materialismus sich der pädagogischen Überlegenheitsgeste in Bezug auf das eigene Tun und Handeln sowie des Gegensatzes christlich-jüdisch bedient, verweist auf die binnenkritische Position eines bürgerlichen Autors.
      Die inhaltlich-strukturelle Nähe von Raabes Roman zu Freytags Soll und Haben ist mithin offensichtlich. Sowohl die Personen- als auch die Kon-fliktkonstellationen weisen Gemeinsamkeiten auf. Dennoch führt Raabe mit seinem Protagonisten Hans Unwirrsch einen anderen Bildungsgang vor, ungeachtet der Tatsache, dass die Basis des beschriebenen Verhältnisses von Ich und Welt auch bei ihm die Erlangung einer bürgerlichen Identität ist. Diese wird zwar nicht, wie bei Freytag, primär durch die berufliche Tätigkeit als Kaufmann bestimmt; doch die Signale, die im Hinblick auf die Verpflichtung des Individuums der bürgerlichen Gemeinschaft gegenüber gegeben werden, zielen gleichfalls auf die Bestätigung und Vermittlung eines bürgerlichen Wertekanons. Allerdings setzt Raabe andere Schwerpunkte, der Entwurf eines national handelnden und denkenden Bürgertums interessiert ihn offenbar nicht.
     

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