Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Bürgerlicher realismus

Index
» Bürgerlicher realismus
» Kulturphilosophische Voraussetzungen
» Die Philosophie Ludwig Feuerbachs (I804-I872)

Die Philosophie Ludwig Feuerbachs (I804-I872)



Insofern die Philosophie Ludwig Feuerbachs dem Bedürfnis der Realisten entgegenkam, die im Zuge der misslungenen Revolution von 1848 schmerzlich erfahrene Kluft zwischen Erreichtem und Gewolltem, zwischen Realität und Vision zu verringern, darf sie als eine entscheidende nicht-literarische Voraussetzung für die Entstehung des Bürgerlichen Realismus gelten. Überhaupt hat das Scheitern der Revolution eine tiefe Skepsis gegenüber philosophischen Erklärungsmustern ausgelöst. Statt auf Philosophie, idealistische Tradition und Spekulation setzt man nun auf, Realpolitik' und Naturwissenschaften; die naturwissenschaftlichen Disziplinen erfahren eine enorme Aufwertung, gegenüber der ,ldce' gewinnt die ,Materie' an Bedeutung. Man spricht von einem "Jahrhundert der Materie"', und es herrscht geradezu ein Bedürfnis nach ,Materie', nach der Materialisierung des Lebens. Reflexion und Theorie verlieren gegenüber der konkreten Erfahrung und empirischen Wirklichkeit an Wichtigkeit. Es herrscht ein .Geist der Wirklichkeit', aus dem heraus jegliche Transzendenz vermieden und das Wirkliche zum poetischen Ideal erklärt wird. Dieses Ideal, das innerhalb des programmatischen Realismus der Frühphase von Friedrich Theodor Vischcr, Julian Schmidt und Gustav Freytag näher bestimmt wurde, war maßgeblich von Feuerbach beeinflusst; dieser hatte wesentliche Inhalte der Theorie des Realismus vorweggenommen. Die Skepsis des Bürgerlichen Realismus dem Idealismus gegenüber z.B. war nicht neu. Bereits 1843 wagte Feuerbach im Vorwort seiner Grundsätze der Philosophie der 'Zukunft die Vorhersage: "Der Geist der Zeit oder Zukunft ist der Geist des Realismus." In Grundzügen skizzierte er hier seine "Wissenschaft der Wirklichkeit", mit der er, so Feuerbachs erklärtes Ziel, "die Philosophie aus dem Reiche der ,abgeschiedenen Seelen' in das Reich der bekörperten, der lebendigen Seelen wieder einführen", "aus der göttlichen, nichtbedürftigen Gedankenseligkeit in das menschliche Elend herabziehen" wollte. Als das "Wesen der neueren Zeit" bestimmte er "die Vergötterung des Wirklichen, des materiell Existierenden" - den "Materialismus, Empirismus, Realismus, Humanismus - die Negation der Theologie"; der "Empirismus oder Realismus", so heißt es weiter, "worunter hier überhaupt die sogenannten realen Wissenschaften, insbesondere die Naturwissenschaften verstanden werden, negiert die Theologie, aber nicht theoretisch, sondern praktisch durch die Tat, indem der Realist das, was die Negation Gottes oder wenigstens nicht Gott ist, zur wesentlichen Angelegenheit seines Lebens" bestimme.
      Feuerbachs Hauptwerk übte auf die Generation der bürgerlichen Realisten eine nachhaltige Wirkung aus: Die Bezeichnung seiner philosophischen Lehre als einer "Wissenschaft der Wirkliehkeil" verweist darauf, warum dieser Philosoph des Materialismus einen derart weit reichenden Einfluss auf die Literatur des Bürgerlichen Realismus nehmen konnte. Zwar knüpft auch er in seinen nach 1866 entstandenen Schriften an eine allgemeine Tendenz zur Materialisierung des Lebens sowie an die ,Realpolitik' Bismarcks an; doch letztlich ist er im 19. Jahrhundert der Wortführer einer materialistischen Philosophie.
      Als eine ,Wissenschaft des Sinnlichen' führte Feuerbachs philosophischer Materialismus vom Gedanklich-Spekulativen zum Konkret-Anschaulichen, vom Idealismus zum Materialismus, von der Idealität zur Realität. Ihre Komponenten sind die reale Well, ein sensualistisches Erfahren und eine empirische Erkenntnisweise. Die Kernaussage der Feuerbachschen Philosophie, der Mensch könne nur durch das unmittelbare Lrlebcn zur objektiven Realität vorstoßen, umreißt zugleich das ästhetische Axiom des Bürgerlichen Realismus. Für Feuerbach sind die Natur, das Allgemeine und das Wirkliche nur durch ein Einzelnes, Individuelles zu erkennen, das subjektiv Individuelle und das objektiv Allgemeine gehören für ihn mithin untrennbar zusammen.
      Daran anschließend konzentriert sich Feuerbach im Unterschied zur spekulativen Philosophie auf den Menschen in seiner empirischen Lebens-wclt, er deutet das Leben als eine "Bestimmung des Menschen zu sich selbst", urteilt Fritz Martini über die Bedeutung Feuerbachs für die Entwicklung des Realismus nach 1848.' Unter Berücksichtigung dieses Aspektes lässt sich Feuerbachs Philosophie als eine Anti-Theologie bzw. Anthropologie charakterisieren. Mit ihr hatte Feuerbach zugleich den traditionellen Gottesbegriff in Frage gestellt und das Göttliche, die Existenz des Göttlichen negiert: "Gegen Hegels Begriffsdenken stellte Feuerbach die Sinnlichkeit des natürlichen Menschen, seines konkreten Wahrnehmungsvermögens in der diesseitigen natürlich-sinnlichen Welt."s Damit gab er zugleich den transzendenten Gottesbegriff preis: Feuerbach definierte Gott als eine ideelle Projektion der menschlichen Einbildungskraft und bezog ihn auf diese Weise auf den Menschen zurück. Gott wird vermenschlicht unddem Menschen als Kulturideal vor Augen geführt: "Homo homini deus est", so lautet Feuerbachs zentrale Maxime in seiner Schrift Das Wesen des Christentums aus dem Jahr 1841." Gott verstand er nur mehr als eine moralisch individuelle Instanz und somit als ein innerweltliches Lebens-, Kultur- und Bildungsideal. Zwar konnte Feuerbach Gott aus dem Denken der bürgerlichen Klasse nicht gänzlich verbannen; doch seine Philosophie musste für eine soziale Schicht, die umfassend in die wirkliche Welt des Handels, der Ökonomie, der Arbeit und der Finanzen integriert war, äußerst anziehend sein. Das Bürgertum musste sich zu einer "Philosophie der Wirklichkeit" hingezogen fühlen, die wesentlich von einer Absage an das Spekulative und Metaphysische gekennzeichnet war, hatte man sich doch selbst mehrheitlich den Naturwissenschaften sowie den Bereichen Technik und Industrie verschrieben. Auch die Autoren des Bürgerlichen Realismus begründeten ihre Affinität zu Feuerbachs Philosophie mit dessen Absage an die spekulative Ausrichtung des Denkens zugunsten einer Materialisierung beziehungsweise Anthropologisierung der philosophischen Reflexion.
      Mit der anthropozentrischen und empiristischen Tendenz seines Werks hat Feuerbach die Generation der bürgerlichen Realisten maßgeblich bestimmt. Fragen nach dem göttlichen Sinn des Lebens kennt die Literatur des Bürgerlichen Realismus nicht; Gottfried Keller z.B. benannte diese Haltung in seinem Gedicht Aus dem Lehen aus dem Zyklus der Neueren Gedichte :
Ich nah' in kalten Winterlagen, In dunkler, hoffnungsarmer Zeit Ganz aus dem Sinne dich geschlagen, O Trugbild der Unsterblichkeil.
      Kellers Gedicht ist Ausdruck der grundlegenden Veränderungen seiner Weltanschauung im Anschluss an die Begegnung mit Feuerbach. An der Heidelberger Universität halte er die Vorlesungen Feuerbachs besucht und im Januar 1849 unter dem Einfluss dieser Begegnung seinem Freund Wilhelm Baumgartner gegenüber angekündigt:
|...| ich werde tabula rasa machen [...] mit allen meinen bisherigen religiösen Vorstellungen, bis ich auf dem Feuerbachschen Niveau bin. Die Welt ist eine Republik, sagt er, und erträgt weder einen absoluten, noch einen konstitutionellen . Ich kann einstweilen diesem Aufruf nicht widerstehen.

     

Für mich ist die Hauptfrage die: Wird die Welt, wird das Leben prosaischer und gemeiner nach Feuerbach? Bis jetzt muß ich des bestimmtesten antworten: Nein! im Gegenteil, es wird alles klarer, strenger, aber auch glühender und sinnlicher. Das Weitere muß ich der Zukunft überlassen, denn ich werde nie ein Fanatiker sein und die geheimnisvolle schöne Welt zu allem Möglichen fähig halten, wenn es mir irgend plausibel wird.
      Doch Feuerbachs Ansatz leistete nicht nur der Vermenschlichung Gottes und der Anthropologisierung des philosophischen und theologischen Denkens Vorschub; vielmehr wandte er sich zugleich gegen die ausschließliche Ver-stofflichung und Mechanisierung des Lebens und der Lebens- bzw. Realitätsauffassung. Dadurch dass er auf die Existenz und Berechtigung einer subjektiven Gedanken- und Phantasiewelt verweist, die "in der Meinung und Überlieferung der Menschen für wirkliehe Wesen gelten""', gibt er ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen der objektiven Wirklichkeit einerseits und einem illusionären, subjektiven Bewusstsein des Menschen in Bezug auf diese erfahrene und erfahrbare Wirklichkeit andererseits als das Ziel seiner philosophischen Überlegungen an. Damit wäre aber zugleich das zentrale Anliegen des Bürgerlichen Realismus beschrieben, kreisen die Literatur des Bürgerlichen Realismus und auch ihre programmatischen Vorgaben doch um die Klärung des Verhältnisses zwischen objektiver Wirklichkeil und ihrer subjektiven Erfahrung.
      Auch die durch den Bürgerlichen Realismus vorgenommene Neube-stimmung der Bedeutung des ,Ideals' Für die Literatur dürfte in wesentlichen Punkten auf Feuerbachs Lehre zurückzuführen sein. Feuerbach zufolge ist der Inhalt der christlichen Religion "das, was der Mensch noch nicht wirklich ist, aber einst zu werden hofft und glaubt, einst werden will; was daher nur ein Gegenstand des Wunsches, der Sehnsucht, des Strebens ist."" Als den Inhalt von Religion bestimmt er mithin das Ideal; und an die Stelle der Religion setzt Feuerbach den Glauben des Mensehen an sich selbst, an seine sittliche Kraft, an seine Bildung und Vernunft, aber auch an die Ethik einer sozialen Solidarität, an die moralische Entwicklung des Einzelnen innerhalb einer Solidargemeinschaft, an ein soziales und sittlich-harmonisches Miteinander. Mit derartigen Akzentsetzungen nahm Feuerbach nicht nur Einfluss auf die inhaltliche Ausrichtung des Bürgerlichen Realismus, sondern auch zentrale Punkte von dessen Programmatik vorweg; geht es diesem doch zum einen um die Vision einer bürgerlich-humanen Wertegemeinschaft und zum anderen um die Thematisierung des polaren Verhalt-nisses zwischen objektiver Wirklichkeit und subjektivem, illusionärem Bewusstsein des Menschen. Die literarische Gestaltung dieser Polarität, aber auch der Entwurf einer Synthese ist das zentrale Anliegen des Bürgerlichen Realismus.
      Die Entdeckung der Feuerbachschen "Philosophie der Wirklichkeit" ist nicht zuletzt auch das Resultat der Absage an Flegels spekulativen Idealismus." Hermann Hettners im Anschluss an seine Feuerbach-Lektüre entstandene Schrift Gegen die speculalive Ästhetik aus dem Jahr 1845 steht für diese Tendenz. Im Übrigen geht mit ihr die Abkehr von Hegels Diktutn über die "Prosa der Verhältnisse"15, die eine poetische Verarbeitung nicht zulasse, einher."' So gelangt Hettner, wiederum in Zusammenhang mit seiner Beschäftigung mit Feuerbach, zu der Erkenntnis, "Natur und Menschheit" seien "das allein Wirkliche und Wahre".

     
   Feuerbach stellte Hegels Begriffsdenken die Sinnlichkeit und das konkrete Wahrnehmungsvermögen des Menschen in einer diesseitigen, sinnlichen Erfahrungswelt entgegen:
Jedes Wesen ist nur zu dem bestimmt, was es ist [...]. Jedes Wesen hat den Zweck seiner Existenz unmittelbar in seiner Existenz; jedes Wesen hat seine Bestimmung dadurch erreicht, daß es die Existenz erreicht hat. Existenz, Sein ist Vollkommenheit, ist erfüllte Bestimmung. Leben ist sich selbst bestätigendes Sein [...],heißt es in seiner Abhandlung Die Unsterblichkeitsfrage vom Standpunkt der Anthropologie. Dieser Ansatz zielte auf die Überführung der Philosophie in eine psychologische Anthropologie, deren Flauptaugenmerk auf der empirischen Realität lag; als solche hat sie nach 1848 ebenfalls maßgeblich auf die Literatur und Literaturkritik gewirkt.

     

Doch Feuerbachs Philosophie des Materialismus entsprach ohnehin der nach 1848 festzumachenden Zeitstimmung. Im Jahr der Revolution diagnostizierte z.B. der Theologe David Friedrich Strauß:
Ja, lieber Rapp, läuschen wir uns nicht, die neue Zeit, welche angebrochen ist, kann Tür uns zunächst nicht erfreulich sein. Das Clement hört auf, in dem wir uns bisher am liebsten bewegten. |...|. Denn unser Hlement war doch - wenn Du mich recht verstehen willst die Theorie, ich meine die freie, nicht auf Zweck oder Bedürfniß gerichtete geistige Tätigkeit. Diese ist jetzt kaum mehr möglich und wird bald sogar geächtet sein. Denn das (Ileiehheitsprinzip ist auch dem geistigen Vorrang, wie dem materiellen feind.1''
Mit seiner pessimistischen Vermutung lag Strauß richtig, philosophisches Denken und philosophische Reflexion verloren nach dem Revolutionsjahr weilgehend ihre Legitimation. In den Jahrzehnten nach 1848 darf die Philosophie kaum mehr als eine produktive Kraft gelten, weder innerhalb des gesellschaftspolitischen noch des literarischen Diskurses erfreute sie sich großen Ansehens; vielfach sprach man gar, wie z.B. in Friedrich Überwegs und Traugott K. Österreichs Philosophie des 19. Jahrhunderts und der Gegenwart, von einer Ohnmacht des "philosophischen Denkens gegenüber dem Leben"."" Es heißt dort weiter:
Die dem Realismus des Handelns entsprechende (ieisteshallung bildete, wie in der Kunst der Realismus, so auf theoretischem (iebiet die Abwendung von aller Metaphysik und die Richtung auf das .Wirkliche', d.h. das unmittelbar Wahrnehmbare aus.
      Ls ist auch dieser Prestigeverlust des philosophisch-reflexiven Denkens, auf den die Programmatiker des Bürgerlichen Realismus in ihrer Absage an die essayistische Reflexionsliteratur des Vormärz und in ihrer Forderung nach materialistischem, realem Gehalt von Literatur reagierten. Man suchte die Anpassung an ein real gelebtes und von zeitgenössischen Lesern zu erfahrendes Dasein. Im Zuge dieser Umorientierung büßte die Philosophie jenen Führungsanspruch für die Literatur ein, den sie infolge der Hochschätzung des Ideellen in der Zeit des klassisch-romantischen Idealismus behauptet hatte. Martini hält in diesem Zusammenhang fest, dassdie Literatur nach 1X48 der Philosophie entfremdet [ist]; die Führungsansprüche im öffentlichen Leben übernahmen die Politik, die Wirtschaft und die positivistischen Wissenschaften, die als Naturwissenschaften und Geschichls


Wissenschaft für das zeitgenössische Bewusstsein das geistige Leben der Nation repräsentierten.

     
   Mit der Absage an die spekulativen Theorien und Synthesen der Philosophie wuchs allerdings auch der Anspruch an Literatur, idealistische Ansätze wurden zugunsten von Sujets aufgegeben, die sich konkreten Lebensfragen stellten. Die Enttäuschung von 1848 implizierte die Skepsis der ,ldee' gegenüber. Waren Journalistik und Literatur des Vormärz auf der Basis philosophischer Überlegungen verfasst, hatte das Junge Deutschland Geschichte als eine philosophische Bewegung verstanden, so geht nach der Revolution das Zutrauen in die Überlegenheit der ,Idee' und eines philosophisch untermauerten, essayistischen Reflexionsstils verloren. Man spricht dem idealistischen Denken die Fähigkeit ab, historische Realitäten und realhistorische Gegebenheiten exakt erfassen oder gar verändern zu können. In Rudolf Hayms Vorlesungen über Hegel aus dem Jahr 1857 heißt es:
Noch voll des Glaubens an eine ideelle Gestaltung der Dinge, an eine Welt construirter Möglichkeiten, so ergriff uns vor nunmehr neun Jahren eine verhängnisvolle politische Bewegung. Ihre Fluthen verliefen, und wie die Leidenschaft sank, so erblickten wir uns von einer namenlosen Oede und Rathlosigkeit umgeben. Hinweggespült war jene üppige und naive Zuversicht, womit wir uns in die Weltbewegung hineingestürzt hatten. Der allmächtig geglaubte Idealismus halte sich ohnmächtig erwiesen. Wir standen und stehen mitten in dem Gefühle einer großen F.nttäuschung."
Deutlicher in seiner Skepsis dem philosophischen Denken gegenüber wird Friedrich Spielhagen in seinem Roman In Reih und Glied aus dem Jahr 1872: "Die Zeit braucht keine Dichter und Philosophen. Aber sie braucht Politiker, Staatsmänner, die auf diesem Gebiete das wären, was Jene in den rein geistigen Sphären waren", heißt es dort. Nach 1848 setzte, das machen die Zitate deutlich, auch in der Literatur eine Wendung zum Empirismus und Positivismus und damit zusammenhängend zu einem realistischen, partiell den Naturwissenschaften verpflichteten Schreibstil ein. Man konzentriert sich auf das Wirkliche, auf das Gegebene und unmittelbar Wahrnehmbare. An die Stelle spekulativer Erkenntnis tritt die den Naturwissenschaften angenäherte beobachtend-berichtende erzählerische Aneignung von Welt; das Erkenntnisvermögen wird damit auf die kausale, sinnlich-empirische, aber auch subjektive Anschauung reduziert. Dementsprechend gibt man der konkreten, auf das Sachliche und Stoffliche bezogenen Erfahrung den Vorzug vor der philosophischen Spekulation und favorisiert so zugleich ein auf die kausale, sinnliche und subjektive Anschauung basierendes Erkenntnisvermögen.
      Auch die Programmatik des Bürgerlichen Realismus sah die Auseinandersetzung der Literatur mit der konkreten Erfahrungswirklichkeit und Lebenswelt des Menschen vor; dabei sollte es aber nicht um die mimetisch getreue Reproduktion bzw. detailgetreue und objektive Darstellung dieser Lebenswelt gehen. Vielmehr stand die Beschreibung von Realität, wie sie vom Einzelnen subjektiv erfahren oder auch erlitten wurde, im Zentrum. Eine solche Perspektive auf das Einzelne oder den Einzelnen, das Subjektive und Persönliche und in diesem Sinne vielfach auch auf das Überschaubare und Besondere erlaubte kaum den philosophischen Blick auf das Ganze. Der literarische Realismus nimmt sein ,Material' aus der konkreten Erfahrungswirklichkeit und verwandelt es durch die Aneignung aus einer subjektiven Perspektive heraus, so die Vorstellung, in Literatur. Innerhalb dieser Transformation kommt es jedoch zu keiner philosophischen Spekulation, man verarbeitet das Konkrete, Unmittelbare, Augenblickliche und Persönliche, eine Verarbeitung, die frei ist von metaphysischen Auslegungen des Vorgefundenen.
     

 Tags:
Die  Philosophie  Ludwig  Feuerbachs  (I804-I872)    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com