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Die Philosophie Arthur Schopenhauers (I788-I860)



Neben Feuerbach dürfte Arthur Schopenhauer die Weltanschauung des Bürgertums und auch die Programmalik und Theorie des Bürgerlichen Realismus nachhaltig beeinflusst haben. Entsprach die Philosophie Feuerbachs der Materialisierung des Denkens in Absetzung von einem spekulativen Idealismus, so kamen die Lehren Arthur Schopenhauers der Lebensstimmung der bürgerlichen Klasse entgegen: Verbindet sich Feuerbachs Philosophie mit deren optimistischer Grundhaltung, so kommt in der Rezeption der Schriften Schopenhauers innerhalb des Bürgertums in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dessen resignativ-pessimistische Grundstimmung zum Ausdruck. Sein nach Erscheinen der Parerga und Paralipomena im Jahr 1851 wachsender Einfluss wurde erst um 1890 durch die Wirkung Friedrich Nietzsches abgelöst. Insbesondere in Ã-sterreich zeitigten Schopenhauers Thesen große Wirkung, was nicht zuletzt mit den innen- und außenpolitischen Krisen des Landes zusammenhing, vor allem mit den verlorenen Kriegen von 1859 und 1866 , dem daraus resultierenden Rückzug aus Italien und Deutschland sowie mit den sozialen Spannungen der Habsburgermonarchie. Insgesamt kam der Untergangsstimmung des österreichischen Bürgertums die Philosophie Schopenhauers entgegen, auch die österreichischen Vertreter des Bürgerlichen Realismus -hier ist vor allem Ferdinand von Saar zu erwähnen , waren empfänglich für
dessen philosophischen Nihilismus. Doch auch in Deutschland avancierte Schopenhauer in den 1870er und 1880er Jahren zum beliebtesten Philosophen seiner Zeit, ja zum Modephilosophen des Bürgertums. Sein Hauptwerk Die Well als Wille und Vorstellung wurde bei seinem Erscheinen im Jahr 1819 nur von wenigen wahrgenommen. Erst dreißig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung wird dieses wieder entdeckt.
      Der Einfluss von Schopenhauers philosophischem Werk wird gemeinhin mit dem Scheitern der Revolution erklärt, das auch das Scheitern des Bürgertums und den damit einhergehenden Bedeutungsverlust dieser Klasse auf der politischen Bühne beinhaltet. Schopenhauers Pessimismus, der in der Vorstellung von der steten Wiederkehr des Gleichen, des unveränderlichen Kreislaufs der Welt zum Ausdruck kam, deckte sich in vielem mit der Befindlichkeit und Lebensstimmung des enttäuschten Bürgertums. Insbesondere in seiner Verachtung von Politik, Geschichte und Staat kam Schopenhauers pessimistische Philosophie dem enttäuschten, sich mehrheitlieh von Politik und Staat abwendenden Bürgertum entgegen. Und dies ungeachtet der Tatsache, dass seine Lehren dem bürgerlich-liberalen Fortschrittsdenken widersprachen; denn andererseits trafen Schopenhauers Thesen die Stimmung des Bürgertums: Seit den 1860er Jahren bestimmte der Pessimismus maßgeblich das kulturelle und politische Bewusstsein des konservativen Bürgertums. Die politische Niederlage und der Ausschluss von der politischen Macht in den Jahren nach 1848 machte das Bürgertum ungeachtet seines Fortschrittsoptimismus im wirtschaftlich-ökonomischen Bereich - empfänglich für die pessimistische Tendenz Schopenhauers und seiner an die Tradition des deutschen Idealismus anknüpfenden metaphysischen Belange. Die eigene pessimistische Grundhaltung fand man in Schopenhauers Thesen bestätigt. Schopenhauer war nicht nur ein Feind jeglicher politischer Umwälzung eine Haltung, die das misstrauisch und in Furcht vor der proletarischen Revolution lebende Bürgertum ebenfalls anzog -, sondern bot dem enttäuschten Bürgertum als konsequenter Politikverächter auch eine adäquate Rechtfertigung für die eigene politische Selbstent-machtung. Schopenhauers Geschichtspessimismus und allgemeine resigna-tive Grundhaltung verlieh derjenigen der im politischen Feld gescheiterten Bürgerlichen philosophischen Rückhalt; sie entlastete ihr Unbehagen, das sich im Hinblick auf die politische Abstinenz und den auch beschämenden kampflosen, aus einer restaurativ-konservativen Haltung heraus vorgenommenen Rückzug unzweifelhaft einstellte. Er desillusionierte die Geschichte als die Wiederkehr des immer Gleichen; dabei war Schopenhauer nicht nur ein Feind von Zivilisation und Demokratie, sondern auch ein Gegner jeglicher politischer Umwälzungen, der den Anblick der Niederschlagung der Frankfurter Straßenkampfe im Herbst 1848, der 'souveränen Kanaille", des 'Pack[s]' wie er sagte, mit Genugtuung zur Kenntnis genommen hatte.2''
Die breite Rezeption der philosophischen Lehren Schopenhauers brachte die Grundproblematik der bürgerlichen Mentalität und Lebenseinstellung zum Ausdruck: Denn zwar war das Bürgertum zumeist beruflich auf den wirtschaftlichen und industriellen Sektor konzentriert als ökonomisch tragende soziale Schicht hatte man maßgeblichen Anteil an der Materialisierung und Kapitalisierung der Gesellschaft, letztlich war das Bürgertum sogar die treibende Kraft dieser Prozesse. Dessen ungeachtet hielt man partiell an einer metaphysischen Dimension von Leben fest, Schopenhauers Philosophie bot hierfür einen adäquaten Einstieg und eine passende Argumentation: Sie leugnet die Vernunft als Realitäts- und Erkenntnisprinzip ebenso wie die Gesetzmäßigkeit gesellschaftlichen Fortschritts. Ein solcher Ansatz entsprach der konservativ-fatalistischen Skepsis, die das Bürgertum nach seinem Scheitern 1848 beherrschte.
      In seinem Hauptwerk Die Well als Wille und Vorstellung formuliert Schopenhauer die Erkenntnis, dass die Menschen die Dinge nicht so erkennen, wie sie sind, sondern wie sie ihnen erscheinen: Alle realen Dinge und Wahrnehmungen seien letztlich das Resultat einer subjektiven Vorstellung. Die Metaphysik hat es dementsprechend mit dem unabhängig von unserer Wahrnehmung vorhandenen 'Ding an sich" zu tun27, mit dem 'Willen", so Schopenhauers Formulierung. Diesen definiert Schopenhauer als das innerste Wesen aller Erscheinungen der Natur, als eine blinde und ziellose Lebenskraft. Dem Begründer des Pessimismus ist die 'Welt" eine 'Hölle" beziehungsweise etwas 'Höllenartiges" und die Menschen 'gequälte und geängstigte Wesen, welche nur dadurch bestehn, daß eines das andere verzehrt, wo daher jedes reißende Thier das lebendige Grab tausend anderer und seine Selbsterhaltung eine Kette von Marterloden ist [...j".2s Arbeit, Not und Mühe müssen diese ertragen, eine Maxime, die für die Haltung des Bürgertums von kaum zu überschätzender Bedeutung werden sollte. Schmerz und Leid sind nach Schopenhauer allgegenwärtig, Mühsal und Entbehrung stets präsent. Die 'Welt" interpretierte er als die Wiederkehr des immer Gleichen, als einen unveränderlichen Kreislauf, dominiert durch einen ziellosen, zerstörerischen 'Willen". Letzterem setzt er die kontemplative Haltung des Künstlers bzw. des weltabgewandtcn Asketen, die Welt als

'Vorstellung" entgegen. Erlösung von der Welt und vom erlittenen Leiden an der Welt bringt nur die Askese, die den Willen zum Leben abtötet. Im Anschluss an solche philosophische Erklärungsmodelle begründete das Bürgertum seinen Rückzug in die Innerlichkeit, ausgelöst durch den erzwungenen Rückzug aus dem politischen öffentlichen Leben nach 1848, letztlich nicht mit den wahren ungleichen politischen Machtverhältnissen, sondern mit diesen auf Schopenhauer zurückgehenden Denkmustern. Die Rezeption der Schopenhauerschen Philosophie bedeutete somit auch eine Legitimation für den freiwilligen, kampflosen Verzicht des Bürgertums auf die politische Macht oder auf die Beteiligung an der Gestaltung des politischen Lebens und gesellschaftlichen Zusammenlebens.
      Dass zwei so unterschiedliche Philosophien wie die von Feuerbach und Schopenhauer zeitgleich rezipiert wurden und für das Bürgertum von Bedeutung werden konnten, hängt, wie oben bereits angedeutet, mit dessen Ambivalenz zusammen: Die Rezeption der Erkenntnisse Feuerbachs einerseits und der Thesen Schopenhauers andererseits spiegeln genau jenen Widerspruch, den auch das Bürgertum selbst kennzeichnete: Feuerbachs Lehren stehen für Fortschrittsglaube und Lebensvertrauen, Schopenhauers philosophischer Entwurf der 'Welt als Wille und Vorstellung" hingegen ist ein Ausdruck der Resignation und des Pessimismus: Die Haltung des Bürgertums, wenn nicht gar die gesamte bürgerliche Mentalität, ist genau durch diese beiden, einander widersprechenden Grundhaltungen gekennzeichnet: Im Zuge der Aufnahme der Feuerbachschen Ansätze trat an die Stelle des spekulativen Intellektualismus ein positivistiseh-materialistisches Denken, dem auch ein gewisser Biologismus nicht fremd war. Feuerbach, aber auch Schopenhauer waren nicht unbeeinHusst von dem Erstarken der Naturwissenschaften, was nicht zuletzt ihr psychologisches Interesse am Menschen sowohl als Gattung als auch als Individuum zeigt, wobei sie beide jedoch strikt auf religiöse Erklärungsmustcr verzichteten. Verkörperte Feuerbach allerdings den politischen Fortschrittsgeist des Bürgertums, so darf Schopenhauer als 'der Philosoph der Enttäuschten und Resignierten, der Abseitigen und Apolitischen"2'' gesehen werden. An die Stelle von Feuerbachs Entwicklungsglauben setzte er die These von der Unveränderlichkeit der Welt, in der der 'Wille" als elementares Lebensprinzip kaum etwas auszurichten vermag. Auch erkannte Schopenhauer Feuerbachs materialistische Vorgehensweise als philosophische Erkenntnisquelle nicht an, vielmehr besaßen für ihn das Physische und die Natur keine eigentliche Realität, hinter ihr verbarg sich lediglich die wahre Wirklichkeit. Für ihn war demgegenüber der Wille das eigentliche elementare Lebensprinzip, nur über ihn war die Selbsterfahrung der Zeit zu leisten.

     

Zwar sollte der konkrete Einfluss der Schopenhaucrschen Philosophie auf die literarisehen Werke nieht überbewertet werden; doch der resignative Grundzug der Literatur des Biirgeriiehen Realismus, so etwa in Werken von Wilhelm Raabe, vor allem in seiner Stuttgarter Trilogie , Der Schiidderump [1870]), Fontane oder Keller, ist sicherlieh beeinflusst von Schopenhauer; insbesondere Raabes Protagonisten und die Bildergeschichten Wilhelm Buschs zeichnen sieh durch eine solche pessimistische Grundhaltung aus.
      Darüber hinaus bleibt ein weiterer, wichtiger Punkt zu bedenken: Schopenhauers Lehren ließen, insofern sie den Menschen sui generis als von Egoismus, Immoralität und Ligennutz bestimmt und das Zusammenleben der Menschen als einen Kampf aller gegen alle beschrieben, dem ungehemmten kapitalistischen und wirtschaftlichen, das soziale Miteinander zum egoistischen Gegeneinander verwandelnden Aktionismus des Bürgertums eine philosophische und damit auch eine rechtfertigende Wirkung zukommen. Die Literatur des Bürgerlichen Realismus wiederum schließt insofern an Schopenhauers pessimistische Weitsicht an, als sie diese wenn auch nicht uneingeschränkt übernimmt, so doch teilt; nicht wenige Werke thematisieren Schopenhauers Einsicht in die Welt als Hölle und Kampf der Menschen untereinander.
      Bezogen auf die literarische Entwicklung nach 1848 kommt ein weiterer Punkt hinzu: Eür Schopenhauer blieb es ein Ziel, den Einzelnen im Zusammenhang mit dem Ganzen und Generellen zu erfassen. Genau diese Sichtweise liegt auch der Vorgehensweise des Bürgerlichen Realismus zugrunde, der im Einzelnen stets das Allgemeine, die typische Gesetzlichkeit zu erfassen, das Einzelne vom Allgemeinen her zu verstehen sucht. Schopenhauers Ãoberzeugung, dass das Ganze aussagekräftig sei im Hinblick auf das Individuelle, '|w]enn dieses Ganze nur tief genug gefaßt und an die äußere die innere Erfahrung geknüpft wird"-10, entsprach exakt der Maxime des Bürgerliehen Realismus, das Allgemeine im Individuellen, das Objektive im Subjektiven und das Ganze im Einzelnen zu fassen. Schopenhauer ging von einem unüberbrückbaren Widerspruch zwischen Wirklichkeit und ästhetischer Ausdrucksform, zwischen Leben und Kunst aus. Dieser Sinnentwertung des realen Lebens folgte der Bürgerliche Realismus zwar nieht; doch was er von Schopenhauers Philosophie übernimmt, ist die Einsieht in die unüberbrückbare Differenz zwischen Wirklichkeit und Kunst, zwischen Realität und 'ersehnter Idealität"." Diese Kluft versucht die Literatur des Bürgerlichen Realismus zu schließen, womit sie aber zugleich eine Restbindung zwischen Wirklichkeit und Kunst zulässt; der Bezugspunkt ihres

Entwurfs einer idealen Welt bleibt im Gegensatz zu Schopenhauers Ansatz letztlich die reale Welt.
      Ungeachtet dieser Unterschiede reflektiert die Literatur des Bürgerlichen Realismus wesentliche Fragen und Erfahrungen der Philosophie nach 1848; hier wäre insbesondere das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft zu nennen. Der bürgerliche Liberalismus proklamierte die freie Persönlichkeit und Persönlichkeitsentwicklung, auch nahm er eine Wertschätzung der individuellen Initiative, der Beweglichkeit des Einzelnen im Rahmen einer kapitalistisch orientierten, wirtschaftlich erfolgreichen und aufstrebenden Gesellschaft vor. In diesem Sinne werden die Willenskräfte des Einzelnen gefördert und positiv bewertet. Diesem Glauben an die produktive Energie der Einzelpersönlichkeit stand jedoch die Einsicht in die Notwendigkeit einer nach festgesetzten Normen und Wertungen funktionierenden Gesellschaft gegenüber, in deren System dem Einzelnen nicht unbedingt der höehste Rang eingeräumt wurde. Nieht die Bedürlhisse des Einzelnen, sondern die Stabilisierung der Gesellschaft und des Gesellschaftlichen zählen; diesen bürgerlichen Grundsatz hat Theodor Fontane an seiner Prolagonistin ElTt Briest und an vielen anderen seiner weiblichen Helden vorgeführt. Er hat auch gezeigt, wie fatal die Auswirkungen dieses Grundsatzes sein konnten, letztlich sind seine Heldinnen allesamt die Opfer des sie 'tyrannisierende!n] Gesellschafts-Etwas", das 'nicht nach Charme und nicht nach Liebe und nicht nach Verjährung" fragt.'"
Die Frage, inwieweit der Einzelne nach seinen eigenen Regeln leben und agieren kann oder darf, welcher Handlungsspielraum ihm innerhalb einer bürgerlichen Gesellschaft zusteht, rückt in den Mittelpunkt der philosophischen Diskussion jener Jahre", aber sie ist auch das zentrale Sujet des Bürgerlichen Realismus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Die Antinomie zwischen Gesellschaft und Individuum, zwischen sozialer Werlege-meinschaft und deren Ordnung auf der einen und dem Einzelsubjekt auf der anderen Seite, zwischen sozialer und kultureller Norm und subjektivem Wollen, bestimmt als Thema nahezu alle Werke des Bürgerlichen Realismus, insbesondere des späten Realismus. Dabei konzentrieren sie sich in der Regel auf die subjektive Erfahrung gesellschaftlicher Wirklichkeit bzw. der durch die Gesellschaft geschaffenen Realität; innerhalb des Spannungsverhältnisses zwischen dem Einzelnen und dem gesellschaftlichen Ganzen liegt das Augenmerk des Bürgerlichen Realismus sodann auf dem Einzelnen, auf der subjektiven Erfahrung und, mit Blick auf den späten Realismus, dem individuellen Erleiden der objektiven Wirklichkeit.

     

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