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Wilhelm Raabe: Der Hungerpastor (1863/64)


Wilhelm Raabes 1864 erschienener Roman Der Ilungerpastor erzählt den Bildungsweg einer in kleinbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsenen Halbwaise, der es trotz der finanziellen und milieubedingten Widerstände gelingt, Theologie zu studieren. Hans Unwirrsch ist getrieben durch den Hunger

nach Erkenntnis, nach Lebenserfahrung, nach einer idealen Existenz. Am Ende jedoch zieht er sich aut eine einsame Pfarre in Grunzenow an der pommerschen Küste zurück, wo er im Wirken im kleinsten Kreis die Erfüllung findet, die ihm als Hauslehrer in einer Adelsfamilie, bei einem Fabrikanten und in dem vornehmen Palais eines Juristen in der Residenz versagt blieb. Raabe äußerte sich über diesen Roman ebenso wie über seine Chronik der Sperlingsgasse aus dem Jahr 1857 im Rückblick ablehnend und gab dabei folgenden, für die Entwicklung des Bürgerlichen Realismus nach 1871 interessanten Hinweis: "Das Volk ist ja völlig befriedigt mit dem mir abgestandenen Jugendquark: Chronik und Hungerpastor und läßt mich mit allem übrigen sitzen."" Raabes Beobachtung ist von Interesse, weil er sich mit diesem "allem übrigen" von der affirmativen Bestätigung und Vermittlung bürgerlicher Werte, insbesondere in seinem Entwicklungs- und Bildungsroman Der Hungerpastor, hin zu einer kritischen Haltung gegenüber Bürgertum und Bürgerlichkeit, z.B. in seinem Roman Stopfkuehen, hin geschrieben hatte. Dabei führte Raabe selbst sieht man einmal von einigen wenigen mutigen Unternehmungen ab (so etwa sein Entschluss zu einer freien Schriftstellerexistenz, sowie seine Entscheidung, für kurze Zeit seine Heimat zu verlassen und nach Stuttgart zu ziehen) das Leben eines bürgerlichen Philisters.51* Mit dem berühmtesten Roman seiner frühen Schaffensphase, mit seinem Ihingerpastor unternahm er den Versuch, Gustav Freytags Programm der bürgerlichen Wertevermittlung im Zuge des Entwicklungsganges eines kleinbürgerlichen Helden umzusetzen.


Bürgerlichkeit versus jüdischer Materialismus
Wie Ereytags Roman Soll und Haben ist auch Der Ihingerpastor in Anlehnung an das Schema des Bildungs- und Entwicklungsromans entstanden, wobei Raabe zugleich Momente des englischen Zeitromans aufgreift. "Hunger" meint in Raabes Roman nicht etwa den Hunger nach Besitz, sondern den Hunger nach Bildung [ ... ]
Verklärungsstrategien
Dass eine solche Vermittlung nur mehr über den rigorosen Ausschluss gesellschaftlicher Realität, hier der modernen, großstädtischen Lebenswelt sowie der damit verbundenen Prozesse der Urbanisierung und Industrialisierung zu haben war, zeigt nicht nur Raabes Roman, sondern darf als ein Merkmal des ge [ ... ]
Bürgerliche Identität oder: Das Ankommen in der Realität
Wie Freylag und Keller gibt auch Raabe im Hungerpastor seinem Helden den Werdegang des Vaters als das idealisierte Bild eines exemplarischen bürgerlichen Entwicklungsganges mit auf den Bildungsweg. Hans' Streben bleibt am väterlichen Vorbild orientiert, und wie Keller motiviert auch Raabe Hans' Empf [ ... ]
Bildung als Sozialisation
Hans Unwirrschs Bildungsgang zielt primär auf sein Ankommen in der Wirklichkeit. Zu Anfang seiner Entwicklung ist er, so versichert der Erzähler, eine 'völlig subjektive Natur" (S. 337), eine Eigenschaft, die nicht etwa, wie es für einen romantischen Roman geradezu erforderlich gewesen wäre, positiv [ ... ]

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