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Gottfried Keller: Der grüne Heinrich (I854/55)



Kellers Roman Der grüne Heinrich darf als das bedeutendste Dokument der erlebten Krise der bürgerliehen CJeselisehaft im 19. Jahrhundert gelten. Zwar vertritt der Roman kein derart eindeutiges und eindimensionales Konzept von Bürgerlichkeit wie Freytags Soll und Haben, der in vielem einer ideologisch motivierten Propagandaschrill des Bürgertums gleicht; im Hinblick auf die Bestimmung einer bürgerlichen Identität bleibt Keller uneindeutiger und unklarer: Auch wenn er mit der zweiten Fassung seines Romans diese Uneindeutigkeiten, das bürgerliche Wertesystem betreffend, reduziert, so ist der Prozess der Reifung des I leiden zu einem Mitglied der sozialen Gemeinschaft nach wie vor ein schwieriger. Keller lässt seinen I leiden den Kampf um die Möglichkeiten von Künstlertum und Kunst in einer primär auf die Werte des sozialen Kollektivs setzenden Gesellschaft erleben, lässt ihn zwischen den Polen Kunst und Lebensalltag, Phantasie und Realität sehwanken. Doch letztlich entscheidet sich auch Keller in der zweiten Fassung seines Romans zweifelsohne weitaus deutlicher als in der ersten für eine dem Diesseits und der alltäglichen Realität zugewandte Existenz. Das Scheitern Heinrich Lees am Ende der ersten Fassung, das sich als Abmahnung des Protagonisten von Seiten des Autors lesen lässt, wird umgebogen in die grundsätzliche Bereitschaft und Fähigkeit des Helden zur Integration, was insbesondere durch die Ãobernahme eines öffentlichen Amtes zum Ausdruck kommt.
      Sicherlich ist es, verglichen mit Gustav Freytags Soll und Haben, weitaus schwieriger, im Grünen Heinrich ein vor dem Hintergrund einer bürgerlichen Ideologie artikuliertes Programm zu benennen. Doch auch Keller nimmt mit seinem Roman an jenem moralisch und partiell auch ideologisch 'eingefärbte[n| Realismusprojekt [teil], das Charaktere, Aktionen und Milieus in dichotomischer Weise festlegt"." Zwar verzichtet er im Unterschied zu Freylag auf die einseitige Behauptung der Ãoberlegenheit einer bürgerlichen Wertewelt und auf eine zweigliedrige Figurenkonstellation; dennoch ist auch die Struktur des Grünen Heinrieh als eine dichotomische zu beschreiben, die sich zwischen den Polen Realismus und Romantik, Künstlertum und Bürgerlichkeit, zwischen bürgerlicher Hhegemeinschaft und erotisch-sinnlicher Liebe, individuellen Bedürfnissen und sozialen Belangen festmachen lässt und in der Regel zugunsten eines ästhetischen Realismus, einer ehelich-bürgerlichen Zweckgemeinschaft sowie der Integration des Individuums in die soziale Gemeinschaft entschieden wird. Der Roman weist dementsprechend bei allen Unterschieden zu Freytag - aufgrund dieser inhaltlichen Schwerpunktsetzung ebenfalls eine.
     
Instrumentalisierung und Funktionalisierung der einzelnen Figuren auf. In der Regel gruppieren sich zwei Kontrastfiguren um Heinrich, insbesondere was seine Ausbildung zum Künstler betrifft.
     

Die zwei Fassungen
Der Roman entstand in den Jahren 1850 bis 1855; 25 Jahre danach hat Keller jedoch eine Ãoberarbeitung des Werks vorgenommen. Noch bevor die erste Fassung 1855 im Druck erschien und ausgeliefert war, kommentierte Keller, dass sie überarbeitet und neu gestaltet werden müsse. Zwar nahm er die Ãoberarbeitung erst ein Vierteljahrhundert in den Jahren 1879 und 1880 vor; dennoch indiziert Kellers Unbehagen der ersten Fassung gegenüber, das sich nach deren Fertigstellung sofort einstellte, seine Affinitäten zur zweiten, überarbeiteten Version. Die Unterscheide zwischen den beiden Fassungen sind nicht unbedingt quantitativ von Bedeutung; da Keller die Ãoberarbeitung jedoch im Sinne der Programmatik des Bürgerlichen Realismus vorgenommen hat, fallen sie hier umso mehr ins Gewicht; die Ã"nderungen sind qualitativ weitreichend. Auch ist es nicht ganz unwichtig zu erwähnen, dass die Originalfassung im nachrevolulionären Berlin der frühen fünfziger Jahre entstand, während Keller an der zweiten Fassung jedoch als etablierter Stadlschrciber, als Inhaber eines bürgerlichen Amtes arbeitete.
      Die Entscheidung zur Ãoberarbeitung des Romans spiegelt in vielem den Verlauf des Bürgerlichen Realismus wider, geht es Keller doch bei der Umarbeitung darum, die Krstfassung zu 'retuschieren"", 'unnützen Ballast" und 'unreifes Beiwerk" zu tilgen. Der wichtigste inhaltliche Aspekt, den Keller in der zweiten Fassung abänderte, ist das Romanende. Denn im Gegensatz zur ersten Fassung liegt Heinrichs Mutter bei seiner Rückkehr zwar bereits im Sterben, er kann sich jedoch noch von ihr verabschieden. Auch überwindet er nach dem Tod der Mutter seine Todessehnsucht, was in der Ãobernahme eines öffentlichen Amtes in der Nähe seiner Heimatgemeinde zum Ausdruck kommt. Heinrich entscheidet sich Pur das Leben überhaupt und darüber hinaus für ein nach bürgerlichen Werten ausgerichtetes Leben; dieser Schritt ist zugleich ein Bekenntnis zu einer aktiven, verant-wortungsbewusslen und auch Verantwortung übernehmenden Integration in die soziale Gemeinschaft.
      Weiterhin kehrt Judith aus Amerika zurück, ihr ehemals erotisch aufgeladenes Verhältnis wandelt sich zu einer freundschaftlichen Beziehung. Unter 'Retuschieren" verstand Keller mithin neben einer straffenden Ãober arbeitung die Domestizierung jener unbürgerlichen Elemente, die der Erstfassung seines Werks den Rang eines zwischen der Vorstellungswelt der Romantik und den Maximen des Bürgerlichen Realismus oszillierenden Romans gaben; all jener Elemente also, denen eine uneindeutige Haltung der bürgerlichen Wcrtewelt gegenüber implizit war. Die Einstellung seines Protagonisten Lee ist insgesamt weniger resignativ, die Möglichkeiten der Verbindung von Künstlertum und Bürgerlichkeit als sozialer Lebensform werden nicht mehr grundsätzlich in Krage gestellt; dabei hebt Keller allerdings in der zweiten Fassung die Notwendigkeit eines sozialen Engagements auch des künstlerisch die Realität sich aneignenden Individuums hervor.
      Ein weiterer wesentlicher formaler Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Fassung, der Kellers Intentionen bei der Umarbeitung erkennen lässt, betrifft die Kr/ähltcchnik. Die erste Fassung von 1854/55 verwendet zwei Erzählperspektivcn: Der Werdegang des erwachsenen Heinrich Lee wird aus der Perspektive eines auktorialen, erwachsenen Erzählers berichtet; seine Kindheits- und 'Jugendgeschichle""' teilt Heinrich aus der Ich-Perspektive mit. Dieser Bericht ist weitaus umfassender als die Entwicklung des jungen Künstlers Heinrich Lee; Keller hat diese 'Unförmlichkeit" in der zweiten Fassung korrigiert. Der Roman kennt in der überarbeiteten Version nur noch die Ich-Erzählweise, aus der Perspektive des allen Heinrich und damit von der Position des in die Gesellschaft integrierten Individuums aus beschreibt dieser seinen Werdegang. Diese Position gibt dem Erzähler die Möglichkeit zur Distanzierung von den Irrungen und Umwegen seiner eigenen Entwicklung. So wird die teleologische Anlage des Romans nicht nur durch die inhaltlichen Ã"nderungen intensiviert, auch die formalen Eingriffe unterstützen den zielgerichteten Entwicklungsgang des Helden.
      Zudem verstärkt die konsequent durchgehaltene Ich-Erzählpcrspektive das humoristisch vermittelte Spannungsverhältnis zwischen erzählendem und erlebendem Ich, und das meint auch zwischen dem noch suchenden und dem bereits in die Gesellschaft integrierten und mit dieser ausgesöhnten Individuum. In der zweiten Fassung erzählt Keller aus der Sicht eines alternden Mannes, eines, um aufliegeis Formulierungen zurückzugreifen, reifen und gereiften Mannes, der sich die Hörner abgestoßen hat und im Hafen der bürgerlichen Gemeinschaft angekommen ist.

     
  

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Gottfried  Keller:  Der  grüne  Heinrich  (I854/55)    


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