Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Bürgerlicher realismus

Index
» Bürgerlicher realismus
» Die Phase des programmatischen Realismus (1848-1870)
» Künstlertum versus Bürgerlichkeit

Künstlertum versus Bürgerlichkeit



Kellers Grüner Heinrich ist ein repräsentativer Desillusionsroman des Bürgerlichen Realismus; dennoch lallt die Nähe des Romans zu den klassischidealistischen Bildungsidealen auf. Die Bezüge des Grünen /leinrieh zu Goethes Wilhelm Meisler sind wesentlich auffälliger als bei Freytag. Auf seiner Reise lernt Heinrich Lee eine grälliche Familie kennen, die in seinem weiteren Werdegang eine wichtige Rolle spielen wird. Der Graf übernimmt, der Turmgesellschaft im Wilhelm Meisler vergleichbar, die Rolle von Heinrichs Mentor; maßgeblich bestimmt er dessen Schicksal. Auch regt gerade seine Goethe-Lektüre den Helden zur Suche nach einem einheitliehen 'Lebensgrund" an. Allerdings bleibt dieser in einem unentschiedenen Schwanken zwischen überschwänglicher Phantasie und der Anerkennung der Wirklichkeit mit ihren auch ökonomischen Notwendigkeiten und des Vorrangs ebendieser Wirklichkeit befangen. Lees Bemühen, sich zum Landschaftsmaler auszubilden, verschlägt ihn in die Kunststadt München; dort erkennt Heinrich zwar seinen Dilettantismus, aber eine entscheidende Wende zum Besseren bleibt ihm wenigstens in der ersten Fassung auch im Folgenden verwehrt, da bereits sein 'ganzes Wesen unterwühlt" ist, so dass er schließlich seine 'strebsamen Bildungswirren"1" mit dem Tod büßt.
      Im Zuge von Heinrichs Werdegang als Künstler erläutert der Roman an zentraler Stelle die Frage nach dem Verhältnis von Künstlertum und Bürgerlichkeit, von Individuum und Gesellschaft, mithin auch nach dem freien Künstlertum auf der einen, und den sozialen und gesellschaftlichen Anforderungen auf der anderen Seite, diskutiert das Verhältnis von Geld und Kunst, von freier Kunst und freiem Markt. Dem Grünen Heinrich gelingt es nicht, sich mit seiner Malerei seinen Lebensunterhalt zu verdienen, d.h. er scheitert im Hinblick auf die auch von Keller erhobene Forderung, seine Arbeit als Künstler mit den bürgerlichen Anforderungen in Einklang zu bringen, scheitert an der Umsetzung eines sozialen Künstlertums. Keller benennt damit nicht zuletzt auch die Verpachtung des Künstlers, einen sozialen Beitrag zum gesellschaftlichen Leben zu leisten. Denn innerhalb eines bürgerliehen Wertesystems hat der Künstler vornehmlich als Handwerker tätig zu sein, eine Vorstellung, die in vielen Passagen des Romans diskutiert wird und die Zweifel und Kämpfe des Protagonisten begründet. Der Autor Keller ist dieser Verpflichtung als EBürger zeit seines Lebens nachgekommen, als Stadtschreiber von Zürich war er in einem gesellschaftlichen Beruf für die Gemeinschaft tätig. Seinem Helden fordert er eine ähnliche Hinsicht ab, dies allerdings erst in der zweiten Fassung des Romans. In ihr kapituliert der Held als Künstler vor jenen prosaischen Verhältnissen, die das Bürgertum selbst geschaffen hatte. Doch Keller lässt keinen Zweifel daran, dass den Anforderungen einer bürgerlichen Gesellschaft Rechnung zu tragen ist, auch in der Literatur; insbesondere der Forderung nach der Gemeinnützigkeit individuellen Handels, auch des selbstbezogen agierenden Künstlers, verleiht Keller Nachdruck, wenn er seinen Helden in der zweiten Romanfassung in den öffentlichen Dienst eintreten lässt; die autobiograflsche Dimension eines solchen Schritts ist bekannt, Keller selbst ging neben seinem Schriftslellerdasein über mehr als 30 Jahre einer bürokratischen Tätigkeit nach. So steht am Finde der zweiten Fassung die dezidiert bürgerliche Ãoberzeugung von der Ilöherwcrtigkeit des sozialen Dienstes und der Interessen der Gesellschaft gegenüber den Belangen des Einzelnen.
      Das Bild des Vaters wird in Kellers Roman in Anlehnung an eine frühbürgerliche Identität und Idealität entworfen, Es dürfte nicht ohne Bedeutung sein, dass Heinrichs Vater als gebildeler Steinmetz einen auch künstlerischen llandwerksberuf ausüble, mithin einem Beruf zwischen Künsllertum und Handwerk nachgehl. Nach dessen Vorbild erzieht die Mutter, eine 'einfache, bürgerliche Frau von wenig Mitteln""", ihren Sohn im Geist des Calvinismus. Doch Heinrich, der sich bereits während seiner Schulzeit für das Theater interessiert, hegt andere Träume: Fir möchte Künstler werden, Schriftsteller oder Maler; allerdings weiß er um seine gesellschaftlichen Verpflichtungen innerhalb der bürgerlichen Gemeinschaft. Der Roman erzählt Heinrichs Versuch, zwischen diesen beiden Polen einen für ihn akzeptablen Kompromiss zu linden: Unter weitgehendem Verzicht auf seine Selbstverwirklichung und Selbstentfaltung als Künstler, endet er schließlich als ein nützliches Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft. Keller stellt seinen Helden fortwährend zwischen diese Alternativen: So absolviert Lee eine Lehre bei dem Künstler Habersaat in München, dessen bildnerische Ã"sthetik auf einen Realismus setzt, der den Gedanken der Kunst als Reproduktion von Wirklichkeit und Handwerk zulässt. Auf der anderen Seite wird er mit den künstlerischen Visionen Römers konfrontiert, der sich jedoch als Psychopath entpuppt und auch tatsächlich im Irrenhaus endet. Auch zwischen ihnen hat sich Heinrich zu entscheiden, in beiden Fällenvermag er sich nicht restlos und eindeutig festzulegen, in dieser Unentschie-denheit zeigt der Roman seine Stellung zwischen romantischem Künstlerroman und bürgerlich-realistischem Entwicklungsroman. Denn das Scheitern des Künstlers Heinrich liegt zuallererst in der Tatsache begründet, dass es ihm nicht gelingt, den bürgerlichen Anteilen seines Künstlerberufs nachzukommen, mit seiner künstlerischen Tätigkeit also auch seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Fr kommt mit der Prosa des ,alltäglichen Lebens' nicht zurecht. Und gerade diese geschilderte Problematik des Protagonisten indiziert Kellers Verbundenheit mit den Künstlerromanen der I^omantik, aber auch seine Hinsicht in die Ãoberlebtheit dieser Gattung und in die gesellschaftlichen Verpflichtungen eines Künstlers. Die Tatsache, dass Fleinrich überhaupt am alltäglichen Leben scheitern kann, mithin vor den Anforderungen einer prosaischen Alltäglichkeit als Künstler kapituliert, indiziert das Lnde der Romantik. Auch der Umstand, dass sein Autor Keller ihm nicht den erforderlichen Freiraum für eine romantische Künstlerexistenz einrichtet, die die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Künstlertum und Nützlichkeit gar nicht zugelassen hätte, verweist auf den bürgerlichen Entstehungskontext des Romans. Denn letztlich genügt Für das Verständnis des Grünen Heinrich keinesfalls der Hinweis auf eine veränderte gesellschaftliche Realität, die eine freie romantische Künstlerexistenz nicht mehr zuließ; auch Keller hat in Analogie zu seiner eigenen Existenz, die sich bekanntlich ebenfalls zwischen egozentrischer Schriftstellerei und gemeinnütziger Verwaltungstätigkeit bewegte - andere Anforderungen an seinen Helden. Nicht zuletzt in diesem Wissen um die soziale Verpflichtung des Einzelnen wie des Künstlers gleichermaßen, liegt die Nähe von Kellers Roman zu Goethes Wilhelm Meister begründet. Kellers Freund, der Literaturhistoriker Hermann Hettner, vermerkte denn auch in seiner Rezension des Romans, es sei Kellers Anliegen, ,Jenes Ideal der freien und harmonisch durchgebildeten Persönlichkeit" in der Nachfolge Goethes darzustellen.

     

 Tags:
Künstlertum  versus  Bürgerlichkeit    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com