Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Bürgerlicher realismus
Wilhelm Raabes 1864 erschienener Roman Der Ilungerpastor erzählt den Bildungsweg einer in kleinbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsenen Halbwaise, der es trotz der finanziellen und milieubedingten Wi
Index
» Bürgerlicher realismus
» Wilhelm Raabe: Der Hungerpastor (1863/64)
» Bürgerliche Identität oder: Das Ankommen in der Realität

Bürgerliche Identität oder: Das Ankommen in der Realität



Wie Freylag und Keller gibt auch Raabe im Hungerpastor seinem Helden den Werdegang des Vaters als das idealisierte Bild eines exemplarischen bürgerlichen Entwicklungsganges mit auf den Bildungsweg. Hans' Streben bleibt am väterlichen Vorbild orientiert, und wie Keller motiviert auch Raabe Hans' Empfänglichkeit für Träumerei, romantische Schwärmerei und blühende Einbildungskraft durch das Fehlen der väterlichen Erziehung. Wie Heinrich Eee versucht Hans der kargen Alltagsrealität durch den Rückzug in die Tagträumerei zu entkommen, auch lässt Raabe durch das Scheitern seines Helden keinen Zweifel darüber aufkommen, dass er in dessen Reali-tätsflucht keineswegs eine gelungene Entwicklung seines Protagonisten sieht. Der Roman zeigt den Bildungsgang des Helden Hans Unwirrsch, dessen zentrales Moment im ,Ankommen' in der Wirklichkeit eines bürgerlichen Alltags besieht. Denn was ist die Ãobernahme einer kleinen Pfarrei in einem abgelegenen Dorf an der Ostsee durch Hans am Ende der Romanhandlung schon anderes als die Bestätigung eines bürgerlich-familiären Le-bensentwurfs, der den Einzelnen auch zum sozialen Dienst für die Gemeinschaft verpflichtet? Seine 'glänzenden jungen Träume und Hoffnungen" sind 'Wirklichkeit" geworden, lautet die von Raabe mitgeteilte Bildungs-maxime ; unverkennbar handelt es sich dabei um eine bürgerliche Lebensdevise: Auch Raabe proklamiert in seinem Hungerpastor eine bürgerliche Ideologie, in deren Zentrum das Lob von Arbeit, Disziplin und Fleiß, Moral und Mäßigung stehen. Zwar exponiert er im Gegensatz zu Freylag nicht die bourgeoise, materialistische Arbeitsideologie; bezogen auf das mitgeteilte Wertesystem und die favorisierte, auf die Kleinfamilie fixierte Lebensweise von einem ,,enge[n], sichere[n] Kreis" ist die Rede jedoch scheinen die Unterschiede kaum mehr so groß. 'Im stillsten Herzen weltweite Dinge" erleben, so umsehreibt Hans Unwirrsch am Ende seines Werdegangs seine Lebenssituation, ein Vorsatz, in dem sich jene Maxime wieder findet, die in entscheidendem Maße zur Entwicklung der Novellenform im Bürgerliehen Realismus beigetragen hatte: Die große Welt im kleinen Ausschnitt beschreiben. Diesem Rückzug aus der Ã-ffentlichkeit korrespondiert der angesprochene rigorose Ausschluss der historischen Realität. Phänomene wie die der Urbanisierung und Industrialisierung sind lediglich in dem nicht näher präzisierten Hinweis auf die 'große Stadt" erkennbar; ganz so, als bedrohten sie das bürgerliche Projekt einer harmonisch-biedermeierlichen Welt. Allerdings bezieht Raabe im Hungerpastor die schlechten Lebens- und Arbeitsumstände des Landproletariats ein, in die sein Protagonist während seiner Beschäftigung als Hauslehrer auf dem Landgut des Fabrikanten Einblick erhält. Als es dort zu Hungerrevolten kommt, fühlt sich Hans Unwirrsch gar als ein 'Proletarier unter Proletariern"

. Die bürgerlichen Verklärungsstrategien haben das Proletariat erreicht.
      Raabes Hungerpastor beschreibt den Werdegang des Schustersohns Hans Unwirrsch. Zwar treibt den Protagonisten sein 'Hunger" nach dem 'Idealen, dem Ãoberirdischen", aber auch der 'Hunger nach dem Wirklichen" aus seinen kleinbürgerliehen Familienverhältnissen an. Doch im Gegensatz zu Goethes Wilhelm Meister wird das Milieu, dem Unwirrsch entstammt, an keiner Stelle negativ konnotiert, zumal die Kunstfeindlichkeit des Bürgertums ohnehin keine große Rolle mehr spielt. Hans Unwirrschs Entwicklung vollzieht sich zwischen den Polen Idealismus und Realismus, Idealität und Realität, aber auch zwischen Romantik und Realismus. Am Ende entscheidet sich der Held für eine abgelegene kleine Hungerpfarre an der Ostsee und damit für eine seelsorgerische Tätigkeit im Dienste der bürgerlichen Gesellschaft. Mit diesem Sehritt bringt auch Raabe die grundsätzliche Möglichkeit einer Ãobereinstimmung von Individuum und Gesellschaft zum Ausdruck.
      Der Bildungsgang des Protagonisten zielt, ähnlieh wie der Heinrich Lees, auf die Aneignung der Wirklichkeit und mithin auch auf die Stärkung des Realitätssinns des Helden und auf die Affirmation des Realen wie der Realität. Dabei wird er nicht erst durch den Tod der Mutter mit der Realität des Lebens konfrontiert; auch die Erfahrungen im Verlaufseiner Bildungsreise, die insbesondere durch die Konfrontation mit adeligen und großbürgerlichen Kreisen gekennzeichnet sind, die pauschal als 'arme, irrende Welt" abgelehnt werden, schärfen seinen Sinn für das Reale. Unwirrschs Entwicklung ist ein Weg der Selbsterkenntnis, der ihn von seiner romantischen Dachkammerexistenz hin zur Realität des Alltags führt. Berichtet der Erzähler über den Jugendlichen Hans Unwirrsch, 'sein Geist [konnte] sich aus der Gegenwart verlieren, um im blauen Ã"ther, der über den Dingen ist, träumerisch zu schweben" , so vermeldet er über den bereits gereiften Mann:
Fr zählte auch seinen Geldvorrat nach, und allmählich dämmerte die Ãoberzeugung in ihm, daß ein Ilauptflügel seines Luftschlosses dem Rinsturz nahe sei und daß dem Fundament des Gebäudes gar nicht recht zu trauen sei.
Insofern Raabe seinen I leiden im Zuge seines Entwicklungsgangs beständig zwischen den Polen Realität und Ideal agieren lässt, darf nach Kellers Grünem Heinrieh auch der Hungerpastor als ein literarischer Beitrag zur Diskussion um die Programmatik des Bürgerlichen Realismus verstanden werden. Die dem Sohn vom Vater vermachte Arbeitslampe, eine Schusterkugel, wird als Symbol für ein stimmiges Verhältnis zwischen Realismus und Idealismus eingeführt: 'Welch eine Zaubermacht lag in der schwebenden Glaskugel? Sie verklärte die Welt mit den schönsten Farben, und doch konnte sie auch jedes Ding wieder in das rechte Licht stellen" .

     
Verweist der Begriff ,schweben' zunächst auf eine romantische Denkfigur, so verdeutlichen der Terminus 'verklärt" sowie die Formulierung njcdes Ding [...] in das rechte ficht stellen" auf die Eingebundenheil von Raabes Roman in die Programmatik des Bürgerlichen Realismus. Letztlich liegt Hans Unwirrschs positiver, gelungener Bildungsgang in dem von ihm eingelösten stimmigen Verhältnis zwischen Phantasie und Wirklichkeit begründet. Wie im falle Heinrich Lees gibt dabei der Tod der Mutter entscheidende Impulse für Hans' Eintritt in das 'wahre Leben":
Aus dem Zauberbann schmeichlerischer, entnervender Phantasien und stumpfen, dumpfen Grübelns trat er jetzt zuerst in das wahre feben; er verlor den Hunger nach dem Idealen, dem Ãoberirdischen nicht, aber dazu gesellte sich nunmehr der Hunger nach dem Wirklichen, und die Verschmelzung von beiden, die in so feierlichen Stunden stattfand, mußte einen guten Guß geben.
Damit gelingt Hans im Verlauf seines Entwicklungsgangs jene Synthese von Realität und Idealität, von Realitätssinn und Verklärung, die der Bürgerliche Realismus zu seinem Programm erhoben hat. 'Was ist aus deinen glänzenden Träumen geworden?", fragt ihn am linde des Romans der Pfarrer Tille-nius, und Hans antwortet ihm: 'Wirklichkeit! Wirklichkeit!" . Dieser Linie vom 'gewaltig Sehnen", 'unendlich Schweifen" und 'Nieergreifen" so die Zeilen des dem 35. Romankapitel vorangestellten Gedichts zu den ,,wellweite|n] Dinge[n|" widerspricht der Rückzug Hans Unwirrschs in die abgelegene Dorfpfarre an der Ostsee keineswegs. Denn eben dort findet er zu den erwähnten 'weltweite|n| Dinge]n|", findet er im Kleinen und Ãoberschaubaren die wesentlichen Dinge des Lebens; sein Bildungsgang mündet in einen 'begrenzten und doch so grenzenlosen Wirkungsbereich" . So folgt auch Raabe im Rahmen der Programmatik des Bürgerlichen Realismus der Maxime, das Allgemeine im Individuellen zu schildern und zu sichern.
     

 Tags:
Bürgerliche  Identität  oder:  Das  Ankommen  der  Realität    




Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com