Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Bürgerlicher realismus
Lange Zeit galt der Bürgerliche Realismus im Gegensatz zur Romantik und zum Naturalismus als eine Bewegung ohne klares theoretisches und programmatisches Profil.1 Begründet wurde ein solches Urteil ni
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» Theorie und Ästhetik des Bürgerlichen Realismus
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Humor



Die Abwehrhaltung der Autoren des Bürgerlichen Realismus gegen den in den 1880er Jahren sich konstituierenden Naturalismus liegt letztlich auch im Fehlen einer humoristischen Dimension naturalistischen Schreibens begründet. Die Kritik des Bürgerlichen Realismus an der naturalistischen Ã"sthetik zeigt, wie man sich ein Schreiben im Sinne eines poetischen Realismus vorstellte. War es den Naturalisten um die größtmögliche Annäherung an die Realität zu tun, so stellten die Realisten von Beginn an klar, dass es ihnen nicht um die mimetische Reproduktion von objektiver Realität ging. Eine realistische Schreibkunst hatte vielmehr die Neuproduktion des Realen, den Entwurf einer zweiten, besseren Realität zu leisten. Je mehr die erste, empirische Lebenswirklichkeit von Unschönem und Negativem bedroht schien, desto dringlicher wurde in ihren Augen die Schaffung einer zweiten, verklärten, versöhnenden und damit auch schöneren idealen Welt.
      Neben der Subjcktivierung des Erzählens sowie dem Moment des Sentimentalismus stellt der Humor eine weitere Möglichkeit der Poeti-sierung und Verklärung der vorgefundenen Realität innerhalb der Erzählkunst des Bürgerlichen Realismus dar: Er ermöglichte die ästhetische Korrektur einer disharmonischen oder zumindest als disharmonisch erfahrenen Welt im Sinne des Ausgleichs und der Versöhnung. Eine humoristische Schreibweise bot den Autoren die Gelegenheit, die desillusionierende Wirk-lichkeit literarisch zur Kenntnis zu nehmen, sie zu schildern, sie aber dennoch zu korrigieren. Zu keinem Zeitpunkt geraten die skeptischen Schilderungen gesellschaftlicher Wirklichkeit innerhalb der Werke des Bürgerlichen Realismus zu offener Kritik. Man demaskiert die innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft auftretenden Missstände, doch man realisiert diese Kritik mit einer versöhnlichen und versöhnenden Geste, die sicherlich auch resignative Züge trägt. Letztlich ist die Literatur des Bürgerlichen Realismus eine affirmative, zu keinem Zeitpunkt kündigt sie der Gesellschaft den Kampfan oder geht über eine mit humoristischem Gestus vorgetragene Kritik hinaus. So unbestechlich und präzise z.B. Fontane seine Kritik an den Lebensgewohnheiten des Adels und der bürgerlichen Gesellschall in vielen seiner Romane auch vorträgt: Am Ende steht stets die einlenkende Geste, ein resignatives Sich-Fügen, das zwar auch Opfer fordert wie Cecile, Etil Briest oder auch von Stine Rehbein und von Lene Nimptsch , zu dem aber keine Alternativen angeboten werden. Revolutionäres Aulbegehren oder die revolutionäre Geste ist nicht die Sache der bürgerliehen Realisten. Die Protagonisten fügen sich zumeist in ihr Schicksal, oder sie bleiben als Außenseiter stigmatisiert, wie bei Raabe, wobei der Autor keinen Zweifel daran lässt, das die Gesellschaft diese Außenseiter, so widersinnig es klingen mag, zu integrieren in der Lage ist, zumal selbst die Außenseiter bestimmte bürgerliche Ideale internalisiert haben. Die Gesellschall der 80er und 90er Jahre des 19. Jahrhunderts konnte bezeichnenderweise die Kritik des späten Realismus als Binnenkritik einbinden.
      Mithin darf der Humor nicht ausschließlich als eine unmittelbare politische Reaktion auf das Scheitern der bürgerlichen Revolution erklärt werden, das ist er sicher auch; doch darüber hinaus muss er als ein ästhetisches Mittel zur Realisation des Verklärungspostulats verstanden werden. In der humoristischen Schreibweise finden die Realisten eine Möglichkeit, Unbehagen an den Verhältnissen vorzutragen, ohne offene Kritik üben und kritisch alles in Frage stellen zu müssen. Es galt Unstimmigkeiten und Fehlentwicklungen aufzudecken und eine Lösung anzumahnen, insbesondere was das Verhältnis von Adel und Bürgertum , die Stellung der Frau , die zunehmende Materialisierung bürgerlichen Handelns und Denkens sowie den Verlust bürgerlicher, ethisch-moralischer Werte betraf . Als eine heitere, über den Gegensätzen stehende Haltung impliziert die humoristische Schreibweise des Bürgerlichen Realismus Reste der romantischen Ironie. Präzisiert man den Humor als eine Laune, als den Versuch, Wirklichkeit im Reflex des subjektiven Bewusstseins zu vermitteln, so legt man romantische Ideen frei, wie z.B. die Dimension des Flüchtigen, des Ephemeren eines subjektiven Reflexes. Die von Roy C. Cowen vorgeschlagene Definition des Humors 'als Ausdruck der kurzen Dauer der geschilderten Realität"" vermag diese Bezüge zu verdeutlichen. Die humoristische Weltsicht erweist sich letztlich als ein Versuch, im Poetischen das Romantische zu bewahren, das Poetische der Romantik in die bürgerlich-prosaischen Zeiten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hinüberzuretten.
      Dennoch darf die humoristische Erzählhaltung des Bürgerliehen Realismus keinesfalls mit der romantischen Ironie gleichgesetzt werden; von Anfang an ist diese der Kritik der Programmatiker ausgesetzt. Julian Schmidt z.B. wendet sich dezidiert, dabei an Hegels Kritik anschließend, gegen einen ausschließlich subjektiven Humor und gegen das Subjektive der romantischen Ironie. Hegel hatte sich zwar nicht gegen den 'Humor schlechthin" gewendet, sondern, so die Erkenntnisse von Wolfgang Preiscndanz, 'gegen die besondere Erscheinungsform des subjektiven Humors, der, in den Bannkreis der romantischen Ironie geraten, bei der schlechten, unversöhnten, substanzlosen Subjektivität verharren muß"."'i Diesem stellte Hegel den wahren, 'objektiven Humor" entgegen, dem es gelinge, 'das nur subjektiv Scheinende als wirklich ausdrucksvoll hervorzuheben und aus seiner Zufälligkeit selbst, aus bloßen Einfällen das Substantielle hervorgehen zu lassen".1"' Im Anschluss an diese Unterscheidung weist der Bürgerliche Realismus die romantische Ironie zudem wegen ihres Verzichts auf eine verklärende Funktion zurück; im Gegensatz zur versöhnlichen Geste des Humors, die zu einem harmonischen Ausgleich der Gegensätze beitragen soll, besteht die romantische Ironie gerade auf dem nicht Aufhebbaren und dient Fontane zufolge lediglich dem ,Spötteln' und ,Persiflieren'." Laut Julian Schmidt ist der Humordie einzige poetische Form, durch welche dieser Realismus seine Berechtigung in der Kunst erwirbt |...]; der Dichter muß im Stande sein, die Unreife der Bildung, die er darstellt, unserer Anschauungsweise dadurch zugänglich zu machen, daß er den komischen Contrast hervorhebt, ohne dadurch den inneren Ernst seiner Erzählung abzuschwächen."
Humor garantiert die poetische Dimension von Literatur; als Voraussetzung einer solchen ästhetischen und stilistischen Grund- bzw. Erzählhaltung des Bürgerlichen Realismus hat Fontane 'das Darüberstehen, das heitersou-veräne Spiel mit den Erscheinungen dieses Lebens, auf die er herabblickt benannt. In Zusammenhang seiner Ausführungen zu Willibald Alexis arbeitete er wesentliche Kennzeichen des Humors heraus. Es heißt dort:
Er [Willibald Alexis; S.B.] hat den Kleinhumor, aber nicht den großen. Er wandelte in der Ebene, und was zufällig unter ihm lag, dafür halte er eine humoristische Betrachtung; Scott aber |...| ritt über die Grampians seiner Heimat, [...] und nichts barg das Leben, zu dem er nicht, in spielenden Gestalten, eine heiter-superiore Stellung genommen hätte. Die Vorurteile steigerten nur noch den Effekt. Er war der Großhumorist, weil er persönlich groß und frei war. Wo W. Alexis eine ähnliche Position einzunehmen versucht, bleibt er, als Kind seiner Zeit und seines Landes, in der Ironie stecken. Er spöttelt, er persifliert; aber seine Seele bringt es zu keinem olympischen Lachen.
      Es ist die Forderung nach einer humoristischen Erzählweise und Erzählerhaltung, verstanden als ein Mittel der Verklärung, die den Bürgerlichen Realismus sowohl vom französischen Realismus trennt, aber auch für die Unterscheidung zwischen Realismus und Naturalismus innerhalb der deutschsprachigen Literatur verantwortlich zeichnet. Auch die Nähe des deutschen zum englischen Realismus findet hier ihre Begründung. Fontanes Ã"ußerung über den bereits erwähnten norwegischen Autor Kielland verdeutlicht dies:
C'ui bono? Wem wird damit geholfen? Glaubt der Verfasser, durch solchen Spott reformieren zu können, durch einen Spott, der nicht besondere Ausschreitungen der menschlichen Natur, sondern ganz einfach die menschliche Natur selber trifft? So waren die Menschen immer, so sind sie und werden sie sein. Die Kunst hat die Aufgabe, über diese Dinge hinwegzusehen oder - wenn sie dargestellt werden sollen, was durchaus meinen eigenen Neigungen entspricht - sie humoristisch zu verklären oder sie wenigstens grotesk-interessant zu gestalten, wie das Dickens so wundervoll verstand.1""
Fontane vermisst die 'humoristisch" verklärende 'schöne Seele", die die Literatur von 'Unreinem" reinigt und ihre poetische, durchaus auch romantische Dimension sichert. Zugleich weiß Fontane, dass die objektive Sprache und Schreibweise durch einen persönlichen Ton ergänzt werden müssen. Fontanes Kritik an Keller, dem er einen zu einseitigen auktorialen Ton vorwarf, kann nicht überzeugen, bildet doch Fontane selbst ebenfalls einen eigenen, eben einen 'Fontane-Ton" aus, wie Thomas Mann erkannte: 'Die Wahrheit zu sagen, so trifft der Einwand, den Fontane gegen Keller erhebt, wenn es ein Einwand ist, ihn selber nicht weniger oder kaum weniger als diesen. Auch er hat die ganze Gotteswelt seinem Fontane-Ton überliefert; und wer möchte es anders wünschen?"

   Der Humor des Bürgerlichen Realismus hat wenig mit dem Element des Komischen zu tun, es geht ihm keineswegs um komische Effekte, die zum Lachen anregen sollen; unter einer humoristisch-verklärenden Schreibweise versteht man vielmehr die 'dichterische Einbildungskraft" und eine angewandte Phantasie'124:
Eine solche Präzisierung begründet zwar auch eine partielle Verwandtschaft zur romantischen Ironie; doch primär benennt man innerhalb der Theorie des Bürgerlichen Realismus mit dem Begriff des Humors den persönlichen Anteil der Beschreibungen, die subjektiven Momente der objektiven Gestallung. Als Stil- und Erzählhaltung wird der Humor damit zum Garanten der subjektiv-persönlichen Sicht auf die Welt, über den Humor glaubt man die subjektiven und damit die poetischen Anteile innerhalb der geforderten realistischen Schreibweise sowie einen persönlichen Stil im Sinne einer ,Laune' garantiert. Mithin sichert sich der Bürgerliche Realismus in der humoristischen Schreibweise eine Freiheit im Subjektiv-Innerlichen und damit auch das Recht auf Illusion und Phantasie im Rahmen eines realistischen Schreibens und einer auf Realismus und Objektivität verpflichteten Literatur. Des Weiteren ist dem Humor als Komponente einer auktorialen Erzählhallung die Berechtigung der 'Einbildungskraft" des Autors immanent, der ansonsten auf objektive und realistische, also realitälsnahe Schilderung plausibler Geschehnisse verpflichtet ist.
      Zweifelsohne geht mit einer solchen Realitätsaneignung zugleich ein humoristisches Bagatellisieren der Ereignisse einher, Humor ist der Ausdruck des Bedürfnisses nach einer Korrektur der realen Verhältnisse, positiv gewendet nach einer Gerechtigkeit innerhalb der entworfenen literarischen Welt, herzustellen durch 'Ausgleich, im Versöhnen und Verhüllen".12'' In diesem Sinn weitet sich der Humor zu einer Strategie, sich von der desil-lusionierenden Wirklichkeit abzusetzen. So gesehen muss er als eine Form verstanden werden,das Leben in allen seinen Fraglichkeiten und Trübungen zuzugeben und sich zugleich von ihm zu distanzieren, seine Gegensätzlichkeiten aufzudecken und sich mit ihnen, gelassen resignierend, abzufinden, es zu demaskieren und doch mit liebevoller und toleranter Gerechtigkeit ins Gleichgewicht zu bringen.1

   Der Bürgerliche Realismus kennt unterschiedliche Formen des Humors, nicht zuletzt dadurch, dass die humoristische Schreibweise bei den einzelnen Autoren unterschiedliche Ausprägungen erfahrt. So resultiert der Humor bei Keller aus einer heiteren Souveränität den geschilderten Gegebenheiten gegenüber, einer Haltung, die den Glauben an die Versöhnungsfähigkeit des Lebens impliziert. Diese Erzählhaltung ist bewusst konstruiert und ästhetisch vermittelt, ohne dass sie mit der Lebenshaltung des biografisch-realen Autors verwechselt oder mit dieser identifiziert werden dürfte. Kellers Blick auf die zeitgenössische Gesellschaft und auf seine Zeitgenossen ist ein gemütshafter und ausgleichender. Sein Humor ist versöhnlich, allerdings versöhnt er in den Grenzen eines bürgerlichen Moralismus, und das mit einer Tendenz zum Idyllischen und Resignativen, die angesichts der Diskrepanzen zwischen proklamiertem sittlichem Postulat und anders lautender Wirklichkeit durchaus ideologische Dimensionen erkennen lässt.
      Es steht außer Frage, dass diese humoristische Versöhnlichkeit die Grenzen des Fragwürdigen und Plausiblen streift: Denn die Spielräume, innerhalb derer man ein humoristisches Darüberstehen, ein versöhnliches Achselzucken anbringen konnte, wurden zunehmend enger. In vielen Romanen ist es allenfalls noch die Familie, innerhalb derer die bürgerlichen Wertmaßstäbe eingehalten sind. In Kellers Romeo und. Julia auf dem Dorfe sind es zwei Menschen, die einander vertrauen können und zusammenhalten, sie stehen gegen den Rest der Dorfgemeinschaft und damit auch gegen die Gesellschaft. Wie kein anderes Werk des Bürgerlichen Realismus zeigt Kellers Novelle, dass die Diskrepanz zwischen bürgerlichem Wertekanon und gelebter Praxis, insbesondere das soziale und humane Miteinander betreffend, immer offensichtlicher wurde: Es war diese Diskrepanz, die den Humor wie auch die persönlichen Lösungsangebote zu gesellschaftspolitischen Konfliktsituationen in Frage stellte. Allerdings blieb die Mehrheit der bürgerlichen Realisten nicht blind für die Tatsache, dass sich die humoristische Lebenseinstellung nur mehr auf den überschaubaren privaten Bereich anwenden ließ, nicht jedoch auf die gesamte Gesellschaft. Womöglich hängt das Fehlen eines umfassend angelegten Gesellschaftsromans innerhalb der deutschsprachigen Literatur indirekt auch mit der Dominanz der humoristischen Haltung zusammen. Keller jedenfalls beabsichtigte mit seinem letzten Roman Martin Salander einen Gesellschaftsroman zu schreiben. Er scheiterte jedoch, der Roman ist Fragment geblieben; nicht zuletzt deshalb, weil Keller feststellen musste, dass privat-persönliche Lösungen mittels der Sprache des Humors angesichts der Komplexität der gesellschaftlichen Wirklichkeit zum Scheitern verurteilt waren.
      Dennoch eignet Kellers Humor eine heitere Souveränität; sieht man von Marlin Unländer und Romeo und Julia auf dem Dorfe ab, so darf man festhalten, dass sich Keller das Vertrauen in die Versöhnungsfähigkeit der Gesellschaft weitgehend erhalten hat. Er glaubte an die Vernunft der Natur und des Menschen, demzufolge agieren die Erzähler seiner Werke auf der Basis einer weil blickenden Ãoberlegenheit. Sein Humor hat insofern sozio-politische Dimensionen, als Keller zwar an die Harmonielahigkeit der Gesellschaft und an ihre Rückkehr zu bürgerlich-ethischen Werten, zur ursprünglichen bürgerlichen Moral glaubt; aus der Position der heiteren Ãoberlegenheit heraus und auf der Grundlage eines versöhnenden Humors mahnt Keller eine solche Rückbesinnung an. In den Grenzen eines bürgerlichen Moralismus weist er auf die Diskrepanz zwischen sittlichem Postulat und praktizierter Wirklichkeit hin, allerdings im Unterschied zu anderen Autoren des Bürgerlichen Realismus wird das - und vielleicht zeigt sieh in diesem Punkt die nationale Besonderheit nicht nur mit einem hu-moristisch-versöhnendem, sondern auch mit einem pädagogischen Impetus vorgetragen, den man bei Fontane und Raabe vergeblich sucht.
      Wilhelm Raabes Humor ist demgegenüber wesentlich stärker daraufhin ausgerichtet, die Widersprüche innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft sowie die Diskrepanz zwischen bürgerlichem Anspruch und der Wirklichkeit des Bürgertums aufzudecken. Zwar bleibt letztlich auch Raabes humoristische Einstellung dem Harmonisierungsideal verpflichtet, auch sein Humor ist eine Variation des heiteren, über den Dingen stehenden und aus einer solchen Ãoberlegenheit gestaltenden Autors; auch er kennt den versöhnenden, Versöhnung stiftenden Humor, wie in lloracker oder in Das Harn von Wanztu kennt die humoristische Haltung als Relativierung eindeutiger Positionen, als ein Hinter-sieh-Lassen fester Wertsetzungen, insbesondere sein Stopfkuchen kennzeichnet diese Position. Auch für Raabe gilt das, was Martini generell lür den Humor des Bürgerlichen Realismus formulierte: 'Es gibt im erzählerischen Humor dieser Zeit eine Heiterkeit des Lebenszutrauens im Bestehenden und Dauernden trotz aller Abweichungen und Irrtümer."12"
Dennoch ist Raabes Humor weitaus pessimistischer und hintergründiger als etwa der Kellersche. Sein Humor gerät vielfach zur lakonischen, zynischdemaskierenden Ironie, der die pessimistische Relativierung der Werte, Normen und Positionen, fast aller normativer Setzungen implizit ist; vor allem dadurch, dass Raabe seine Protagonisten in der Regel in einer


Rückzugsposition zeigt und aus der Isolation heraus mit einer kritischhumoristischen Haltung der Gesellschaft gegenüber agieren lässt. Deren Werte werden radikal in Frage gestellt, von der Gesellschaft vorgegebene Wertsetzungen werden hinterfragt, ihre Positionen relativiert. Auf diese Weise nutzt Raabe den Humor als eine Schutzhaltung gegen die vermeintliche Unvernunft einer Cjesellschaft, der die humane Grundeinstellung verloren gegangen ist. Raabes Protagonisten leben stets in der Position des Sich-Abschirmens und Versteckens, des Sich-Absonderns - die Schanze des Stopfkuchen außerhalb des Dorfes ist dafür die gelungene Metapher. Aus dieser Rückzugsposition heraus nimmt Stopfkuchen eine humoristischüberlegene, aber auch ironisch-resignierende Haltung ein, mit der er sich gegen die inhumane Gesellschaft zu wehren sucht. Allerdings sind dieser Position, die im Außenseitertum, im Sonderlingshaften, im Kauzigen das Vorbildliche bewahren will, durchaus paradoxe Züge immanent; dies ist auch der Fall, wenn Raabe den Humor als einen Schutz gegen die zunehmende Komplexität gesellschaftlicher Wirklichkeit, als eine Form des Sich-Abschirmens und Rückzugs vor einer 'bösen Zeit"12' einsetzt wie es in seinem ersten Roman, in der Chronik der Sperlingsgasse, heißt. Humor als Selbstschutz einer Position der Innerlichkeit in Raabes Werken mündet diese Form des Humors in der Regel in die Gestaltung von Sonderlingen, die sich aus der Welt und der Gesellschaft zurückgezogen haben und aus ihrer Rückzugsposition heraus über die als inhuman erfahrene Gesellschaft urteilen.
      Dagegen nutzt Fontane das haben die zitierten Ã"ußerungen bereits deutlich gemacht den Humor als eine Einstellung im Sinne des Verklärungsprinzips. In einem Brief an Friedrich Stephany hat Fontane diese Dimension einer humoristischen Schreibweise erläutert. Es heißt dort:
Der Realismus wird ganz falsch aufgefaßt, wenn man von ihm annimmt, er sei mit der Häßlichkeit ein lür allemal vermählt. Fr wird erst ganz echt sein, wenn er sich umgekehrt mit der Schönheit vermählt und das nebenherlaufende Hässliche, das nunmal zum Leben gehört, verklärt hat. Wie und wodurch? [...] Der beste Weg ist der des Humors.' "
Darüber hinaus zielt Fontanes humoristische Schreibweise auf die Relativität absoluter Wertsetzungen und eindeutiger Positionen, impliziert aber auch das Bekenntnis zu bestehenden Widersprüchen. Sein Humor kann als ein heiteres ,Darüberstehen' bezeichnet werden. Er benennt die gesellschaftlichen Konfliktpotentiale, lässt es jedoch nie zur Eskalation kommen; Fontanes Romane kennen keine Formen der Radikalisierung, auch keine Worte der Verurteilung. So werden etwa in Effi Briest weder Innstetten noch Hffis Filtern verurteilt, im Gegenteil, durch Effi selbst werden sie von Schuld freigesprochen. In Irrungen, Wirrungen schlägt sich die Fehlende Verurteilung in der äußerlichen Anpassung und einem Verschweigen der individuellen Leiderfahrung nieder.
      Doch insbesondere in der Figur des Protagonisten seines letzten Romans, in der Figur des alten 'Stechlin", hat Fontane sein Verständnis von Humor als einer spe/ifischen Krzählhaltung vorgeführt und damit indirekt die eigene Position geklärt: Dem Repräsentanten des Landjunkertums ist jenes versöhnliche ,Darüberstehen' eigen, das der Bürgerliche Realismus programmatisch einfordert, und zwar vor allem im Hinblick auf die Schilderung gesellschaftspolitischer Zustände und Entwicklungen. Dabei wird aber auch die eigene Position humoristisch relativiert und zurückgenommen, /war bleibt sie innerhalb des Romans unangefochten und dominant, an keiner Stelle wird sie grundsätzlich in Frage gestellt, sie wird jedoch relativiert: Denn das Neue hat, so lautet die viel zitierte Kernaussage des Romans, gegenüber dem Alten ebenfalls seine Berechtigung.'" Dabei vermag die spezifische Hrzählhaltung des Romans zwar eine Demaskierung von Unstimmigkeiten zu leisten; doch primär dient Fontanes humoristische Ironie, und dies ist im Hinblick aufsein Gesamlwerk zu formulieren, auch zur Vermittlung zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen den Ansprüchen des Einzelnen und den Forderungen der Gesellschaft. Ãober die sich auftuenden Diskrepanzen legt Fontane in Form der humoristischen Haltung den Schleier der versöhnenden Verklärung. Politisch und ideologisch wirft eine solche Haltung auch Fragen auf. Fontane selbst hat seinen Humor als ein Verhüllen und Verklären definiert, als ein ',poetisches' Ãoberschleiern des Häßlichen""2, als eine Poelisierung des Realen. Er hat damit die Schilderung der realen gesellschaftspolitischen Gegebenheiten dem Kunstprinzip der Verklärung unterworfen. Der Schritt von den Verklärungsstrategien des Bürgerlichen Realismus hin zum Ã"stheti-zismus der Jahrhundertwende erscheint unter diesem Aspekt weniger groß als gemeinhin angenommen.
     

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