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Realpolitik und Literatur



Das Scheitern der Revolution von 1848/49 löste eine tiefgreifende politische Identitätskrise des Bürgertums und ihres Liberalismusverständnisses aus: Die Ideen der Freiheit und Einheit blieben weiterhin als Ziele bestehen, doch die bislang gülligen politischen Mittel der Realisierung waren durch das Scheitern von 1848 fragwürdig geworden. Insbesondere in der Ignoranz des opponierenden Bürgertums gegenüber der vom Adel dominierten Staatsmacht sowie in der Diskussion um einen neuen Verfassungsstaat erkannte man entscheidende Fehler. Gefordert wurde nun eine Neuorientierung hin zur Anerkennung der bestehenden realpolitischen Machtverhältnisse. Weit verbreitet war die Auffassung, 'Deutschland möge doch anstatt des Idealismus der Kunst und Wissenschaft sich dem Realismus des Lebens mehr hingeben", einem Realismus, innerhalb dessen 'Industrialismus und eine Plulokratie" dominiere und 'die ,reellen' Mittel und Interessen Alles entscheiden", wie es in dem von Carl von Rotteck und Carl Welcker herausgegebenen Staals-l.exikon oder Eneyklopädie der Staatswissensehaften heißt." Doch es war insbesondere Ludwig August von Rochaus Schrift Grundsätze der Realpolitik. Angewendet auf die staatliehen Zustände Deutsehlands aus dem Jahr 1853, die der neuen Haltung des Bürgertums Ausdruck verlieh und den nach neuen Orientierungen suchenden liberalen Bürgerlichen neue Perspektiven sowie eine 'helfende Hand" aus der Identitätskrise aufzeigte. Die ehemaligen Ziele und Vorstellungen der liberalen Bewegung etwa kommentierte von Rochau sarkastisch mit den Worten:

Nicht selten |is-ßewegung eine dämpfende


Wirkung, die nicht zuletzt auch in Selbstkritik und Resignation sowie in der Anpassung an die nationale Machtpolitik mündete.
      Hinter dem Verzicht auf die ehemals verfolgten Ziele eines moralisch handelnden, liberalen Einheitsstaats auf demokratischer Basis stand zudem die oben angesprochene wachsende Angst vor der sozialen Revolution, aber auch die immer dringender sich stellende soziale Frage angesichts der stetig wachsenden Arbeitermassen im Zuge der Industrialisierung. Dabei war gerade die gescheiterte Revolution der wesentliche Anstoß liir die rasante industrielle Entwicklung in Deutschland. Große Teile des Bürgertums verlagerten ihre Interessen vom politischen auf den wirtschaftliehen Bereich. Diese Umorientierung hatte den Wandel des Bürgertums von einer gesellschaftlieh progressiven Klasse zu einer konservativ-restaurativen Schicht zur Folge, die liberal-demokratischen Ansätze wichen einem ökonomisch orientierten Besitzdenken. Die Idee der Gemeinschaft freier, aber sozial verantwortlicher Individuen wurde von einem materialistischen Egoismus verdrängt, der mit Skepsis zur Kenntnis genommen wurde und als kritische Thematik nahezu die gesamte Literatur des späten Realismus dominiert; zumal nach der gescheiterten bürgerlichen Revolution von 1848/49 durchaus die Möglichkeil bestanden hätte, die Modernisierung der Ã-konomie mit einer Modernisierung der Gesellschaft im Sinne der Demokratisierung des öffentlichen Lebens zu verbinden. Die historische Forschung spricht aufgrund der spezifischen Verbindung von moderner Produktion und autoritärem Staat von einem 'detitschen Sonderweg", der letztlich auch den Nationalsozialismus mit vorbereitet habe.M Diese deutsche Sonderentwicklung, die zudem nicht ohne Auswirkung auf die Ausbildung und Entwicklung eines spezifischen Realismus in Deutsehland geblieben ist, kann maßgeblich auf die beschriebene Stellung und Haltung des Bürgertums innerhalb des politischen Machlgeltiges zurückgeführt werden.
     

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