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Bürgerlicher realismus

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Methodische Vorüberlegungen



Der folgenden Darstellung liegt das kulturwissenschaftliche Grundaxiom zugrunde, nach dem Menschen allenfalls ihre subjektive Erfahrungswelt erkennen können, Literatur dementsprechend auch kaum objektiv beziehungsweise realistisch sein könne. Das kulturwissenschaftliche Paradigma eines "radikalen Konstruktivismus" sowie die Theorie der kollektiven Wirklichkeitserzeugung weisen die Vorstellung zurück, dass Wirklichkeit objektiv erkennbar sei; demzufolge könne auch Literatur keine objektive Wirklichkeit abbilden; vielmehr erzeuge sie durch ihre sprachlichen Beschreibungen "überhaupt erst ein subjektabhängiges Konstrukt ihrer Welt".'
Auf dieser theoretischen Grundlage kulturwissenschafllicher und kulturgeschichtlicher Ansätze lässt sich auch die Literatur des Bürgerlichen Realismus beschreiben. Line Methode, die eine wirklichkeitskonstituierende Funktion von Sprache und Literatur annimmt, muss im Hinblick auf eine Bewegung von Interesse sein, die zwar von Realismus redet, darunter jedoch keine Mimesis, also Nachahmung von Wirklichkeit, sondern Poicsis, das künstlerische Schaffen von Wirklichkeit also, meint. Der kulturwissenschaftliche Konstruktivismus versteht literarische Texte als "eigenständige Manifestationsformen gesellschaftlicher Wirklichkeitskonstruktion", die dann allerdings zur "Herausbildung neuer Wirklichkeitsmodelle" beitragen können. Versteht man literarische Texte als sprachliche beziehungsweise ästhetische Realitätskonstruktionen, so kann der Bürgerliche Realismus über spezifische Kollektivvorstellungen, Wahrnehmungsmuster und Mentalitäten erfasst werden. Kein Geringerer als Theodor Fontane hat einer solchen Vorgehensweise das Wort geredet, wenn er über die Literatur des Bürgerlichen Realismus gegen Lnde der 1880er Jahre schreibt:
Aufgabe des modernen Romans scheint mir die zu sein, ein Leben, eine Gesellschaft, einen Kreis von Menschen zu schildern, der ein unverzerrtes Wiederspiel des Lebens ist, das wir führen. Das wird der beste Roman sein, dessen Gestalten sich in die Gestallen des wirklichen Lebens einreihen, so daß wir in Erinnerung an eine bestimmte Lebensepoche nicht mehr genau wissen, ob es gelebte oder gelesene Figuren waren, [...]. Also noch einmal: darauf kommt es an, daß wir in den Stunden, die wir einem Buche widmen, das Gefühl haben, unser wirkliches Leben fortzusetzen, und daß zwischen dem erlebten und dein erdichteten Leben kein Unterschied ist, als der jener Intensität, Klarheit, Übersichtlichkeit und Abrun-dung und infolge davon jener Gelühlsintensitäl, die die verklärende Aufgabe der Kunst ist.'

Für Fontane hat dementsprechend der bürgerlich-realistische Roman ein realistisches Bild seiner Zeit zu geben, doch er hat zugleich seine "verklärende Aufgabe" wahrzunehmen, hat ein von der empirischen Realität verschiedenes Bild der Wirklichkeit und der Gesellschaft zu entwerfen. Daran anschließend ist die Literatur des Bürgerlichen Realismus als ein ästhetisch gestalteter Wirklichkeitsentwurf zu verstehen, als eine, folgt man Fontanes Worten, konstruierte Realität, die die subjektive, schöpferische, weil verklärende Gestaltungskraft des Autors betont; dementsprechend lässt sie sieh mit Hilfe eines konstruktivistischen Kulturbegriffs adäquat besehreiben4: "So enthüllte sieh allmählich, was der ,poetische Realismus' von Beginn an heimlich war: ein Konstrukt, ein ästhetizistisches Bild, das man der Realität als ihr Wesen andichten wollte.' Dieser Befund soll dahingehend präzisiert werden, dass die Literatur des Bürgerlichen Realismus insofern ein "ästhetizistisches Bild" von der Wirklichkeit entwirft, als diese aus dem einseitigen Blickwinkel einer gesellschaftliehen Klasse und eines soziokulturellen Milieus, und das heißt auf der Basis einer kollektiven, hier der bürgerlichen Mentalität heraus verlasst wurde.
      Literatur verkörpert innerhalb der kulturwissenschaftlichen Ansätze die ma-teriale Seite der Kultur. Für die Beschreibung von Literatur als Teil der Kultur einer Epoche, als Bestandteil eines kulturellen Systems bedienen sieh die Kulturwissenschaften zudem des Begriffs der Mentalität. Mit ihm bezeichnet man ein Lnsemble von "kollektiven Denkweisen, Gefühlen, Überzeugungen, Vorstellungen und Wissensformen" und damit die "immaterielle Dimension von Kultur". Literatur ist dabei ein Schlüssel zur Rekonstruktion der einer Epoche eigenen Mentalität, hier der des bürgerlichen 19. Jahrhunderts. Eine kulturgeschichtliche Vorgehensweise berücksichtigt diese Verbindung und hat dementsprechend die soziokulturelle Mentalität einer literarischen Epoche zu rekonstruieren. Im Anschluss an diese methodischtheoretische Prämisse sollen die folgenden Analysen stets vor dem Hintergrund eines bestimmten Fragekatalogs vorgenommen werden: Wie sieht die kollektive Wirklichkeitserfahrung des Bürgertums in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus? Welches Bild hat die bürgerliche Gesellschaft von sich selbst und von der Realität? Welche politischen und kulturellen Grundüberzeugungen dominieren? Wie wurde Wirklichkeit wahrgenommen? Welche Sicht hatte man auf die eigene bürgerliche Klasse? Welches waren die Einstellungen, Denkweisen, kollektiven Vorstellungen, Wahrnehmungsmuster und Gefühle der bürgerlichen Epoche? Welche nicht explizit in den Texten formulierten und reflektierten Denkweisen und Positionen lassen sich mit Hilfe der Rekonstruktion des kulturellen Kontextes, in dem die Texte entstanden, herauslesen? Welches sind die gesellschaftlichen und soziokulturellen Werte und Normen, die nicht nur die bürgerliche Epoche prägten, sondern auch die in ihr entstandene Literatur des Bürgerlichen Realismus? Welches für die zeitgenössische Leserschicht noch erkennbare gesellschaftliche Wissen wurde in ihr verarbeitet?
Die bürgerliche Literatur des 19. Jahrhunderts war Teil eines Prozesses der soziokulturellen Sinngebung und kollektiven Identitätsfindung des Bürgertums. Folgt man also der Prämisse, dass Literatur Teil und Ausdruck eines umfassenden kulturellen Systems einer Epoche ist, gehl man mithin davon aus, dass ihr eine bestimmte kulturelle, epochenspezifische Mentalität zugrunde liegt, so muss die literarische Produktion des Bürgerlichen Realismus unbedingt mit der gesellschaftspolitischen Entwicklung zwischen 1848 bis 1890 wie mit dem gesellschaftlichen Diskurs ihrer Wirkungszeit gleichermaßen in Beziehung gebracht werden. Gerade im 19. Jahrhundert und insbesondere innerhalb des Bürgertums übernahm Literatur nach 1848 die Funktion eines gesellschaftlichen Kommunikationssystems. Literatur war neben den neu entstehenden bürgerlichen Familienblättern das zentrale Medium zur Verarbeitung und Verbreitung bürgerlicher Wertvorstellungen. Demzufolge geben literarische Texte als kulturelle Dokumente Aufsehluss über kollektive Dispositionen und Einstellungen, Denkmuster und Wahrnehmungen; nicht zuletzt deshalb, weil Literatur auch als ein einllussreiches Medium kultureller Sinngebung und Identitätsfindung eingesetzt werden und wirken konnte.
     

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