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Bürgerlicher realismus
Unter literaturhistorischen Gesichtspunkten entsteht der Bürgerliche Realismus als eine Gegenbewegung sowohl zur Romantik als auch zum Jungen Deutschland und zum Vormärz. Deren literarische Programme
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Der englische Realismus



Für die Ausbildung eines nationalen' realistischen Erzählstils ist der Einfluss des englischen Realismus kaum zu überschätzen. Dabei war es insbesondere Charles Dickens, dessen, wie Gustav Freytag schrieb,kräftige Einwirkung [...] uns Deutschen gerade in den Jahren half, wo die eigene schöpferische Kraft schwach, das nationale Leben krank, das Einströmen der französischen Oppositionslileralur, sozialistischer Ideen und frecher Hetärenge-schichten übermächtig zu werden drohte [...].
      Im Hinblick auf die Ãoberführung der biedermeierlichen Erzählkunst in die realistische Schreibweise des Bürgerlichen Realismus wurde Dickens zum Vorbild, u.a. sind Freytag, Raabe, Fontane, Ludwig und Berthold Auerbach von ihm beeinflusst.
      So knüpft der realistische Roman primär nicht an die im 19. Jahrhundert wesentlich durch die Romantik bestimmte Tradition an; seine prägenden Vorbilder findet er mehr in Walter Scott, Charles Dickens und William Thackeray. In deren Werken erkennen die Realisten eine Synthese der deutschen und der englischen Romantradition, finden sie ein Romangenre, das Elemente des Goetheschen und des jungdeutschen Romans, aber auch Erzählweisen der Romantiker vereinte. Julian Schmidt hob in seinem Aufsatz über den englischen realistischen Roman insbesondere die in diesem dominierende positive Weltsicht und Lebenseinstellung sowie die ihnen immanente 'Freude am Leben"â"¢ hervor.
      Vor allem bei Dickens fand man die eigenen Ziele realisiert: Den Entwurf eines gesellschaftlichen Panoramas der zeitgenössischen Realität, mit Blick auf die bürgerliche Mittelschicht; wobei man einerseits die Modernisierungsphänomene zur Kenntnis nahm, andererseits jedoch an einer vorkapitalistischen, ständisch organisierten Gesellschaft, die dem Einzelnen ausreichend Aufmerksamkeit entgegenbrachte, festhielt. Neben den inhaltlich-thematischen Tendenzen der Dickensschen Romane wirkte vor allem deren erzählerische Vorgehensweise wegweisend für die bürgerlichen Realisten. Dickens' Blick für Details und für Abseitiges, seine Mischung aus ethischem Moralismus und ironisch-humorvoller Weltaneignung, die seine Erzählhaltung kennzeichnende Zusammenlührung von pessimistisch-resignativer und sentimentaler Stimmung mit einer praktische Lebensnähe beweisenden und auf die moralische Kraft der Gesellschaft und des Menschen vertrauenden Einstellung waren für die Ausbildung der Literatur des Bürgerlichen Realismus entscheidend. Dickens sei, so folgert Schmidt, 'viel deutscher als unsre gesamte romantische Literatur von Tieck und Schlegel herunter bis auf Hebbel und Gutzkow".
      Dickens' erzählte Welt sind die im Zuge der Industrialisierung wachsenden und sich verändernden Großstädte, ist London. Ungeachtet der Tatsache, dass sie selbst die Industrialisierung und Urbanisierung ihrer Lebenswelt nur am Rande zur Kenntnis nahm, erkannten die deutschen Realisten die urbane Ausrichtung des Dickensschen Werks an. So gibt z.B. Berthold Auerbach gegenüber Jakob Auerbach 1870 zu bedenken:
W;is sind wir? Immer und immer Provinzialmenschen. Wir haben kein Centrum, das Jeder kennt, wir haben keine Nationaltypen |...| Was hat freytag und was habe ich gemacht? Doch nur provinziales Leben. Wir müssen von der Peripherie ins Centrum."
Das frühe Einsetzen der Industrialisierung und der damit verbundene gesellschaftliche und sozialpolitische Wandel war in England nicht ohne Einfluss auf die Literatur geblieben: Neue Themen wurden aufgegriffen, der Blick für gesellschaftliche Missstände war geschärft, der gcscllschafts-kritische Anspruch z.B. von Dickens oder Thackeray war Teil der realisti-sehen Erzählkunst. Dabei wirkte Dickens insbesondere wegen seiner Schilderungen des bürgerlichen Alltagslebens für den deutsehen Realismus interessant. Das bürgerliche Familienleben erfuhr, ungeachtet der sozial- und gesellschaftskritischen Dimension seiner Romane - Dickens schildert in vielen seiner Romane großstädtische Armut und soziale Missstände --, eine idealisierte Darstellung. Dickens benannte soziale Ungerechtigkeit ebenso wie die negativen Begleiterscheinungen der Industrialisierung; doch seine Werke beinhalteten keinen Aufruf zur sozialen Revolte.
      Das liberale Bürgertum erkannte sich in dem stets auf Ausgleich und Harmonie drängenden Dickens in seiner politischen Gesinnung wieder. Und auch auf das Verklärungspostulat des deutschen Realismus dürfte diese spezifische Ausrichtung von Dickens' Werken nicht ohne Einfluss gewesen sein. Nachweislich haben sich die Programmaliker der Frühphase des Bürgerlichen Realismus, Otto Ludwig und Gustav Freytag, mit der Erzählkunst des Engländers auseinandergesetzt, und Dickens' Einfluss auf Gustav Freytags Soll und Haben lässt sich unschwer erkennen. Die Werke des Engländers lagen seil 1840 in deutscher Ãobersetzung vor; auch wurden Dickens' Romane in Zeitschriften besprochen. "
Bezeichnend für den ,Sonderweg' des deutschen Realismus sind allerdings die Einwände, die man gegen Dickens vorbrachte, erklärt diese ablehnende Haltung doch partiell sowohl die Unterschiede zwischen deutschem und französischem beziehungsweise englischem Realismus als auch die der deutschen Literatur eigene Differenzierung zwischen Realismus und Naturalismus; weder die englische noch die französische Literatur kennen das Verklärungsposlulat in der Form, wie es der Bürgerliche Realismus in Deutschland propagierte und praktizierte. Mit Blick auf diesen Unterschied scheint es konsequent, dass man an den gesellschaftskritischen Romanen Charles Dickens' und William Thackerays die wie erwähnt auch vor Schilderungen großstädtischer Armut und sozialer Not nicht zurückschreckten die den Naturwissenschaften angenäherten Analysemethoden und Erzählformen des englischen Romans kritisierte. Des Weiteren lehnte man die satirische Tendenz der Dickensschen Romane und vor allem die ironische Erzählweise Thackerays ab. Satire, aber auch das romantische Stilprinzip der Ironie verletzten laut Schmidt im Unterschied zum Humor die Verpflichtung des Autors auf eine realistische Darstellung wie die von ihm zu leistende Verklärung gleichermaßen. In seinem Einfluss auf die Literatur des Bürgerlichen Realismus stand William Thackeray dementsprechend weit hinter Dickens zurück; sein ironischer, entromantisierender und desillusionierender Erzählstil widersprach den Zielen und Schwerpunkten des Bürgerlichen Realismus, ihm fehlten im Urteil der deutschen Realisten Humor und Optimismus, man vermisste bei ihm die versöhnende Geste, die einen Autor wie Dickens für sie so interessant machte. Dennoch verwies Fontane in seiner Rezension von Freytags Roman Soll und Haben auf die Bedeutung des englischen Realismus für die deutsche Entwicklung:
Der Freytagsehe Roman ist eine Verdeutschung ... des neueren englischen Romans. Fr lehnt sich entschieden an denselben an, ja, er ist im einzelnen eine Nachbildung desselben und doch wiederum, als zu schreiben, was wiederum auf den hohen Stellenwert verweist, den er diesem Autor zuschrieb.
      Wegen ihrer ausgewogenen ästhetischen und thematischen Ausrichtung erlangten insbesondere die historischen Werke Walter Scotts Bedeutung für den deutschen Realismus. Die Programmatiker Schmidt, Freytag und Ludwig empfahlen wiederholt die Werke des Engländers, der zu einem maßgeblichen Vorbild und Anreger insbesondere Theodor Fontanes werden sollte. Im Unterschied zu den Jungdeutschen bewunderte man vor allem den Aufbau seiner Romane. 'Während die .lungdeutschen Scott wegen mangelnder Aktualität abgelehnt haben, sahen die Realisten in ihm das Vorbild für eine Literaturform, die sich gegen alles Romantisch-Phantastische und Subjektiv-Tendenziöse wandte." Im Unterschied zur Romantik erschien der Rückgriff auf die Vergangenheit in Scotts historischen Romanen nicht als ein Mittel, das, zusammen mit den Elementen des Phantastischen und Märchenhaften, zur Entgrenzung von Raum und Zeit, zur Vermischung des Realen und Imaginären führen sollte. Vielmehr war das Historische als ein Mittel der Eingrenzung, der genauen zeitlichen und räumlich-örtlichen Festlegung der Handlung und des Geschehens zu erkennen.
     

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