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Bürgerlicher realismus
Marie von Ebner-Eschenbach darf als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen ihrer Zeit gelten. Insbesondere ihre gesellschaftskritische, auf den Adel bezogene Haltung, aber auch d
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Bozena (I875)



In ihrer ersten großen Erzählung Bozena, 1876 von Paul llcyse in den von ihm herausgegebenen Neuen Den/sehen Novellenschatz aufgenommen, erzählt Ebner-Eschenbach den Werdegang einer tschechischen Dienstmagd. Der Roman gilt als einer der ersten Dienstmädchenromane der deutschen Literatur; auch steht das Werk innerhalb der Literatur des Bürgerlichen Realismus für die thematische Modernität dieser literarischen Bewegung. Denn zum einen ist es neben den Romanen Theodor Fontanes eines der wenigen Bücher, deren Protagonistin eine Frau ist; zum anderen ist die soziale Herkunft der Titelheldin zu erwähnen, Bozena ist eine "Plebcjc-rin"" wie es im Roman heißt.
      Geschildert wird die Lebensgeschichte der Dienstmagd, die Handlung spielt im Österreich der 1840er und 1850er Jahre. Sicherlich hat hierbei das eigene Umfeld - Ebner-Eschenbach wurde als Freifrau Dubsky auf Schloss Zdislawic in Mähren geboren der Autorin entscheidende Anregungen gegeben. Die geographischen und historisch exakten Orts- und Zeitangaben erhärten den realistischen Anspruch des Romans undder vorgeschlagenen politischen Möglichkeiten zur Lösung gesellschaftlicher und sozialer Krisen. Der Roman ist allerdings mit Blick auf seine politische Thematik, mit der nicht zuletzt die tschechische Nationalbewegung dieser Jahrzehnte angesprochen wird, ohne politische Tendenz verfasst. Der Autorin ging es eigenen Worten zufolge darum, ein "Stück Lebensgeschichte eines Menschen |zu] erzählen"."1' Die Revolution von 1848 sowie die ihr vorausgehenden Zustände in der Habsburger Monarchie sind die historischen Eckdaten, innerhalb derer sich die Handlung entwickelt. Diskutiert werden sodann die ökonomische Verarmung des Adels und der parallele wirtschaftliche Machtzuwachs des Bürgertums. Der historischpolitischen Konstellation nach 1848 entsprechend propagiert Ebner-Eschenbach den Zusammensehluss von Adel und Bürgertum, Bozena stellt die Verbindung zwischen adeliger und bürgerlicher Sphäre her. Ihr Lebensweg wird als ein idealer beziehungsweise vorbildlicher vorgeführt, und zwar gerade im Hinblick auf den Ausgleich zwischen Bürgertum und Adel. In diesem Harmoniebestreben offenbart sich der verklärende Blick Ebner-Eschenbachs auf die soziale und gesellschaftliche Realität. Er kommt den Harmoniesehnsüchten und Versöhnungsgesten des Bürgertums insofern nahe, als er der Dienslmagd, einer Angehörigen des niederen, kleinbürgerlichen Standes also, die Vermittlerrolle zwischen den gesellschaftlichen Gruppen überträgt. Die Machtposition Boz.enas wird durch ihre an ein bürgerliches Ethos angenäherte sittliche Kraft und Handlungsweise begründet; so liegt bereits diesem Roman Ebner-Eschenbachs jene Programmatik des ,ethischen Sozialismus'12" zugrunde, der auch die Basis ihres zweiten, bekannteren Romans Das Gemeindekind abgeben wird.
      Im Gegensatz zu diesem ist Bozena kein Entwicklungsroman, obwohl der Titel dies nahe legt. Denn eine Entwicklung der Titel- und Hauptfigur findet nicht statt, weder ihre Vorgeschichte noch ihr gesamter Werdegang werden geschildert. "Ihr Geringen", wird Ebner-Eschenbach in ihrem fast zehn Jahre später erschienenen Roman Das Gemeindekind formulieren, "Ihr seid die Wichtigen, ohne Eure Mitwirkung kann nichts Großes sich mehr vollziehen - von Euch geht aus, was Fluch oder Segen der Zukunft sein wird ...".m Vor dem Hintergrund dieser AulTorderung gerät die Figur der Bozena zur Verkörperung einer Utopie. Sie ist eine "Geringe", in deren Händen die Vermittlung zwischen Adel und Bürgertum ruht, eine Vermittlung, die nach 1848 dringender denn je erschien und die nach den Erfahrungen von 1848 vor allem ein Anliegen des Bürgertums war. Mit dieser dichterischen Antwort auf eine historisch doch äußert verfahrene Situation harmonisiert Ebner-Eschenbach Verhältnisse, die über die von ihr vorgeschlagenen Lösungen, allesamt politische und soziale Versöhnungsangebote, allerdings nicht mehr zu harmonisieren waren.
      Sowohl aufgrund der idealistischen Züge des Romans, die in der Opferwilligkeil und Treue der Magd, in ihrer gefestigten sittlichen Machtposition zum Ausdruck kommen, als auch seiner materialistischen Komponente wegen der Roman propagiert ein Glück durch Liebe, aber ebenso durch Cield , ist das Werk unverkennbar auf der Basis eines bürgerlichen Wertehorizonts geschrieben.1

  

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