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Bürgerlicher realismus

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Sozial- und kulturgeschichtliche Voraussetzungen: I848 und die Folgen



Die gesellschaftspolitischen Voraussetzungen des Bürgerlichen Realismus liegen vor allem im Seheitern der Revolution von 1848 und in der Entstehung einer modernen Industriegesellschaft. Sein zeitlicher Ausgangspunkt, das Jahr 1848, ist als ein markanter Hpoeheneinschnitt, als eine Zäsur innerhalb der Kultur-, Wirtschafts- und Sozialgcschichte des 19. Jahrhunderts zu werten. Walther Rathenau hat diesen Übergang im Jahr 1912 rückblickend benannt:
Durch die Mitte des vergangenen Jahrhunderts geht ein Schnitt. Jenseits liegt alte Zeil, altmodische Kultur, geschichtliehe Vergangenheit, diesseits unsere Väter und wir. Neu/eil, Gegenwart. Das ist nicht etwa eine optische Täuschung des rückwärts gewandten Blicks [...). |Wir| erkennen |...| diesseits der Hpoehen-grenze, etwa seit Deginn der fünfziger Jahre, die nicht mehr unterbrochene Gleichförmigkeit eines Zeilalters, das bis zu diesem Augenblick nur quantitative Steigerungen und technische Verschiebungen erlebt hat."^
Mit dem Krslen Weltkrieg wird das bürgerliche Zeitalter endgültig untergehen. In der Zeit zwischen 1848 und 1900 jedoch zeitigt das Vorhaben des Bürgertums, seine Vorstellungen und Ziele, den bürgerlichen Wertekanon und Wertehorizont in der Gesellschaft durchzusetzen, insofern Konsequenzen für die literarische Entwicklung, als man nach dem Scheitern im politischen Sektor die "liberale Ideologie in den Fiklionsbcrcich erdachter Romanhandlungen zu setzen und wenigstens im Erzählverlauf einem guten linde zuzuführen"2'' suchte. "Aber wenn die Illusionen jener Tage |die Zeit vor 1848; S.B.l aufgegeben sind, so ist ihre Geschichte nicht an uns verloren gegangen, und was wir in ihr gelernt haben, wird in der neuen Poesie zur Geltung kommen", kündigt Julian Schmidt 1850 in den Grcnzhoten an. Rr hat wohl Recht behalten. Jedenfalls werden die ehemals mit der Revolution verbundenen Vorstellungen und Ziele als Themen der literarischen Werke weiterhin proklamiert, wenn auch mit weitaus weniger politischem Elan und Anspruch vorgetragen. Vor allem die Frage eines deutschen Nationalstaats sowie die ethisch-moralischen Werte des Bürgertums, die der bürgerlichen Schicht innerhalb des gesamten Staatssyslems Gewicht verleihen sollten, sind in der nach 1848 entstandenen Literatur als Sujets weiterhin präsent. Mithin ist davon auszugehen, dass sich der Bürgerliche Realismus auch insofern als eine Konsequenz der misslungenen Revolution beschreibenlässt, als dieses Scheitern stoffliche Einengungen und stilistische Festlegungen nach sich zog. Denn letztlich war man zu einer neuen Erfassung von Wirklichkeit gezwungen, das erklärte Ziel des Bürgerlichen Realismus war es, "dem Princip des Realismus die richtige Wendung [zu] geben", so eine Formulierung Julian Schmidts I in den Grcnzhoten; man stellt sich der Aufgabe, zu zeigen, dass ,reaP keineswegs nur diejenige Literatur ist, die der "Idee"2* widerspricht, dass also auch die Literatur, die eine Idee, in diesem Fall die des bürgerlichen Nationalstaats und einer bürgerlichen Gesellschaft respektive Werlegemeinschaft verfolgt, auch realistisch' sein ann.
      Schmidts Urteil enthält im Kern bereits das Verklärungspostulat des Bürgerlichen Realismus: Nach der Revolution sehen sich die Autoren verpachtet, ja gezwungen, das Verhältnis von Literatur und Wirklichkeit neu zu bestimmen, hatte die publizistisch orientierte Literatur des Vormärz doch zu keinen überzeugenden Ergebnissen geführt. Genau aus dieser Einsicht in die Unzulänglichkeit der keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Dichtung und Wirklichkeit festlegenden Literatur des Vormärz heraus entstand die Literatur des Bürgerlichen Realismus. Denn zwar ist man weiterhin von der Notwendigkeit einer realistischen Schreibweise überzeugt; doch ebenso gewiss ist man sich der Wichligkeil einer Neudefinition dessen, was realistisch zu bedeuten hat. Das Scheitern erfordert die Bewahrung der bürgerlichen Ziele und Vorstellungen in einem literarischen Idealismus. Von ,Realidealismus' sprechen demzufolge die Programmatiker der ersten Stunde, Julian Schmidt, Gustav Freylag und Otto Ludwig, wie die späten Realisten gleichermaßen. Zwar bedeutete das Scheitern der Revolution zugleich das Ende jeglicher idealistischer Spekulation. Man plädiert für Dinglichkeit beziehungsweise für die Rückkehr zur Dinglichkeit und für die empirisch erfahrbare Lebenswirklichkeit als Sujets der Literatur. Man fragt nicht mehr wie Christian Grabbe, Georg Büchner, Eduard Mörike und Friedricli Hebbel nach dem Sinn des Lebens und der Welt, sondern akzeptiert diese Welt, wie sie ist und wie sie sich darbietet. Man richtet sich in ihr ein, und fragt nicht zuletzt inspiriert durch Ludwig Feuerbachs Philosophie des Materialismus nach den Möglichkeiten der Gestaltung der empirischen Lebenswelt. Dies bedeutet zugleich das Ende der idealistischen Philosophie, wenn nicht gar der idealistischen Tradition überhaupt, zumindest in ihrer bis dahin geltenden Form.
      Realismus im Sinne des Bürgerlichen Realismus hat dementsprechend keine abstrakten Weltzusammenhänge, sondern überschaubare Phänomene und konkrete Bereiche zu schildern und zu klären: Heimat, Nation, Berufs-stand, Familie, bürgerliche Mentalität, die Stellung des Individuums in der Gesellschaft, das Verhältnis des Hin/einen zum Kollektiv, die Position des Künstlers in einer bürgerlichen Gesellschaft sowie das Verhältnis zwischen Künstlertum und Bürgerlichkeit dies sind Themen, die interessieren und in der Literatur verarbeitet werden sollen und auch tatsächlich verarbeitet wurden. "Der Roman sucht die poetische Lebendigkeit da, wohin sie sich bei wachsender Vertrocknung des öffentlichen Lebens geflüchtet hat: im engeren Kreis der Familie, dem Privatleben, in der Individualität, im Innern"'", hält etwa Friedrich Theodor Vischer, ein Theoretiker des frühen Realismus, in seiner einflussreichen Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen aus dem Jahr 1857 fest. Und auch Robert Prutz, ein Autor am Übergang vom jungdeutschen zum frühen Realismus schreibt 1852 im Deutschen Museum, der von ihm herausgegebenen Zeitschrift:
Das practische Leben verdrängt das ästhetische; nicht mehr die Literatur, sondern der Staat und die bürgerliche Gesellschaft mit ihren unentbehrlichen praktischen Voraussetzungen, mit Handel, (iewerbe etc. bildet die wahre historische Aufgabe unserer Zeit. Auch diese Epoche, wir zweifeln nicht, wird dereinst ebenfalls ihre poetische Verklärung finden und eine neue klassische Poesie erzeugen, eine Poesie der Wirklichkeit, des Kampfes, der Arbeit |...|."
Solche Äußerungen verdeutlichen, dass die Ausbildung des Bürgerlichen Realismus auch als unmittelbare Folge der gescheiterten Revolution verslanden werden muss. Seine Vertreter, zumeist um 1819 geboren, sind gezwungen, ihr Verhältnis zur Realität wie auch zu den ästhetischen Strategien grundsätzlich zu ändern, sieht man doch die der Jungdeutschen und des Vormärz als gescheitert an. Aus dieser veränderten Einstellung zur Realität heraus entwickelt man eine neue Auffassung von Literatur, von ihren Inhalten und Konzepten. Zum einen hat man eine andere Erwartungshaltung an Literatur. Damit verbunden ist zum anderen nicht nur die Entwicklung einer neuen bürgerlich-realistischen Ästhetik, sondern auch die Zuschreibung neuer Aufgaben und Funktionen.
     

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