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Bürgerlicher realismus

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Verklärende Versöhnung und versöhnende Verklärung



Das Bürgertum kam in den Jahrzehnten nach 1848 zu einem beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwung, man spricht in diesem Zusammenhang von einer ersten Gründerzeil in den 1850er Jahren.'' Insbesondere die 5 Millionen französische Francs, die Frankreich nach seiner Niederlage an Deutschland zu entrichten hatte, führten zu einem Wachstum in der industriellen Produktion. Zwar hielt der wirtschaftliche Aufschwung nach 1871 nur bis 1873 an, es folgte eine ökonomische Krise, die erst in den 1890er Jahren durch ein neues wirtschaftliches Hoch aufgefangen wurde. Doch diese Entwicklung nach dem gewonnenen Krieg gegen Frankreich und nach der Reichsgründung begünstigte die Entstehung einer bürgerlichen Klasse.
      So verzichtete das Bürgertum zwar auf die Beteiligung an der politischen Macht, man verlugte jedoch nach wie vor und in noch steigendem Ausmaß über die ökonomische Macht, eine Konstellation, an der sich letztlich biszum Untergang des Kaiserreichs mit dem verlorenen Weltkrieg nichts Wesentliches ändern wird. Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Neuorganisation des Lebens nach 1871, die Fortschritte in den Bereichen Wissenschaften, Industrie und Technik sowie die Ausbildung und Verfeinerung des kapitalistischen Systems fanden in den bürgerlichen Kräften ihre Entwicklungsbasis. Man hat von daher zu Recht die Frage aufgeworfen, ob angesichts der wachsenden ökonomischen Macht und wirtschaftlich-industriellen Potenz tatsächlich von einer Niederlage des Bürgertums nach 1850 auszugehen ist.''1' Im Hinblick auf die Einlösung der ehemaligen republikanischen, liberalen und demokratischen Ziele darf man sicherlich von einem Scheitern sprechen; hinsichtlich seiner Vormachtstellung im wirtschaftlichen Bereich allerdings ist von einem steten Aufstieg des Bürgertums im 19. Jahrhundert auszugehen. Es ist dieser Aufstieg, der dazu berechtigt, das 19. Jahrhundert als das eigentliche bürgerliche Zeitalter' zu bezeichnen, auch wenn dessen Anlange bereits im 18. Jahrhundert liegen. Der wachsende Wohlstand begründete ein Selbstbewusstsein des Bürgertums, das sich verstärkt als die führende Forlschiittskraft in den Bereichen der Wirtschaft, Wissenschaft, Technik und Industrie sah. Und tatsächlich festigte es seine Macht im ökonomischen und industriellen Bereich, und auch im wissens- und bildungspolitischen Sektor konnte das Bürgertum Erfolge verbuchen. Hinzu kam, dass es bereits gegen Linde der 1850er Jahre infolge seiner ökonomischen Vormachtstellung durchaus politisches Gewicht bekam und partiell spezifisch bürgerliche Interessen und Ziele geltend machen und eine .Verbürgerlichung der Politik' durchsetzen konnte: Hier wäre vor allem die Herausbildung organisierter politischer Parteien sowie die partielle öffentliche Diskussion politischer Entscheidungen innerhalb der Presse zu nennen, was zumindest ansatzweise an parlamentarische Formen erinnerte.
      Zudem triumphierte die bürgerliche Hegemonie in der Ã-ffentlichkeit, im Wohnstil und in der Lebensführung, im Arbeitsethos und im Leistungsdenken, aber eben auch in der Literatur und den Künsten insgesamt. Ãoberall setzte sich der Siegeszug der liberal-bürgerlichen Leitwerte fort, nicht zuletzt das Bildungs- und Wissenssystem stellte sich als durch und durch bürgerlich geprägt dar. Weder der Adel noch das städtische Proletariat waren in der Lage, eine überlegene Gegenkultur durchzusetzen oder zu etablieren, das Phänomen des deutschen Naturalismus ändert an diesem Befund wenig. Da das Bürgertum zudem den Anspruch auf die geistig-intellektuelle Führungsrolle erhob und diese auch tatsächlich innehatte, im Wissen darum, dass man mithin indirekt weiterhin am gesellschaftspolitischen Kurs partizipierte, zeigte man sich dem Adel gegenüber versöhnlich: Man hob eine Tendenz zum Ausgleich und zur Vermittlung der Gegensätze hervor. Eine solche Haltung kennzeichnete sowohl die Mentalität des Bürgertums als auch die Lösungsangebote, die die Literatur im Hinblick auf den Konflikt zwischen Adel und Bürgertum bereithielt.
      Diese Versöhnungsgeste war darüber hinaus das Resultat der Anpassungswilligkeit, die in großen Teilen des Bürgertums vorherrschte. Die genannten Erfolge verhalfen zwar über die politische Enttäuschung und Bedeutungslosigkeit hinweg; doch sie reichten vor allem den bürgerlichen Industriellen-und Unternehmerschichten sowie dem Besitzbürgertum nicht aus, den spezifisch bürgerlichen Lebensstil zu akzeptieren oder eine eigene Lebensform auszubilden. Das wirtschaftlich emporgekommene Bürgertum passte sich, das wurde spätestens in den 1860er Jahren und verstärkt nach 1871 deutlich, nach oben zum Adel hin an. Ihm war eine Imitation der adeligen Lebensweise eigen, an deren Linde nicht selten die Nobilitierung stand. Bei aller Ablehnung des Adels aus einer bürgerlich-liberalen Gesinnung heraus blieb für viele Bürgerliche das Aristokratische Maßstab und Vorbild. Der Kapitalisierung des Adels entsprach mithin die Nobilitierung des Bürgertums: Dem Großbürgertum war ein Hang zu feudaler Lebensweise, dem Besitzbürgertum das Profildenken und die Jagd nach nobililie-renden Titeln und Dekorationen eigen, auf diese Weise schlug man sich auf die Seite des Adels.
      In Bezug auf diese für die gesamte politische Situation und Konstellation typische Haltung haben die Geschichtswissenschaften von einem 'empfindlichen Defizit an Bürgerlichkeil im deutschen Bürgertum" gesprochen.7" Line solche Diagnose gibt zugleich Auskunft über die Verzahnung der gesellschaftspolitischen mit der literarischen Entwicklung, ist die zweite Phase des Bürgerlichen Realismus, die nach 1871 in dessen Umfeld entstandene Literatur, doch gerade durch die Kritik an diesem Mangel an Bürgerlichkeit innerhalb des Bürgertums bestimmt. Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, dass der Liürgerliche Realismus in vielem den von der bürgerlichen Gesellschaft eingegangenen Kompromiss literarisch bestätigt hat. Fontane z.B. hat einerseits auf dieses Defizit an bürgerlicher Identität innerhalb weiter Teile des Bürgertums hingewiesen, andererseits aus seiner Vorliebe für die preußische Welt des Adels keinen Hehl gemacht, eine Position, die sich durchaus als eine Form von Nobilitierung deuten ließe. Ãoberhaupt dürfte Fontane ein prominentes Beispiel einer Versöhnung demonstrierenden Faszination der Bürgerlichen durch die Adelswelt sein. Fast die Hälfte seiner Romane ist thematisch dieser Affinität geschuldet und spielt in der nach 1871 stetig an gesellschaftlicher Bedeutung verlierenden Junkerwelt: 'Wer den Adel abschaffen wollte, schaffte den letzten Rest von Poesie aus der Welt", behauptet er, und auch glaubt er zu wissen, dass ,,[z]ehn Generatio-nen von 500 Schultze's und Lehmann's [...] noch lange nicht so interessant [sind] wie 3 Generationen eines einziges Marwitz-Zweiges".
      Darüber hinaus verdeutlicht gerade Fontanes Haltung jene fast paradoxe Position, in die das Bürgertum geraten war: Die Industrialisierung sowie die Kapitalisierung und Materialisierung der Gesellschaft waren durch das Bürgertum selbst in Gang gesetzte Prozesse, mit denen die ,Entzauberung' der Welt einherging; auch riefen sie in weiten Teilen des Bürgertums, vor allem im Bildungsbürgertum, mehr und mehr Unbehagen hervor. Der Bürgerliche Realismus favorisierte aber gerade die poetische Seite der Welt und unterwarf dementsprechend die Darstellung empirischer zeitgenössischer Lebenswelten, auch der bürgerlichen, infolge ihres Mangels an Poetizität einer Poetisierung. In der Regel entwarf man eine vorkapitalistische Welt und ignorierte damit jene durch das Bürgertum initiierte Kapitalisierung. Indem er sich dessen Lebenswelt zuwandte, glaubte er die angesichts der prosaischen Tendenzen des bürgerlichen Alltags schwindende Poesie des Lebens retten zu können.
     

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