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Bürgerlicher realismus

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Lyrischer Realismus



Ungeachtet der Differenzen zwischen der lyrischen Gattung und der bürgerlich-realistischen Programmatik bemühten sich jene Autoren, die auch lyrisch tätig waren hier wären vor allem Fontane , Storni und Keller zu nennen" - um einen Realismus in der Lyrik, um realistisehe Momente des lyrischen Schreibens.1' So wird z.B. Theodor Storni, der der Lyrik innerhalb seiner literarischen Tätigkeit ohnehin einen hohen Stellenwert einräumte, mit seinen Landschaftsgedichten zwar in erster Linie als ein Autor weitabgewandter Idyllen bekannt, die die 'aufgeregte Zeit"'" der 1848er Jahre hinter sich lassen und die Einsamkeit der norddeutschen Heidelandschaft preisen; dennoch ist auch Storms Lyrik durch eine Objektivierung lyrischen Schreibens gekennzeichnet: Stets war es ihm um Simplizität, Objektivität, und Gegenständlichkeit der Darstellung auch in Gedichten zu tun." Storni war überzeugt, dass 'die Poesie es zunächst und wesentlich nicht mit Gedanken über das Leben, sondern, wie jede Kunst, mit der Darstellung des Lebens selbst sei es Empfindung, Zustand, Handlung zu tun" habe.1
Es dürfte jedoch insbesondere Gottfried Keller gewesen sein, der in seinen Gedichten eine realistische Ausrichtung von Lyrik vorantrieb. Sein lyrisches Werk indiziert die Entwicklung der nachmärzlichen, von der Realität abstrahierenden Lyrik zu einem auf die zeitgenössische Wirklichkeit bezogenen lyrischen Schreiben. Keller bewältigte diese sich selbst gestellte Forderung, indem er an die Tendenzen des Vormärz anknüpfte. Als Lyriker wurde er maßgeblich von Georg llerwegh und Anastasius Grün beeinllusst, deren Werke er als den 'Ruf der lebendigen Zeil"" las. In Anlehnung an die politische Vormärzlyrik verfasste Keller eine auf die Zielsetzungen des Bürgerlichen Realismus hin ausgerichtete politische Tendenzlyrik.
      Nach anlänglichen epigonalen, subjeklivistischen Gedichten hatte sich Keller bereits in den 1850er Jahren zu einer öffentlichen Rolle von Lyrik bekannt. Mit pädagogischem Impetus präsentierte er sich auch als Lyriker als .Erzieher' des Volkes, in der Rolle eines Autors also, dem es primär um die Erziehung des Volkes zu einer bürgerlich-humanen Wertegemeinschaft zu tun war. Insbesondere mit seinen 1851 erschienenen Neueren Gedichten war es Keller gelungen, die romantischen Dimensionen seines ersten Lyrikbandes aus dem Jahr 1846 zu überwinden. An die Stelle romantischen Schwärmertums trat ein von Feuerbach beeinflusstes, auf das Diesseits bezogenes lyrisches Sehreiben, mit seinem zweiten Lyrikband vollzog Keller den Ãobergang von der Romantik zum Realismus auch in der Lyrik. Das bereits an anderer Stelle zitierte Gedieht Aus meinem Leben, eines der bekanntesten der Sammlung, bringt diese Grundtendenz und -Stimmung explizit zum Ausdruck.

     
   Nach 1855 unterzog Keller seine Lyrik zudem einem Politisierungs-prozess, indem er verstärkt patriotische (jelegenheitsgedichte verfasste; so etwa den Prolog zur Sehillerfeier aus dem Jahr 1859, in dem er die demokratisch-republikanische Schweizer Verfassung, ihre freiheitlichen Grundrechte, ihren sozialen Gerechtigkeitsgedanken sowie den darauf basierenden ökonomischen Aufschwung als das Fundament einer bürgerlichen Gesellschaft preist.1'' Subjektives wird in diesen Gedichten zurückgedrängt, das lyrische ,Ieh' erfährt zugunsten des 'Wir" nur mehr wenig Beachtung, das vermittelte Erleben wird auf eine allgemeine kollektive Ebene gehoben. Kellers Weg vom Autor subjektiver Erlebnisgedichte hin zum Verfasser einer auf die Gesellschaft bezogenen Lyrik war damit vorgegeben.
      Dennoch akzeptierte Keller nach 1848 die Lyrik nur mehr als eine Nebenbeschäftigung, er empfand das lyrische Schreiben als den allzu subjektiven 'Firlefanz""' eines 'alten Zithersehlägers" im Gegensatz zur objektiven Tätigkeit des Epikers. Dabei bemühte er sich um eine Objektivierung der lyrischen Aussage, nicht zuletzt seiner formalen Maximen der Klarheit, Wahrheit und Einfachheit wegen gelang ihm dies. Kellers lyrischer Ton ist nüchtern, wobei das Ringen um eine solche Ausrichtung lyrischen Sprechens seine Bemühungen um einen Realismus in der Lyrik unterstreicht.
      Auch Theodor Fontanes lyrische Anlange sind in der Nachfolge der politischen Vormärzlyrik zu sehen. Georg llerwegh z.B. widmete Fontane ein eigenes Gedicht."* Zugleich verkehrte Fontane aber seit 1850 im konservativen ,Tunnel'-Kreis, dessen Mitglieder jegliche politisch engagierte Lyrik und insbesondere die liberale Vormärz-Lyrik entschieden ablehnten. Fontanes seit 1847 entstehende Heldenballaden zeigen deutlich eine Anpassung an deren konservativ-restaurative Haltung: Sie thematisieren be zeichnenderweise altpreußische Militärgestalten, was bereits die Titel des Zyklus Männer und Helden aus dem Jahr 1850 erkennen lassen: Der alte Detf/ling, Der alle Dessauer, Der alle Zielen, Seydlilz, Sehwerin lauten die Titel seiner Gedichte aus diesen Jahren.
      Fontanes größte lyrische Verdienste liegen im Bereich der Ballade. Denn nichts (ieringeres als die Ã-ffnung der Ballade zur zeitgenössischen Wirklichkeit gelang ihm, und zwar vor allem durch die Bearbeitung aktueller Stoffe. Insbesondere seine beiden Balladen Die Brück ' am Tay aus dem Jahr 1880 und John Maynard, 1886 entstanden, gestalten tagespolitische Ereig-nisse. Fontane hatte sowohl die in Die Brück ' am Tay verarbeitete Nachricht über das Fisenbahnunglück bei Dundee am 28. Dezember 1879 als auch den I leldentod eines amerikanischen Seemannes der Zeitung entnommen.
      Des Weiteren kommt diesen Balladen eine herausragende Bedeutung im Hinblick auf die Ausbildung eines lyrischen Realismus dadurch zu, dass sie bürgerliche Helden in den Mittelpunkt rücken und ihr Augenmerk somit auf das bürgerliche Individuum richten. Der heroische, adelige Held macht dem bürgerlichen Subjekt Platz.1" In seinem Arehihald Douglas z.B. steht nicht die historische Begebenheit, sondern die einzelne Figur im Vordergrund. Auch eröffnet Fontane mit der Wahl der Arbeilswelt, etwa in John Mavnard, eine 'heroische Dimension im bürgerlichen Berufsalltag".2" Maynard zeichnet sieh durch eine bürgerliehe Arbeitshaltung aus, Pflichterfüllung bis zum Tode ist ihm ein verinnerlichtes Gebot. Die Ironisierung des heldischen Ges-tus in den frühen Balladen, der Verzicht auf chauvinistische Töne, auf die Glorillzierung des Krieges und des Militärwesens zugunsten der Hervorhebung des überlegenen, sozialen Handelns des Finzelnen und der unpathetischen Profilierung des Helden ist einer solchen Einstellung ebenso wie der gesamten Thematik immanent.
      Im Hinblick auf seine Protagonisten interessieren Fontane nicht deren Empfindungen als herausragende historische Persönlichkeiten; von Bedeutung sind vielmehr ihre persönlich-privaten Konflikte. Statt brandenburgischen Landadels und preußischer Militärs, stall heroischer Rolle und heldenhafter Tugend dominieren nun die bürgerlichen Humanitätsideale, die mit der bürgerlichen Klasse verbundenen Attribute also. Allerdings überträgt Fontane diese Ideale auf den Adel, was insbesondere seine Ballade Herr von Rihheck auf Rihheck im Havelland verdeutlicht. Entsprechend seiner Maxime, ihm 'sei der Alltag ans Herz gewachsen"2', spielt sich das Geschehen im Alltag ab, wobei diese Bezugnahme auf die Alltäglichkeit, mit-hin die Evokation einer dem Alltag entnommenen Szenerie, nicht nur die Ã-ffnung der Lyrik für die Darstellung und Einbeziehung des gesellschaftlichen und sozialen Lebens impliziert"; sie zieht vielmehr auch eine Verbürgerlichung der Sprache und Thematik nach sich. So etwa, indem Fontane den Landadeligen im Dialekt sprechen lässt: Durch solche Akzentverschiebungen trägt Fontane Wesentliches zur Objektivierung lyrischen Schreibens bei; zugleich bindet er über diese 'Integration des Alltäglichen in die Lyrik"' womit auch ein hervorragendes Merkmal seiner späten Lyrik benannt ist die Lyrik an die Entwicklung eines literarischen Realismus. In dieser ,Lyrik Für den Alltag' ist Privates und Gesellschaftliches vereint, das Persönliche mit dem Gesellschaftlichen verschränkt. Daneben verweist die pathosfreie, einfache und alltagsnahe Sprache von Fontanes später Lyrik zudem auf den Entstehungskontext des Bürgerlichen Realismus.
     
Thematisch geht es ihm um die Erfassung bürgerlicher Werte, darüber hinaus werden die vom Bürgertum betriebenen Prozesse der Industrialisierung und Materialisierung verarbeitet. Dies wird insbesondere in der Figur des Sohnes in der Ballade Herr von Rihheck auf Rihheck im Havelland erkennbar, mit dem Fontane jene Kritik an der materialistischen Ausrichtung der bürgerlichen Klasse vorwegnimmt, die sein späteres Romanwerk kennzeichnen wird; der junge Ribbeck hall eine humane I lallung und Gesinnung angesichts der vornehmlich ökonomischen Interessen der Bourgeoisie für überholt. Der daraus resultierende Konflikt zwischen Vater und Sohn thematisiert indirekt bereits die in den 1870er und 1880er Jahren sich verschärfende Spannung zwischen Bildungs- und Besitzbürgertum und damit die zunehmende Malerialisierung der bürgerlichen Sphäre. Zwar demonstriert Fontane diese Entwicklung sowie die bürgerliehen Ideale ausschließlieh an Angehörigen des Adels; eine Verbürgerlichung der Ballade ist damit aber gleichwohl vorgenommen, zumal es sich hierbei um eine Eigenheit handelt, die in Fontanes späterem, im Kontext des kritischen Realismus entstandenem Romanwerk erhalten bleibt.
     

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