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Bürgerlicher realismus

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Gustav Freytag: Soll und Haben (I855)



Nicht ein überragendes zu stellen und mit seiner Literatur im Dienst der Öffentlichkeit einzugreifen. Motiviert durch dieses Vorhaben übernahm er die Redakteursstelle der Grenzholen, die sich unter der Leitung von Julian Schmidt zur wichtigsten Zeilschrift insbesondere der ersten Phase des Bürgerlichen Realismus entwickeln sollten. Seinen Roman schrieb Freytag im Dienste politischer Ziele; Widmungsträger war der Herzog von Sachsen-Coburg, Gotha. Wirksamkeit und Erfolg des Romans innerhalb des Bürgertums, aber auch über dieses hinaus waren so garantiert. Bereits am Ende des Jahrhunderts überschritt die Auflage die 100.000, 1925 waren eine halbe Million Exemplare gedruckt. 1960 erreichte sie die Millionengrenze. Erst in den 1970er Jahren geriet der Roman seiner antisemitischen Tendenzen wegen in die Kritik.
      Freytags Roman setzt die in den Grenzholen erhobenen programmatischen Forderungen des Bürgerlichen Realismus paradigmatisch um: Überdeutlich führt Soll und Haben eine funktionierende, gelungene Vermittlung von Individuum und bürgerlicher Gesellschaft vor. So hat das Werk noch heute sicherlich nicht zu Unrecht - den Ruf einer Propagandaschrift der bürgerlichen Klasse, verdichten sich in ihm doch sowohl die nach 1848 dominierende bürgerliche Mentalität als auch der Einstellungswandel des bürgerlichen Liberalismus der zweiten Jahrhunderthälfte. Der Roman gibt Auskunft über eine entscheidende Phase in der Entwicklung des deutschen Bürgertums wie des gesamten deutschen Staates überhaupt. Auch lässt er Rückschlüsse zu auf die mentale und gesellschaftliche Verfassung der bürgerlichen Klasse nach der gescheiterten Revolution von 1848. Soll und Haben führt eine Typologie des zeitgenössischen Bürgertums der 1850er Jahre vor, in dem Werte, Tugenden und Lebensprinzipien wie Volk, Arbeit, ökonomischer Verdienst, Tugend, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, Strebsamkeit, Pflichttreue, Moral, Sittsamkeit und Rechtschaffenheit gelebt werden und Nationalbewusstscin zur bürgerlichen Grundausstattung gehört. Zwar ist Freytags Roman auch ein Bildungs- und Entwicklungsroman; dieses seit


Goethes Wilhelm Meister tradierte Genre wird allerdings mit der Intention der Selbstdarstellung des Bürgertums und der bürgerlichen Werte- und Lebenswelt verbunden. Insofern ist die Beschreibung von Anton Wohlfarts Werdegang stets an die Darstellung des bürgerlichen Milieus geknüpft. Der Bildungsweg des bürgerlichen Helden zielt - in Absetzung von der Tradition des Bildungs- und Entwicklungsromans vornehmlich nicht auf eine humanistisch-universale Entfaltung aller Geisteskräfte. Vielmehr wird Bildung zunächst einmal mit der kaufmännischen Ausbildung in einem patriarchalisch strukturierten Handelshaus gleichgesetzt zu Recht hat man darauf hingewiesen, dass Freytag mit der Beschreibung der Firma Schröter das Bild eines vorkapitalistischen, biedermeierlichen Betriebes zeichnet, das in dieser Form in den vierziger und fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts bereits nicht mehr existierte und längst einem wesentlich härteren, vom Bürgertum forcierten kapitalistischen Aufbau Platz gemacht halte.
     

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