Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Bürgerlicher realismus
Unter literaturhistorischen Gesichtspunkten entsteht der Bürgerliche Realismus als eine Gegenbewegung sowohl zur Romantik als auch zum Jungen Deutschland und zum Vormärz. Deren literarische Programme
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Die Kritik an der Romantik



Kontinuitäten zwischen Romantik und Bürgerlichem Realismus, der sich immerhin als ein ,poetischer' Realismus konstituiert und etabliert, sind kaum zu übersehen. Zweifelsohne bedauern die Realisten, dass die von den Romantikern entworfene imaginäre Welt angesichts der realen Umstände und Lrfahrungen so nicht mehr zu erzählen war. Die Kritik des Bürgerlichen Realismus an den Bewegungen des Jungen Deutschland und des Vormärz, denen man die fehlende poetische Dimension ihrer literarischen Werke vorwirft"', vermag solche Berührungspunkte zwischen Romantik und Realismus zu verdeutlichen. Partiell ist also von einem romantischen Lrbe innerhalb der Literatur des Bürgerlichen Realismus auszugehen. Bei aller polemischen Distanz, die etwa Julian Schmidt gegenüber der Romantik wahrte, sah er auch Parallelen zwischen Realismus und Romantik. So bringt er ersteren etwa mit Blick auf die Momente des Subjektivismus und Dilettantismus in Zusammenhang mit zentralen romantischen Schreibstrategien; insbesondere die ästhetische Kategorie des Humors, die man in Bezug zur zentralen ästhetischen Denk- und Stilfigur der Romantik, zur Ironie, setzt, wird als Beleg für die Kontinuität zwischen Romantik und Realismus angeführt. Die von Wolfgang Preisendanz vorgeschlagene Präzisierung des Humors 'als dichterische Linbildungskraft" hat diese angenommene Nähe im Nachhinein bestätigt." Und auch die Beschreibung des Humors als ein ,über dem Lrzählten Stehen' verweist auf den romantischen Anteil des Bürgerlichen Realismus. Die romantische Ironie zielt als ein stilistisches Mittel primär auf den epischen Zustand des ,Schwebens', auf die Einlösung einer Synthese zwischen der realen und der imaginären Welt; die Romantik möchte darüber das Uneindeutige, Ferne und Unendliche sichern. Der Humor des Bürgerliehen Realismus, verstanden als poetische Einbildungskraft, als ein ,Da-rüberstehen' und ,Ãober-den-Dingen-Schweben führt diese poetologische Leitidee der Romantik in vielem fort.
      Soweit die Gemeinsamkeiten, an denen sich allerdings zugleich die Unterschiede zwischen Romantik und Realismus festmachen lassen. Denn letztlich ist die humoristische Schreibweise des Bürgerlichen Realismus im Gegensatz zur romantischen Ironie zuallererst ideologisch als Versöhnungsgeste motiviert. Der Realismus selbst hat sich primär als eine Gegenbewegung zur deutschen Romantik verstanden, ungeachtet der Tatsache, dass man auch Verbindungslinien benannte. schreiben unter seinem Einfluss , blieb das romantische Erbe innerhalb des Bürgerlichen Realismus weitgehend ohne Resonanz und wirkungslos. Das Romantische geriet unter das Verdikt einer nur phantastischen, willkürlichen Subjektivität und eines experimentellen Ã"sthetizismus. Zweifellos bedeutete dies eine Verengung der ästhetischen Möglichkeiten und Themenbereiche, die Imagination als Ausgangspunkt literarischen Schreibens blieb innerhalb des Bürgerlichen Realismus ausgeschlossen und wurde allenfalls als 'dichterische Einbildungskraft" erhalten. Bürgerlicher Realismus bedeutet mithin von der Romantik her gesehen auch die Reduktion der Thematik und Ã"sthetik auf das Bürgerlich-Mäßige und Harmlos-Idyllische oder Philiströs-Moralische, was dem deutschen Realismus des 19. Jahrhunderts im Vergleich zum französischen, englischen und russischen Realismus dieser Jahrzehnte den Vorwurf des Provinziellen und Rückständigen einbrachte, von dem lediglieh, aber dies auch nur partiell, Theodor Fontane auszunehmen ist. Allerdings sollte nicht übersehen werden, dass die Literatur des Bürgerliehen Realismus, indem sie auf das engste mit der Kultur- und Sozialgeschichte des Bürgertums im 19. Jahrhundert verbunden ist, gerade aus dieser Kongruenz zwischen Literaturgeschichte und Kultur- beziehungsweise Mentalitätsgeschichte ihre Spannung bezieht.
      Neben der Ablehnung der phantastisch-imaginären Tendenzen romantischer Literatur ist der antiromantische Impuls des Bürgerliehen Realismus das Resultat ästhetischer Erwägungen. Die Formlosigkeit romantischer Literatur, für die man u.a. die Ironie verantwortlich macht, weist man zurück. Der Programmatik des frühen Realismus zufolge vermag die ironische Sehreibweise der Romantik weder die realistische Darstellung noch die geforderte Verklärung der Realität zu leisten, da sie, so die Kritik, jegliche normative Aneignung von Realität unterlaufe. Demgegenüber glaubt man mittels des Humors die Diskrepanzen und Unzulänglichkeiten innerhalb der bestehenden Ordnung, auf die der Bürgerliche Realismus die Autoren verpflichtet, ausgleichen zu können. Mittels einer humoristischen


Schreibweise sieht man sich in der Lage, den Kontrast zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit zu nivellieren, die Diskrepanzen zwischen Realität und Idealität versöhnend abzuschwächen und damit letztlich auch zu überwinden.
      Den Fragmentcharakler der romantischen Literatur, die Form des 'ver-wildertefn]" Romans, die Auflösung der festen Gattungsgrenzen und Gattungen, die Mischung der einzelnen Gattungen, d.h. die Konzeption der 'progressiven Universalpoesie", lehnt man dementsprechend ganz entschieden ab. Gottfried Keller z.B. verstand seinen Grünen Heinrich als ein Gegenmodell zu den Romanen der Romantik, ungeachtet der Tatsache, dass er sieh vom romantischen Künstlerroman in der Nachfolge von Novalis Heinrich von Ofterdingen und von der romantischen Kunstauffassung überhaupt nur mit Wehmut verabschiedet. Dem nach 1848 sich konstituierenden Realismus geht es um den 'Zusammenhang" und die 'Geschlossenheit" der gezeigten Welt, um den 'Zusammenhang der Dinge". Nicht zuletzt aufgrund dieses Interesses an einer geordneten Aneignung der Realität und demzufolge an einem kausalen Erzählen erklärt sich die positive Wertschätzung von Goethes Wilhelm Meisler. Das Hauptanliegen des Bürgerlichen Realismus ist die Disziplinierung des Formalen, ist die Forderung nach einer geschlossenen Romanform im Gegensatz zur romantischen Sehnsucht nach formaler Offenheit, die zugleich Unendlichkeit und Ferne ebenso wie das Universale und Transzendente verbürgen sollte. Realistisches Erzählen zielt demgegenüber auf die geordnete Aneignung einer überschaubaren Realität, so dass Realismus nicht zuletzt auch die detailgetreue Wiedergabe der äußeren Wirklichkeit, die genaue Beschreibung von Schauplätzen und Interieurs, einen klaren Handlungsaulbau, die sprachlichstilistische Verankerung des Romans in einer mittleren Sprachebene, das Eindämmen der Rhetorik, des Pathos und der Reflexion sowie das Bemühen um eine nachvollziehbare Motivierung der Gesamthandlung und der Handlungsweise der ihre Umwelt und ihr Schicksal bejahenden Helden benennt.
     

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