Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Bürgerlicher realismus
Lange Zeit galt der Bürgerliche Realismus im Gegensatz zur Romantik und zum Naturalismus als eine Bewegung ohne klares theoretisches und programmatisches Profil.1 Begründet wurde ein solches Urteil ni
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Kunstverständnis



Das literarische Programm und ästhetische Konzept des Bürgerlichen Realismus basiert auf dem Entschluss, die verloren gegangene Poetizität des Realen in der Literatur wiederherzustellen, genau genommen also das Gegenteil einer realistischen Darstellung zu geben. Die Beschreibung von Literatur als eine 'des schönen Scheins"71, die man als das Kennzeichen der Literatur der Gründerzeit zitiert hat, umschreibt partiell auch den Bürgerliehen Realismus. Das Bild, das dieser von der Realität entwirft, ist ein weitgehend ungetrübtes, ein von Disharmonien und Hässlichkeit gereinigtes. Der Ausgangspunkt der Darstellung liegt zwar stets in der empirischen Wirklichkeit, Phantasiewelten und imaginäre Reiche, wie sie die Romantik für die Literatur entdeckte, liegen dem Bürgerlichen Realismus fern oder sind gar verpönt. Doch der Blick auf die Realität ist ein selektiver und idealisierender. Mit gutem Grund haben die bürgerliehen Realisten, wie im vorangegangenen Kapitel dargestellt, von einem ,Realidealismus' gesprochen, dem es nicht darum geht, die 'wirklichste Wirklichkeit"7', sondern eine ,ideale Wirklichkeit' zu entwerfen. Dem entspricht, dass der Literaturdes Bürgerliehen Realismus ästhetizistische Tendenzen immanent sind74; insbesondere Adalbert Stifters Roman Der Nachsommer steht für diese Dimensionen. Angesichts dieser idealistischen Anteile des Bürgerliehen Realismus darf der sich seit Anfang der 1880er Jahre konstituierende Naturalismus als Versuch beschrieben werden, 'dem Realen seine Rechte zurückzugeben". "
Nahezu alle Vertreter des Bürgerliehen Realismus greifen für die Klärung ihres Verhältnisses zur Realität und der Beziehung zwischen Realität und Literatur auf den Begriff der Verklärung oder auf die synonym gebrauchten Termini 'Läuterung" und 'Idealisierung"7'' zurück. Das viel zitierte Urteil Fontanes, das dieser in seinen Ãoberlegungen zu Turgenjews Erzählungen Aufzeichnungen eines Jägers vorbrachte, umschreibt die Inhalte der Verklärungsstrategien des Bürgerlichen Realismus. Turgenjew gebe 'so grenzenlos prosaisch, so ganz unverklärt die Dinge wieder": 'Ohne diese Verklärung gibt es aber keine eigentliehe Kunst [...]. Wer so beanlagt ist, muß Essays über Rußland schreiben, aber nicht Novellen"77, heißt es dort. Fontane positioniert damit zugleich den Autor und beruft sich hierfür auf den grundsätzlichen Unterschied zwischen einer prosaisch-essayistischen Literatur und einer .eigentlichen' Dichtung . Was Fontane an Turgenjew bemängelt, ist letztlich dessen Verzieht auf die poetische, verklärende Aneignung von Realität; in seinen Augen ist dies aber die eigentliche auktoriale Leistung und die literarische Qualität eines Textes. Das verklärende Eingreifen des Autors ist die Voraussetzung für den Status Kunst. Im Unterschied zum Naturalismus geht der Realismus von unaufhebbaren, in der Kunst zu bestätigenden Differenzen zwischen literarischer und empirischer Realität aus:
Denn es bleibt nun mal ein gewaltiger Unterschied zwischen dem Rüde, das das Leben stellt und dem Hilde, das die Kunst stellt; der Durchgangsprozeß, der sich vollzieht schafft doch eine rätselhafte Modelung, und an dieser Modelung haftet die künstlerische Wirkung, die Wirkung überhaupt. Kunst ist ein ganz besonderer Saft, heißt es 1890 in Fontanes Besprechung des Dramas Familie Selicke von Arno Holz und Johannes Schlaf: Nicht die Reproduktion des Realen begründet Kunst, sondern dessen 'Modelung", die literarische Aneignung der Realität ist die eigentliche künstlerische Leistung. Diese strikte Trennung /wischen literarisch-künstlerischer Eigenwelt und der Realität der empirischen Welt dürfte die Komplexität und Eigenart des Bürgerlichen Realismus ausmachen. Das Beharren auf der Existenz beider Bereiche, aber auch auf den Unterschieden sowie auf der Notwendigkeit zwischen ihrer strikten Trennung unterscheidet den Bürgerlichen Realismus maßgeblich von anderen realistischen Strömungen sowohl des 19. Jahrhunderts als auch des 20. Jahrhunderts . Es ist aber auch zugleich dieses Ideal, das Pesthalten an einer idealistischen Dimension von Literatur also, das den Bürgerlichen Realismus mit der Weimarer Klassik des 18. Jahrhunderts verbindet. Das Prosaische der Normalität wird verklärt, was zumeist auch bedeutet, dass die bestehenden sozialen Missstände und politischen Konflikte poetisch entschärft werden. Genau diese llarmonisierungs- und Glättungsversuche unterscheiden den deutschen Realismus vom englischen und französischen Realismus des 19. Jahrhunderts. Bezeichnenderweise kennt weder die englische noch die französische Literatur die Aufspaltung der realistischen Strömung in einen Realismus und einen Naturalismus, das parallele Wirken dieser beiden so grundverschiedenen literarischen Strömungen in Deutschland der 1880er und 1890er Jahre dürfte ein ,Sonderweg' der deutschen Literatur sein.
      Dieser ist maßgeblich um die Forderung nach der Verklärung des Realen und der vorgefundenen Wirklichkeit zentriert. Im Mittelpunkt der Theorie des deutschen Realismus steht die Formel von der Poetisierung der Wirkliehkeil, insbesondere dort, wo diese konfliktbeladen ist und als problematisch und spannungsreich erfahren wird. Das Ziel ist der Entwurf einer 'Welt, in der die Mannigfaltigkeit der Dinge nicht verschwindet, aber durch Harmonie und Kontrast für unseren Geist in Einheit gebracht ist", wie es in Otto Ludwigs Ausführungen zum 'Poetischen Realismus" heißt.7" Die Konflikte sollen in der Literatur durch Poetisierung entschärft und die Konfliktparteien miteinander versöhnt werden. Infolge dieses Grundpostulats tendiert der Bürgerliehe Realismus zu einem 'Real-Idealismus"80, der davon ausgeht, dass Realität stets unverklärt ist, Literatur hingegen die Gegebenheiten stets verklärt vorzubringen habe. An Kunst und Literatur wird die Aufgabe herangetragen, in einem Verfahren der Läuterung oder Verklärung die schönen Seiten der realen Welt von allem Belanglosen, Unschönen und

Störenden zu reinigen; ein solches Verfahren versteht man als einen ästhetischen Akt der Reinigung bzw. Verdichtung, der den Kunstcharakter von Literatur verbürgt. Demgemäß hat etwa Gottfried Keller gegenüber Berthold Auerbach betont:
[Ich] halte [...] es für die Pflicht eines Poeten, nicht nur das Vergangene zu verklären, sondern das Gegenwärtige, die Keime der Zukunft so weit zu verstärken und zu verschönern, daß die Leute nun glauben können, ja, so seien sie, und so gehe es zu! |...| Kurz, man muß, wie man schwangeren Frauen etwa schöne Bildwerke vorhält, dem allezeit trächtigen Nationalgrundstock stets etwas Besseres zeigen, als er schon ist.
      Auch für Keller hat die Kategorie der Verklärung eine verschönernde und verdichtende Kraft, die die Realität von allem befreit, was .unschön' und von daher störend sein könnte. Immerhin geht man davon aus, dass der Entwurf einer idealen Schönheit auf das reale Leben und seine Dynamik positiv zurückzuwirken habe und auch tatsächlich zurückwirken könne; in dieser Annahme bestätigt sich noch einmal die idealistische Dimension des Bürgerlichen Realismus. Literatur hat auf einer ,,realistische[n] Grundlage" eine ,ideale Realität' zu entwerfen, nur so könne das reale Leben in positiver Weise auf die Leser einwirken. Kirchmann hat diesen Ansatz des bürgerlich-realistischen Literaturprogramms in seiner bereits erwähnten Ã"sthetik zusammengefassl:
Die einfache Nachahmung des Realen würde also das Ziel alles Schönen nur mangelhaft erreichen. Soll dies voll geschehen, so muß das Prosaische, das Störende von dem Bilde ferngehalten und das Bedeutende in demselben gesteigert werden. Damit sind die Grundlagen des Begriffs gewonnen. Die Idealisierung hat eine reinigende und eine verstärkende Richtung; jene beseitigt die bedeutungslosen und störenden Elemente des Gegenstandes; diese verstärkt die seelenvollen. Damit wird die ideale Wirkung seines so erhöhten Bildes reiner, dichter, harmonischer und stärker, als die reale Wirkung des Gegenstandes in der realen Welt. "
Mit solchen Prämissen steht der Bürgerliche Realismus in der Tradition des deutschen Idealismus, aber auch in der idealistischen Tradition Hegels; zugleich stellt das Prinzip der Verklärung die Autonomie der Kunst sicher, der synonym zum Terminus Verklärung gebrauchte Begriff der 'Idealisierung"11' verweist darauf.
     

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