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Bürgerlicher realismus
Marie von Ebner-Eschenbach darf als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen ihrer Zeit gelten. Insbesondere ihre gesellschaftskritische, auf den Adel bezogene Haltung, aber auch d
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Das Gemeindekind (I887)



Das Gemeindekind darf in vielerlei Hinsicht als ein paradigmatisches Werk des Bürgerlichen Realismus gelten. Der Roman, an dem Ebner-Eschenbach fast fünf Jahre arbeitete die ersten Erwähnungen linden sich in den Tagebüchern des Jahres 1881 -, stellt eine gelungene Synthese zwischen Dorfgeschichte, sozialer Dichtung und Entwicklungsgeschichte eines Protagonisten dar.
      Ausgehend vom Konzept eines ,ethischen Sozialismus leistet Ebner-Eschenbach dabei allerdings weder eine soziopolitische Analyse noch werden die bestehenden Machtverhältnisse konsequent in Frage gestellt. Gegenüber den aus dem Bürgertum stammenden Vertretern des Bürgerlichen Realismus unterscheidet sie sich sicherlich durch ihre positive Einstellung dem Adel, ihrer eigenen Klasse, gegenüber. Dabei drängt sie aber auf dessen bürgerlich-humane Einstellung und Gesinnung, in der, so ihre Ãoberzeugung, sein eigentliches adeliges Wesen zum Ausdruck gebracht werden könne. Gesellschaftliche Machtpositionen und Machtstrukturen werden ernsthaft nicht in Zweifel gezogen, doch mit dem strikten Verweis auf die Notwendigkeit einer sozialen Handlungsweise auch der Adeligen argumentiert Ebner-Eschenbach im Sinne des Bürgerlichen Realismus.
      Auch im Hinblick auf die ästhetischen Leitlinien, unter denen ihr Roman entstand, ist die Autorin diesem verbunden. Jegliche naturalistische Dar

Stellung wird vermieden, eine Annäherung an die deterministischen Milieu-und Vererbungstheorien des Naturalismus bewusst ausgeklammert, gleichwohl die Thematik einen solchen Zugang nahe gelegt hätte. Der Roman proklamiert stattdessen den Glauben an Sittlichkeit und an eine sittlichmoralische Kraft im Menschen jenseits ihrer sozioökonomischen Situation und jenseits von Standeszugehörigkeit und Standesgrenzen. Zwar nimmt Ebner-Eschenbach Partei für einen sozialen Außenseiter; aber sie verbindet diese Parteinahme an keiner Stelle mit der Analyse der soziopolitischen und sozioökonomischen Grundlagen einer (jesellschaft, die solche Außenseiter hervorbringt und verstößt. Zwar sondiert sie das gesellschaftliche Umfeld ihres Protagonisten Pavel; die Konzeption der Figuren indes bleibt letztlich individualistisch angelegt.
      Im Zentrum des Romans steht der Sinneswandel Pavels, den seine Schwester, aber auch der Lehrer Habrecht auslösen. Zwar zeigt auch die Baronin in ihrem sozialen Mitgefühl Gemeinsamkeiten zu den Ãoberzeugungen Ebner-Eschenbachs, letztlich überträgt sie ihr philosophisches Konzept eines ,ethischen Sozialismus' jedoch auf die Figur des Lehrers. Unter seiner Einwirkung entwickelt sich der gesellschaftliche Außenseiter zu einem angesehenen Mitglied der Gemeinde: Das 'Gemeindekind" Pavel zeichnet sich am Ende durch bürgerliche Eigenschaften wie Maßhalten, Tüchtigkeit und Fleiß aus, auch ist er zum stolzen Besitzer eines kleinen Hauses und eines Stück Landes aufgestiegen. So werden als die Ursachen dieser positiven Entwicklung zwar vornehmlich subjektive Motive und individualpsychologische Erklärungsmuster angeführt; dennoch kann Pavels Werdegang auch als die Ausbildung zum Bürger gelesen werden.
      Der ideologische Hintergrund ist dabei allerdings, anders als in den repräsentativen Werken des Bürgerliehen Realismus, ein sozial engagierter Katholizismus. Damit formuliert Ebner-Eschenbach zugleich die Forderung nach einem praktischen Christentum, das ein soziales, nicht jedoch ein politisches Interesse impliziert. Sic pocht auf die religiös-sittliche Verantwortung des Einzelnen und setzt dabei auf die patriarchalische Fürsorge und Wohltätigkeit der Reichen, auf einen sozialen und demokratischen Humanismus, den sie weniger als eine gesellschaftliche Kritik der Zustände denn als Anklage der Verantwortlichen sowie als Appell an deren soziale Verantwortung verstanden wissen möchte.
      Angesichts solcher Akzentuierungen im Werk Ebner-Eschenbachs darf man festhalten, dass der Erfahrungshorizont dieser Autorin zwar vornehmlich die Landschlösser und Gutshäuser Ã-sterreichs sowie die Wiener Salons waren, ihre im Roman mitgeteilte Gesinnung jedoch vornehmlich eine bürgerliche ist. In ihr werden Werte wie Moral und Tugend, Fleiß und Arbeit geschätzt. Auch die Vorstellung, Leben finde in Arbeit seine Erfüllung und seinen Zweck, ist eine bürgerliche Maxime. Ebenso verweisen die Forderung nach Wohltätigkeit als Lösung sozialer Probleme sowie der aufkläre rische Bildungsoptimismus auf den bürgerlichen Wertehorizont der Autorin und auf den Publikationskontext des Bürgerlichen Realismus. Ungeachtet der Tatsache, dass sie mit ihrem 'Gemeindekind" einen Vertreter der Volksschicht, einer unteren sozialen Schicht beschreibt, ist Ebner-Eschenbaeh eine Verfechterin eines liberalen bürgerlichen Humanismus. Auf der Basis ihres ,ethischen Sozialismus', unter dem sie ein soziales Verantwortungsgefühl bei gleichzeitiger aristokratischer Grundhaltung benennen wollte, schließt sie an die Verklärungsstrategien des Bürgerlichen Realismus an und liefert so einen zwischen Idealismus und Realismus zu verortenden Roman.
      Insgesamt darf man festhalten, dass Ebner-Eschenbach eine vom Adel her denkende Bürgerliehe war. m An den Adel trägt sie genau jene Forderungen heran, die der bürgerliche Liberalismus an eine bürgerlich-humanistische Wertegemeinschaft stellte, in der die Belange des Einzelnen aufgehoben sind. Die Aufgaben, die z.B. Keller der bürgerlichen Gemeinschaft zuschreibt, fordert Ebner-Eschenbach dem Adel ab. Sowohl in ihrem Roman Das Gemeindekind als auch in vielen ihrer Novellen ist allerdings die Erkenntnis eingegangen, dass der Adel an dieser Aufgabe gescheitert ist. Dies nicht zuletzt deshalb, weil er sich als unfähig erwies, seinen dem bürgerlichen Wertesystem entnommenen sozialen Verpflichtungen gerecht zu werden. Indem die vom Adel diktierte Gemeinde ihrer sozialen Verantwortung für den Einzelnen nicht nachkommt, hat sie, ebenso wie der Adel und die kirchlichen Institutionen, versagt.
     

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