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Bürgerlicher realismus

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Realität versus Phantasie, Romantik versus Realismus



Mit seinem Grünen Heinrich legt Keller einen antiromantischen Künstlerroman vor. Der Roman diskutiert die Künstlerexistenz, doch die Unterschiede zu den Bildungs- und Entwicklungsromanen der Romantik könnten größer nicht sein. Die Künstlerromane Ludwig Tiecks und Novalis' bestätigen ohne Einschränkung die Möglichkeit eines romantischen Künst-lertums, innerhalb dessen Kunst als Leben und Leben als Kunst praktiziert werden, ungeachtet der Tatsache, ob die Gesellschaft eine solche Lebenskonzeption überhaupt trägt; der Bildungsgang ist ein 'Weg f...] nach innen", schreibt Novalis. Steht E.T.A. Hoffmann mit seinen Lehensansichten des Katers Murr an der Schnittstelle zwischen Romantik und Realismus, zwischen Künstler- und Entwicklungsroman, so trägt Keller diesen Konflikt zwar noch aus; doch er entscheidet ihn zugunsten eines Entwicklungsromans, der der einseitigen Ausbildung und Betätigung des Individuums als

Künstler eine Absage erteilt, wie sie eindeutiger nicht hätte ausfallen können. Heinrichs Künstlertum wird am Ende als eine Selbsttäuschung diskreditiert, der Entwicklungsgang des Helden ist primär daraufhin ausgerichtet, diese Selbsttäuschung zu entlarven. Am Ende verzichtet der Held auf seine künstlerischen Ambitionen zugunsten einer Eingliederung in das gesellschaftliche Kollektiv, wobei zweifelsohne diese soziale Tendenz des Romans in der zweiten Fassung deutlicher ausfallt als in der ersten. Bildung und Entwicklung zusammengenommen konstituieren damit einen Desillusio-nierungsprozess, der telelogisch darauf abzielt, zu zeigen, dass die Lebensgeschichte eines Künstlers an der Gesellschaft und an der Realität scheitert; also fehlschlagen muss, weil die Künstlerexistenz zum einen gegen die Realität und zum anderen gegen die Gesellschaft gelebt wird. Sein Bildungsgang führt Heinrich zu der Erkenntnis über die Perspektivlosigkeit seines Künstlertums; die Forschung wollte dieses Scheitern ausschließlich der Realität und der Gesellschaft anlasten. Eine solche Deutung des Handlungsverlaufs geht womöglich aber an der inhaltlichen Kernaussage des Romans vorbei; Kellers Ãoberarbeitung, die jene inhaltlichen Unklarheiten, die ein solches Missverständnis überhaupt erst zuließen, präzisiert, erhärtet diese Deutung. In der überarbeiteten Fassung übernimmt Heinrich am Ende ein soziales Amt und damit eine gesellschaftliche Aufgabe. Mit diesem Dienst an der Gesellschaft bekräftigt Keller zugleich sein grundsätzliches Vertrauen in die Synthese von Ich und Welt. Mit Heinrichs Bereitschaft zur Ãobernahme gesellschaftlicher Pflichten und Verpflichtungen, mit seiner Arbeit im öffentlichen Dienst und seinem Verantwortungsbewusstsein demonstriert der Autor die Möglichkeit eines harmonischen Verhältnisses von Subjekt und Welt. Heinrichs Bildungsweg beinhaltet damit nicht nur eine individuelle, sondern zugleich eine soziale Identitätssuche.
      So erzählt Keller die Lebensgeschichte eines Künstlers; als bürgerlicher Realist gestaltet er diese als den Versuch eines Individuums, sein Recht auf Selbstbestimmung innerhalb einer Gesellschaft umzusetzen. Dieser Bildungsgang gerät indes zu einem Dcsillusionierungsprozcss, Heinrieh scheitert an der Gesellschaft und an der gesellschaftlichen Realität; doch dieses Scheitern ist von Keller nicht ausschließlich negativ konnotiert; vielmehr wird die Entscheidung des Protagonisten, auf Kosten seiner Umwelt, vor allem seiner Mutter, seine Künstlerexistenz zu leben, als Fehlentwicklung beschrieben: Mit der Wahl einer sozial isolierenden, individualistischen Betätigung, mit der Heinrich weniger soziales Verantwortungsbewusstsein beweist als vielmehr seinen subjektiven Neigungen und Vorstellungen folgt, beschreitet er einen fehlgerichteten Bildungsgang. Indem der Protagonist mit seinem Künstlertum keine sinnvolle Verbindung von eigenen Neigungen und sozialer Verantwortung zu leisten vermag, handelt es sich beim Grünen Heinrich um eine negative Bildungsgeschichte.
     

Heinriehs Seheitern beginnt bereits mit der ausgefallenen staatliehen Erziehung und Schulbildung. Dabei sind die Ursachen für sein Versagen zwar nicht ausschließlich bei ihm zu suchen; doch Keller lässt seine Leser keineswegs im Unklaren darüber, dass die Tagträumereien des Helden, seine Weigerung, sich in der Realität einzufinden, zu seinem Scheitern wesentlich beitragen. Hinzu kommt, dass Heinrich wesentliche Sozialisationsdefizite durch den frühen Tod seines Vaters zu verkraften hat: Dessen fehlende Erziehung sowie die aufgebrochene Familienstruktur stören den Sozialisa-tionsgang des Protagonisten ganz entscheidend. Am Ende seines negativen Bildungsgangs proklamiert der Roman jene Erkenntnis, die unterschwellig bereits zu Beginn der Handlung im Raum stand. Die Bildung und Erziehung des Individuums dürfen nicht nur diesem allein nutzen, sondern müssen auch der Gesellschaft zugute kommen. Heinrich Lee erkennt am Ende seiner Entwicklung, dass ein Künstlertum, wie es ihm vorschwebte, der sozialen Integration widerspricht. Unterstrichen wird diese Aussage durch die positive Bildungs- und Entwicklungsgeschichte seines Vaters. Aus dieser Einsicht heraus entscheidet sich Heinrich gegen seinen Künstlerberuf und für die Arbeit im öffentlichen Dienst und für die Gemeinschaft. Dem vorausgegangen ist die Erkenntnis, dass er an der 'Unverantwortlichkeil der Einbildungskraft" nicht nur als Künstler, sondern auch moralisch als Individuum gescheitert ist.
      In Zusammenhang mit der im Roman geführten Diskussion um das Verhältnis von Bürgerlichkeit und Künstlertum muss der Gegensatz zwischen romantischer und realistischer Realitäts- und Kunstauffassung Beachtung linden. Wenn Keller seinen Helden als Individuum zwischen die Pole Orientierung an der Realität und imaginäre Wunschvorstellungen respektive Träumerei stellt und als Künstler zwischen Realismus und Romantik schwanken lässt, so kommt darin seine Rezeption der Lehre Feuerbachs zum Tragen: Gegen eine religiöse, aber auch gegen eine ausschließlich poetische Aneignung von Realität und des Realen setzte Feuerbach eine rcalitäts-bewusste und der Realität zugewandte Haltung, die dem praktischen, wirklichen Lebcnsalltag entscheidende Bedeutung einräumt. Mit einer solchen Einstellung glaubte er, religiöse und idealistische Lebenskonzepte überwinden zu können. Keller folgte ihm in vielerlei Hinsicht auf diesem Weg. Die Rückdrängung der poetischen und künstlerischen Imaginationen, denen sieh Heinrich in seiner Münchener Zeit hingibt, eröffnet in Analogie zum Realismusverständnisses des Bürgerlichen Realismus - den Ausblick auf eine neue Form literarischer und ästhetischer Realitätserfassung und Weltaneignung. Genau dieser Prozess unterstreicht Heinrichs Gang in die Welt und seine Rückkehr in die Heimat und bürgerliche Gemeinschaft: Sein Hang zu Imagination, Phantasie und Träumerei, seine Unwilligkeit, eine klare Trennung zwischen Traum und Wirk-lichkeit vorzunehmen, lässt ihn die Realität verkennen. Letztlich ist sein Entwicklungsgang nicht nur, wie vielfach herausgestellt, als ein Desillusio-nierungsprozess zu beschreiben; das ist er sicher auch, wie in den vorangegangenen Ausführungen bereits deutlich gemacht, insbesondere im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Künstlertum und Gesellschaft, von Kunst und Ã-konomie sowie von Poesie und industrialisierter Gesellschaft. Darüber hinaus wird Heinrichs Scheitern jedoch zudem als ein Sehuldigwerden des Protagonisten an den Belangen der bürgerlichen Gemeinschaft bewertet, als ein 'Schuldigwerden in der Realität des Lebens". Insofern kritisiert der Roman Heinrichs fehlenden Realitälssinn als ein soziales Defizit, dessen er sich aber auch bewusst ist; denn er erkennt, dass er unfähig ist, zwischen Traum und wirklichem Leben zu unterscheiden . Es macht die Qualität von Kellers Roman z.B. gegenüber dem von Freytag aus, dass er seinen Protagonisten diesen Mangel nicht problemlos und zügig überwinden lässt, sondern seinen gesamten Entwicklungsgang zwischen ambivalenten Polen stattfinden und ihn am Ende, zumindest in der ersten Fassung, scheitern lässt." Heinrichs Wille, zu einer realistischen Lebens- und Kunstauffassung zu gelangen, ist gegeben. Sowohl seine künstlerische Ausbildung, insbesondere im Zuge seines Zusammentreffens mit Römer und seines Bemühens um eine wirklichkeitsnahe Malerei, als auch seine Lektüre der Werke Goethes verweisen darauf; ferner sein Verzieht auf die künstlerische Tätigkeit und seine Bemühungen um eine praxis- und realitätsbezogene Le-benseinslellung, um die Diesseitigkeit seiner Lebenshaltung . Dadurch endet Heinrichs Werdegang mit seinem Entsehluss, unter weitgehendem Verzicht auf seine künstlerischen und bohemischen Selbstverwirklichungsträume ein nützliches Mitglied der bürgerliehen Gesellschaft zu werden.
      Der für den Roman zentrale Gegensatz zwischen Realität und Phantasie, Realitätssinn und Imagination, sozialer Realität und Traumwelt wird in Zusammenhang mit Heinrichs Verhältnis zu seiner Mutter diskutiert. Heinrichs Mutter zeichnet sich durch Eigenschaften wie Sparsamkeit, asketische Lebensführung, pragmatische Religiosität und Phantasiefeindlichkeit aus. Ihren Sohn erzieht sie im Geist des Calvinismus; der dadurch sich ausbreitenden Atmosphäre der Nüchternheit und Einseitigkeit des Lebens begegnet der Sohn mit einem Hang zur Phantasiewelt des Theaters und mit seinem frühen Entschluss, Schriftsteller oder Maler zu werden. Der Konflikt wird allerdings in Kellers Roman nicht - hier muss daran erinnert werden, dass dieser am Scheidepunkt von Romantik und Realismus zu verorten ist , zugunsten von Imagination und Phantasiewelt entschieden; vielmehr kommen die Instanzen des Realen insbesondere durch Heinrichs Schulverweis zu ihrem Recht. Heinrich setzt sich über die Realität hinweg, er prahlt vor seinen Schulkameraden und versucht, beständig mehr darzustellen, als er tatsächlich ist. Das 'Laster, immer etwas anderes vor|zustellen und sein zu wollen, als man ist", die 'Qual, sein zu wollen, was man nicht ist"2'', darf als ein konstanter Charakterzug des Protagonisten gelten. Aus seiner Neigung, sich über die Wirklichkeil hinwegsetzen zu wollen und sich in Rollen zu versetzen, resultieren seine Konllikte mit der Gesellschaft. Dieses Scheitern kann durchaus als eine Abmahnung von Seiten des Autors gelesen werden: Heinrichs Unfähigkeit, einen Ausgleich zwischen Realität und Phantasiewelt herzustellen, sowohl im Leben, in seiner Beziehung zu Erauen etwa, als auch in seiner Kunst, tragen zur Desillusion des Helden entscheidend bei.
      In den Kapiteln über seine Ausbildung zum Künstler wird diese Diskussion um den Gegensatz Phantasie und Realität wieder aufgegriffen. Auch in diesem Punkt scheitert Kellers Held nicht zuletzt aufgrund seines fehlenden Realitätssinns und infolge seines Unwillens, sich auf die Realität einzulassen. Der Träumer Heinrich vermag es nicht, sich ein Zeichnen nach der Natur anzueignen; seine schweifende Phantasie hindert ihn daran. Bei dem Versuch, das Reale im Bild zu erfassen, scheitert er, seine Imagination steht der realistischen Aneignung von Realität im Wege. Seine Zeichnungen werden als 'abstrakte Phantasien" bezeichnet, jegliche Gegenständlichkeit habe sich in ihnen verloren; auch ist von seiner abstrakten 'Existenz" als Künstler die Rede. Zwar lernt Heinrich bei Römer die Anfertigung realistischer Naturstudien; dennoch bleibt die Unterscheidung zwischen Imagination und Realität sein grundsätzliches Problem. Gerade der Entschluss Kellers, seinen Helden diesen Gegensatz als ein Problem erfahren zu lassen, das ihn schließlich von der Kunst abbringt, legt ihn als einen Vertreter des Bürgerlichen Realismus fest, der zwar das romantische Kunstverständnis nur schweren Herzens, dennoch aber mit Nachdruck verabschiedet. Heinrich wendet sich von der Malerei ab, um sich in historischen, philosophischen und juristischen Vorlesungen der Realität zu nähern, um von der 'Kunst" zum 'Leben" überzugehen. Der Schritt von der Literatur der Romantik zum Realismus ist vollzogen.
     

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Realität  versus  Phantasie,  Romantik  versus  Realismus    


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