Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Bürgerlicher realismus
Lange Zeit galt der Bürgerliche Realismus im Gegensatz zur Romantik und zum Naturalismus als eine Bewegung ohne klares theoretisches und programmatisches Profil.1 Begründet wurde ein solches Urteil ni
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Sentimentalismus



Indem der deutsche Realismus weniger auf eine objektive Erfassung der gesellschaftlichen und historischen Realität als vielmehr auf das subjektive und individuelle Erleben dieser Realität zielt, schildert er die Welt aus einer subjektiven Sicht, aus einer Perspektive der Innerlichkeit heraus. Hier dürfte der gewichtigste Unterschied zum englischen und insbesondere zum französischen Realismus liegen, geht es diesem doch primär man denke an die Gesellschaftsromane Balzacs oder Zolas um den Entwurf des Gesamtbildes der zeitgenössischen Gesellschaft.
      Martini hat die sich aus dieser spezifischen thematischen und ideologischen Motivierung für den deutschen Realismus sich ergebende Subjektivierung des Erzählens und damit die subjektiven Anteile realistischen Schreibens im Umfeld des Bürgerliehen Realismus treffend mit dem Begriff "Sentimentalismus" benannt.10'' Insbesondere im Moment der "Rührung" erkannte Martini ein wesentliches Kennzeichen der Ästhetik des Bürgerlichen Realismus."" Wie die spezifisch humoristische Erzählweise des Bürgerlichen Realismus wäre auch der "Sentimentalismus" als eine ästhetische Strategie zu umschreiben, mit der die Poetizität des Berichteten eingelöst werden soll. Auch garantiert das sich in die Gefühlssphären der Subjektivität zurückziehende und auf die subjektive Gefühlslage abhebende sentimentale Erzählen, wie im Vorangegangenen vorgestellt, die programmatische Forderung nach der Erfassung von Realität und realem Geschehen unter dem Aspekt ihrer Auswirkung auf das Individuum. Mit dieser Subjektivierung des Erzählens glaubt man den Anspruch auf die Poetisierung der Wirklichkeit einlösen zu können, sucht man die poetischen Dimensionen literarischen Schreibens doch ohnehin primär im Eiereich des Individuellen. Bei aller innovativen Schubkraft des Bürgerlichen Realismus, die sich mit Blick auf die positiv gewertete bürgerliche Lebenswelt und der damit einhergehenden
Aufwertung dieses Gegenstandsbereichs zum poesiefähigen Sujet ergibt: die eigentlichen poetischen Themen findet er im Subjektiv-Individuellen; hier liegen zugleich die Bezüge zur Romantik. Im Hinblick auf die Tatsache, dass die Entdeckung, aber auch die Entwicklung des ,lch' eng mit der maßgeblich von Fichtes Wissenschafislehre und von seiner "Lehre vom Ich"" beeinflussten Romantik einhergeht, verwundert dieser Zusammenhang nicht. Die Literaturtheorie des Bürgerlichen Realismus wird die ästhetische Kategorie des Sentimentalen unter den ideologisch motivierten Stichwötern der ,Rührung', des ,Traurigen' und ,Resignativen' erörtern." Beide Kategorien garantieren das Erzählprinzip des ,Versöhnlichen' bzw. der ,Versöhnung', das nahezu alle Werke des Bürgerlichen Realismus bestimmt; sie erzwingen die Lösung auch von gesellschaftlichen und gesellschaftspolitischen Konflikten im Privat-Persönlichen und Subjektiven. Fontanes Romane, insbesondere Irrungen, Wirrungen und /:'/// Bliest, sind überzeugende Beispiele für diese Form der Kontliktbereinigung. Der Konflikt bleibt dabei im Wesentlichen ungelöst und wird in der Resignation des Einzelnen aufgehoben. Statt gesellschaftlicher Problemlösung leistet der Bürgerliche Realismus allenfalls die subjektiv-private, individuell-resignierende Bewältigung des Lebensalltags. In diesem Punkt bot er die breiteste Angriffsfläche; mit der zunehmenden soziopolitisehen Ausdifferenzierung der wilhelminischen Gesellschaft bis 1914 büßte er bezeichnenderweise seine Verbindlichkeit als Ästhetik ein. Dass er dennoch eine derart lange Wirkungszeit entfalten konnte, hat sicherlich mit der Resignation des Bürgertums selbst zu tun, einer Haltung, der die literarische Strategie des versöhnlich-resignativen Erzählens auf das Genaueste entspricht. Das revolutionäre Aufbegehren existiert weder als Handlungsalternative innerhalb des Bürgertums noch spielt es in der Literatur des Bürgerlichen Realismus eine Rolle. Die von den Protagonisten erfahrenen Konflikte mit der Gesellschaft und dem Gesellschaftlichen werden individualisiert. In der Resignation und der unerfüllten Sehnsucht suchen die Opfer nach einer privaten Lösung der auftretenden Probleme und der ihnen von der Gesellschaft zugemuteten Diskrepanzen zwischen eigenem Begehren und sozialer Norm. Sie erleben sie privat und sie lösen sie privat. Lene und Botho, die Protagonisten von Irrungen, Wirrungen, dürften einprägsame Beispiele dieses Verhaltensmusters sein. Weder die dem Kleinbürgertum entstammende Stickerin noch der adelige Offizier haben die Möglichkeit, den Konflikt, in dem sie sich befinden, öffentlich auszutragen oder zumindest mit einem ihrer Angehörigen zu bereden. Bei Wilhelm Raabe hingegen verbinden sich die Trauer und Resignation mit dem Gefühl der Sehnsucht und des Sich-Erinnems an eine konfliklfreie Zeit wie mit dem Rückzug aus der Gesellschaft gleichermaßen. Beide Formen der Konfliktlösung entsprechen letztlich einer "subjektiven Surrogatlösung"."■' In ihr sieht der Bürgerliche Realismus allerdings zugleich das Poetische garantiert. Die Problematik der Aktualisierbarkeit vieler Werke der zweiten Jahrhunderthälfte ist in eben dieser Ausrichtung zu suchen; die in ihnen vorgeschlagene einseitig sentimental-subjektive Lösung gesellschaftlicher Konflikte lässt sich heute nur mehr partiell vermitteln. An die Stelle aktiven Handelns und Aufbegehrens werden in vielen, wenn nicht gar in der Mehrheit der Werke Resignation und passives Erleiden gesetzt. Statt Opposition und engagiertem Handeln exponieren sie eine Ausnahme waren Fontanes Protagonistinnen Melanie van der Straaten aus L 'Adultera und Mathilde Möhring aus den gleichnamigen Roman das Vermittelnde und Versöhnliche, das dem resignativen Rückzug implizit ist.
     

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