Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Bürgerlicher realismus
Unter literaturhistorischen Gesichtspunkten entsteht der Bürgerliche Realismus als eine Gegenbewegung sowohl zur Romantik als auch zum Jungen Deutschland und zum Vormärz. Deren literarische Programme
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Das Verhältnis zu den Klassikern



Von Beginn an verstand sieh die Literatur des Bürgerlichen Realismus als eine klassische Periode der deutschen Literatur, eine Klassifikation, die man nicht zuletzt mit Blick auf das Werk von Goethe und Schiller formulierte:
|...| klassisch wird derjenige Dichter sein, der in seinen Werken allgemein menschliche Ideale, d.h. echten bleibenden Lebensgehalt darstellt, und der diese
Ideale so darzustellen weiß, dass jede Zeit an ihre Realität glaubt. [...] Um ein klassischer Dichter zu werden,urteilt Julian Schmidt 1860, 'reicht aber die große Begabung allein nicht aus: die Zeit, in der er lebt, muß ihm wirklichen, echten Lebensgehalt bieten". Schmidts Ã"ußerung ist ein Hinweis auf die Bedeutung, die die Wie-marer Klassik für die Ausbildung der realistischen Ã"sthetik nach 1848 spielte; zugleich aber verweist sie auf das Moment der Ablehnung der klassischen Literatur durch den Bürgerlichen Realismus.
      Stand man den Klassikern im Goethe-Jahr 1849 noch skeptisch gegenüber, so kam es in den 1850er Jahren zur positiven Rezeption insbesondere Goethes und Schillers. Die im Schillerjahr 1859 erschienenen Gedenkartikel belegen diesen Umschwung. Zwar blieben bei einzelnen Kritikern, z.B. bei Otto Ludwig, Vorbehalte bestehen, die primär auf die Tatsache zurückzuführen waren, dass der Vormärz sich mit Schiller identifiziert hatte; man erkannte jedoch die Parallelen, vor allem im Hinblick auf die Forderung nach der Idealisierung des Wirklichen.
      Sicherlich war die Rezeption der deutschen Klassik2' durch den Bürgerlichen Realismus nach 1848 auch durch die urheber- und verlagsrechtliche Freigabe der Werke zu erklären, wodurch das nahezu uneingeschränkte Monopol des Cotta-Verlags auf die Klassiker der ,Goelhezeit' endete. Doch daneben gab es inhaltliche Gründe für die verstärkte Wahrnehmung der Klassiker, wobei anfänglich Schiller eindeutig gegenüber Goethe der Vorzug gegeben wurde. So hoffte man zum einen, mit dem Rückgriff auf die klassische Tradition einen Interessenausgleich, ja eine Interessenharmonie zwischen Bürgertum und Arbeiterklasse herstellen zu können, ein Ziel, das jedoch trotz intensiver Bemühungen des nationalliberalcn Bürgertums und der Anstrengungen der Verlage, die preisgünstigen Klassikerausgaben anboten, weitgehend verfehlt wurde. Der Wunsch, dass 'die Hand jedes Ar-beilers nach seinem Schiller, seinem Lessing greifen könnte" wurde mitnichten eingelöst.2'
Zum anderen jedoch galt die Klassik, insbesondere Goethe, als Wegbereiter des Realismus im 18. Jahrhundert. Gerade weil die Realismuskonzeption des Bürgerlichen Realismus den Schwerpunkt nicht etwa auf das Realitätsnahe, sondern zu gleichen Teilen auf das Poetische legte, konnte die Literatur der Aufklärung, hier vor allem die Werke Lessings, und der Weimarer Klassik das Interesse der Realisten auf sich ziehen. Im Hinblick aufden Realismusbegriff darf gar von einer Kontinuität zwischen Klassik und Realismus gesprochen werden. Innerhalb des Briefwechsels Goethes mit Schiller deutet sich der 'Realismus als ästhetische Kategorie", so hat Klaus Berghahn herausgearbeitet, bereits an25: Fs war Schiller, der den Begriff einführte. In seinem Brief vom 27. April 1798 an Goethe heißt es: 'Das ist keine Frage, dass sie beßere Realisten als Idealisten sind, und ich nehme daraus ein siegendes Argument, daß der Realismus keinen Poeten machen kann."2'' Auch Schillers Unterscheidung zwischen der naiven und senti-mentalischen Dichtung blieb nicht ohne Wirkung auf die Literatur des Bürgerliehen Realismus. Schiller zufolge hat sich der sentimentalische Dichter nicht mit der 'Nachahmung der Natur" zu begnügen, sondern dieser entwirft der 'Menschheit das Ideal ihrer Vorstellung". Der 'empörenden" Wirklichkeit stellt Schiller das Ideal menschlicher Totalität entgegen, 'alle Wirklichkeit, wissen wir, bleibt hinter dem Ideal zurück", heißt es in seinem Aufsatz. Ãober naive und sentimentalische Dichtung. Diese exponierte Stellung des Ideals charakterisiert auch die Literatur des Bürgerlichen Realismus. Allerdings ist es hier nicht mehr das vage Schillersehe Ideal einer nicht näher bestimmten Menschheit, sondern ein konkretes der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, mithin ein gesellschaftspolitisches Ideal. Die Kritik des Bürgerlichen Realismus an der Weimarer Klassik entzündet sich dementsprechend gerade an der Bestimmung des Ideals. Man hält Goethe und Schiller vor, einen zu großen Unterschied zwischen Ideal und Leben akzeptiert zu haben. Die Vorbehalte insbesondere der programmatischen Realisten der Weimarer Klassik gegenüber richten sich in erster Linie gegen die Ignoranz des deutschen Idealismus dem ,Leben' gegenüber; man wirft der Weimarer Klassik vor, im Namen eines idealistischen Konzepts die Spaltung von Kunst und Leben betrieben zu haben. So benennt z.B. Fontane in seinem Aufsatz. Unsere lyrische und epische Poesie seit 1H4H die Bedeutung der Weimarer Klassik für die Ausbildung eines neuen Realismus; doch er verweist dabei auf die lür den Bürgerlichen Realismus zentrale Unterscheidung zwischen Objektivität und Realismus und vermerkt in diesem Zusammenhang:
Beide, Cioethe wie Schiller, waren entschiedene Vertreter des Realismus, solange sie .unangekränkell von der Blässe des Gedankens' lediglich aus einem vollen
Dichterherzen heraus ihre Werke schulen. Werther, Götz von Berlichingen und die wunder-sehönen, im Volkstone gehaltenen Lieder der Goeu' sehen Jugendperiode, soviele ihrer sind, sind ebenso viele Beispiele für unsere Behauptung, und Schiller nicht minder [...| stand mit seinen ersten Dramen völlig auf jenem Felde, auf dem auch wir wieder, sei's über kurz oder lang, einem neuen reichen Frnste entgegensehen. |...] Im übrigen blieben ihm [dem Realismus; S.B.| unsere großen Männer nicht treu fürs Leben; Schiller brach in seinen letzten Arbeiten vollständig mit ihm, und Goethe verdünnte den Realismus seiner Jugend zu der gepriesenen Objectivilät seines Mannesalters. Diese Objectivität ist dem Realismus nahe verwandt, in gewissen fällen ist sie dasselbe; sie unterscheiden sich nicht im Wie, sondern im Was, jene ist das Allgemeine, dieser das Besondere f...]."
Aus einem veränderten Lebensgefühl heraus wendet man sich gegen das Theatralisch-Pathetische und Sujektiv-Idealistische der Sehillerschen Werke. Ungeachtet der Tatsache, dass der Bürgerliche Realismus Aspekte des Idealismus weiterführt, spricht man sich gegen Schillers idealistisches Konzept von Literatur mit dem Hinweis auf die Gegenständlichkeit der Werke Goethes aus. Schmidt z.B. kritisiert unter Bezugnahme auf Schillers 1795 entstandenes Gedicht Das Ideal und Jas Lehen die bei den Klassikern nicht aufgehobene Spannung von Ideal und Wirklichkeit. War Schiller der Meinung, dass die tatsächlichen Verhältnisse des menschlichen Lebens stets hinter dem Ideal zurückbleiben würden und mithin dem Ideal primär der Status und die Funktion des Korrektivs zukämen, zielt der Bürgerliche Realismus auf die Aufhebung der Diskrepanz zwischen Realität und Ideal und daran anschließend auf die Vermeidung des Wirklichkeilsdefizils von Literatur. In Zusammenhang mit seiner Kritik an der von der Klassik betriebenen Spaltung von Ideal und Leben beanstandet Schmidt zugleich die Goethes und Schillers Werke gleichermaßen dominierende Tendenz zur Realitäts-llucht und Wirklichkeitsferne, in der sieh die spätere realitätsabgewandte Haltung der Romantiker bereits angedeutet habe: 'Schon in unserer klassischen Zeit' merken wir den Widerspruch zwischen dem Ideal und dem Leben. Um schön zu empfinden, bemüht man sieh, griechisch, d.h. undeutsch zu empfinden."2'' Den bürgerlichen Realisten zufolge hat der ästhetisch-idealistische Anspruch der Klassik die Leugnung der gesellschaftlichen Wirklichkeit zur Folge.
      Die Wertschätzung, die man Goethe gegenüber aufbrachte, ist über die genannten Gründe hinaus durch die Ablehnung der Romantik zu erklären. Man warf der Romantik vor, sie sei aus dem wirklichen Leben in die Welt der Phantasie und des Traums abgewandert. So spielt Julian Schmidt inseinem Aufsatz Wilhelm Meister im Verhältnis zu unserer Zeit Goethes Lehrjahre gegen die Romantik aus, wenn er schreibt:
Von den späteren Versuchen der Romantiker unterscheidet er sich dadurch, daß er nicht ins Reich der Chimären flüchtet, sondern das wirkliehe Leben poetisirt. Nun vermissen wir aber unter den C'lassen, die er darstellt, zunächst das wichtigste Moment des deutsehen Volkslebens, das Bürgerthum. Werner, der Repräsentant desselben, ist ein armseliges Zerrbild.
      Goethes Roman gilt den bürgerlichen Realisten grundsätzlich als wichtiges Vorbild. Doch zum einen spricht man sich gegen jene Teile des Wilhelm Meister, insbesondere gegen den zweiten Teil, gegen die Wanderjahre aus, in dem sieh Goethe, so ihr Vorwurf, der nur prosaischen Welt zugewendet und so den 'letzten Hauch des Poetischen abgestreift"" habe. Indirekt führt Schmidt damit die Kritik der Frühromantik am Wilhelm Meister weiter; Goethe habe, so lautet der viel zitierte Vorwurf von Novalis an Goethes Roman, eine 'Satyre auf die Poesie", ein 'Evangelium der Oeconomie" geliefert, 'künstlerischer Atheismus" sei, so Novalis' Vorwurf, 'der Geist des Buchs".' Doch über diesen Punkt hinaus bestehen kaum Gemeinsamkeiten zwischen der romantischen Meister-Kritik und den Argumentationen der frühen Realisten, denn diese vermissen auch in Goethes Roman vor allem den Humor:
Den Humor, der ohne stark aufgetragene Farben nicht denkbar ist, ersetzt der Dichter durch eine gelinde wohlwollende Ironie, welche den romantischen Inhalt auflöst und uns zur reinsten Sphäre der Bildung erhebt,wobei romantisch an dieser Stelle allerdings als 'romanhaft" verstanden wird, wie es in einer Fußnote heißt."
Ãober die Kritik des prosaischen Grundzugs hinaus wird zum anderen die in Goethes Roman fehlende Darstellung des Bürgertums beanstandet. Die bürgerliche Welt und Gesellschaft kämen, so der Finwand, im Wilhelm Meister zwar vor, im Vergleich zu der des Adels jedoch nur am Rande. In diesem Zusammenhang moniert man zudem die Reflcxionslastigkeit des Romans, die auf Kosten der 'unmittelbaren lebendigen Anschauung" und damit auf Kosten des ,,Bürgerthum[s]", das in den entsprechenden Schilderungen des Romans 'kein natürliches"-' sein, ginge. Damit ist der zentrale Kritikpunkt des Bürgerlichen Realismus an Goethes Werk benannt: man vermisst in ihm das Bürgerliche, die Schilderung des Bürgertums sowie des Bürgerlichen als das Vorbildliche. In diesem Punkt findet Schmidt den wesentlichen Unterschied zur Klassik, der ein gewisser Grad an Realismus nicht zuletzt im Hinblick auf die organische Form des Romans nicht abgesprochen wird. Auch der Anspruch auf eine 'Kunst", in der die 'im Leben zerstreuten Elemenlc" in 'ihrer idealen Reinheit dargestellt sind", knüpft an Maximen der Klassik an.

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