Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Bürgerlicher realismus
Unter literaturhistorischen Gesichtspunkten entsteht der Bürgerliche Realismus als eine Gegenbewegung sowohl zur Romantik als auch zum Jungen Deutschland und zum Vormärz. Deren literarische Programme
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Der russische Realismus



Auch die russischen Realisten Iwan S. Turgenjew, Fjodor Dostojewski und Lew N. Tolstoi gewannen in Deutschland Mitte der 1860er Jahre zunehmend Beachtung und zahlreiche Leser. Insbesondere Turgenjew avancierte in den 1880er Jahren zu einem viel gelesenen und beliebten Autor. Seine Aufzeichnungen eines Jägers, veröffentlicht im Jahr 1852, lagen bereits zwei Jahre nach ihrem Erscheinen in deutscher Ãobersetzung vor. Fontane z.B. ließ sich partiell von Turgenjew anregen, und sicherlich nicht zu Unrecht wird die stimulierende Funktion seiner Aufzeichnungen auf Theodor Storms 'lyrische Sicht auf die Realität" behauptet. Turgenjew war mit der deutschen Literatur- und Geistesgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts vertraut, darüber hinaus nahm er u.a. Verbindungen zu Storni, Auerbach, Heyse, Spielhagen, Freytag, Julius Rodenberg und Ludwig Pietzseh auf. Ausdruck dieser vielfaltigen Kontakte sind Julian Schmidts zwischen 1866 und 1883 erschienene umfassende Aufsätze über Turgenjew.

     
Fontane z.B. zählte den russischen Autor neben Adolph Menzel zu 'seinen Meistern und Vorbildern"5", und letztlich löste Turgenjew Dickens in seiner Wirkung auf die deutschsprachige Literatur ab. Nahezu alle namhaften Autoren des Bürgerlichen Realismus beschäftigten sich mit dem Werk Turgenjews. Hauptgrund dafür ist dessen moderne, realistische Erzählweise, die in äußerst gelungener Weise die Verbindung von objektiver Schilderung mit introspektiver, auf das Individuum konzentrierter Darstellung vorführte; mithin eben das praktizierte, was dem Bürgerlichen Realismus als Ziel vor Augen stand. Genau in dieser Verbindung sah man seine Modernität begründet, auch dürfte sie die Nachhaltigkeit seiner Wirkung erklären. In Turgenjews Prosawerken fand man die eigenen Ziele realisiert: Die Verbindung einer lyrisch-sentimentalen, auf Stimmung und Atmosphäre setzenden Schreibweise sowie die Beschreibung von Begebenheiten nicht um der Schilderung der objektiven Realität wegen, sondern hinsichtlieh ihrer Auswirkung auf den Menschen, auf das Individuum. Abgesehen von seinem F.intluss auf die Ausbildung der Novellenkunst des Bürgerlichen Realismus insgesamt wäre zudem seine Bedeutung im Hinblick auf die Formen der Erinnerungsnovelle und der Rahmenerzählung zu nennen.
      Dennoch blieb auch Turgenjews Werk unter den deutschsprachigen Autoren nicht unkritisiert, hier wäre wiederum an die seharfe Kritik Theodor Fontanes zu erinnern, die nicht als Konkurrenzneid abgetan werden sollte, wie dies Martini vorgeschlagen hat.5' Vielmehr hatte Fontane nach Erscheinen der Aufzeichnungen eines Jägers einen grundsätzlichen Unterschied im Realismusverständnis ausgemacht, an das zudem eine gänzlich verschiedene Auffassung von den künstlerischen Aufgaben eines Schriftstellers geknüpft war. In Bezug auf Turgenjews Realismusvorstellung etwa sah Fontane den Status des Künstlers und damit der Kunst in Frage gestellt. Darüber hinaus wies er Turgenjews Pessimismus, seine auf Desillusion set/ende Schreibweise zurück, die mit der Verklärungsstrategie des Bürgerlichen Realismus kaum zu vereinbaren war.
      Dementsprechend sollte der Einfluss Turgenjews nicht überbewertet werden, die entschiedene Ablehnung Fontanes verweist wiederum auf die spezifische Eigenart des Bürgerlichen Realismus in Deutschland, die den konkreten Nachweis insbesondere des russischen und französischen Einflusses auf die Werke der bürgerlichen Realisten so schwierig macht und den Sonderweg des deutschen Realismus begründet. Immerhin darf Fontanes kritische, fast ablehnende Rezension von Turgenjews Romanen Rauch und Neuland als programmatische Devise des Bürgerlichen Realismus in Deutschland gewertet werden. Die zentralen Argumente von Fontanes Kritik erklären zugleich die Tatsache, dass der russische Realismus den weitaus größeren Einfluss auf die französischen Realisten und auf den deutschen Naturalismus hatte. Im Brief an seine Frau Emilie Fontane vom 24. Juni 1881 z.B. lobt er Turgenjews Erzählungen, lügt jedoch unmissver-ständlich im Hinblick auf die Romane Rauch und Neuland hinzu, 'er werde dieser Sehreibweise nicht froh":
Ich bewundre die scharfe Beobachtung und das hohe Maß phrasenloser, alle Kinkerlitzchen verschmähender Kunst; aber eigentlich langweilt es mich, weil es im (iegensatz zu den theils wirklich poetischen, theils wenigstens poetisch sein wollenden 'Jägergeschichten" so grenzenlos prosaisch, so ganz unvcrklärt die Dinge wiedergibt. Ohne diese Verklärung giebl es aber keine eigentliche Kunst, auch dann nicht, wenn der Bildner in seinem bildnerischen Geschick ein wirklicher Künstler ist. Wer so beanlagt ist, muß Essays über Rußland schreiben, aber nicht Novellen. Abhandlungen haben ihr Gesetz und die Dichtung auch.""
Mit seinem Urteil über Turgenjew hatte Fontane nicht nur seine Ablehnung des russischen Realismus begründet; vielmehr formulierte er an dieser Stelle zugleich Kernaussagen des Bürgerlichen Realismus in Deutschland.
     

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