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Friedrich Spielhagen: Sturmflut (I877)



Friedrich Spielhagen war einer der populärsten Autoren der Gründerzeit und sein Roman Sturmflut eines der erfolgreichsten Werke der Gründerzeit. Rr wurde in bildungsbürgerlichen Kreisen als Entwicklungsgeschichte der eigenen Klasse und damit auch als eine ,Bibel des Bürgertums' sowie der gesamten Nation gelesen. Im Vergleich zu Gustav Freytags Soll und Ilaben jedoch ist Spielhagens Roman mit seiner radikalliberalen Position inhaltlich modemer und fortschrittlicher als das 22 Jahre zuvor erschienene Buch von Freytag. Bereits in seinen Werken Die von llohenslein , In Reih und G7/W und Hammer und Amhoss hatte Spielhagen das Bürgertum explizit an die ehemaligen liberalen Werte und Ideale von 1848, an dessen revolutionäre Vergangenheit und demokratische Mission erinnert. In Hammer und Amhoss ist es ihm zudem um einen Ausgleich der Stände zutun, wobei Spielhagcn im Unterschied zur Mehrheit der bürgerlichen Realisten das Proletariat in das von ihm skizzierte soziale System einbezieht. Die im Roman beschriebene Fabrikwelt darf, verglichen mit der patriarchalisch-biedcrmeierlichen Kaufmannsweit in Freytags Soll und Haben, in der der vierte Stand, wenn überhaupt, ausschließlich negativ und mit pejorativen Worten beschrieben wird, als äußerst modern im Sinne von zeitgemäß gelten.
      Aus einer bürgerlich-liberalen Perspektive heraus gestaltet Spielhagen in seinen Zeitromanen die gesellschaftliche Entwicklung der nachrevolutionären Jahrzehnte sowie der Gründerzeit. Bereits sein 1861 erschienener Roman Problematisehe Naturen entwirft ein Bild der Gesellschaft der Vormärzzeit, der Roman endet zeitlich im Revolutionsjahr 1848. Als Hauslehrer ist der Protagonist Oswald Stein mit einer restaurativen Adelswelt und einem ständischen Denken konfrontiert. Nach der gescheiterten Beziehung zu einer verheirateten Adeligen flieht er die Adelsgesellschaft und nimmt, nach einem Aufenthalt im revolutionären Paris, an den Berliner Aufständen teil, in denen er den Tod findet.
      In seinem 1869 veröffentlichten Roman Hammer und Amhoss führt Spielhagen anhand des Werdegangs eines Protagonisten die Entwicklung der nachrevolutionären, bürgerliehen Gesellschaft vor. Im Zentrum dieses zeitkritischen Romans, der das überholte feudale Denken des Adels, aber auch die Engstirnigkeit und 'philisterhaften Verhältnisse""" der bürgerlichen Klasse nach ihrem politischen Scheitern geißelt, steht die Erziehung des Helden Georg Hartwig zum Bürger. Nachdem dieser unter den kriminellen Einlluss eines Adeligen geraten war, sorgt der Gefängnisdirektor für seine Läuterung: Hartwigs Werdegang endet im Aufbau einer bürgerlichen Existenz, nach einer Schlosserlchrc bildet er sich zum Ingenieur weiter und wird Leiter einer Berliner Maschinenfabrik. Mit dieser Handlungsführung erhält Spielhagen nicht nur die Möglichkeit, dem Leser die bürgerliche Arbeitswell vorzustellen; er kann zudem eine Diskussion um die innerhalb der gründerzeitlichen Industriegesellschaft virulente soziale Frage führen. Als bürgerlicher Realist erkennt Spielhagen die Lösung der sozialen Probleme in einer vage bleibenden Idee vom Ausgleich der Stände, in der das Bürgertum die sozioökonomische Vorherrschaft übernimmt. Seine Darstellung ist sicherlich auf der Basis eines bürgerlichen Wertehorizonts verfasst, die politischen Analysen und angebotenen Lösungen bleiben in den Grenzen des bürgerlichen Denkens belangen.'" Der projizierte Ausgleich zwischen den Ständen und das in Aussicht gestellte Nebeneinander von Hammer und Amboss sind bürgerlichen Vorstellungen verpflichtet, letztlich erschöpft sich Spielhabens Entwurf in der Vision einer verbürgerlichten GeSeilschaft; die reale Massenverelendung der Fabrikarbeiterschaft gerät dabei überhaupt nicht in seinen Blick. Dennoch ist er einer der wenigen, wenn nicht gar der einzige Autor im Umfeld des Bürgerlichen Realismus, der sich überhaupt mit der Lösung der sozialen Frage beschäftigt." So liest sich der Roman zwar als eine Apotheose bürgerlicher Arbeit, als das 'hohe Lied"1" der bürgerlichen Arbeit, doch daneben greift Spielhagen in Hammer und Amhoss Themen wie Fabrikarbeit, Industrialisierung, den damit verbundenen Niedergang des Handwerks sowie die soziale Verelendung weiter Bevölkerungsteile auf"
Mit dem 1877 erschienenen Roman Sturmflut legte Spielhagen sodann einen Zeitroman vor, der sich auf die unmittelbare Gegenwart, auf die Cirün-derjahrc und den wirtschaftlichen Aufschwung nach der Rcichsgründung des Jahres 1871, bezog." Sowohl die Revolution von 1848 als Ausgangspunkt der Entwicklung des Bürgertums in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als auch die konkrete ökonomische Situation der Gründerzeit, die von Frankreich geleisteten Reparationszahlungen in Milliardenhöhe, die Gründung von Kapitalgesellschaften, aber auch die Sturmflut an der Ostseeküste im November 1872 sind die realen historischen Geschehnisse, auf die Spiel-hagens Roman direkt Bezug nimmt.
      Der Romanprotagonist ist ein negativer Held, an dem Spielhagen die durch die gescheiterte bürgerliche Revolution geschaffenen Verhältnisse zwischen Feudalwelt und liberalem Bürgertum problematisicrt. Zwar bildet in seinem Roman die bürgerliche Tüchtigkeit einen auffälligen Kontrast zu den unlauteren Geschäftspraktiken und den Geldspekulationen des Landadels. Dennoch propagiert Spielhagens Roman eine Annäherung von Adel und Bürgertum, die in einer Versöhnung beider Klassen enden soll.1"' In der Figur des Protagonisten Reinhold Schmidt findet dieser von Spielhagen vorgeschlagene Klassenkompromiss seinen Ausdruck.
      Der feudal eingestellte Adel, innerhalb des Romans durch die Figur des Grafen Golm repräsentiert, wird als borniert, arrogant und aufgrund seines Festhaltens an einer überholten Ideologie als beschränkt geschildert. Da-neben wird aber zudem das Bürgertum einer kritischen Ãoberprüfung unterzogen. Hierbei erfahrt insbesondere der diese Klasse kennzeichnende Wandel, im Zuge dessen der Bürger vom Bourgeois verdrängt und weite Teile des Bürgertums nicht zuletzt wegen der Bedrohung durch das stetig anwachsende Industrieproletariat, das im Roman durch Fabrik- und Eisenbahnarbeiter vertreten ist - durch sozialdarwinistische Ideen beeinflusst wurden, eine negative Beurteilung. Allerdings war die Kritik offenbar nicht stark genug, das Bürgertum jedenfalls sah sich durch Spielhagens Roman nicht kritisiert, vielmehr fühlte man sich im Hinblick auf das eigene Handeln und Verhalten bestärkt. Dies hing nicht zuletzt damit zusammen, dass der sechs Jahre nach der Reichsgründung erschienene Roman angesichts der zunehmenden sozialen Spannungen in der gesellschaftlichen Realität der Gründerjahre für die Besinnung auf die liberalen und bürgerlichen Werte, für Rechtschaffenheit und Leistungsethos plädierte und Spielhagen sich so als ein auf der Grundlage des Bürgerlichen Realismus schreibender Autor zu erkennen gab. Wie andere Vertreter des späten Realismus schreibt Spielhagen seinen letzten, im Jahr 1887 erschienenen Roman Was soll das werden? dann allerdings mit resignierender Geste: Mit Wilhelm Raabe teilt er die Position eines resignierten Pessimisten, der angesichts des auf einen nationalistischen Wirtschaftsliberalismus hin orientierten Bürgertums nur mehr die Frage zu formulieren weiß: 'Was soll das werden?"" Auch dieser ebenfalls sehr erfolgreiche Roman liefert eine Beschreibung der Gründerjahre und des wirtschaftlichen Aufstiegs des Bürgertums.
     

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Friedrich  Spielhagen:  Sturmflut  (I877)    




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