Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Bürgerlicher realismus
Lange Zeit galt der Bürgerliche Realismus im Gegensatz zur Romantik und zum Naturalismus als eine Bewegung ohne klares theoretisches und programmatisches Profil.1 Begründet wurde ein solches Urteil ni
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Der programmatische Realismus



Die erste Phase des Bürgerlichen Realismus wird gemeinhin als die Wirkungszeit des programmatischen Realismus bezeichnet; insbesondere die Jahre zwischen 1849 und 1859 dürfen, da in diesem Jahrzehnt grundlegende theoretische Richtlinien festgelegt wurden, als die programmatische Konstituierungsphase des Bürgerlichen Realismus gelten. Der Bürgerliche Realismus setzt sich zunächst theoretisch vom Vormärz und von der Spätromantik ab, in diesen Jahren entstehen nur wenige literarische Werke.
      Den programmatischen Ansätzen gehen dabei die Überlegungen der Jung-Hegelianer Arnold Rüge, Georg Gottfried Gervinus und Friedrich Theodor Vischer, der publizistischen Wortführer der Opposition des Vormärz, voraus.' Ihre Konzepte sehen die Politisierung der Literatur vor: Man proklamiert die enge Verbindung von Dichtung und Publizistik und trägt in diesem


Zusammenhang neue kritische poetologische Maßstäbe vor, im Zuge derer sich Literaturästhetik und -kritik zur Kulturkritik ausweiten; dabei ging die jungdeutsche Bewegung von einem Gelingen der bürgerlichen Revolution und von dem daraus resultierenden Erstarken des Bürgertums dem Adel gegenüber aus.
      Die Programmatik des Bürgerlichen Realismus hingegen ist nach dem Scheitern der Revolution von Beginn an auf die bürgerliche Verklärungspoetik hin ausgerichtet, wobei die erste Phase, die nahezu uneingeschränkt auf die Idealisierung des Bürgertums und auf Bürgerlichkeit im Sinne eines bürgerlichen Wertekanons zielt, diesem Verdikt wesentlich konsequenter folgt als der Spätrealismus. Die in der Frühphase des programmatischen Realismus entstandenen Romane sind von daher als Bildungs- und Entwicklungsromane angelegt; ein Versuch, die gesamte zeitgenössische Gesellschaft in den Blick zu bekommen, wird nicht unternommen. Erst mit Theodor Fontane kann ein Autor in der zweiten Phase des späten Realismus dem Genre ,Gesellschaftsroman' neue Impulse geben. An die französische und englische Literatur jedoch wird auch er nicht anschließen, dafür bleiben seine Romane zu eng den Lebenswelten des Adels und Bürgertums verbunden.
      Die Diskussion um eine realistische Literaturprogrammatik wird überwiegend in Zeitschriften ausgetragen. Wie erwähnt datieren aus den Jahren nach 1848 fast keine literarischen Werke, es ist die Zeit der Proklamationen und Manifeste, und es ist insbesondere die Zeit des Publikationsorgans des frühen Realismus, die Wirkungsphase der Grenzboten. Sie sind das Forum, auf dem erste Grundsätze eines neuen Realismus festgelegt werden. Im Vordergrund steht dabei zunächst eine Abrechnung mit den vorangegangenen Epochen und Tendenzen der deutschen Literatur, insbesondere mit dem Vormärz und dem Jungen Deutschland, nicht zuletzt mit Blick auf die gescheiterte Revolution. Diese von 1841 bis 1922 erscheinende "Zeitschrift für Politik und Literatur", wie sie sich im Untertitel nannte, vertrat eine politische Position, die dem gemäßigten Liberalismus verpflichtet war; nach 1866 vollzog auch sie den Schwenk in das Lager Bismarcks und nahm damit eine konservative Wendung. Deutlicher mit historisch-politischem Schwerpunkt traten die von Rudolf Haym redigierten Preußischen Jahrbücher auf; Haym wurde, nachdem er die Orientierung der Jahrbücher am konservativen Lager auf der Seite Bismarcks nicht mitvollziehen wollte, als Herausgeber von dem Historiker Heinrich von Treitsehke abgelöst. Wesentlich für die literarische Diskussion war jedoch neben den Grenzboten vor allem die Zeitschrift Deutsches Museum, redigiert von Robert Prutz, einem der wichtigen Vormärz-Autoren. Wie Freytag und Schmidt proklamierte Prutz das Programm einer realistischen Literatur; doch im Unterschied zu ihnen versuchte er, einen kritischen, an die Vormärztradition anschließenden Realismus durchzusetzen. Seine Bestrebungen blieben jedoch weitgehend folgenlos, nicht zuletzt, weil seine Zeitschrift nicht mehr als ca. 600 Käufer pro lieft fand. Darüber hinaus lehnten die Theoretiker des programmatischen Realismus der Frühphase einen kritischen Realismus zugunsten der Darstellung objektiver, sittlich-bürgerlicher Verhältnisse kategorisch ab. Stattdessen proklamierten die Grenzboten die Lroberung der politischen Macht durch das Bürgertum, die man im ökonomischen Bereich bereits innehatte, sowie die gesellschaftliche Anerkennung dezidiert bürgerlicher Werte und Gesinnung. Dieses Programm sah man mit Gustav Freytags Roman Soll und Haben erstmals literarisch umgesetzt.
     

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