Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Bürgerlicher realismus
Lange Zeit galt der Bürgerliche Realismus im Gegensatz zur Romantik und zum Naturalismus als eine Bewegung ohne klares theoretisches und programmatisches Profil.1 Begründet wurde ein solches Urteil ni
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Realismus / Naturalismus



'Widerspiegelung" innerhalb der Ã"sthetik des Bürgerlichen Realismus meint dementsprechend im Gegensatz zum französischen Realismus eines Emile Zola, aber auch zum deutsehen Naturalismus nicht etwa die Annäherung von literarischer Darstellung an die Natur und lässt sich demzufolge auch nicht auf die naturalistische Forderung 'Kunst = Natur - x"w bringen; er wäre vielmehr mit der Formel ,Kunst = Natur + x' zu umschreiben. Wirklichkeitserkenntnis gelingt nicht, so die Vorstellung des Bürgerlichen Realismus, über die naturalistische Aufnahme der empirischen Realität. Zielt der Naturalismus auf W/edergabe des Realen, auf dessen Verdoppelung, so proklamiert der Bürgerliche Realismus genau umgekehrt die 'Widerspiegelung" von Wirklichkeit durch die subjektive Sicht und Aufnahme seitens des Autors, durch die Spiegelung und persönliche Deutung der Wirklichkeit im literarischen Kunstwerk also. Die Wahrnehmung von Wirklichkeit ist innerhalb des Realismuskonzepts des Bürgerlichen Realismus an die subjektive Perzeption gebunden, erst der subjektive Blick auf die Realität bringt Erkenntnis über sie, schafft 'wahre Kunst", wie Fontane sagt; denn, so weiß er, 'das Poetische hat immer recht; es wächst weit über das Historische hinaus".'"
Der Naturalismus hingegen möchte die Komponente 'x", die subjektiven Anteile jeder literarischen Erfassung von Realität deren Unabdingbarkeit man keineswegs leugnet , möglichst gering hallen. Im Anschluss an Emile Zola formuliert der Theoretiker der naturalistischen Bewegung Arno Holz dementsprechend: 'Die Kunst hat die Tendenz, wieder die Natur zu sein. Sie wird sie nach Maßgabe ihrer jeweiligen Reproduktionsbedingungen und deren Handhabung."'''' Zwar ist man sich im Klaren darüber, dass eine Deckungsgleichheit von literarischer Beschreibung und vorgefundener Realität niemals eintreten kann; dennoch konzentrieren sieh die ästhetischen Anstrengungen des Naturalismus auf den Versuch der größtmöglichen Annäherung der Literatur an die Realität; die Ausbildung des naturalistischen Sekundenstils ist in diesem Zusammenhang zu sehen.
      Demgegenüber bestehen die bürgerlichen Realisten auf der grundsätzlichen Verschiedenheit und Unvereinbarkeit von Wirklichkeit und Literatur, mithin betonen sie die Diskrepanz zwischen Realität und Literatur, betonen das 'himmelweit Verschiedene" des 'Kunstwerk[s|" von der Natur, wie Keller schreibt.'"' Man beharrt auf einem ästhetischen Mehrwert, auf dem 'Selbstzweck"" von Literatur. Im Unterschied zum Naturalismus möchte man die Kunst von der Verpflichtung auf das Mimesisprinzip befreien und sie der subjektiven, autonomen Verklärungstätigkeit des Künstlers überantworten. Dem Verständnis des Bürgerlichen Realismus zufolge bedeutet

Realismus also nicht ,Nachahmung', sondern 'künstlerische Wiedergabe", wie Fontane anlässlich seiner Ã"ußerungen zu Emile Zolas Aufsatz Realismus oder Naturalismus urteilt: 'Dies ist alles mögliche Gute," heißt es dort, 'nur nicht Realismus. Er gibt gelegentlich Häßlichkeiten, aber diese Häßlichkeiten sind nicht Realismus. Realismus ist die künstlerische Wiedergabe des Lebens. Also Echtheit, Wahrheit. Diese großen Tugenden vermiß ich im höchsten Maße."6* Und im Anschluss an seine Zola-Lektüre hält Fontane in einem Brief an seine Frau Emilie aus dem Jahr 1883 fest:
|...| es |Zolas Roman La conquete de Plassans; S.B.] ist aber durchaus niedrig in (iesamtanschauung von Leben und Kunst. So ist das Leben nicht, und wenn es so wäre, so tniisste der verklärende Schönheitssehleier dafür geschaffen werden. Aber dies ,erst schaffen' ist gar nicht nötig; |...|. Der echte Realismus wird auch immer schönheitsvoll sein; denn das Schöne, (iott sei Dank, gehört dem Leben gerade so gut an wie das Hüssliche.'
Und auch den norwegischen Autor Alexander Kielland lehnt Fontane mit dem Hinweis ab, dieser liefere 'Reportertum", nicht aber künstlerische 'Komposition":
Fr hat das Reportertum, aber statt der Komposition hat er die Kompositionsschablone, und von der schönen Seele hat er nichts. Der Cieist, der über dem Wissen sehwebt, ist ein trübseliger und ein unreiner, ein solcher, der vor allem mal untertauchen müßte, um reiner aus dem Bade hervorzugehen. [...]
Fr hat etwas von einem Psychologen, aber durchaus nicht von einem Charakteristiker. Warum nicht? Weil er nur das einzelne sieht, nicht die Totalität. So werden die Dinge bloß nebeneinandergestellt, oft sehr widerspruchsvoll, und das einheitliche oder Einheit schaffende Bild fehlt. "
Demgegenüber möchte Fontane, aber auch der Bürgerliche Realismus insgesamt, Realität und Natur zum Thema von Literatur machen, ohne dabei jedoch deren Status als Literatur in Frage zu stellen, d.h. ohne die Unterschiede zwischen Realität und Literatur zu verwischen. Realismus meint die Thematisierung von Wirklichkeit, aber auch die ästhetische Kodierung dieser Wirklichkeit, die poetische Transformation des Realen in die Literatur. Man produziert eine Literatur, die Wirklichkeit beschreibt, dabei aber stets signalisiert, dass es sich um Dichtung handelt.
      Realismus innerhalb der Konzeption des Bürgerlichen Realismus bedeutet mithin nicht Mimesis, sondern Poetisierung oder Verklärung des Realen. Es geht dementsprechend auch nicht, wie im Naturalismus, um eine möglichst umfassende Annäherung an die empirische Wirklichkeit. Vielmehr steht die ästhetische Bewältigung und literarische Verarbeitung des ambivalenten, wenn nicht sogar polaren Verhältnisses von objektiver Wirklichkeit und subjektiver Erfahrung, Wahrnehmung und Deutung von Welt im Mittelpunkt.
      Dabei begründet der Vorgang der Verklärung dem Konzept des Bürgerlichen Realismus zufolge die poetische Dimension eines literarischen Textes und damit auch die Poetizität von Literatur; im Prozess des Verklärens sieht man sodann die eigentliche Aufgabe von Literatur begründet und den Unterschied zur Realität benannt. Diese Ligenart des Realismuskonzepts des Bürgerlichen Realismus beinhaltet zugleich den wesentlichen Unterschied zu dem in den 1880er und 1890er zeitgleich wirkenden Naturalismus.
     

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