Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Bürgerlicher realismus
Unter literaturhistorischen Gesichtspunkten entsteht der Bürgerliche Realismus als eine Gegenbewegung sowohl zur Romantik als auch zum Jungen Deutschland und zum Vormärz. Deren literarische Programme
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Die Kritik des Jungen Deutschland (I839-I840) und des Vormärz (I840-I848)



Die gescheiterte Revolution, vermutlich die wichtigste nicht-literarische Voraussetzung für die Entstehung und Ausbildung des Bürgerlichen Realismus, markierte zugleich das Ende der Vormärz-Literatur, von der der programmatische Realismus der frühen Phase sich explizit absetzte. Als literarische Programmatik entstand letzterer aus einer Enttäuschung über den Vormärz heraus. Friedrich Sengle hat darauf hingewiesen, dass "es im 19. Jahrhundert vor 1848 nirgends einen so deutlichen Klima- und GeneralionswechseL )gab] wie den, den der erste deutsche Revolutionsversuch bewirkte"."''
Das Scheitern des revolutionären Aulbegehrens des Bürgertums bedingte den Zusammenbruch des Idealismus und beschleunigte die Einsicht in die Notwendigkeit einer realistischen Schreibweise. Verfolgte der Vormärz einen engagierten und politisierten Literaturbegriff, so nahm man nach der Revolution eine Trennung des öffentlich-politischen und des literarischen Diskurses vor. Die jungdeutschc journalistisch-philosophische Reflexionsliteratur wie auch die politische Vormärz-Lyrik, die Werke ausgesprochen politischer Autoren wie Heinrich Laube, Karl Gutzkow, Georg Wecrth, Ferdinand Freiligrath und Georg Herwegh lehnte man in der Folge entschieden als "Schwindel"'' ab.
      Im Umkreis Georg Büchners und des Jungen Deutschland entstanden ab 1830 und im Kreis der Vormärzlyriker ab 1840 eine kritische, auf gesellschaftspolitische Wirkung bedachte publizistische Prosa und soweit man sich überhaupt der erzählenden Literatur zuwandte räsonnierende Romane; in ihnen verfolgte man jedoch primär reflexiv-essayistische Schreibstrategien. Literatur wurde ein politisches Wirkungskonzept zugrunde gelegt. Bewusst verletzte man dabei gesellschaftliche Tabus: Auch nach 1848 waren die Autoren des Vormärz Oppositionelle, allerdings war ihre Wirkungsphasc mit dem Jahr 1848, mit dem Ereignis der gescheiterten Revolution, für die aus der Sicht des Bürgerlichen Realismus auch die Autoren des Vormärz standen, beendet.

     
Die Kritik des programmatischen Realismus am Vormärz und am Jungen Deutschland richtet sich gegen den ideologischen und intellektuellen Radikalismus der Jungdeutschen, gegen ihren emanzipatorischen Subjektivismus wie gegen ihre utopistischen und nihilistischen Tendenzen gleichermaßen; zum anderen distanziert man sich vom jungdeutsehen Pathos des Genialen, der Zerrissenheil und des Weltschmerzes, der nach 1848 z.T. von diesen selbst resigniert zurückgenommen wurde. Auch lehnt der Bürgerliche Realismus die dekadenten und vermeintlich moralisch verwahrlosten Helden jungdeutschcr Literatur, ihre skeptische und ironische Weltsicht, aber auch ihre kritisch-unzufriedene Einstellung zur gegebenen politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeil ab. Das "spekulativ-utopische", "kritisch-zersetzende" des Vormärz weist man als "Vcrirrung" zurück. Julian Schmidt beruft sich dabei vereinfachend und perspcktivlos auf einen "gesunden Menschenverstand".' Die Überzeugung, dass Realitätserfassung vornehmlich über die philosophisch-reflexive Erkenntnismethode zu erreichen sei, vermag kaum mehr zu überzeugen. Mit ihrer Distanzierung, die sich zugleich gegen die Realitätsauffassung und den Realitätsbegriff des Jungen Deutschland wendet, ebnen die Programmatiker des frühen Realismus den Weg für eine erzählende realistische Literatur.
      Dabei dürfte auch die entschiedene Wendung gegen die Dominanz der Reflexion und der Rhetorik des literarischen Vormärz keine unwesentliche Rolle gespielt haben. Man drängt auf Abbau der Rhetorik und die Überwindung der zynisch-witzigen Schreibart. Der hohe pathetische Stil des Vormärz wird geächtet, ebenso die Vermischung verschiedener Stillagen. Proklamiert wird stattdessen eine mittlere bürgerliche Stilcbenes sowie ein objektiver, unmittelbarer und wirklichkeilsnaher Stil, dessen ästhetische Grundlage die Kategorie der Objektivität abzugeben habe.'' Rhetorik respektive die "rhetorische Phrase" und Realismus sind innerhalb der Literaturtheorie des Bürgerlichen Realismus einander ausschließende Schreibweisen. Die Romanliteratur des Jungen Deutschland und des Vormärz lehnt man als rhetoriküberladen und formlos, aber auch als zu subjektiv ab; mit Blick auf ihren Reflexionsgehalt gilt sie als unpoetisch, ihrer Negativität wegen darüber hinaus als "zersetzend" . Aus dieser Antihaltung heraus bestimmt man die eigene Position eines ,poetischen' Realismus.

     
Im Urteil der Programmatiker des frühen Realismus ist die jungdeutsche Literatur in ein der Romantik entgegengesetztes Extrem gefallen, aus dem heraus eine ungehemmte Tendenz zur Materialisierung und Funktionali-sierung von Literatur betrieben worden sei. Man wirft ihr vor, sie habe die "ideenferne Materialität des menschlichen Lebens zum favorisierten Thema gemacht".1" Folglich wird die Literatur des Jungen Deutschland als eine politische Tendenzliteratur verurteilt, wobei man insbesondere die Verwischung der Grenzen zwischen Literatur und Philosophie, zwischen Literatur und Journalistik für diesen Tendenzcharakter verantwortlieh machte.
      Zwar ist auch für die Zeit nach 1848 von einer Wechselwirkung zwischen Literatur und Gesellschaft auszugehen; doch dezidiert politische und publizistische Funktionen von Literatur weisen die Programmatiker und Autoren des Bürgerlichen Realismus im Gegensatz zum Jungen Deutschland als unpoetisch zurück: Einer Literatur, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Erfahrung objektiver Realität und Lebenswelt durch den Linzeinen in den Mittelpunkt der Darstellung zu rücken, mithin die subjektive Lrlcbenswelt zu fokussieren, konnte nicht an einer publizistisch-essayistischen Erfassung der gesellschaftspolitischen Realität gelegen sein. So wendet sich der Bürgerliche Realismus mit seinem realistischen Literaturprogramm nicht zuletzt auch gegen die politischen Einstellungen und literarischen Konzepte des Jungen Deutschland und des Vormärz und entwickelt sich stattdessen in enger Verbindung zur ,Realpolitik' Bismarcks. Der nach 1848 sich etablierende Realismus benennt dementsprechend in Anlehnung an den Begriff der Realpolitik unter anderem die Ablehnung einer offenen Gesellschaftskritik in der Literatur, die Anerkennung des Vorhandenen und die Akzeptanz der bestehenden politischen und sozialen Verhältnisse. Soziale und politische Missstände werden zur Kenntnis genommen, man weigert sieh jedoch, ausschließlich diesen einen Aspekt sehen zu wollen.
      Diese Kritik der politischen Haltung des Vormärz und Jungen Deutschland impliziert die Skepsis ihren literarischen Konzepten gegenüber. Zwar knüpft man in vielen Punkten, insbesondere hinsichtlieh der Verpflichtung von Literatur auf die Realität, an den Vormärz an. Doch im Unterschied zu den breit angelegten, am französischen Vorbild Flonore de Balzac orientierten Gesellschaftsromanen von Robert Prutz und Karl Gutzkow hat man nicht mehr die gesamte Gesellschaft im Blick; die Literatur des Bürgerlichen Realismus begnügt sich mit einem Ausschnitt, man verengt den Blick auf das Bürgertum und auf das bürgerliche Individuum. An genau diesem Punkt trennen sich die Wege des Jungdeutschen Karl Gutzkow, der als Herausgeber der Zeitschrift Unterhaltungen am häusliehen Herd vorübergehend in Übereinstimmung mit dem Bürgerlichen Realismus agiert hatte, und der
.bürgerlichen Realisten." Mit seinem neunbändigen Romanzyklus, seinem "Roman des Ncbeneinanders" Die Ritter vom Geiste plante Gutzkow, ein "Panorama" der zeitgenössischen Realität sowie der gesamten Gesellschaft der 1850er und 1860er Jahre in Deutschland zu entwerfen, in dem erklärtermaßen "König und Bettler", "Thron und Hütte", "Markt und Wald" mit all ihren Gegensätzen vorkommen sollten." Damit kritisierte er zugleich das eingeengte Realitätsverständnis der (Jrenzboten, die ihr Interesse, so sein sicherlich nicht unberechtigter Vorwurf, zu Lasten gesellschaftlicher Vielfalt und Komplexität auf die bürgerliche Lebenswirklichkeit beschränkten. Ungeachtet der Tatsache, dass auch Gutzkow das Harmonisierungsgebot sowie die Versöhnungsidee des Bürgerlichen Realismus im Hinblick auf die sozialen Klassen nicht fremd sind, ersparen er und Prutz den bürgerlichen Realisten nicht den Vorwurf der Realitätsfeindlichkeit; vor allem, wenn sie daraufhinweisen, dass mit der Apologie des Bürgertums die Verharmlosung von dessen realer konfliktgeladener gesellschaftlicher Situation zwischen Adel und Proletariat einhergehe.

     
  

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