Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Bürgerlicher realismus
Lange Zeit galt der Bürgerliche Realismus im Gegensatz zur Romantik und zum Naturalismus als eine Bewegung ohne klares theoretisches und programmatisches Profil.1 Begründet wurde ein solches Urteil ni
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Literatur und Mimesis



Insbesondere die Ã"ußerungen Theodor Fontanes, aber auch die Urteile anderer Vertreter des Bürgerlichen Realismus über die Realismuskonzeption der Naturalisten machen deutlich, dass man unter Realismus keinesfalls die möglichst exakte und getreue Reproduktion der Wirklichkeit, keine Kopie der Realität verstand. Der Philosoph Julius Hermann von Kirchmann z.B. erhob in seiner 1868 erschienenen Ã"sthetik auf realistischer Grundlage der naturalistischen Nachahmungstheorie gegenüber den Vorwurf, dass eine solche Kunsttheorie nicht zwischen dem eigentlich Wesentlichen und dem Unwesentlichen unterscheide.â"¢ Auf genau dieser Trennung beharrt jedoch die realistische Theorie des Bürgerlichen Realismus.
      Seine Programmatik schreibt der Kunst die Aufgabe zu, die Realität zu idealisieren, sie von zufälligen, störenden oder unwesentlichen Erscheinungen zu 'reinigen"51, um so das ,Wesentliche' und ,Wahre sichtbar zu ma-chen. Realismus wird keineswegs mit dem ,,nackte[n] Wiedergeben alltäglichen Lebens" gleichgesetzt; man versteht ihn als eine 'Poesie der Wirklichkeit, die nackten Stellen des Lebens überblumend, die an sich poetischen nicht über die Wahrscheinlichkeit hinausgehoben".5' Die Aufgabe von Kunst erkennt man sodann im Prozess der 'Läuterung"5'', eine Funktions-zuschreibung, die man mit dem Terminus des 'Poetischen Realismus" zum Ausdruck bringen wollte. Dabei ging es nicht zuletzt eben auch um die Abgrenzung zu einem Naturalismus in der Kunst, der in Verbindung mit dem Mimesisprinzip Literatur als Spiegelbild instrumentalisierte. Auf genau solche Festlegungen spielte Ludwig mit dem von ihm verwendeten Terminus des 'Poetischen Realismus" an: Dieser biete ein 'erhöhtes Spiegelbild" der Realität, in dem dann auch Harmonie und Ordnung garantiert seien. Zwar wurde Ludwigs Begriff von den Programmatikern Schmidt und Freytag nur unter Vorbehalt rezipiert; dennoch waren mit seinen Ãoberlegungen bereits die wesentlichen Unterschiede des Bürgerlichen Realismus zu dem seit den 1880er Jahren in Deutschland wirkenden Naturalismus benannt, der sich nicht zuletzt als Gegenbewegung zum deutschen Realismus konstituierte.
      Nach Meinung der bürgerlichen Realisten ist Verklärung dann notwendig, wenn Kunst eine Synthese von Subjektivem und Objektivem, von Idee und Materie, von Idealität und Realität leisten soll ; diese Synthese ist ihrer Meinung nach nur über die Idealisierung des Realen zu bewältigen. Daneben ist die Forderung nach Verklärung das Resultat der sich wandelnden Auffassung vom Verhältnis von Realismus und Mimesis. Ging man um 1848 noch von einer Kongruenz zwischen Realismus und Mimesis aus, so setzte sich der Bürgerliche Realismus die Aufkündigung genau dieses Bezugs zum Ziel, wobei man in der bewussten Absetzung des Realismus vom Mimesisprinzip die Eigenart des Bürgerlichen Realismus zu begründen und dessen eigene Position zu formulieren gedachte.
      Innerhalb der Ã"sthetik des Bürgerlichen Realismus benennt Realismus als literarischer Begriff das Verhältnis zwischen Dichtung und Wirklichkeit. Dabei geht es nicht um die Gleiehsetzung beider Bereiche, ja noch nicht einmal ausschließlich um die literarische und ästhetische Bewältigung der empirischen Realität; im Mittelpunkt der poetologischen Ãoberlegungen des Bürgerlichen Realismus steht vielmehr das Verhältnis zwischen Wirklichkeit und objektiver Darstellung dieser Wirklichkeit auf der einen und ihrer subjektiven Deutung durch den Autor auf der anderen Seite. Die Komplexität des Bürgerlichen Realismus ergibt sich aus der Tatsache, dass es sich - so haben die vorangegangenen Ausführungen zum Verhältnis von Realismus und Idealismus deutlich gemacht um eine Bewegung handelt, die sich gleichermaßen in eine realistische wie in eine idealistische Tradition stellte. Sujets und Stoffe entnimmt man der realen, zumeist der bürgerlichen Alltagswelt, und auch die Genauigkeit, mit der man Details dieser alltäglichen Lebenswelt erzählt, entspricht einer realistischen Praxis. Die fotografische Reproduktion von Wirklichkeit indes lehnt man strikt als unkünsllerisch ab, wie man auch die Fotografie selbst nicht als Kunstform gelten lassen will. Dieser Haltung korrespondiert die Ãoberzeugung, dass Kunst mehr zu sein habe und mehr ist, als W/cdergabe des bereits Vorhandenen, als die Abbildung und Reproduktion alltäglicher Wirklichkeit: 'Kunst ist mehr", behauptet Fontane und definiert Realismus als die 'Widerspiegelung alles wirklichen Lebens [...| im Elemente der Kunst"." Damit war bereits im Jahr 1852 der in den 1880er Jahren entstehende Konflikt mit dem Naturalismus angelegt. Zwar verziehten die Realisten auf jegliche philosophische oder idealistische Spekulation; doch die künstlerischen Mittel, mit denen Wirklichkeit in der Literatur darzustellen sei, stehen dem Bürgerlichen Realismus klar vor Augen: Die vorgefundene alltägliche Wirklichkeit muss verklärt werden, was nicht unbedingt heißt, dass sie idealisiert werden muss. Vom deutschen Idealismus hebt sich der [Bürgerliche Realismus insofern ab, als er keine idealisierte Welt entwirft, also keine Welt darstellt, wie sie sein sollte; stattdessen geht die literarische Welt des Bürgerlichen Realismus in vielem konform mit der realen Lebenswelt des Bürgertums im 19. Jahrhundert. Doch genau an der Stelle, an der sich in der Realität Diskrepanzen zum Ideal einer bürgerlich-humanen Wertegemeinschaft und Disharmonien eröffnen, sei es im politischen, gesellschaftlichen oder sozialen Bereich, setzen die subjektive Aneignung von Seiten des Autors und damit die subjektive Deutung ein, innerhalb derer real existierende Probleme keine allzu große Rolle spielen.
      Mit dieser Strategie wird die Aussparung der 'nackten Stellen des Lebens"â"¢, eines 'naektefnj, prosaischen"5' Realismus zum Programm: Ein 'wahrer" Realismus ist dem Bürgerlichen Realismus nur ein 'poetischer" Realismus, eine literarische Darstellung also, die, so heißt es z.B. bei Julian Schmidt, in vielem dem Idealismus verpflichtet ist. Von diesem unterscheidet er einen 'falschen" Realismus, so z.B. den unpoetischen Realismus der Jungdeutschen, der die Grenze zwischen Poesie und Publizistik aufge-hoben und damit den Einzug unpoetischer Sujets in die Literatur ermöglicht habe. Auch Otto Ludwig grenzt - lange vor der Entstehung der naturalistischen Bewegung den 'künstlerischen" Realismus des 'Poetischen Realismus" von einem 'naturalistischen Realismus" ab. Letzterer bleibe der 'gemeinen" Welt verhaftet, der 'künstlerische" Realismus hingegen bringe die 'ganze, geschloßne"6' Welt zum Ausdruck.
      Theodor Fontane hat in seinem Aufsatz Unsere lyrisehe und episehe Poesie seit 184X - ein Manifest des frühen Realismus - eine solche Form von Realismus präzisiert. Es heißt dort:
Vor allen Dingen verstehen wir nicht darunter das nackte Wiedergeben alltäglichen Lebens, am wenigsten seines Elends und seiner Schattenseiten. [...] Es ist noch nicht allzu lange her, daß man Misere mit Realismus verwechselte und bei der Darstellung eines sterbenden Proletariers, den hungernde Kinder umstehen, ... sich einbildete, der Kunst eine glänzende Richtung vorge/.eiehnet zu haben. Diese Richtung verhält sich zum echten Realismus wie das rohe Krz zum Metall: die Läuterung fehlt. Wohl ist das Motto des Realismus der (ioethe'sche Zuruf: 'Greif nur hinein ins volle Menschenleben, / Wo du es packst, da ist's interessant; / aber freilich, die Hand, die diesen Griff thut, muß eine künstlerische sein." Das Leben ist doch immer nur der Marmorsteinbruch, der den Stoff zu unendlichen Hildwerken in sieh trägt; sie schlummern darin, aber nur dem Auge des Geweihten sichtbar und nur durch seine Hand zu erwecken. Fontane präzisiert sodann, wie man sich einen 'echten" Realismus vorzustellen habe:
Hr ist die Widerspiegelung alles wirklichen Lebens, aller wahren Kräfte und Interessen im Elemente der Kunst: er ist [...] eine Interessenvertretung auf seine Art. F.r umlangt das ganze reiche Leben, das Größte wie das Kleinste: Denn alles das ist wirklich. Der Realismus will nicht die bloße Sinnenwelt und nichts als diese; er will am allerwenigsten das bloß Handgreifliche, aber er will das Wahre!''

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