Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Bürgerlicher realismus
Unter literaturhistorischen Gesichtspunkten entsteht der Bürgerliche Realismus als eine Gegenbewegung sowohl zur Romantik als auch zum Jungen Deutschland und zum Vormärz. Deren literarische Programme
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Die Rezeption des Biedermeier (I8I5-I848)



Programmatisch wendet sich der Bürgerliche Realismus in seiner Entstehungsphase gegen Finde der 1840er Jahre sowohl gegen die politisch fortschrittlichen Autoren des Vormärz als auch gegen das traditionale Biedermeier. Als Epochenbezeichnung rückt das Biedermeier, das literaturhistorisch dem Bürgerlichen Realismus vorangeht, Autoren wie Franz Grillpar-zer, Eduard Mörike, Annette von Droste-Hülshoff oder Karl Immermann in den Vordergrund, die sich stilistisch eher an die Konventionen der klassischromantischen Kunstperiode anschließen lassen. Literarästhetisch ist es durch das Auslaufen alter Traditionen, weniger durch einen Neubeginn gekennzeichnet. Autoren wie Hebbel, Börne, Heine, Büchner und Gottheit'sind unter dem Begriff des Biedermeier aufgrund der inhaltlichen wie ästhetischen Modernität ihrer Werke nicht zu fassen, nicht zuletzt wegen dieser thematischen Unvereinbarkeit hat sich der allgemeine Ausdruck , Vormärz' für die Benennung jener Autoren, die nicht zum Biedermeier zu rechnen sind, eingebürgert.

     
Zwar lehnten die Programmatiker des frühen Realismus ohne weitere Differenzierung das Biedermeier zusammen mit der Romantik als eine subjektiv ausgerichtete Literatur ab. Vergegenwärtigt man sich jedoch die wichtigen Aspekte des biedermeierlichen Zeitstils, so wird erkennbar, dass der Bürgerliche Realismus sehr wohl Elemente des Biedermeier weiterführte. Nicht zuletzt dessen Qualifizierung als eine frühe realistische Kunst verweist auf die partielle Kontinuität zwischen literarischem Biedermeier und Bürgerlichem Realismus. Zwar hat auch Ersteres seinen Anteil an der Reflexionspoesie der Zeit, was in der auch für das Biedermeier typischen Durchmischung der größeren Formen des Dramas, des Romans und der Lyrik mit reflexiven religiösen, kritischen, satirischen und polemischen Elementen erkennbar wird. Doch die Gestaltung alltagsweltlicher Sujets, die Verwurzelung der Literatur in regionalen historischen und sozialen Gegebenheiten sowie die scharfe realistische Konturierung von Details unter gleichzeitiger Auflösung der Geschlossenheit der traditionellen Formen verbindet das Biedermeier mit dem Bürgerlichen Realismus. Auch die Tatsache, dass innerhalb der biedermeierlichen Literatur die klassische Autonomieästhetik, der Kultus der Form oder romantisches Künstlerpathos keine große Rolle spielen, verweist auf den Status des Biedermeier als einer ,vorrealistischen' Literatur. Friedrich Sengle ging gar davon aus, 'daß die Biedermeierzeit eine Voraussetzung für die viclgetadelle idyllische Neigung des deutschen Realismus ist"."'
Doch es ist insbesondere das Moment des Detailrealismus, mit dem der Bürgerliche Realismus Aspekte des Biedermeier weiterlührt. Zwar merkt Sengle zu Recht an, dass 'die Gegenständlichkeit in einem rein empirischen Sinn |...| im Detailrealismus des Biedermeier offenkundiger als im Realismus [sei], der immer deutlicher zur symbolischen Integrierung des Details" neige." Dennoch kennt auch der Bürgerliche Realismus die Vorliebe für den kleinen Ausschnitt, ungeachtet der Tatsache, dass man auf die Erfassung der bereits von Otto Ludwig geforderten 'Totalität"1" bedacht ist. Die Erfassung von Totalität bei gleichzeitiger Berücksichtigung von Details lautet die neue ästhetische Maxime des Bürgerlichen Realismus, eine Mischung, die die Mehrheit der nach 1848 entstandenen Romane tatsächlich auszeichnet.
      Im Anschluss an den vom Biedermeier übernommenen Detailrealismus strebt auch der Bürgerliche Realismus ein äußerstes Maß an Wirklichkeitsnähe an, die Wirklichkeitstreue des Geschilderten wird zur ästhetischen Leitlinie des Erzählens im Bürgerlichen Realismus. Zwar lehnt man im Unterschied zum Biedermeier, indem man die Notwendigkeit des Anspruchs aufden Verweischarakter des Geschilderten betont, einen übertriebenen Detailrealismus1'' als unrealistisch ab. Doch wie das Biedermeier fordert der programmatische Realismus genaue Orts- und Zeitangaben, auch verwendet man sehr viel Sorgfalt auf die erzählerische Ausgestaltung der Flandlungs-räume, sowohl der Außen- wie der Innenräume. Letzteres wäre allerdings nicht ausschließlich als ästhetisches Prinzip zu erklären; die exakte Besehreibung von Innenräumen ist auch das Resultat gesellschaftspolitischer und ideologischer Erwägungen, immerhin hat man es sich zur Aufgabe gemacht, das bürgerliche Lebensumfeld exakt zu benennen und zu fassen. Ãober diesen Versuch, Bürgerlichkeit nicht nur als die mentale Haltung eines Protagonisten vorzustellen, sondern auch als eine spezifische Lebensform in bestimmbaren Milieus zu beschreiben, gerät der ,Realismus' des Bürgerlichen Realismus vielfach zu einem Detailrealismus, der seine Bezüge zum Biedermeier nicht verleugnen kann. Adalbert Stifters Nachsommer, dessen 'sanftes Gesetz"*'", formuliert in der Vorrede zu den Bunten Steinen, ohnehin Elemente des Biedermeier fortführt, dürfte eines der sinnfälligsten, vielleicht auch übertriebenen Beispiele eines solchen Detailrealismus sein; von Fontane jedenfalls musste sich Stifter den Vorwurf der Kleinmalerei gefallen lassen.

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