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Bürgerlicher realismus

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Die Bedeutung der Naturwissenschaften



Dem Bedeutungsverlust der Philosophie entspricht der zunehmende Einfluss der Naturwissenschaften, eine Entwicklung, die sich in den ästhetischen Kategorien des Bürgerlichen Realismus widerspiegelt; insbesondere die Exaktheit des Geschilderten sowie die Kausalität und Plausibilität der Handlung sind Forderungen, die mit Blick auf die wachsende Bedeutung der Naturwissenschaften, wenn nicht gar als Konzession an diese gefordert und praktiziert werden.
      Naturwissenschaftliche Erkenntnisse und technischer Fortschritt übten auf die Generation der bürgerlichen Realisten einen unverkennbaren Einfluss aus. Dem Bedeutungszuwachs der Naturwissenschaften wird man zum einen in einer thematischen Annäherung an Naturwissenschaften und Technik gerecht, so z.B. Gottfried Keller in seinem Grünen Heinrich oder Adalbert Stifter in seinem Roman Der Nachsommer. Zum anderen ist der Einfluss der Naturwissenschaften in der Ablehnung des romantischen Anthropomor-phismus greifbar. Auch dürfen der nach 1848 im Umfeld des Bürgerlichen Realismus dominierende Optimismus und Fortschrittsglaube, die Dominanz des Praktischen im Gegensalz zum Spekulativen sowie der Rückgang des Vertrauens in religiöse Antworten Fragen des Seins und der menschlichen Existenz betreffend als das Resultat der wachsenden Bedeutung von Naturwissenschaft und Technik in einer zunehmend industrialisierten Gesellschaft gelten. In vielem kann der Bürgerliche Realismus mithin als ein Versuch verstanden werden, den Fortschritt und radikalen Wandel, dem die deutsche Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgesetzt war, zu verarbeiten und in geordnete Bahnen zu lenken.
      Der von Ludwig Feuerbach begründete Materialismus verstand sich als eine vom Stofflichen her bestimmte antiidealistische, naturwissenschaftlich und geschichtstheoretisch fundierte Wirklichkeitsphilosophie bzw. Weltanschauung. Auch die Literatur konnte sich den Einwirkungen der Naturwissenschaften nicht gänzlich entziehen, insbesondere das kausale Determinationsdenken blieb insofern nicht ohne Einfluss auf die nach 1848 entstandene Literatur, als es die Haltung der Autoren zum Leben und zur Wirklichkeit entscheidend bestimmte. So genügen sie naturwissenschaftlichen Einsichten, wenn sie sich den wissenden Blick in das Innere des Individuums, in dessen Seele versagen. Vor allem Fontane trägt der Bedeutung der positivistischen, empirischen Wissenschaften Rechnung, wenn er in seinen Romanen -- hier wäre vor allem an seine ,Frauenromane' zu denken --keinen Blick in das Seelenleben der weiblichen Opfer der restriktiven gesellschaftlichen Norm gewährt, psychologisicrendes Erzählen ist ihm fremd. Vergleichbares lässt sich im Hinblick auf Wilhelm Raabe formulieren.

     


Allerdings hatte sich auch Feuerbach, ungeachtet der Tatsache, dass er für die von den Naturwissenschaften becinflusstc ,Materialisierung' der Philosophie eintrat und seine Lehre als philosophische Theorie der Materie angelegt ist, gegen eine einseitige Materialisierung und Verstofflichung allen Lebens gewandt. Analog zur Haltung des Pur die Zeit nach 1848 wirkungsmächtigsten Philosophen verteidigt die Literatur des Bürgerlichen Realismus gegen die zunehmende Materialisierung der Zeit, gegen den wachsenden Pragmatismus der wilhelminischen Ã"ra die nicht-materialistischen Momente des Lebens. Zwar bleiben populäre Schriften wie Karl Vogts Zoologische Briefe , Alfred Brehms Bilder aus dem Tierlehen , Ludwig Büchners Kraft und Stoff' und vor allem Charles Darwins Ort ihe origin ofspecies hy means of natural seleclion nicht ohne Einfluss auf die Literatur. Die positivistische Eincngung auf die Erfahrungswelt jedoch weist man zurück und beharrt zum einen auf sittlichen Werten und zum anderen auf der Gültigkeit einer subjektiven Aneignung und Erfahrung von Welt sowie auf der Berechtigung einer moralischen bzw. auf einer ethisch-sozialen Ordnung des Daseins. Dem nur rationalisierten und empiristischen Kausalilätsdenken ebenso wie dem biologischen Determinationsdenken setzt man so die poetische Anschauung des Lebens, die sich auf den Einzelnen und dessen subjektive, vereinzelte Aneignung von Realität konzentriert, entgegen.
      Der in den Jahrzehnten nach 1848 wiederholt ausgesprochenen Aufforderung, die wissenschaftliche Erkenntnis nicht nur als Grundlage, sondern als Gegenstand literarischen Schreibens heranzuziehen, ist die Literatur des Bürgerlichen Realismus mithin nicht gefolgt. Die in ihrem Umfeld entwickelte Theorie realistischen Schreibens nahm naturwissenschaftliche Impulse zweifelsohne auf; doch im Thematischen ist der Bürgerliche Realismus nur in einem geringen Maß von den naturwissenschaftlichen Gegenständen und Themen beeinflusst. Zwar betont der Physiker Hans C. üersted, Verfasser naturphilosophischer Schriften, in einem 1850 in den verweisen auf die Annäherung der Literatur an die Naturwissenschaften im Rahmen einer naturalistischen Literaturtheorie. Der Bürgerliche Realismus hingegen setzt dem empirischen Realitälsversländnis, nach dem Realität nur das sein könne, was zu beobachten und empirisch nachzuweisen sei, eine ,poetische' Wirklichkeitssauffassung entgegen, die ebenfalls beansprucht, ,wahr' zu sein und ,Wahres' über eine subjektiv erfahrene, vom Individuum erlebte objektive Realität zu sagen. Mit diesem Anspruch sind nicht nur die romantischen Elemente des Bürgerlichen Realismus benannt; in ihm ist zugleich die grundlegende Differenz zwischen den Naturwissenschaften und dem Bürgerlichen Realismus angesprochen: Sind die Naturwissenschaften primär an der objektiv-empirisch erfassbaren Realität interessiert, so gilt die Aufmerksamkeit des [Bürgerlichen Realismus gerade umgekehrt vornehmlieh den Auswirkungen der faktischen Realität auf das Subjekt, gilt das Interesse der Autoren vorzugsweise dem Individuum.
      Demzufolge sind die Naturwissenschaften kein vorrangiges Thema des Bürgerlichen Realismus. Eine Literatur, der es primär um Selbstdarstellung und Vermittlung eines klassenspezifischen Normen- und Wertesystems und daran anschließend auch um die Vermittlung zwischen faktischer und subjektiver Realität ging, findet ihre Themen nicht in den Naturwissenschaften, zumindest nicht vorrangig. Zwar hat Friedrich Sengle darauf aufmerksam gemacht, Adalbcrt Stifters Werk sei 'aus dem Geist der Naturwissenschaften" entstanden, nicht zuletzt wegen der 'Annahme eines autonomen Erkenntnisobjektes".1'' Doch auch Stifters Umgang mit diesen erweist sich bei näherem Hinsehen weniger einer exakten und experimentell verfahrenden modernen naturwissenschaftlichen Forschung verpflichtet; vielmehr dominiert in Stifters Werk die romantische Annäherung an die Natur, verstanden als ein unabgeschlossener Kosmos, als ein nicht endendes Universum.
      Auch die Tatsache, dass der Bürgerliche Realismus explizit auf einen autonomen Status von Literatur pocht, ja man sich dezidiert von der wissenschaftlichen Rcalitätsaneignung absetzt und diese als eine konkurrierende Form der Wirklichkeitserfassung betrachtet, belegt das gespannte Verhältnis des Bürgerlichen Realismus zu den Naturwissenschaften. Man spricht von der 'fürchterlichen Konkurrenz der Wissenschaften""' und verweist im gleichen Moment auf die spezifischen literarischen Aneignungs- und Erkenntnisformen zur Ãoberwindung dieser Konkurrenzsituation. Letztlich trennt der Bürgerliche Realismus strikt zwischen dem wissenschaftlichen und dem literarischen Diskurs. Die naturwissenschaftliche Erkenntnismethode akzeptiert man; doch poetische Wahrheit erhofft man sich einzig von einer literarischen, subjektiv-verklärenden Aneignung von Wirklichkeit.
     

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