Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Bürgerlicher realismus
Lange Zeit galt der Bürgerliche Realismus im Gegensatz zur Romantik und zum Naturalismus als eine Bewegung ohne klares theoretisches und programmatisches Profil.1 Begründet wurde ein solches Urteil ni
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Literatur und Realität



Die Theorie des Bürgerlichen Realismus kreist vornehmlich um die Frage nach der Beziehung zwischen Literatur und Wirklichkeit; es ist insbesondere das differenzierte Verhältnis des Bürgerlichen Realismus zur Realität, das diese Bewegung so komplex und ambivalent macht. Denn einerseits soll Realität verklärt wiedergegeben werden, auf der anderen Seite aber darf die in der Literatur entworfene Welt keinesfalls unrealistisch und unplausibel oder gar mit romantischen Attributen oder märchenhaften Zügen ausgestattet sein. Vorstöße in rational nicht zugängliche Bereiche, in romantische Tra um- und Märchenwelten verbieten sich der Programmatik des Bürgerlichen Realismus zufolge. Das Geschilderte muss plausibel und für den Leser nachvollziehbar sein, letztlich erklärt dieses Plausibilitätsprinzip das Festhalten des Bürgerlichen Realismus an traditionellen Erzählweisen. Zu keinem Zeitpunkt wagt der Bürgerliche Realismus ästhetische Experimente; die Forderung nach der Plausibilität des Erzählten und nach der Entsprechung von literarischer Darstellung und empirischer Wirklichkeit impliziert die Notwendigkeit einer auf Chronologie und Kausalität setzenden Erzählweise.
      So geht es innerhalb der Theorie des Bürgerlichen Realismus zu keinem Zeitpunkt um den Versuch einer Gleichsetzung von Literatur und Realität. Vielmehr ist die Basis, auf der die ästhetische Bewältigung von realer Lebenswelt zumeist meint man die bürgerliche , geleistet wird, stets eine bewusst subjektive Realitätsaneignung und individuelle Deutung von Wirklichkeit. Darin dürfte der Hauptunterschied zwischen Bürgerlichem Realismus und deutschem Naturalismus liegen, geht es beiden Bewegungen doch letztlich um ein gegenteiliges Ziel. Den Versuch der größtmöglichen Annäherung der Literatur an die Realität unternimmt der Naturalismus, der oft vorgenommene Vergleich des naturalistischen Schreibens mit der

Methode und Praxis der Fotografie indiziert dies. Der Bürgerliche Realismus hingegen geht zwar von einem engen Zusammenhang zwischen Literatur und Realität aus; auch bildet er für die literarische Bewältigung dieser Verbindung adäquate ästhetische Verfahrensweisen aus, hier wäre insbesondere das Plausibilitäts- bzw. Wahrscheinlichkeitsprinzip zu nennen, das sowohl unter produktionsästhetischen Gesichtspunkten auf Seiten des Autors konzipiert ist als auch mit Blick auf den Leser rezeptionsästhetische Belange berücksichtigt. Dabei wird jedoch zu jedem Zeitpunkt an der Eigengesetzlichkeit der Literatur festgehalten, die Autoren des Bürgerlichen Realismus werden nicht müde, den Unterschied zwischen Wirklichkeit und Dichtung hervorzuheben. Diese Maxime gilt Für alle Wirkungsphasen; so betont Gottfried Keller bereits 1851, ungeachtet des pädagogisch-didaktischen Anspruchs, der hinter dem von ihm angestrebten Entwurf einer bürgerlichen Welt steht, die grundsätzliche Autonomie der Kunst. 'Das Kunstwerk", so schreibt Keller, sei 'etwas himmelweit verschiedenes von der Natur, und in dieser Verschiedenheit, ist es Selbstzweck".' Und dreißig Jahre später formuliert Keller sein berühmtes, für den Bürgerlichen Realismus ebenfalls repräsentatives Credo von der 'Reichs-unmittclbarkeit der Poesie". Er präzisiert diese Forderung als das Recht des Autors, 'auch im Zeitalter des Fracks und der Eisenbahn, an das Parabelhafte, das Fabelmäßige ohne weiteres anzuknüpfen"", das Recht also, auch innerhalb einer industriellen Gesellschaft und im Zeitalter des Materialismus an dem auktorialen Entwurf fiktiver Welten festhalten zu dürfen, ohne dabei gleich als Romantiker zu gelten; damit proklamiert er zugleich die Souveränität der Kunst und der gedichteten Welt in Analogie zu den unmittelbar dem Reich unterstellten Städten. Gerade die Betonung beider Aspekte, der pädagogisch-didaktischen Ansprüche und der funktionalen Ausrichtung auf der einen, und der entschiedenen Verteidigung einer Autonomie der Kunst auf der anderen Seite, machen die Eigenart, ja Eigenwilligkeit des Bürgerlichen Realismus aus. Literatur steht im Dienst der Realität, insofern sie ihre Sujets der bürgerlichen Alltagswelt entnimmt und sie insgesamt einer dezidiert bürgerlichen Mentalität verpflichtet ist. Auch indem sie den Entwurf eines spezifisch bürgerlichen Wertesystems und einer ebensolchen Lebenspraxis bemüht ist, ist sie realistisch', was primär die Forderung nach der Plausibilität und Wahrscheinlichkeit des Dargestellten betont; doch sie ist keinesfalls identisch mit der Wirklichkeit. Die gedichtete Welt muss sich stets auf die reale beziehen, muss Realität und alltäglich erfahrbare Lebenswirklichkeiten thematisieren, doch sie darf nicht mit dieser zusammenfallen oder identisch sein, darf zu keinem Zeitpunkt ihren Status als Literatur gefährden. Man will - so ließe sich das Verhältnis von Realität und Literatur im Bürgerlichen Realismus präzisieren - den Versuch unternehmen, Realität zu beschreiben, aber zugleich den Unterschied zu ihr markieren. In diesem Sinne definiert bereits Theodor Fontane 1852 den Realismus als die 'Widerspiegelung alles wirklichen Lebens, aller wahren Kräfte und Interessen im Elemente der Kunst". Zwischen Realität und Literatur besteht für den [Bürgerlichen Realismus mithin ein grundsätzlicher Unterschied, Literatur ist die ästhetische Codierung der Wirklichkeit, ist die Transformation des Realen in ein ästhetisches Konstrukt." Die Basis dieses Unternehmens ist die Ãoberzeugung, dass 'das Poetische [,..| immer recht" habe, so die Worte, die Fontane in seinem Roman Frau Jenny Treibe/ seine Figur Willibald Schmidt sagen lässt.'' Dementsprechend kann Otto Ludwig definieren: Der 'poetische Realismus" ist 'ein Kompromiss zwischen der Wirklichkeit der Dinge und dem Wunsche des Menschen, wie sie sein möchten."1"
Die viel zitierte Verklärungsstrategie dürfte das zentrale ästhetische Mittel des Bürgerliehen Realismus zur Differenzierung von Kunst und Wirklichkeit, von Dichtung und Realität sein. Auch dieses birgt eine kaum zu überdeckende Ambivalenz: Denn einerseits übt man scharfe Kritik an einem extremen Idealismus, an der romantischen Sehnsucht nach einer zweiten, einer phantastischen Traumwelt. Doch andererseits wird auch die Preisgabe jeglicher idealistischer Dimension von Literatur z.B. im Zuge der Politisierung von Literatur im Stil des Jungen Deutschland und der Vormärz-Literatur der 1840er Jahre oder des Naturalismus der 1880er und 1890er Jahre abgelehnt.
      Hinter dieser Ambivalenz steht auch die Tatsache, dass der Bürgerliche Realismus das Produkt des geistigen Zwiespalts ist, in dem sich das Bürgertum seit 1848 befand: Zum einen dem traditionellen Denken verhaftet, auch politisch konservativ, wenn nicht gar restaurativ; und zum anderen beeinflusst sowohl vom optimistisch-materialistischen Denken Feuerbachs als auch von Schopenhauers Pessimismus muss die nach 1848 einsetzende realistische Bewegung als eine äußerst komplexe, letztlich zwiespältige literarische Bewegung gewertet werden: Nicht zuletzt ist diese auch ein Produkt der Industrialisierung der Lebenswelt und der Kapitalisierung der Gesellschaft im 19. Jahrhundert. Bereits die Romantik hatte sich in der Konfliktsituation befunden, in einer zunehmend nach materialistischen Belangenorganisierten Welt die Kunst in einen kapitalismusfreien Raum zu verlagern und sie gegenüber den ökonomischen Interessen einer sich konstituierenden Industriegesellschaft zu verteidigen. Das romantische Unterfangen, Kunst als Religion zu etablieren, verweist darauf. Die Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders eine Gemeinschaftsarbeit von Wilhelm Heinrich Wackenroder und Ludwig Tieck aus den Jahren 1795 und 1796 -geben Auskunft über diesen Versuch; auch die zahlreichen Gespräche über das Verhältnis von Kunst und Handel, über die Bestimmung bzw. den Nutzen von Kunst in Tieeks Roman Franz Sternbalds Wanderungen indizieren diese veränderten Gegebenheiten, mit denen sich Kunst und Literatur konfrontiert sahen.
      Der Bürgerliche Realismus indes fuhrt diese Diskussion nicht mehr; längst hat die bürgerliche Gesellschaft der Literatur ihren Platz zugewiesen, Literatur nimmt nun auch die Interessen eines primär vom Handel und von der Industrie lebenden Bürgertums wahr. Sie hat dieses zu beschreiben, seine Werte zu präsentieren, die materialistischen ebenso wie die ethischmoralischen. An Literatur wird die Funktion herangetragen, die bürgerliche Mentalität und Lebensform, aber auch die Berufs- und Arbeitswelt des Bürgertums zu beschreiben. Sie hat den 'Bürger", so forderte Julian Schmidt, in einem auch Gustav Freytags Roman Soll und Haben aus dem Jahr 1855 als Motto vorangestellten Satz, bei der 'Arbeit" aufzusuchen", auch soll sie ihn in seinem häuslich-familiären Umfeld zeigen. Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, dass die Hartnäckigkeit, mit der der Bürgerliche Realismus das Poetische und die Notwendigkeit einer poetischen Dimension von Literatur betont, als ein Versuch verstanden werden muss, Romantisches im Realismus zu bewahren. Sicher bleibt Literatur nicht, wie in der Romantik, einem fernen, unendlichen oder utopischen Reich, einer Traumwelt oder dem Unbewussten des Menschen vorbehalten, der Weg geht nicht, wie Novalis stellvertretend für die frühromantische Generation formuliert hatte, 'nach Innen"12; vielmehr hat sie repräsentative Zwecke zu erfüllen, es geht um die Darstellung der bürgerliehen Welt und um die Proklamation bürgerlicher Werte; gleichwohl kann der Bürgerliche Realismus seine romantischen Dimensionen insbesondere die im Verklärungspostulat und in dem Wunsch nach der Poetisierung des Realen verborgenen - kaum leugnen.
     

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