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Bürgerlicher realismus

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Ã"sthetische Diskussionen



Es ist nieht ohne Bedeutung, dass Keller in diesem Zusammenhang auch Fragen der Ã"sthetik diskutiert.21* Vor dem Hintergrund des Einflusses der Feuerbachschen materialistischen Philosophie - Keller hatte Feuerbach während seiner Heidelberger Studienjahre persönlich kennen gelernt - diskutiert er in seinem Roman Aspekte eines künstlerischen Realismus in Absetzung zur romantischen Kunsttheorie. Im Sinne des Feuerbachsehen Materialismus werden im Grünen Heinrieh die Welt- und Realitätsflucht sowohl des Helden Lee als auch von Kunst überhaupt einer Kritik unterzogen. Heinrichs Lektüre, die von der Realität in eine imaginäre Welt führt, und, statt seinen Realitätssinn zu stärken, ihn weiter in seinen Tendenzen zur Tagträumerei bekräftigt, erfährt keine positive Darstellung. Ein/ig durch die Lektüre der Werke Goethes gelingt die Hinwendung zur Realität. Auch führt diese ihn, so Heinrichs eigene Bilanz, zu einer intensiven Wirklichkeitserfahrung und zu einer 'Umwandlung" seiner 'Anschauungen vom Poetischen" . In diesen Passagen lasst Keller einen zentralen Punkt der Programmatik des Bürgerlichen Realismus wie seines eigenen Schreibens zusammen:
Alles richtige Bestreben auf Vereinfachung, Zurücklülirung und Vereinigung des scheinbar Getrennten und Verschiedenen auf einen Lebensgrund, und in diesem Bestreben das Notwendige und Kinl'aclie mit Kraft und Fülle und in seinem ganzen Wesen darzustellen, ist Kunst.
      Künstler, so ergänzt er, sehen das 'Wesentliche" . Diese Forderung naeh der Konzentration der Literatur auf das Wesentliche ist ein zentraler Aspekt der Realismustheorie im 19. Jahrhundert, der zum Aufschwung der Novelle zu der neben dem Roman dominanten Gattung nicht unwesentlich beitrug: Aufgabe von Kunst und Literatur ist die Erfassung des Wesentlichen, und das heißt auch die Trennung des Wesentlichen vom Unwesentlichen, Störenden, Unpassenden. Genau dieser Gedanke ist die Basis der Verklärungstheorie des Bürgerliehen Realismus. Das Wesentiiehe vom Unwesentlichen trennen, meint die Läuterung der Wirklichkeit im Prozess der Verklärung. An diese Selektion knüpft man die Möglichkeit, das Reale von allen Mängeln und Defiziten zu befreien und so das Kunstschöne und Wahre aus der Realität destillieren zu können.
      Da Heinrich genau diese Aufgabe nieht gelingt, könnte sein Scheitern als Maler auch als ein rigoroses Bekenntnis zu einem realistischen Kunstkonzept im Sinne des Bürgerlichen Realismus verstanden werden. Bezeichnenderweise misslingt ihm auch der Versuch, 'das Leben selbst zum Gegen Stande des Lebens zu machen" , nachdem er sich zuvor, wie Heinrich selbstkritisch bemerkt, 'vom Zufälligen [habe] treiben lassen, wie ein Blatt auf dem Bache" ; angesichts der Tatsache, dass er in dem Moment, in dem ihm diese Einsicht kommt, 'als Bettler im Unwetter da-hinftriebj", ist dies sicherlich als ein polemischer Kommentar des Autors zu verstehen . Dennoch ist in diesen Passagen die Vision eines Autors zu erkennen, der von einer sozialen Einheit der Identität von Ich, Volk, und Welt träumt:
Glücklich aber, wer in seinem Lande ein Spiegel seines Volkes sein kann, der nichts widerspiegelt, als dies Volk, indessen dieses selbst nur ein kleiner heller Spiegel der weiten lebendigen Welt ist!
In seiner überarbeiteten Fassung hat Keller die bereits in der ersten Romanfassung entworfenen Optionen stärker exponiert: Heinrieh scheitert als Künstler und damit nicht zuletzt auch in seinem gesamten Werdegang durch seine Unfähigkeit, den bürgerlichen Teil des Künstlerdaseins und seines Künstlerberufs zu meistern. Das, was seinem Vater noch gelang, die Verbindung von Künstlerdasein und sozialer Existenz nämlich, kann Heinrich nicht einlösen. Innerhalb des Romans werden für dieses Scheitern nicht ausschließlich die Gesellschaft und die 'Prosa der Verhältnisse"''' verantwortlich gemacht. Auch Heinrich selbst ist für die Defizite seiner Lebenseinstellung verantwortlich. Darüber hinaus darf sein Seheitern jedoch auch als eine Kritik Kellers an einer zunehmend einseitig im Sinne ökonomischer Belange agierenden Gesellschaft gelesen werden, die einen Werdegang, wie ihn Heinrichs Vater mühelos absolvieren konnte, keinen Raum mehr lässt. In einer prosaischen Welt gelingt es einem künstlerisch sich die Realität aneignenden Menschen wie Heinrich nicht mehr, zu einem harmonischen Verhältnis zur Realität und zur Gesellschaft zu gelangen, ohne dabei seine individuellen Wünsche und Bedürfnisse aufzugeben.
      Die erste Fassung des Romans war nach diesen beiden Polen ausgerichtet, ohne dass Keller eine klare Gewichtung vorgenommen hätte. Diese Unent-schiedenheit hat er in der zweiten Fassung revidiert und zugunsten der grundsätzlichen Vereinbarkeit von subjektivem Wollen und gesellschaftlichem Anspruch präzisiert. Damit wurde der Roman nicht nur dem traditionellen Schema des Bildungsromans angepasst und seine Tendenz zum Desillusionsroman zurückgedrängt; Keller vertiefte hierüber auch die Unterschiede zum romantischen Künstlertum im Zeichen des Bürgerlichen Realismus.
     

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