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Bürgerlicher realismus

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Kultur- und sozialgeschichtliche Aspekte des Bürgerlichen Realismus



Im Anschluss an die angesprochenen kulturwissenschaftlichen und kulturgeschichtlichen Prämissen begreift die vorliegende Untersuchung den Terminus Realismus nicht ausschließlich als Stilbegriff im Sinne von realistisch schreiben', sondern verwendet ihn als historischen Epochenbegriff, als Kennzeichnung einer literarischen Bewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Vorgestellt wird die Epoche des Bürgerliehen Realismus in ihrer Wirkungsphase von I bis 1890. Dabei soll vornehmlich nicht von einem die Werke verbindenden umfassenden und gleichartigen .realistischen Kunststil' als abgrenzbarem Zeitstil ausgegangen werden; vielmehr liegt der Studie die kulturgeschichtlich orientierte Maxime zugrunde, dass die kulturelle Kategorie des Bürgerlichen beziehungsweise der Bürgerlichkeit, dass das Leben in einer bürgerlichen Welt und die Erfahrung derselben eine im Hinblick auf die Inhalte und Schreibformen erstaunlich homogene Literatur haben entstehen lassen. Den zwischen 1850 und 1890 verfassten Werken liegt eine einheitliche Realitätserfahrung zugrunde, die zu einem homogenen künstlerischen Stil führte; dieser wurde von den Autoren selbst unter dem Begriff Realismus gefasst.


      Es war Friedrich Sengle, der den Bürgerlichen Realismus erstmals als eine programmatisch agierende Bewegung vorstellte. In seiner Untersuchung zur Biedermeierzeit hält er fest, 'der Realismus [habe] |...] den unschätzbaren Vorzug, eine programmatische Richtung zu sein. Er gleicht in dieser Beziehung der Romantik und den späteren Ismen."' Ungeachtet dieses Hinweises blieb der Bürgerliche Realismus als eine programmatisch agierende Strömung innerhalb der Forschung weitgehend unbehandelt; seine Beschreibung als eine literarische Bewegung wie auch seine Beurteilung unter dem Aspekt einer programmatischen Geschlossenheit stehen bislang aus. Fritz Martini untersuchte in seiner umfangreichen Arbeil die 'Literatur im bürgerlichen Realismus", ging also nicht zwingend von der Existenz einer unter dem Zeichen einer vorgegebenen Theorie und Programmatik verfassten Literatur aus." Die Untersuchung von Roy ( Cowen indes suchte auf der Grundlage unklarer, z.T. diffuser Definitionskategorien den Realismus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als einen 'poetischen Realismus" zu fassen.'
Trotz gemeinsamer Positionen lässt sich der Bürgerliche Realismus nicht als eine geschlossene literarische Bewegung beschreiben; dies liegt nicht zuletzt in seiner langen Wirkungszeil begründet, immerhin bestimmt er über fast fünf Jahrzehnte hinweg die deutsche Literaturgeschichte. Unter den Ver-tretern besteht kein allzu enger Zusammenhalt oder Kontakt, ihre Kommunikation blieb auf einen brieflichen Austausch zwischen einzelnen Autoren beschränkt.1" Einzig Gottfried Keller und Theodor Storni hielten seit 1877 über Jahrzehnte einen Briefwechsel aufrecht, in dem vorwiegend literarisch-ästhetische Fragen erörtert wurden. Ein gemeinsames Forum gab es darüber hinaus nicht, mit Ausnahme der Künstlervereinigung ,Tunnel über der Spree' kam es zu keinen nennenswerten Zirkel- oder Gruppenbildungen. Selbst die Schweizer Keller und Conrad Ferdinand Meyer pflegten keinen näheren Kontakt, ebensowenig Wilhelm Raabe und Theodor Fontane. Lediglich die erste Phase des Bürgerlichen Realismus kennt mit der Zeitschrift Die (Irenzboleti und der Zusammenarbeit von Julian Schmidt, Gustav Freytag und Otto Ludwig ein Forum für die Verbreitung der neuen literarischen Ideen und Ziele.
      Im Unterschied zur Romantik hat der Bürgerliche Realismus nur sekundär lileraturtheoretisch gewirkt. Die Autoren des Bürgerliehen Realismus sind keine ausgewiesenen Theoretiker, einzig Gustav Freytag hat sieh als solcher einen Namen gemacht und avancierte zugleich zu einem wichtigen Repräsentanten der Literatur des Bürgerlichen Realismus, zumindest der frühen Phase. Dennoch lässt sich eine Theorie des Bürgerlichen Realismus herausdestillieren, die für viele Schriftsteller in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vorbildlich und verpflichtend wurde." Für die Mehrheit der zwischen 1848 und 1900 wirkenden Autoren können sowohl im thematischen als auch im ästhetischen Bereich Gemeinsamkeiten benannt werden, die dazu berechtigen, von einer literarischen Bewegung auszugehen. Letztlich war die Literatur des Bürgerlichen Realismus eine primär von dem Bürgertum entstammenden Autoren für ein bürgerliches Publikum geschriebene Literatur, in der ein dezidiert bürgerlicher Horizont dominierte, auch wenn dieser innerhalb des Spätrealismus der 1880er und 1890er Jahre von vielen Autoren, u.a. von Theodor Fontane, Wilhelm Raabe und Gottfried Keller, zunehmend einer kritischen Betrachtung unterzogen wurde.
      Vor allem der Frührealismus darf seiner theoretischen Ausrichtung wegen als ein programmatischer Realismus bezeichnet werden. Die Programmatik des Bürgerlichen Realismus wird in dieser frühen Phase, in der Wirkungszeit von 1848 bis etwa 1860 entworfen. Austragungsort der Debatte um eine neue realistische und nachrevolutionäre Literatur und Ã"sthetik waren vor allem Zeitschriften; in ihnen erarbeitete und propagierte man das Konzept eines erneuerten Realismusbegriffs in Kritiken, Rezensionen, Abhandlungen. und Aufsätzen. Dem von Robert Prutz herausgegebenen Den/sehen Museum, insbesondere jedoch der Zeitschrift Die Grenzholen fielen im Hinblick auf die Ausbildung eines modernisierten Realismuskonzepts eine entscheidende Rolle zu. Das in Leipzig erscheinende Blatt, das den Untertitel 'Zeilschrift für Politik und Literatur" trägt, war zuerst 1841 von dem Ã-sterreicher Ignaz Kuranda in Brüssel gegründet worden; in den Jahren nach 1X48 wurden Die Grenzholen von Julian Schmidt und Gustav Freytag redigiert. Der heute kaum mehr bekannte Schmidt darf neben Freytag als ein, wenn nicht sogar der Wortführer des programmatischen Realismus der ersten Phase gelten. Selbst nicht literarisch tätig, umriss er in seinen literaturtheorelischen und literaturkritischen Aufsätzen das Konzept einer neuen realistischen und bürgerlichen Literatur, das zumindest für diese frühe Phase Geltung hatte."
Die Beschäftigung mit dem Bürgerlichen Realismus bedeutet zum einen die Auseinandersetzung mit den wichtigen, nach 1848 wirkenden Autoren und zum anderen die indirekte Beschäftigung mit nahezu der gesamten Literatur des Jahrhunderts; denn der Bürgerliche Realismus reagiert auf die Spätromantik, auf den Vormärz und das Junge Deutschland. Zudem wäre das Biedermeier einzubeziehen, stellt dieses doch eine Form des frühen Realismus in der Zeil vor 1848 dar. Der Bürgerliche Realismus löst, nach der Vormärz-Bewegung und der Literatur des Jungen Deutschland die zwar als die erste realistische Strömung des 19. Jahrhunderts agiert, jedoch ein gänzlich anderes Konzept von Realismus und realistischer Literatur verfolgt - die Romantik ab. Der Beginn des Bürgerlichen Realismus ist mit dem Jahr 1848 benannt; dieses markiert zugleich das Ende der Wirkungsphase der Spätromantik. Joseph von Eichendorff, der zu ,spät gekommene' Romantiker, ist lange nicht mehr so aktuell und gefragt wie noch um 1840. Andererseits ist auch die Wirkungsphase des Jungen Deutschland beendet, so dass die revolutionären Ereignisse des Jahres 1848 als der Beginn des Bürgerlichen Realismus gelten können.
     

Der Bürgerliche Realismus endet zeitgleich mit dem Jahrhundert, die in den 1880er und 1890er Jahren virulente Bewegung des Naturalismus bedeutet keineswegs das Ende seiner Wirkungsphase Wilhelm Raabe und Theodor Fontane etwa leben noch, viele ihrer Werke erscheinen in diesen Jahrzehnten; ganz abgesehen davon, dass Fontane an der Durchsetzung des Naturalismus keinen unbedeutenden Anteil hatte. Doch nicht nur der Naturalismus, auch die Literatur der Gründerzeit läuft parallel zum Bürgerlichen Realismus. Zweifelsohne jedoch darf der Bürgerliche Realismus als die dominante literarische Strömung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bezeichnet werden. Im Umkreis des Bürgerlichen Realismus schreiben die bedeutendsten Schriftsteller der Jahrzehnte nach der Reichsgründung.
      Die Beschäftigung mit dem Bürgerlichen Realismus impliziert die l^inbe-ziehung nichtlilerarischer Voraussetzungen und Entstehungsbedingungen. Seine Entwicklung geht im 19. Jahrhundert mit der Herausbildung sowohl des bürgerlichen Nationalstaats als auch der bürgerlichen Klasse und des damit verbundenen bürgerlichen Bewusstseins einher; in seine Wirkungszeit lallen so bedeutende politische und historische Ereignisse wie die gescheiterte Revolution von 1848 sowie die Reichsgründung im Jahr 1871. Im Gegensalz, zur idealistischen Kunst der Klassik und Romantik lenkt der Bürgerliche Realismus die Blickrichtung auf die unmittelbar erfahrbare und erfahrene Wirklichkeil. Diese Eigenschaft bestimmt ihn als eine realistische Kunst. Man gehl allerdings im Unterschied zum Naturalismus der 1880er und 1890er Jahre von einer grundsätzlichen Differenz zwischen Realität und Literatur aus; für die Autoren des Bürgerlichen Realismus steht fest, dass die erfahrbare Wirklichkeit eine prosaische sei, die der Verklärung oder der Poetisierung bedürfe und nicht unverändert in Kunst und Literatur eingehen solle. Diese Verklärungsstrategie ist keinesfalls allein ästhetisch motiviert; die wesentlichen Gründe für ein solches poetisches Verfahren sind vielmehr kulturgeschichtlicher und soziokultureller Natur.
      Realismus ist in der Zeit nach 1850 ein Schlüsselbegriff im Selbstvcr-ständnis des gesamten bürgerlichen Zeitalters, der Epoche der Entstehung der Nationalstaaten, aber auch der rapiden Fortentwicklung der Naturwissenschaften und Technik. Die Epoche ist durch die Urbanisierung, Technisierung und Industrialisierung der Lebenswelt gekennzeichnet, durch Prozesse also, mit denen der Aufstieg des Bürgertums im 19. Jahrhundert eng verbunden ist. Der Begriff hat mithin nicht nur Bedeutung innerhalb der beziehungsweise für die Literatur; er spielt auch im politischen Bereich eine wichtige Rolle. Dieser Verklammerung von literarhistorischem und allgcmeinem Epochenverständnis trägt der Ausdruck .Bürgerlicher Realismus' adäquat Rechnung und weist ihn gegenüber dem des .Poetischen Realismus' als den umfassenderen und genaueren aus. Der von Otto Ludwig unter Rückgriff auf August Wilhelm Schlegel eingeführte Terminus des 'poetischen Realismus""' lässt sich sodann als ein Element, als speziell auf die li-terarästhetische Programmatik des Bürgerlichen Realismus bezogener Aspekt verstehen.
      Die Literatur des Bürgerlichen Realismus ist Ausdruck des wachsenden bürgerlichen Selbstbewusstseins und Selbstverständnisses, die Zeit von 1850 bis 1900 gilt gemeinhin als das 'bürgerliehe Zeitalter". Sie ist nicht nur eine Literatur im, sondern der Bürgerliche Realismus ist die Literatur des bürgerlichen Zeitalters.'" Vor diesem Hintergrund lässt er sich als der Versuch verstehen, eine den neuen gesellschaftspolitischen Verhältnissen adäquate Ã"sthetik und Literatur zu entwickeln, und das heißt eine dem bürgerliehen Zeitalter gemäße literarische Programmatik zu formulieren. Erich Auerbach hat in seiner für die Erforschung des europäischen Realismus zentralen Studie Mimesis aus dem Jahr 1946 festgehalten, dass die deutschen Realisten sich die 'ernste Darstellung der zeitgenössischen alltäglichen gesellschaftlichen Wirklichkeit auf dem Grunde der ständigen geschichtlichen Bewegung"1'' zum Ziel gesetzt haben. Der Bürgerliehe Realismus darf dementsprechend nicht ausschließlich durch innerliterarische und poetolo-gische Erklärungsmuster beschrieben werden; er lässt sich vielmehr als eine Bewegung verstehen, der es primär um die Ausbildung und Beschreibung, aber auch um die Kritik des im Unterschied zum Adel ausgebildeten bürgerlichen Selbstverständnisses im Medium der Literatur zu tun war. Eine dezidierl stilgeschichtliche Untersuchung scheint von daher wenig geeignet, das Besondere dieser Bewegung zu lassen, bleiben ihre kultur- undsozialgeschichtlichen Entstehungsumstände dabei doch weitgehend unberücksichtigt.
      Wie erwähnt wird der Realismusbegriff der Bewegung nicht im Nachhinein verliehen, sondern durch seine Vertreter, durch die Autoren und Theoretiker selbst eingeführt und verwendet. Der Terminus bürgerlicher Realismus' betont dabei die politische Dimension dieser um die Mitte des 19. Jahrhunderts sich konstituierenden Strömung, auch verweist er auf die soziale Herkunft der Mehrheit seiner Autoren; viele waren gezwungen, ihren Lebensunterhalt durch bürgerliehe Berufe abzusichern. Darüber hinaus sind mit ihm die zentralen poelologischcn und ästhetischen Verfahren realistischen Schreibens nach 1848 benannt. Der Begriff ,Poetischer Realismus' hingegen spricht lediglieh ein einziges, wenn auch wichtiges ästhetisches Merkmal an, das der Verklärung, ohne dabei dessen kulturgeschichtliche Dimensionen und Hintergründe ausreichend zu berücksichtigen. Der Bürgerliche Realismus ist indes ohne seine soziopolilische Grundlage kaum umfassend zu erklären, liegen ihm doch eine dezidiert bürgerliche Haltung und ein bürgerliches Bewusstsein zugrunde. Es handelt sich um eine Bewegung, für die sozialhistorische und soziokullurelle Kriterien ebenso bedeutsam waren wie ästhetische. Sie ist das Produkt der gesellschaftspolitischen Konstellationen, ist das Resultat einer bürgerlichen Gesellschaft, wie sie sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt und präsentiert hat. Die Literatur des Bürgerlichen Realismus vertritt in den Jahren nach 1850 bürgerliche Interessen, sie richtet sich an ein bürgerliches Publikum, sie wird von einem solchen gelesen und sie besehreibt eine bürgerliche Lebenswelt, Mentalität und Gesinnung. Die zeitgenössische Literatur solle, so eine Forderung Julian Schmidts im Jahr 1858 in den Grenz-hoten, den 'vollkommenen Menschen als Bürger darstellen" und damit aber zugleich Ausdruck sein für das 'ideale Empfinden der Nation".2' Die Autoren der Grenzboten z.B. beziehen die von ihnen entworfene Erzähltheorie und den von ihnen geforderten Realismus im soziologischen Sinn auf das Bürgertum und verstehen die nach 1848 entworfene Programmatik und verfasste Literatur nicht zuletzt als 'Interessenvertretung".

     
  

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