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Bürgerlicher realismus
Lange Zeit galt der Bürgerliche Realismus im Gegensatz zur Romantik und zum Naturalismus als eine Bewegung ohne klares theoretisches und programmatisches Profil.1 Begründet wurde ein solches Urteil ni
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Plausibilitätsprinzip



Fontanes Ã"ußerungen deuten es an: Für den von ihm geforderten 'Griff ins volle Menschenleben" wollte man eines nicht: 'Rhetorik"; poetologische Leitlinien sind vielmehr die Erzählprinzipien der Anschaulichkeit und Plau-sibilität des Geschilderten: 'Niemand muß nüchterner in die Welt hineinsehen als ein ernster Romanschreiber", heißt es z.B. bei Wilhelm Raabe." Fontane wiederum spricht von Objektivität:
.Ein Werk ist um so stilvoller, je objektiver es ist', d.h. je mehr nur der Gegenstand selbst spricht, je freier es ist von zufälligen oder wohl gar der darzustellenden Idee widersprechenden Eigenheiten und Angewöhnungen des Künstlers.''"
In der einzigen Romantheorie des Bürgerliehen Realismus, in Friedrich Spielhagens Theorie und Technik des Romans aus dem Jahr 1883, wird die Forderung nach der Objektivität der Darstellung und des Erzählers als das zentrale Merkmal eines modernen Romans und eines realistischen epischen Schreibens hervorgehoben." Autor und Erzähler haben sieh zugunsten eines objektiven Gesamtbildes einer Gesellschaft zurückzuziehen. Dieses Ziel soll mittels eines 'Romans des Nebeneinanders" erreicht werden, der seine Anklänge an Karl Gutzkows Roman Die Riller vom Geiste nicht verschweigt94; doch im Gegensatz zum Jungdeutschen Gutzkow, der mit seinem Konzept des 'Vielheitsromans"'" tatsächlich der Komplexität der deutschen Gesellschaft der 1840er Jahre entsprechen wollte, zielt Spielhagens Romantheorie auf die Erfassung der bürgerlichen Gesellschaftsgruppen und ihrer Entwicklung seit I848.
      Realistisch heißt für die bürgerlichen Realisten wahrscheinlich und plausibel, das Dargestellte muss, so die Vorgabe, auf der Basis der Vernunft und der Ratio verfasst sein. Mit diesem Anspruch knüpft man auch an die Aufklärungstradition an und grenzt sich, Fontanes Distanzierung von der 'zufälligen [...] Idee" deutet es an, dezidiert von der Romantik ab, die den Zufall, den Einfall, das Fragment und den Witz zu ihren zentralen ästhetischen Kategorien erhoben hatte. Nannte Karl Gutzkow in seiner Romantheorie noch das Prinzip des Zufalls als leitende ästhetische Maxime, so wird für die Romanciers des Bürgerlichen Realismus das Gegenteil richtungweisend. Die beschriebene Well und die erzählte Handlung müssen, ungeachtet des Verklärungsgebots, wahrscheinlich, die geschilderten Vorgänge plausibel sein. Dichtung und faktische Wirklichkeit sind über dieses Plausi-bililälsgebot eng miteinander verbunden. Der Bürgerliche Realismus erzählt in einem konventionellen Stil das Vorslellbare; das Unwahrscheinliche und Ungefähre lehnt man ab. Handlung und Handlungsablauf sind fest in den bürgerlichen Alltag eingebunden und detailreich ausgeschmückt hier darf man vor allem an das Werk Adalbert Stifters denken, das sich durch eine fast pedantische Detailfixiertheit auszeichnet. Das dargestellte Geschehen ist zumeist zeitlich und örtlich fixiert sowie kausal aufeinander bezogen; die Verhaltens- und Handlungsweisen der Figuren sind psychologisch motiviert und damit für den Leser nachvollziehbar.
      Derartige Erzählprinzipien sind nicht zuletzt als ein Resultat des Materialismus zu erklären. So mahnte z.B. der Naturwissenschaftler Karl Müllerzeitweiliger Mitherausgeber der Zeitschrift Die Natur. Zeitung zur Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnis und Naturanschauung für Leser aller Stände an, literarische Werke feierten, aller 'botanisch-naturwissenschaftlichen Logik ungeachtet", 'den Mai mit Rosen".1"' Stifter nahm auf diese Mahnung des Naturwissenschaftlers im Nachsommer Bezug, wenn der Erzähler dort im Hinblick auf Risachs Garten beteuert, er erwähne nur jene Pflanzen, die der Rosenblüte gleichzeitig seien." Und auch die Mahnung, die Rudolf Gottschall in seiner 1858 erschienenen Untersuchung zur Poetik. Die Dichtkunst und ihre Technik. Vom Standpunkte der Neuzeit anbringt, verweist im Hinblick auf das Plausibilitätsprinzip des Bürgerlichen Realismus auf den Einlluss der Naturwissenschaften, wenn er eine Literatur verlangt, 'welche der Physiognomie der Gewächse und der Pflanzengeo-graphie Rechnung trägt": 'Wir wollen die Blumen nicht in einer Jahreszeitblühen sehen, in der sie in der Wirklichkeit nicht einmal Knospen treiben."'' Folglich kann Julius Frauenstädt in seiner Abhandlung Die Naturwissenschaften in ihrem Einfluß auf Poesie, Religion, Moral und Philosophie konstatieren, 'die objektiven Resultate der Naturwissenschaften [seienj der Poesie keineswegs zuwider, denn sie bilden den Stoff, den der Dichter poetisch zu gestalten hat."'1'
Wichtiger als die Bedeutung der Naturwissenschaften für das Plausibilitätsprinzip des Bürgerlichen Realismus dürften allerdings soziokulturelle und ideologische Aspekte gewesen sein. Denn eine Literatur, die auf die klassenspezifische Vermittlung von Normen ausgerichtet ist, hat sich zwangsläufig sowohl einer anschaulichen Sprache als auch einer plausiblen Handlungsführung zu bedienen. Der Literatur des Bürgerlichen Realismus ist eine Tendenz zur berichtenden, auf Mitteilung setzenden Sprache immanent. Insbesondere Theodor Fontane perfektionierte einen solchen, jegliche Rhetorik vermeidenden ,Tatsachenstil'. Dieser ist zum einen das Resultat inhaltlicher Schwerpunktsetzungen; zum anderen steht dahinter aber auch der Versuch, der auf Ãoberschaubarkeit und Ordnung setzenden bürgerlichen Wertegemeinschaft ein Ã"quivalent in der Literatur zur Seite zu stellen. Der späte Raabe oder auch Keller, die die zunehmende Diskrepanz zwischen bürgerlicher Lebenspraxis und Lebensrealität einerseits und ehemaligem ideologischem Anspruch andererseits benennen, verzichten innerhalb ihrer kritischen Bestandsaufnahme keineswegs auf die geordnete Aneignung und Darstellung von Realität. Kellers Novelle Romeo und Julia auf dem Dorfe, in der die Protagonisten die bürgerliche Welt als Chaos und zerstörtes Leben erfahren, setzt diesem Zustand einen festen Wertekanon Sauberkeit und Ordnung stehen dabei im Zentrum sowie eine geordnete Weltaneignung, Mentalität und Lebensweise entgegen. Dieses Bedürfnis treibt die Helden in den Tod, daneben sagt es zudem auch etwas über Kellers erzählerisches Verlangen nach der geordneten epischen Aneignung von Realität aus. Aus diesem resultiert zudem die Orientierung der Epik des Bürgerlichen Realismus am formalen Aufbau des Dramas. Dem Tragischen ebenso wie allen Radikalisierungen, Polarisierungen und Spannungen weicht man aus, wobei diese Vermeidungsstrategie, die offenbar unerschöpfliche Harmoniesucht des Bürgerlichen Realismus, sich adäquat nur vor dem Hintergrund der gesellschaftspolitischen Lage des Bürgertums im 19. Jahrhundert verstehen lässt. Dementsprechend dominiert in der sprachlichen Darstellung nicht das Unruhige, Sprunghafte oder gar Experimentelle wie noch in der Romantik oder in der Literatur des Jungen Deutschland; vielmehr ist ein Hang zum Begrenzten, Geordneten und Gemäßigten zu verzeichnen, die erzählte Welt des Bürgerlichen Realismus ist eine geordnete und überschaubare Welt.
     

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