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Literatur als Vermittlungsinstanz



Das Bild des Literaten und der Beruf des Schriftstellers waren seit der gescheiterten Revolution, die maßgeblich von Autoren bestimmt worden war, diskreditiert. Robert Prutz z.B. diagnostizierte die sinkende Achtung Literatur und Literaturproduzenten gegenüber:
Wie schon einmal im Laufe der dreißiger Jahre, so mussle die Literatur auch jetzt den Prügelknaben abgeben für alles, was die Nation verschuldet |...| man bezeugte jetzt nicht übel Lust, unsere gesamte Literatur in Bausch und Bogen für eine Verirrimg |...| für einen Landesverrat, für den eigentlichen Giftbecher zu erklären, der die gesunden Kräfte unseres Volkes verdorben und es zu großen glücklichen Taten unfähig gemacht halte.si
Ausgehend von dieser Stimmung gegen Literatur ist ihre Neubestimmung im Zuge der Ausbildung der bürgerlichen Gesellschaft verständlich. Neue Anerkennung und Wertschätzung erlangte das literarische Medium nach 1848 innerhalb des Bürgertums in seiner Ligenschaft als Vcrmittlungsinstanz einer weniger politisch denn kulturell verstandenen Bürgerlichkeit: Literatur als Teil von Kultur konnte im Hinblick auf die Ausbildung einer bürgerlichen Werte- und Lebenswelt entscheidende Aufgaben übernehmen. Und wirklich knüpfte die Mehrheit der Autoren des Bürgerlichen Realismus nach der gescheiterten Revolution die Existenzberechtigung von Literatur an ihre Funktionalisierung im Umfeld der Ausbildung einer spezifisch bürgerlichen Kultur. Literatur ist, um Kellers Formulierung aus seinem Grünen Heinrich zu verwenden, 'wahre Volksrede", ein 'Monolog, den das Volk selber hält", ist 'Spiegel seines Volkes, |...|, der nichts widerspiegelt als dies Volk", wobei er unter Volk vornehmlich die bürgerliche Gemeinschaft verstand.1* Vor dem Hintergrund solcher kulturgeschichtlicher Zu-schreibungen an Literatur ist die spezifische Ausrichtung des Bürgerlichen Realismus erklärbar, der als literarische Bewegung ohne ein festes Zentrum, ohne konstante Bindungen und Kontakte zwischen den Autoren auskam und dennoch eine Wirkungszeit von nahezu fünf Jahrzehnten entfaltete. Auch die Tatsache, dass nur wenige Autoren sich gänzlich ihrer Schriftstellcrei verpflichteten, ist in diesem Zusammenhang zu bewerten. Dass dabei viele dem Konflikt zwischen Künstlertum und Bürgertum sowie der Ambivalenz eines bürgerlichen KUnstlerlums ausgesetzt waren, bestimmt die Werke des Bürgerlichen Realismus nachhaltig. Alle seine Vertreter mussten von daher Kompromisse eingehen, galt es doch, die Distanz zwischen Einordnung in ein bürgerliches Wertesystem und der Ungebundenheit einer künstlerischen Identität und Existenz zu überbrücken; denn die 'Dichter selbst [wollten]


Bürger sein"K wollten ein bürgerliches Künstlertum leben. Dementsprechend suchte man den Ausgleich mit der bürgerlichen Gesellschaft. Versöhnung wurde nicht nur als literarisches und ästhetisches Programm verstanden, vielmehr stand es der Gesellschaft, aber auch den Schriftstellern als eine realistische Lebensperspektive vor Augen. Die dabei sublimierten Vorwürfe an die bürgerliche Gesellschaft, die den Stellenwert von Kunst eher gering schätzte, kommen, etwa bei Fontane und Stifter, in ihrer Ãoberhöhung einer aristokratischen Lebensform zum fragen, im Entwurf einer zum Aristokratischen überhöhten Bürgerlichkeit. Daneben aber fügte man sich der bürgerlichen Gesellschaft als 'ihr Mitbürger ein".1"' Letztlich erklärt dieses Verhalten auch die Zunahme der Publikation kürzerer Prosatexte in bürgerlichen Zeitschriften, so z.B. in der Gartenlaube, aber auch in weniger bekannten Organen, den so genannten Familienblättern; dokumentierte man doch mit diesem Schritt den Willen zur Mitgestaltung bürgerlicher Lesestoffe und Lektüre, aber auch Lebensprinzipien. Ãoberhaupt verweist dieser Publikationskontext auf die Eingebundenheit der Literatur des Bürgerlichen Realismus in das kulturelle System des Bürgertums insgesamt. Im Gegensatz zu Veröffentlichungsorganen des Jungen Deutschland sind die Zeitschriften des Bürgerlichen Realismus weniger politische Meinungsforen als Vermiltlungsträger des gesamten bürgerlichen Wertesystems. Gab es nach 1848 im Umkreis des oppositionellen bürgerlichen Liberalismus noch politisch orientierte Blätter, so verschwinden diese mit dem Rückzug des Bürgertums in die Privatheit und auf die Position der moralisch ,besseren' Klasse. Stattdessen wurde die Presselandschaft von den Familienblättern beherrscht, die soziologisch und kulturell auf die bürgerliche Gesinnung und Lebensführung einzuwirken suchten. Abzulesen ist dieser Wandel nicht zuletzt auch an der Gartenlaube selbst, die als liberales, fortschrittliches Blatt begann, sich in den sechziger und siebziger Jahren, insbesondere nach der Reichsgründung, zu einem konservativen bürgerlichen Organ entwickelte, in dem der Abschleifungsprozess von einer politisch verstandenen Bürgerlichkeit zur Spießbürgerlichkeit und zu einem festgefahrenen Tugendkanon und Moralkodex sichtbar wurde. Die Demonstration bürgerlicher Werte diente der Selbstbestätigung, die keinerlei kritische Reflexion oder Selbstreflexion mehr zuließ. In den 1880er und 1890er Jahren präsentierte sich die Gartenlaube nur mehr als ein den stagnierenden bürgerlichen und kleinbürgerlichen Interessenskreis bestätigendes Blatt. Man beschwor die bürgerlichen Werte des Familiär-Patriarchalischen, Intim-Sentimentalen, Moralisch-Ethischen, ohne einen Blick auf die , reale' Gegenwart zuzulassen.
      Die Entscheidung vieler Autoren, in diesem Umfeld ihre Novellen zu publizieren, darf nicht ausschließlich auf marktstrategische Ãoberlegungen zurückgeführt werden, sondern sollte auch als das Resultat ideologischer und soziokultureller Umstände und in Verbindung mit der Eingebundcnheit der Autoren in ein bürgerliches Umfeld gesehen werden. Die Gartenlaube z.B. stand anfangs für die Demokratisierung von Bildung und Literaturkonsum im Kontext bürgerlicher Selbstdarstellung. Diese Ausrichtung, und nicht nur der in der Forschungsliteralur genannte hohe Verbreitungsgrad der Zeitschrift, erklärt die Bereitschaft vieler Autoren, ihre Romane in dem Familienblatt zu veröffentlichen. Letztlieh war man sogar bereit, die literarische Form auf den Publikationsort hin auszurichten. Insbesondere die Wahl des Novellengenrcs, aber auch die Entscheidung kurze, novellenähnliche Romane zu verfassen man denke z.B. an Fontanes Werke hängen unmittelbar mit dem Interesse der Autoren zusammen, in bürgerlichen Organen zu veröffentlichen. Auch die Vernachlässigung der dramatischen Form innerhalb des Bürgerlichen Realismus dürfte partiell auf deren mangelnde Eignung für Teilabdrucke in Zeitsehrillen zurückzuführen sein. Ãober Land und Meer , Die Gartenlaube, Westermanns Monatshefte , die seit 1848 von Julian Schmidt und Gustav Freylag herausgegebenen Grenzboten, die Preußischen Jahrbücher des Altliberalen Maximilian Duncker, seit 1858 von Rudolf llaym redigiert, die 1874 von Julius Rodenbcrg begründete Deutsche Rundschau diese Zeilschriften sind Indikatoren für die wachsende Bedeutung ihrer Vermittlerrolle zwischen Literatur und Publikum und bestätigen wiederum die enge Verbindung von literarischer Produktion und bürgerlicher Identitätsfindung im Bürgerlichen Realismus. Es waren vor allem die Zeitsehrillen, die den Autoren anfangs ein Publikum autbauten; die Grenzboten machten u.a. Otto Ludwig, Berthold Auerbach, Willibald Alexis, Jeremias Gotthelf, Fritz Reuter und Klaus Groth bekannt; die Deutsche Rundschau bemühte sich um Theodor Storni, Louise von Francois, Conrad Ferdinand Meyer, Gottfried Keller, Marie von Ebner Eschenbach und Theodor Fontane. Dessen Romane Frau Jenny Treibet und Effi Briest erschienen hier im Vorabdruck. Rodenberg stand mit der Mehrheit der Autoren des Bürgerlichen Realismus in brieflichem oder persönlichem Kontakt.K
Im Hinblick auf die Beschreibung der Literatur des Bürgerlichen Realismus vor dem Hintergrund der Kulturgeschichte des Bürgertums wäre zudem zu beachten, dass der Adel nach 1848 für die eigene Klasse keine Literatur mehr reklamieren konnte. Er ist in eine Art Literatur- und Bildungs-symbiose mit dem Bürgertum eingetreten, wie umgekehrt auf politischem Sektor die bürgerliche Klasse sich weitgehend in die Obhut des Adels begeben hatte. Der eng mit dem Adel verbundene ,Salonroman' verschwandnach 1848 von der Bildfläche der öffentliche Salon war nicht der spezifische Raum des Bürgertums.
      Im Hinblick auf die angesprochenen Entwicklungen wäre festzuhalten, dass nach I ein für die Literatur bedeutender Prozess einsetzte: Die bürgerliche Literatur des 18. Jahrhunderts wandelt sich von einer 'humanistischen, am Begriff der Menschheit orientierten Literatur zu einer Literatur, die die Sonderinteressen der bürgerlichen Klasse formulierte".1*" Waren Literatur und die Funktionszuschreibungen an Literatur im 18. Jahrhundert im Rahmen der Aufklärung vornehmlieh auf die Selbstverständigung des Bürgertums hin angelegt, Literatur dementsprechend der privaten Sphäre zugeordnet, so ist der Bürgerliehe Realismus nach 1848 und im gesamten 19. Jahrhundert im Zuge des 'Strukturwandels der Ã-ffentlichkeit"'"' auf die gesellschaftliche und hier speziell auf die bürgerliche Ã-ffentlichkeit hin ausgerichtet. Literatur wird weiterhin als ein Medium der Selbslverständigung, aber auch der Selbstbestätigung genutzt, sie dient der Repräsentation wie der Vermittlung gleichermaßen. Zwar verzichtet das Bürgertum nach der gescheiterten Revolution von 1848 auf die politische Emanzipation und auf politische Mitbestimmung zugunsten des Ausbaus seiner wirtschaftlichen Macht. Dieser Verzicht bedeutete aber keineswegs die Vernachlässigung eigener bürgerlicher Interessen, nicht zuletzt die im lL). Jahrhundert massiv einsetzende gesellschaftliche Ausdifferenzierung der bürgerlichen Klasse in Großbürgertum und Kleinbürgertum sowie in Besitz- und Bildungsbürgertum hat dazu entscheidend beigetragen.
      Die Literatur des Bürgerlichen Realismus meint mithin nicht nur die Literaturproduktion der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts; vielmehr ist damit zugleich die spezitische, im Bürgertum entstandene und für das Bürgertum geschriebene Literatur benannt. Sie zielt auf die Identifikation des Rezi-pienten mit dem ihr immanenten Wertekodex bürgerlicher Lebensführung und Mentalität. Die Eingebundcnheit der Literatur des Bürgerlichen Realismus in ein solches soziokulturelles und sozialhistorisches Bezugssystem macht die hohen Auflagenzahlen vieler nach 1848 entstandenen Werke verständlich.
     

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