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Bürgerlicher realismus

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Gescheiterte Revolution und Literatur



Realismus als Epochenbezeichnung bezeichnet die Entwicklung der Literatur im 19. Jahrhundert, und dies über die nationalen Grenzen hinaus. Allerdings sind fundamentale Unterschiede innerhalb des literarischen Realismus etwa in England, Frankreich und Deutschland zu benennen. Die verschiedenen Ausprägungen des französischen und englischen auf der einen und des deutschen Realismus auf der anderen Seite, dürften nicht zuletzt auf die unterschiedlichen politischen und nationalen Voraussetzungen zurückzuführen sein.
      In Deutschland war die Revolution der Versuch des liberalen Bürgertums, zu einer staatlichen Einheit, aber auch zu politischer Selbstbestimmung zu gelangen. Die Realisierung dieser Ziele scheiterte neben der Unterschätzung der Macht der deutschen Einzelstaaten und dem Mangel der politischen Gestaltungskraft vor allem an der Unterschiedlichkeit der einzelnen in der bürgerlich-liberalen Bewegung versammelten reformliberalen, nationalrevolutionären und republikanischen, Sozialrevolutionären Kräfte, an der Widersprüchlichkeit von wachsenden bürgerlichen Interessen und jungdeutschen Emanzipationsbestrebungen.
      Am 18. Mai 1848 war in der Frankfurter Paulskirche die Nationalversammlung zusammengetreten, am 28. Juni setzte sie eine politische Zenlral-regierung ein. So schien die deutsche Revolution zwar zunächst Erfolg versprechend auf den Weg gebracht worden zu sein; sie misslang jedoch, nicht zuletzt wegen der unterschiedlichen Vorstellungen der beteiligten politischen Gruppierungen. Strebte das konservative Lager ein starkes Kaiserreich an, so wollten die Nationalliberalen' einen demokratischen Nationalstaat, zumindest jedoch eine konstitutionelle Monarchie. Die revolutionären Gruppen hingegen sprachen sich uneingeschränkt für die republikanische Staatsform aus. Diese unterschiedlichen Ziele machten die Nationalversammlung letztlich handlungsunfähig. Zudem wurden die Leitideen der Frankfurter Nationalversammlung, politische Freiheit für die bürgerliche Klasse und nationale Einheit, nicht von allen Abgeordneten im gleichen Maß getragen - die Mehrheit hielt an der Monarchie und an der Macht der Fürstenhäuser fest.
      Auch wurde das politische Ziel des deutschen Nationalstaats von anderen europäischen Staaten nicht unterstützt, hätte ein geeinter deutscher Staat die bestehenden politischen Kräfteverhältnisse in Europa doch maßgeblich aus dem Gleichgewicht gebracht. Russland, England und Frankreich nahmen bezeichnenderweise die neu gebildete Regierung in Deutschland nicht zur

Kenntnis und verhandelten stattdessen mit den alten Mächten Ã-sterreich und Preußen und unterstützten mit diesem Verhalten die restauraliven Kräfte. Auch konnte sich die Nationalversammlung gegenüber Dänemark in der schleswig-holsteinischen Frage nicht durchsetzen. Die Verhandlungen liefen auch in diesem Fall nicht über die Reichsregierung, sondern über Preußen. Die Vormachtstellung Preußens in der schleswig-holsteinischen Frage nahm die Hinsicht der Nationalen, die Gründung eines deutschen Nationalstaats müsse über einen starken Staat wie Preußen vermittelt werden, vorweg. Der Führungsanspruch Preußens wurde auch von den süddeutschen Mittelstaaten anerkannt, und zwar bereits zu einer Zeit, als man noch zwischen der groß-und kleindeutschen Reichslösung schwankte. Letztlich hatte man zu der von Bismarck praktizierten, auf den nationalen Machlstaat hin ausgerichteten ,Realpolitik', einem 1853 von August Ludwig von Rochau geprägten Begriff", keine Alternative. Ihr Erfolg brach im preußischen Parlament den Widerstand der seit 1859 bestehenden bürgerlichen Opposition. Auch war man sich von Beginn an einig darüber, dass Ã-sterreich als Vielvölkerstaat diese Position nicht einnehmen könne. Nach der gescheiterten Revolution wurde an Preußen die Führungsrolle im nationalen Linigungsprozess herangetragen, eine Rolle, die dieses auch tatsächlich, insbesondere nach dem Machtantritt Bismarcks, annahm. Das Vertrauen zahlte sich aus; 1871 konnten Bismarck und Preußen mit der Gründung des deutschen Nationalstaats das lang gehegte Ziel der Nationalliberalen, die die Revolution von 1848 mitgetragen hatten, realisieren. Die Gründung des Nationalstaats wurde von der Mehrheit der deutschen Bevölkerung begrüßt, auch von den Autoren des Bürgerlichen Realismus. Der Weg bis zu diesem Ereignis gestaltete sich jedoch als ein langwieriger Prozess.
      Durch die Revolution von 1848 und die Institution der Frankfurter Nationalversammlung rückten zwar zunächst das Linde des feudal-aristokratischen Zeitalters und Regierungssystems und damit auch die Errichtung eines National- respektive Verfassungsstaats greifbar nahe. Doch mit dem Scheitern der Revolution war auch die Möglichkeit der nationalen Einigung vertan. Die revolutionären Aufstände wurden niedergeschlagen, die alten Ordnungen wiederhergestellt. Politische Freiheit, Liberalisierung und nationale Einheit waren in Frage gestellt und wurden als Ziele aufgegeben. Das liberale Bürgertum, das im Vormärz die revolutionäre Bewegung geistig getragen hatte, vollzog eine national-konservative Wendung, die nicht zuletztauch ökonomischen und materiellen Ãoberlegungen entsprang. Auch ließen die Forderungen des Proletariats eine soziale Revolution des vierten Standes befürchten; infolge dieser Ã"ngste gab man die demokratisch-republikanischen Reformideen stückweise preis, man arrangierte sich mit den reaktionären adeligen Machlhabern. Aus der drohenden Gefahr einer proletarischen Revolution resultierten mithin die Wiederherstellung der alten Ordnung sowie die Befürwortung des feudalen Staatssystems durch die ehemaligen Oppositionellen.
      Waren die Liberalen bis 1866 mehrheitlich scharfe Kritiker Bismarcks und seiner Politik, so nahm die Opposition nach den außenpolitischen Erfolgen, die 1871 in der Gründung des deutschen Nationalstaats gipfelten, ihre anfänglich kompromisslose Haltung zurück. Bismarck hatte seit 1866 den Weg der so genannten kleindeutschen Lösung im Hinblick auf die Gründung eines Nationalstaats eingeschlagen. Seine Politik als ,eiserner Kanzler' führte letztlich zur Beendigung der Vormachtstellung Ã-sterreichs und damit zur Stärkung Deutschlands. Vom vormärzlichen Gedanken: 'Durch Freiheit zur Einheit!" war nur noch das Ziel der Einheit geblieben, der Weg führte über Bismarcks Real- und Machtpolitik: Die Ideen der Festigung der bürgerlichen Grundrechte und der Ausarbeitung einer liberalen Verfassung blieben dabei unerreicht, auch nach der Gründung des Kaiserreichs.
      Bereits 1859 hatte der nationalstaatliche Gedanke zum einen mit der Gründung des ,Nationalvereins' durch liberal-demokratische Gesinnte neuen Auftrieb erhalten. Dieser politisch einflussreiche Zusammenschluss des Bürgertums beurteilte den demokratisch-republikanischen Weg zur nationalen Einigung als wenig Erfolg versprechend, nicht zuletzt mit Blick auf die erwähnten außenpolitischen Hindernisse; vor allem Napoleon I

II.

in Frankreich hatte Einwände gegen einen deutschen Nationalstaat. Zwar engagierte sich das Bürgertum im ,Nationalverein' erstmals nach den politischen Unruhen von 1848 wieder politisch; allerdings unter gänzlich verschiedenen Vorzeichen, auch verfolgte man andere Ziele als zehn Jahre zuvor. Die Idee der nationalen Einigung wurde nun in Form der kleindeutschen Lösung, der Errichtung eines deutschen Nationalstaats unter Ausschluss Ã-sterreichs, diskutiert. Auch akzeptierte man eine Vormachtstellung Preußens, dem allein man die Umsetzung der nationalen Einheit zutraute. Vor diesem Hintergrund ist es zu erklären, dass die Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Friedrich Schillers im Jahr 1859 zu einer patriotischen Erklärung gerieten. Man würdigte Schiller als den bürgerlich-nationalen Dichter, feierte ihn, und zwar nicht nur innerhalb des Bürgertums, als einen deutschen Nationaldichter, nicht zuletzt auch in Abgrenzung zu dem kosmopolitisch denkenden, einem Fürsten dienenden Goethe. Indirekt sprach man sich damit auch gegen Monarchismus und Kleinstaaterei aus. Ungeachtet dieses bürgerlichen Engagements bedeutete das Scheitern der Revolution zugleich das Scheitern des liberalen Bürgertums, an der politischen und staatlichen Macht zu partizipieren. Das erste Ziel der Revolution, die politische Selbst- oder zumindest Mitbestimmung war nicht realisiert worden. Das zweite Ziel, die [Einheit der Nation, wurde erst 1871 eingelöst, jedoch eben nicht durch jene Liberalen der Frankfurter Paulskirche, an der u.a. Ernst Moritz Arndt, Ludwig Unland, Friedrich Theodor Vischer, Georg Gottfried Gervinus, Heinrich Laube und Wilhelm Heinrich Riehl teilnahmen. Denn nach dem Sieg gegen Ã-sterreich war die Mehrheit der Liberalen bereit, sich Bismarck anzuschließen, der ihnen im Ãobrigen mit seinen politischen Grundsatzentscheidungen im ökonomischen Bereich entgegenkam. Konservative Teile des Bürgertums akzeptierten den Machtstaat als Sicherung der bürgerlichen Gesellschaftsordnung im Allgemeinen, aber auch als Sicherung gegen das Proletariat im Besonderen, das wahrend der Revolution von 1848 zum ersten Mal ins politische Leben und öffentliche Bewusstsein getreten war: Das Bürgertum stand in der Folge zwischen Adel und Staatsmacht auf der einen und den Sozialrevolutionaren Kräften auf der anderen Seite. Ls wurde von der Angst beherrscht, zwischen diesen Klassen zerrieben zu werden. Aus diesem Grund entschied man sich vorbehaltlos für die Seite der staatlichen Machthaber und damit für den Adel. Man setzte nun auf die Möglichkeiten der Bismarck-schen 'Realpolitik", auf dessen politische Ziele und damit aber zugleich auf dessen undemokratische Machtstrategien und mitunter auch blutige Machtkämpfe. Die politische Vorherrschaft des Adels innerhalb des Staatsgefüges erkannte man als einen 'unentbehrlichen Bestandteil" des Staates an. Realpolitisches Verhalten meinte auf Seiten des Bürgertums vor allem die Anerkennung der alten Eliten, dies, wie schon angedeutet, nicht zuletzt angesichts eines erstarkenden Proletariats. Das bürgerliche Bekenntnis zur ,Realpolitik' bezeichnet mithin die Anpassungsleistung und -mentalitäl des Bürgertums dem Adel gegenüber.
      Von diesem Wege erhoffte man sieh eine gesellschaftspolitische Konsolidierung. Das in seinem Selbstbewusstsein erschütterte liberale Bürgertum, das wenig von seinen Vorstellungen, Erwartungen und Hoffnungen hatte einlösen können, erkannte in Bismarck den (Jaranten zumindest eines seiner früheren Ziele, die Einheit der Nation nämlich, das dieser 1871 tatsächlich einlösen sollte. So wurde Bismarck der Held eben jener bürgerliehen Schichten, die sich 1848/49 vergeblich an der Durchsetzung dieses Ziels versucht hatten. Die Reichsgründung von 1871 deutete man als Konsequenz der Bis-marekschen Real- und Machtpolitik. Der Anteil des Liberalismus, der ehemaligen treibenden politischen Kraft des Bürgertums, an dieser Reichsgründung war minimal; Bismarck hatte ganz, auf die militärisch-dynastische Ordnung gesetzt, auf den starken Staat, in dem noch immer der Adel das alleinige politische Sagen hatte.
     


In vielen Bereichen kam es mithin nach 1848 in Deutschland zu einer erneuten Koalition von Adel, Grundbesitz, und Bürgertum. Die Aristokratie behielt die politische Macht, während das Bürgertum sich auf den ökonomischen und geistigen Führungsanspruch konzentrierte und sieh mit diesem begnügte. Die ökonomischen Erfolge, die die Bismarcksche Realpolitik erzielte, brachen den Widerstand der seit 1859 bestehenden bürgerlichen Opposition dann endgültig. Liberales und konservatives Lager spalteten sieh nach 1866 in Bismarck-Anhänger, die Nationalliberalen, und die Fortschrittspartei. Angesichts der zunehmenden nationalen Ausrichtung scheint die Gründung der Nationalliberalen Partei im Jahr 1866 konsequent. Letztlich bedeutete die Entstehung dieser Partei eine Verschiebung des Liberalismus zum Vaterländischen hin. Die beiden zentralen Ziele, unter denen die Revolution von 1848 geführt worden war, die nationalstaatliehe Einigung und die Ciriindung eines Verfassungsstaats, wurden zugunsten der Errichtung eines Nationalstaats verschoben. Die liberalen Ideen und Ansprüche galten nur mehr für den wirtschaftlich-ökonomischen Bereich; erst in zweiter Linie bezog man die liberalen Forderungen auf Verfassungsfragen und auf das gesamte politische System.
      Die Zustimmung des Bürgertums zur politischen Vormachtstellung des Adels erfolgte nicht zuletzt aber auch aus der Einsieht heraus, dass das Handeln und die Bedürfnisse des Einzelnen weniger wichtig seien als die Belange der Gemeinschaft.^ Unter ,Realpolitik' verstand man auch die Einsicht in die Vorrangigkeit staatspolitischer Entscheidungen vor den Ansprüchen des Individuums. In diesem Sinne bezeichnete man Bismarck als den 'große|n| Realiste|n|", der, so formulierte Theobald Ziegler rückblickend im Jahr 1900, 'uns zu Realisten gemacht" hat."'
So darf die 1848er-Revolution als die letzte revolutionäre Aktion des liberalen Bürgertums gelten. Diejenigen, die weiterhin an fortschrittlichen Ideen und Forderungen des Vormärz festhielten, gerieten nach und nach in die Position isolierter Oppositioneller oder galten als Revolutionäre und mussten in der Regel ins Exil gehen, so etwa Georg Büchner, Heinrich Heine oder Ludwig Börne.
     

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