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Bürgerlicher realismus

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Programmatik und Gattung



Im Vergleich zum Jungen Deutschland und zum Vormärz ist die nachrevolutionäre Lyrik ungeachtet der Wirkungsmacht des frühen, programmatischen Realismus durch eine Lockerung der Wirklichkeitsbezüge zugunsten einer Verinnerlichung gekennzeichnet. Diese Entwicklung entspricht zwar in mancherlei Hinsicht den Subjektivierungstendenzen des Bürgerlichen Realismus. Demzufolge hätte man die Lyrik, das Medium subjektiven Erlebens und Empfindens, sicherlich als ein Mittel heranziehen können, mit dem das bürgerliche Subjekt seine Identität bestätigen konnte. Dessen ungeachtet musste sie als die subjektivste, persönlichste unter den Gattungen für eine programmatisch wirkende Bewegung, der es um die Festigung und Bestätigung einer soziokulturellen Identität ging, letztlich doch von geringerem Interesse sein. Das ästhetische, aber auch propagandis-tisch-kulturso/iologische Unterfangen des Bürgerlichen Realismus, das unbedingt die Einbeziehung der bürgerlichen Lebenswelt oder zumindest den Rekurs auf die zeitgenössische Realität erforderte, war über ein lyrisches Sprechen nicht zwingend zu bewältigen.
      Zwar wäre die Lyrik auch der Verpflichtung auf eine subjektiv-poetische Aneignung von Realität nachgekommen. Doch der Forderung nach dem Entwurf bürgerlicher Lebenswelten und Lebensläufe, nach der literarischen Behauptung der Überlegenheit der bürgerlichen Ideologie und ebensolchen Lebensmustern, war kaum in Versen nachzukommen. In diesem Zusammenhang ist es erwähnenswert, dass sich die Autoren des Bürgerlichen Realismus, die auch lyrisch tätig waren hier wären insbesondere Gottfried Keller, Theodor Fontane und Theodor Storni zu erwähnen , im Thematischen vornehmlich auf die Natur konzentrieren. Überhaupt ist die Überfülle von Naturgedichten in der nachrevolutionären Lyrikproduktion auffallend. Der Naturraum bot Zuflucht vor der gesellschaftlichen Realität, in der man 1848 politisch gescheitert war, und das galt auch, wie im einleitenden Kapitel dargelegt, für Autoren und ihre Werke.
      Zudem war vor allem die Lyrik als Tendenzliteratur diskreditiert, immerhin war sie die beliebteste Gattung der Autoren des Vormärz und des Jungen Deutschland gewesen, Georg Ilerwcgh und Georg Weerth, aber auch Heinrich Heine und Ludwig Börne hatten sie favorisiert; in diesem literarischen Umfeld war sie, mehr als die Dramatik und Epik, einem Politisie-rungs- und Funktionalisierungsprozess unterzogen worden.
      So ist zwar davon auszugehen, dass die Lyrik ihrer Fluchttendenzen und ihrem Hang zur Innerlichkeit wegen sowie aufgrund der in ihr vorgenommenen Ausgrenzung der politischen Realität den innerhalb des Bürgertums herrschenden Rückzugsphänomenen entgegenkam und folglich auch gelesen wurde; zudem war die epische Literatur des Bürgerlichen Realismus letztlich nicht frei von Fluchttendenzen. Doch weder die Programmatik noch die Literatur des Bürgerlichen Realismus erschöpften sich in der Flucht vor und aus der Realität. ,Realidealismus' und Verklärungsrealismus sind keinesfalls identisch mit einer Verweigerungshaltung der Realität gegenüber. Die programmatischen Funktionszuschreibungen an Literatur verhinderten eine solche Position, vor allem die der Repräsentation und Vermittlung einer de-zidiert bürgerlichen Kultur, ein Anspruch, der in der Lyrik kaum zu leisten war. Der Bürgerliche Realismus verstand Literatur vornehmlich nicht als einen Ort der Flucht, sondern als ein Mittel der Verständigung. Die lyrische Vertiefung in den inneren Lrlebnisbereich konnte solche Zielsetzungen keineswegs bewältigen. Zwar eignet dem Bürgerlichen Realismus auch die Tendenz, die Natur dem gesellschaftlichen und politischen Raum entgegenzuhalten; doch das Verlangen nach einem Realismus in der Literatur, der man, mit Blick auf eine wertevcrmittelnde Dimension, durchaus funktionale Züge zuschrieb, schränkte die Bedeutung der davon abweichenden Eigenheiten der Lyrik stark ein.
      Dies hing sicherlich nicht zuletzt mit der ambivalenten Haltung des Bürgerlichen Realismus dem lyrischen Genre gegenüber zusammen. Denn dieses bewertete man nach 1848 im Umfeld des Bürgerlichen Realismus als eine subjektive Gattung. Zwar gab es vereinzelte Versuche, diesen Subjektivismus zu überwinden; doch dadurch, dass die Autoren, die Wege zur Neudellnition des traditionellen lyrischen Sprechens aufgezeigt hatten, die Lyriker des Vormärz also, diskreditiert waren, befand man sich im Hinblick auf die Modernisierung des Genres in einer Sackgasse. So ist zwar die nach 1848 entstandene Lyrik Kellers und Fontanes durch die Konkretisierung des lyrischen Subjekts, seines Milieus und Standorts sowie durch die Einbettung der evozierten Szenerie und Stimmung in ein konkretes Lebensumfeld gekennzeichnet. Nichtsdestoweniger gerät lyrisches Schreiben unter den Prämissen realistischer Intentionen aus dem Blick. Bezeichnenderweise hat der Bürgerliche Realismus keine geschlossene Lyriktheoric vorgelegt.
      Der lyrischen Gattung wies man nach den alternativen Ansätzen des Vormärz zuallererst die Funktion der Vermittlung eines individuellen Ausdrucks von Gefühlen sowie der Evokation subjektiver Stimmungen zu. Man beschrieb sie als "lyrische Selbstaussprache" und benannte damit das Subjektive als die eigentliche Substanz von Lyrik. So heißt es z.B. in Vischers Ästhetik, der Lyriker benenne sein "Schwingungsleben des Gefühls"2, nicht aber kollektive Denk- und Existenzformen. Lyrik sah man vornehmlich dem Subjekt vorbehalten, der öffentlich-gesellschaftliche Charakter von Lyrik, die der Vormärz der Gattung zugedacht hatte, war in den gescheiterten bürgerlichen Bemühungen um eine Umgestaltung der gesellschaftlichen Realität verloren gegangen: Die "Poesie der Revolution" ging über den politischen Tagesereignissen verloren, bilanziert z.B. Joseph Victor von Scheffel. Zwar registrierte man die Aufnahme neuer Stoffe in die Lyrik, ,je unlyrischer sich das Treiben in der Welt gestaltete], je mehr der Gassenlärm die zarten Gemühter schreckt[e| und beängstigte]". Auch versuchte ein Autor wie Scheffel5, der vor der Revolution als Lyriker gewirkt hatte, die lyrische Gattung nach 1848 auch weiterhin aktuell zu halten; versuchte, die Funktion von Lyrik als "Klimax bürgerlich, intellektueller Selbstdarstellung" wiederherzustellen.'' Doch letztlich ist es weder ihm noch anderen Autoren gelungen, diese breite Repräsentativität der lyrischen Gattung aufrecht zu erhalten. Scheffel selbst z.B. war zu sehr festgelegt auf studentische Lieder und auf das studentische Milieu, um noch breite Repräsentativität im bürgerlichen Spektrum erlangen zu können. Einzig der Münchner Poetenkreis um den Dichterfürsten Emanuel Geibel erreichte nach der Reichsgründung gesellschaftliche Breitenwirkung; der jedoch kann kaum im Kontext des Bürgerlichen Realismus behandelt werden, Geibel ist vielmehr die repräsentative Figur der Gründerzeilliteralur.
     

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